Peter J. Kraus: Cattolini erbt

2. August 2012

Downtown L.A. ist wirklich nicht der Vorhof zum Paradies, gestern nicht und heute auch nicht, wo Vic Cattolini in seinem Aussenbüro sitzt, der Hitze trotzt und dem Durst mit gepimpter Cola zu Leibe rückt. Sein Aussenbüro, die Kneipe von Wanaya, wird normalerweise nicht von solchen Typen besucht, wie er an diesem Tag reinschneit und von Johnny mit einem Nicken an Vic verwiesen wird: geschniegelt und gebügelt, glatt rasiertes Gesicht, die rosige Haut eines Typen, der seine Arsch mit Dollarscheinen abwischen kann. So sehen Anwälte aus. Nur daß Cattolini von denen normalerweise keine Schecks über 17 Mille (in US-Dollar) ´rübergeschoben bekommt…. als Erbanteil von Porky, diesem versoffenen Penner mit dem Dachschaden, der vor jedem Geldautomaten salutierte, weil er das Wirken höherer Mächte in ihm vermutete. Aber in der Welt des Geldes, aus der Porky offensichtlich stammte, hieß er wohl anders, irgendein Earl der Dritte, aber was nutzte es ihm, er war mit Bleivergiftung unfreiwillig abgetreten und hatte Downtown verlassen. Auf ewig. Nur sein Geld war noch da.

Cattolini ist Schnüffler, Privatdetektiv in L.A., der sich nicht durch übermäßigen Geschäftserfolg auszeichnet, was nicht an seinen Fähigkeit liegt, eher an seiner dem Schicksal geschuldeten Trägheit und den Flachmännern, mit denen er so im Lauf des Tages den Zustand tauscht: voll und leer…. ein wenig entspricht er dem Stereotyp dieser Kategorie von Schnüfflern: der ehemalige GI, der nach der Rückkehr aus dem Iraq `91 zu den Bullen ging, sich dort Feinde machte und irgendwann gelinkt und wegen Korruption rausgeschmissen wurde. Einen Tag später war er auch die Alte los, die ihrerseits für die Sitte als Lockvogel am Bordstein stand und die armen Freier abgriff, die für eine schnelle Nummer ein paar Dollar hinlegen wollten….

Na ja, jedenfalls war Vic mit diesem Scheck in der Lage, ein paar seiner Schulden zu bezahlen, sich einen Wagen zu besorgen und auf den ehemaligen Cop in sich zu hören: Who the fuck is Alice? … und was steckt dahinter, daß dieser Penner, den ich ausser von ein paar gemeinsam durchzechten Nächten kaum kenne, den ich nur einmal nach einer üblen Schlägerei ins Krankenhaus gefahren habe, mir Geld ´rüberwachsen läßt… aber auch ansonsten schien mit dem Anwalt eine kleine Glücksträhen bei ihm einen Stop gemacht zu haben, es kamen Aufträge rein, die nicht allzu schwierig schienen und einen weiteren Dollarsegen mit sich brachten. Sterntaler sozusagen.

So fängt Vic also an, seine Aufträge abzuarbeiten, er versucht, ein paar alte Kontakte bei den Bullen wieder zu beleben, auch mit seiner Ex läßt es sich mehr oder weniger gut wieder reden, zumal es sich herausstellt, daß sie einen gemeinsamen Freund haben, den sie nur zu gerne aus dem Verkehr ziehen wollen, nämlich Sanchez, der den bösen Cop nicht nur spielt, sondern der auch einer ist. Dumm nur, daß die wenigen Nadelstiche, die Cattolini mit seinen Fragen setzt, offenbar mitten ins Schwarze treffen, denn ohne daß er weiß, wie ihm geschieht, sitzt er auf einmal im Knast, wegen Mordes, weil der Typ, den er beschatten sollte, auf einmal nur noch Zimmertemperatur hat und sein Auftraggeber die Bullen auf ihn angesetzt hat. Es sollte nicht der einzige bleiben, der sich im Dunstkreis Cattolinis in den nächsten Tagen ins Nirwana absetzte, bzw. unfreiwillig dorthin befördert wurde… und auch Vic selbst kommt nur knapp davon. So sucht er sein Heil lieber in der Flucht, raus aus L.A., irgendwo hin in die nähere Umgebung, wo er sich eine Weile bedeckt halten kann…

Es ist schnell klar, daß das Geld, das der versoffene Porky so unvermuteter- und reichlicherweise besaß (und das von einem Bostoner Anwalt verwaltet wurde und jetzt in einer dubiosen Stiftung steckt, in der irgendwie auch Surfalone drin hängt, der örtliche Obermafioso), eine entscheidende Rolle im Geschehen spielt. Aber Bewegung ins Spiel kommt erst, als er über den mittlerweile auch heruntergekühlten Bostoner Anwalt Porkys Lanini kennen lernt, den mit allen Wasser gewaschen Chef der dortigen Mordkommission. Der hört sich nämlich die ganze Geschichte von Vic an und seltsamerweise kann Cattolini ihm auch alles erzählen, auch die Sachen, für die er keine Medaille bekommen würde, sein Saufen, sein `rumhängen, sein Selbstmitleid… Die beiden Männer sind wohl so eine Art Seelenverwandte, sie tun sich zusammen und Lanini findet so seinen eigenen Dreh, aus der Geschichte etwas heraus zu schlagen, für sich und für Vic. … so, mehr gibt´s nicht zum Inhalt, man soll ja nicht alles verraten…

Das L.A., in das uns Kraus führt, ist das L.A. Bukowskis, heruntergekommen, versoffen, verhurt, bevölkert von Losern. Vic ist einer von ihnen, der Unterschied ist, daß Charles/Hank seinerzeit Teil dieses Milieus war, während Cattolini eher ein Gestrandeter ist, der hart an den Felsen schrammt, aber dort nicht untergeht. Wo bei Bukowski die 17 Mille an der Rennbahn investiert würden, mit Schnaps und Frauen für ein paar lustige Tage und Nächte reichen würden, gibt Vic das Geld aus (na ja, ein paar Flachmänner sind auch drin),  um sich selbst wieder ein wenig auf Vordermann zu bringen mit einer neuen Frisur, einem Auto, mit Hotelzimmern, in denen die grunzende Geräuschkulisse vögelnder Pärchen nicht durch papierdünne Wände dringt… Vic nutzt die Chance, die ihm das Geld, das ihm zur Verfügung steht, bietet und er weiß die Annehmlichkeiten durchaus zu schätzen, so sehr, daß er nicht wieder zurück will in die Gosse, in der er eine zeitlang war.

Kraus scheut sich auch nicht, Nachdenkliches über die Region, in der er seinen Krimi spielen läßt, anzumerken. Ob es die Selektivität der (oftmals korrupten) Polizei ist, mit der bestimmte Delikte verfolgt oder auch nicht verfolgt werden, die Bedenkenlosigkeit, mit der Smog und Autoverkehr die Umwelt verpesten, die Untätigkeit bzw. das Unvermögen, den Drogenhandel einzudämmen….  hier und da ein Satz, ein eingestreuter Absatz, der darauf hinweist…

Der Krimi selbst liest sich sehr unterhaltsam und flüssig, das kann man nicht anders sagen. Er ist voll mit Typen und Charakteren. Man merkt es dem Text an, daß Kraus [3] weiß, wovon er spricht: er hat lange in Kalifornien gelebt und gearbeitet (eine Station, an der Vic auf seiner „Flucht“ untertaucht, ist seine ehemalige Stadt Santa Barbara und vllt hat ja sogar „Mamie“ ihre reale Entsprechung…. ), hat als Redakteur ein offenes Auge auch für die Schattenseiten des (nicht nur) kalifornischen Lebens, was der Story gut tut und sie erdet… der Mittelteil des Buches ist etwas ruhiger, da der untergetauchte und die Küste entlang stromernde Cattolini die Angewohnheit hat, des nachts viel unter den Piers an den Stränden des Pazifik nachzudenken, zu trinken und irgendwann einzuschlafen bevor er dann morgens frierend und mit nassen Schuhen wieder aufwacht. Obwohl relativ viele Tote im Verlauf der Handlung zu beklagen (?) sind, kann man nicht sagen, die Story sei übertrieben actiongeladen. Am Ende läuft sie dann auf eine Art Show-Down hinaus, man schaut sich in die Augen, sieht auf der einen Seite die Panik und muss andererseits kalkulieren, ob geblufft wird oder nicht…

Mit anderen Worten: „Cattolini erbt“ ist ein kurzweilige Lesespaß mit kritischen Seitenhieben auf reale Gegebenheiten, mit farbig gezeichneten Charakteren, zwar einer etwas fragwürdigen (aber den real existierenden Umständen angepassten) Moral am Schluss, aber trotzdem freut man sich am Ende mit den beiden kleinen Italienern….

Links und Anmerkungen:

[1] facebook-fanseite von Cattolini
[2] mehr von Kraus: P.J. Kraus: Joint Adventure, Buchbesprechung hier im blog
[3] Homepage des Autoren

Peter J. Kraus
Cattolini erbt
Conte-Verlag, brosch., 250 S., 2012

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Rezensionsexemplars

Advertisements

... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: