Cecile Pineda: Die Venus vom Amazonas

Seit vielen, vielen Jahren steht dieser Roman in meiner Südamerika-Ecke des Bücherregals und ist mir jetzt, beim Umsortieren, Aufräumen und Entstauben mal wieder in die Hände geraten. Warum nicht? Nach 20 Jahren geduldigen Wartens hat er es doch verdient, zumal ich nach mehreren etwas schwerer verdaulicheren Büchern einer leichteren Unterhaltung, einem Erzählfluss, der mich einfach mitnimmt, nicht abgeneigt war. Und schon ist der erste „Aha!“-Effekt da: zwar ist, wie der Name es nahelegt, die Autorin in der Tat lateinamerikanischer Ethnik, ansonsten aber waschechte New Yorkerin, geboren in Harlem [1]… aber was soll´s?

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…Fabulierkunst! Was wir brauchen, ist Fabulierkunst, die endlose, besessene Elaboration der Erzählstränge zu labyrinthischen Arabesken, zu Polyedern, zu Dodekaedern von erstaunlicher und schwindelerregender Komplexität.

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Pinedas Geschichte der „Venus vom Amazonas“  (1992 von der New York Times immerhin zu den „Notable Books of the Year“ gerechnet [2]) ist jedenfalls ein kurzweiliges Stück Unterhaltungsliteratur. Es ist ein breiter Erzählfluss, der einem beim Lesen mitnimmt und trägt, der wenig ruhige Passagen hat, aber viele Strudel und Klippen, die die Geschichte turbulent bis slapstickartig werden läßt. Wenn man mal angefangen hat zu lesen, müsste man nicht unbedingt aufhören, die Handlung, der Text verlangt einfach nach mehr.

Worum geht es überhaupt? Nun, in der peruanischen Fantasiestadt Malyerba wird der hageren und schwermütigen, aus vornehmer, aber verarmter Familie stammenden Andreina eine Tochter geboren, deren Erzeuger, der aus ebenfalls vornehmer Familie stammende Hercules, eher ein Herumtreiber ist denn ein liebender Vater und Gatte. So schlägt sich Andreina mit dem Sticken von Monogrammen durch´s verarmte Leben, immer auf der Hut, vor den Nachbarn, den Bekannten den Schein zu wahren. Wen wundert´s, daß das Töchterlein schnell auf die Klosterschule geschickt wird, in der Hoffnung, daß sie dort das gelehrt bekommt, was ein Mädchen wissen muss (ähem.. das besagte fällt natürlich nicht unter den Lehrstoff, aber auch nicht völlig unter den Tisch, wie wir sehen werden..), um in zurückgezogener, angemessener Weise als Ehefrau dienen zu können. Aber erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt…

Ana Magdalena wird nämlich der Schule verwiesen, weil sie, wie Gott sie geschaffen hat (und es muss äußerst liebreizend gewesen sein, was jenem da in der Person Ana Magdalenas gelang…) im Flusse schwamm. Nun, der Grund behufs sie dieses tat war zwar ehrenhaft (sie rettete eine dem Ertrinken geweihte Freundin aus dem Fluten des Flusses), jedoch.. es gab Komplikationen, nachher, bei der Bewertung der heroischen Tat durch die Nonnen… zum einen war die Reizwäsche, die die Freundin unter ihrer Kutte trug (wollte sie doch ans andere Ufer zu einem romantischen Rendevous mit einem der jungen Kerle, die die Mädchen allwöchentlich bei ihrem Badetag beobachteten) ein durchaus nachteiliges Element in den Augen der Frommen.. und wenn man schon eine immerhin noch irgendwie Bekleidete von der Schule wies, dann musste man doch eine gänzlich der Kleidung entblößte.. nun ja, nach einer Woche des In-sich-gehens der Nonnen und der Diskussion der geschehenen Ungeheuerlichkeit gab es für Ana Magdalena einen Orden für ihre gute Tat und ein vordatiertes Zeugnis, das den Rausschmiss aus der Schule nach aussen hin notdürftig verbrämte.

Zuhause fehlte das Geld für eine standesgemäße Hochzeit und so half Ana Magdalena mehr schlecht als recht der Mutter bei dem Versuch, etwas Geld zu verdienen. Bis eines Tages die Heiratsvermittlerin in das einsame Haus zu den drei Frauen (unterschlagen wir das Dienstmädchen Berta nicht) kam. Oh.. es musste eine gute Partie sein, die sich da für die junge Dame interessierte… nicht mehr ganz jung, aber hochangesehen… Ana Magdalena jedoch war durchaus abgeneigt, das Angebot anzunehmen (insbesondere die Überprüfungsklausel für ihre Hymen, wie sie der Ehevertrag vorsah, missfiel ihr deutlich), weckte doch der junge Sergio Ballado, den sie damals am anderen Ufer gesehen hatte, schon das Begehren in ihr…. und doch….

Es verlief nicht ganz gradlinig, bis die Hochzeit mit dem ältlichen Literaten aus hochangesehenem Haus, Frederico Orgaz y Orgaz zustande kam. Nicht zuletzt trug daran der Bräutigam selbst Schuld, der bei den gemeinsamen Ausfahrten die mitfahrende Anstandsdame, die nämliche Brautwerberin, in einem Zornesanfall einfach packte und aus der Kutsche schmiss (in der nichts anzüglicheres geschah, als daß Frederico einer Zukünftigen seine Manuskripte vorlas..), was jene ihm verübelte und zu dem Vorhaben anspornte, dem halb jungen, halb nicht mehr ganz so jungen Paar die Hochzeit zu vereiteln.

Na ja, zumindest die.. aber ich will nicht zuviel verraten. Das Wesentlichste an diesem Tag sind sowieso zwei andere Geschehnisse: Ana Magdalena lernt ihre Großtante Ofelia kennen, die mit acht farbenprächtig gekleideten Brautjungfern zum Gratulieren kommt. Wenigstens meint Ana Magdalena, es seien Brautjungfern, aber in Wahrheit (und jeder andere der Gäste sieht dies sofort, kennt vllt sogar die eine oder andere der „Jungfern“ näher) sind diese Mädchen jede Nacht eines anderen Braut und von wahrer Jungfernschaft weit entfernt. Und zum zweiten wird sie, die dem Frederico Orgaz y Orgaz frisch Angemählte, entführt, abends, auf der rauschenden Festivität, entführt vom Personal, das der Bräutigam aus den Insassen des örtlichen Gefängnisses angemietet hat. Sie kann jedoch entkommen und bringt sich in Sicherheit, gerade in dem Etablissement ihrer Großtante, das sie bei ihrem Marsch mit den Entführern durch die Bäume des Waldes schillern sah. Wir können dies durchaus als Zeichen deuten, denn hier, bei ihrer Großtante, bei den Regenbogenmädchen, findet Ana Magdalena im Lauf dieser, ihrer Hochzeitsnacht, ihre wahre Begabung heraus…..

Überspringen wir ein paar Szenen …. Frederico, den nach dem ersten „Mal“ mit seiner Frau leise Zweifel an deren wirklichen Jungfräulichkeit befallen, wird von der Muse geküsst und von Ana Magdalena inspiriert: er sieht seinen Roman „Die Venus von Amazonas“ schon in aller Welt als Erfolg, allein: er ist noch nicht geschrieben. Frederico zieht sich also mit seiner Schreibmaschine ins Separee zurück und ward nicht mehr gesehen. Einmal täglich frische Unterwäsche und dreimal Essen, das ist alles, was er von seiner Frau verlangt und dann und wann ein offenes Ohr für seine Geschichte… und dann stirbt eines Tages (das Literieren der „Venus..“ nimmt Zeit in Anspruch, die Mahnungen des Herausgebers verpuffen vor Fredericos wahnsinnigem Schaffensrausch und es verrinnen die Jahre….) Ofelia, bei der Ana Magdalena mittlerweile halbtags arbeitet (und mit diesem Geld den heimischen Haushalt bestreitet) stirbt, von der Raffgier der zu schmierenden Politiker zermürbt. Und jetzt hat Ana Magdalena ihrerseits einen Geistesblitz: das heimische Haus ist groß, der Mann im Separee dem Wahn nahe und weit vom Schuss (in jeder Hinsicht, und in dieser einen ist mittlerweile sogar der  Chauffeur deutlich näher dran) …. könnte man da nicht…?

Man kann. Und wie! Die „Casa Orgasmusz“ wird eine Legende landauf, landab und hat ihr eigenes Schicksal so wie auch Hercules, den wir natürlich immer wieder treffen, so wie Andreina, deren Bestimmung es ist, eine Bienenkönigin der besonderen Art zu werden (mit der Option auf Heiligsprechung), so wie Sergio Ballado, der sich eine Zukunft ausmalt mit seiner Ana, so wie… ach… ich kann nicht alle aufzählen hier und jetzt…..

„Die Venus vom Amazonas“ ist ein turbulentes Stück mit burlesken Szenen. Pineda ist sich für nichts zu schade, da taucht auch schon noch einmal die verbliche, als eine Art Heißluftballon verschiedene Schwiegermutter der Protagonisten auf, im Kronleuchter verknotet, um nicht wieder vorzeitig davon zu schweben und gibt ihrer Schwiegertochter noch ein paar Tips… es geht also immer noch ein wenig mehr. Man darf nicht unbedingt ein logisches Werk erwarten, es ist ein Märchen, eine ausufernde labyrinthischen Arabeske, die sich zu Polyedern, zu Dodekaedern von erstaunlicher und schwindelerregender Komplexität aufschwingt, um das Büchlein noch einmal selbst zu zitieren. Und das alles sehr unterhaltsam und spannend geschrieben. Und mit der Todesart, die sie für die armen Andreina reserviert hat, zeigt Pineda eine wirklich zuckersüße Fantasie….

Trotzdem ist das Buch mehr als nur eine unterhaltsame, witzige Geschichte. Es läßt sich auch ein gerüttelt Maß an Gesellschaftskritik darin finden, die Pineda satirisch überspitzt formuliert. Generell kommen insbesondere die Männer nicht gut weg. Frederico zum Beispiel.. Irgendwann merkt selbst er, daß in den unteren Stockwerken seines Hauses irgendetwas anders ist als früher… eigentlich müsste er.. aber wer brächte ihm dann die täglich frische Unterwäsche? Und das Essen? Also schließt er die Augen und heuchelt Unwissen. Die Politiker, vom Caudillo abwärts: korrupt bis ins letzte Glied, unfähig und nur auf den eigenen Vorteil aus, die Kirche mit ihren Vertretern steht da keineswegs nach.

Und die Frauen? Man könnte fast meinen, die Arbeit im Bordell sei die einzige Möglichkeit für sie, in dieser repressiven Gesellschaftsordnung selbstbestimmt zu arbeiten. Wie preist Ofelia an einer Stelle die Arbeit ihrer Mädchen an? Wenn einer der Freier gefällt, hat sie auch ihren Spaß, wenn nicht, so weiß sie, daß es nach 10 Minuten wieder vorbei ist, ganz im Gegensatz zur Ehe, wo sie ein Leben lang unter einem Mann liegen muss, den sie nicht leiden kann….. Überhaupt die Ehe: sobald du verheiratet bist, so die Freundin zu Ana Magdalena, ist alles in Ordnung: du bist frei, kannst Geld ausgeben, dir einen Liebhaber suchen, das Leben geniessen….. das züchtige Leben hinter dem Schleier der Unschuld hat dann endlich ein Ende!

Von all den Personen, die Pineda erscheinen läßt, sind es eigentlich nur die drei Frauen, die initiativ werden und versuchen, etwas auf die Beine zu stellen: Andreina ist dies mit ihrer Heimarbeit sowie Ofelia und Ana Magdalena mit ihren Bordellen, die sie um Geschäftsideen und Innovationen nicht verlegen, geschäftlich erfolgreich führen – könnten, wenn nicht die männlichen Schmarotzer ihnen die Luft zum Atmen nehmen würden…

… und vielleicht könnte man die Moral der Geschichte auch so formulieren:

Frauen, besinnt euch auf eure eigenen Qualitäten, Fähigkeiten und Resourcen, seid selbstbewusst und werdet unabhängig von den Männern und nutzt eure Chancen!

Links und Anmerkungen:

[1] zur Biographie der Autorin: (i) Homepage bzw. (ii) Wiki-Artikel
[2] Notable Books of the Year 1992 by the NYT: THE LOVE QUEEN OF THE AMAZON. By Cecile Pineda. (Little, Brown, $19.95.) A droll novel about sex and stuffy society on the upper Amazon, full of well-handled incongruities and characters who insist on making theatrical fools of themselves and others.

Cecile Pineda
Die Venus vom Amazonas
Bertelsmann, HC, 1992, 320 S.
Originalausgabe: NY, 1992

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2 Kommentare zu „Cecile Pineda: Die Venus vom Amazonas

  1. Hallo, diesen Blog gerade via Philea’s „Frauen in Frauenzeitschriften“ entdeckt .. .. freue ich über die Gemäldesammlung . Toll!

    Wie kommt’s drängte sich mir die Frage auf und ich bin neugierig !?

    Viele Grüße, Heidrun

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    1. liebe heidrun, auf die frage: „wie kommt´s“ würden mir jetzt verschiedene antworten einfallen, aber ich will sie ja nicht gleich verschrecken. deshalb erlaube ich mir die gegenfrage: „wie kommt was?“ was ist so ungewöhnlich, daß es ihre neugier geweckt hat?
      herzliche grüße
      fs

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