Philip Roth: Jedermann – Everyman

14. August 2012

Roths „Jedermann“ ist ein schmales Büchlein, kein umfangreicher Roman, der – man sollte sich darüber im Klaren sein, bevor man es aufschlägt – kein Lachen kennt. Es ist eine traurige Geschichte, eine deprimierende, entillusionierende Demaskierung des menschlichen Daseins als ein im Grunde von vornherein dem Verfall gewidmetes. So beginnt der Text folgerichtig mit einer Beerdigung, nämlich der des namenlos bleibenden Protagonisten, der „jedermann“ sein könnte (und später erfahren wir, daß sein Vater, ein jüdischer Schmuck- und Uhrenhändler, sein Geschäft so nannte, um eben genau dies zu erreichen: die möglichst einfache Identifikation, jeder Mann und jede Frau sollte sich angesprochen fühlen) auf einem verfallenen jüdischen Friedhof, begleitet von wenigen ihm verbliebenen Menschen, deren Gefühle das gesamte Spektrum von Abneigung (wenn nicht sogar Hass) über die normale Traurigkeit, die man empfindet, wenn ein Bekannter zu Grabe getragen wird bis hin zu echten Trauer, die aber nur von zwei Personen empfunden wird, überstreicht. Der Kosmos des Verblichenen ist klein geworden in seinen letzten Jahren…. Der Friedhof, ein Bild für den Dahingeschiedenen, ein Bild für uns Menschen im Alter allgemein: dem Verfall preisgegeben, dem Zerfall ausgeliefert, den Angriffen von aussen immer schutzloser begegnend werden wir unansehnlich, bröckeln wir wir zu Staub und kehren in den Erde zurück.

Vor einigen Wochen las ich (ich glaube, es war irgendwo auf facebook) die Meinung, das Sterben würde eigentlich schon mit der Geburt eines Wesens anfangen. Ich teile diese Meinung nicht, schon allein der Vergleich eines/r Neugeborenen mit einem/r Achtzehnjährigen zeigt die Unsinnigkeit dieser Behauptung, aber irgendwann im Leben haben wir unseren Zenit körperlicher, sexueller, intellektueller Leistungsfähigkeit überschritten (oder, was angenehmer klingen mag, verlassen wir das Plateau eines gewissen individuellen Niveaus, das wir eine zeitlang, vllt Jahre, halten konnten) und der Abstieg beginnt. Wir verlassen die Welt gewindelt, so wie wir sie  in Windeln betreten haben…

Diesen körperlichen Verfall spürt der Protagonist des Roth´schen Romans deutlich und er wird nicht fertig mit ihm. Zwar war natürlich sein Leben nicht von vornherein mit Krankheit und Tod gepflastert, auch wenn er als 9jähriger eine Bruchoperation hatte und die Ärzte am Bett des zweiten Jungen im Zimmer sah, dem diese aber nicht helfen konnten. Die folgenden Jahre jedoch lebte er sein Leben erfolgreich, auch wenn er seinem Herzenswunsch, Maler zu werden, nicht nachkam, sondern in die Werbebranche ging. Er heiratete, bekam zwei Söhne, lernte Phoebe kennen und trennte sich von Camilla. Phoebe war, und das erkannte er viel zu spät, der Diamant in seinem Leben, das Beste, was ihm passierte, Phoebe, mit der er Nancy in die Welt setzte, seine wunderbare Tochter. Phoebe schmiss ihn raus. Nicht in allererster Linie, weil er sie betrog (natürlich hatte sie das gemerkt, Merete war ja kein Einzelfall, aber sie hatte geschwiegen), sondern weil er sie belog, alles abstritt und verneinte. Das war es, was ihre Würde verletzte, sie demütigte. Alles kann man verzeihen, aber wie soll man jemandem wieder vertrauen, der einen anlügt, sozusagen blind und hilflos durch die Welt schickt und zuschaut, womöglich noch in der irrigen, wahnwitzigen Überzeugung, diese Lüge wäre nötig und gut für den Angelogenen. Hat sich immer noch nicht herumgesprochen, daß solche Lügen einzig und allein den Lügner selbst schützen sollen, vor den Konsequenzen seiner Handlung nämlich?

Um dieses Verhalten vor sich selbst zu rechtfertigen, daß es den Preis der Trennung wert ist, heiratet er Merete nach der Scheidung von Phoebe. Aber ausser  ihren Körperöffnungen hat  die Dänin nichts zu bieten, zu anderem als Sex ist sie nicht fähig, sie versagt im Alltag hoffnungslos, auch und gerade als sie ihrem Mann wegen seines kranken Herzens beistehen müsste. Und wieder eine Scheidung… 65 Jahre ist er alt und dreimal geschieden. Seine zwei Söhne sehen nur seine Schwächen und haben ihm nie verziehen, daß er die Familie verließ, einzig Nancy mit ihrem großen Herzen und sein großer Bruder Howie sind ihm geblieben… es wird einsam um ihn herum.

Krankheit und Tod kommen immer näher, der Frieden und die Ruhe, die er in einer Seniorenwohnanlage sucht, findet er dort nicht. Im Gegenteil, die jeweiligen Gebrechen machen einen Großteil der Kommunikation aus. Er selbst muss auch immer wieder ins Krankenhaus, sein Körper wird immer maroder, unzuverlässiger… je siecher er sich fühlt, umso neidischer wird er auf Howie, der gesund ist trotz seiner höheren Alters, der sein Leben meistert und glücklich scheint. Er wird so neidisch, daß der Neid in Hass übergeht und er den Kontakt zu dem Bruder, den er zeit seines Lebens bewunderte, abbricht. Auch ehemalige Arbeitskollegen sterben oder werden krank… eine Schülerin des Malkurses, den er in der Seniorenanlage gibt, hält die Schmerzen, die ihre Krankheit ihr verursacht, nicht mehr aus und nimmt Tabletten….

Das Alter grenzt aus, im Alter wird man anders, man gehört nicht mehr dazu. Träume und Pläne erweisen sich als Trugbilder, der „fröhliche Stümper“, so nennen seine Söhne ihn, seit er wieder malt, verliert die Lust am Malen, es reizt ihn nicht mehr, er hat kein Thema mehr….. ein hoffnungsloser Versuch, noch einmal eine junge Frau für ihn zu interessieren, misslingt…. Leere breitet sich in ihm aus, das Leben, das in früheren Jahren Aufgaben stellte und Herausforderungen bereit hielt, ist selbstbezüglich geworden, aber das Selbst ist ihm abhanden gekommen… was geblieben sind, sind Erinnerungen. Nicht frei von Selbstmitleid erkennt er sein eigentliches Leiden: sein Wesen verzerrt sich, ändert sich in der Grausamkeit des Alters. Und doch beherrscht ihn andererseits die Angst vor dem Tod, vor dem Nichts, einen Suizid wie Millicent kann er sich nicht vorstellen.

Vor der erneuten Operation, vor der er steht, besucht er noch einmal das Grab seiner Eltern auf dem zerfallenden Friedhof, den sein Opa mitgegründet hatte. Lange redet er mit dem Totengräber, läßt sich seine Arbeit erklären und hört interessiert zu. Er weiß es nicht, niemand weiß es, aber bald wird der Mann auch für ihn graben.. und der Kreis des Buches schließt sich damit und es gut, jetzt die ersten wenigen Absätze noch einmal zu lesen, in einem anderen Licht, in der Kenntnis des Mannes, der dort in die Erde hinab gelassen wurde…

Diese für mein Empfinden äußerst düstere Geschichte erzählt Roth auf seine intellektuelle und distanzierte Art. Beim Lesen entwickelt sich kaum emotionale Nähe zu einer der Figuren. Am ehesten ist dies noch zu Phoebe möglich, deren verbaler und emotionaler Ausbruch gegen die Hauptperson, der der Trennung vorausging, eine Ausnahme darstellt im Text. Vielleicht berührt der Roman gerade wegen dieser Distanz nicht wirklich, es gibt auch einige recht pathetische Szenen, die mir etwas übertrieben scheinen wie die Tränenflut am Grab der schon vor vielen Jahren verstorbenen Eltern…

Roth führt uns das Alter in seiner unattraktivsten Lesart vor: als immerwährenden und unaufhaltsamen Verfall, der nicht nur den Körper vernichtet, sondern auch den Menschen, indem er ihm den Antrieb raubt, die Freude am Leben nimmt und nur innere Leere zurückläßt. Das gibt es, ja, sicher, es hängt immer auch vom Grundcharakter der jeweiligen Person ab, aber es muss nicht so sein. Das größte Problem scheint mir, daß das Lebensziel abhanden gekommen ist, wofür soll ich noch…? und damit die Frage nach dem Sinn des Lebens im Raum steht. Eine große Herausforderung, die Roths Protagonist nicht meistert.

Philip Roth
Jedermann – Everyman
übersetzt von Werner Schmitz
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 158 S., 2008
Erstveröffentlichung: 2006, NY

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4 Responses to “Philip Roth: Jedermann – Everyman”


  1. Lieber flattersatz,
    meine Lektüre dieses Romans ist schon einige Jahre her, deshalb sind meine Erinnerungen leider nicht mehr ganz so frisch. Darüber hinaus sind sie sicherlich auch nicht ganz objektiv, da ich ein großer Fan von Philip Roth bin und alles von ihm mit großer Begeisterung gelesen habe. Besonders seine zuletzt veröffentlichten Romane (ich denke dabei vor allem an Nemesis) konnten mich überzeugen).

    „Jedermann“ hat mich auch begeistern können, auch wenn ich mit Mitte 20 noch sehr viel jünger bin, als der Protagonist und aufgrund dessen die Grundstimmung des Romans (das Leben entpuppt sich in der Rückschau als eine Enttäuschung) vielleicht nicht so ganz nachvollziehen konnte.

    Kennst du noch weiteres von Philip Roth? :-)

    Liebe Grüße
    Mara

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    • flattersatz Says:

      liebe mara, roth ist auch ein ganz aussergewöhnlicher schriftsteller, ein ehrenplatz in der kategorie: nobelpreis: verdient, aber nicht bekommen ist ihm sicherlich sicher… ;-) um zu deiner frage zu kommen: ich habe noch einiges ungelesen im schrank, besprochen im blog findest du sein leben als sohn, das ich letztes jahr hier vorstellte…

      dir auch liebe grüße
      flattersatz

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  2. Lieber Flattersatz,

    den Menschlichen Makel würde ich sogar als Schullektüre empfehlen, und alle seine Bücher der letzten Jahre: Nemesis, Empörung , Exit Ghost sind absolut lesenswert , insofern kann ich für mich nur das bestätigen, was buzzalsdrinblog schreibt,und mir geht es wie Ihnen: jedes Jahr zur Buchmesse erwarte ich sehnsuchtsvoll die Verkündigung des Literaturnobelpreises an Roth…ich würde es schon dem Hanser Verlag gönnen, dem Verlag mit dem anspruchsvollsten literarischen Programm in Deutschland.
    Die Emotionslosigkeit beim Lesen von Jedermann kann ich nicht nachempfinden, ich war zutiefst berührt von dieser geschilderten Ohnmachtslosigkeit seines Verfalls und seiner Gebrechen.
    Ja es ist ein unattraktives Altern……so ist es für den größten Teil von Jedermann…. es weitet den Blick für das eigene Empfinden und wie gut es mir bisher geht.
    Aber was Roth anbelangt…da bin ich vielleicht auch nicht objektiv genug…..ich verehre ihn einfach.

    nächtliche Grüße… mir hat A.M. Homes Das Ende von Alice den Schlaf geraubt
    Karin

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    • Liebe Karin,
      ich sitze hier und freue mich darüber, dass jemand meine Begeisterung für Philip Roth teilt. :-) Auch ich würde ihm und seinem deutschen Verlag den Nobelpreis von Herzen gönnen und wünsche mir jedes Jahr wieder, dass es dieses Jahr vielleicht doch endlich passiert. Nemesis und Empörung haben mir ausgesprochen gut gefallen, aber auch ich kann bei Philip Roth nicht immer objektiv urteilen …
      Liebe Grüße
      Mara

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