Patricia Volk: Soviel ihr wollt

23. Juli 2012

Die Volks waren „wer“ in New York. Genau Hundert Jahre lang, von 1888, als Sussman Volk sein Restaurant gründete bis 1988, als Cecil Sussman Volk, der Vater der Autorin, den Pachtvertrag verkaufte, war der Familienbetrieb als „Morgen´s Restaurant“ 141 West 38th Street New York City unter dem Motto „We Cater the Finest to the Finest“ eine Institution [1, 2]. Gefunden habe ich das Buch in einer Ramschkiste. Es machte einen guten Eindruck auf mich, ohne daß ich die geringste Ahnung hatte, was mich erwartete, der Hinweis auf der hinteren Umschlagseite, daß in irgendwelcher Weise jüdische Kultur damit verbunden sei (und damit ein möglicher Beitrag zu den „Jüdischen Lebenswelten„) hat mich überzeugt… um so schöner, daß ich ein richtiges Schätzchen erwischt habe!

„Unsere Diele hatte die Farbe von Würstchenbudensenf. Das Wohnzimmer war kakaobraun, der Teppichbodne meiner Mutter eisbergsalatgrün.
Der Fußboden der Eingangshalle war aus rötlichbraunem und weißem Terrazzo und glich Genueser Salami……“

Wer kann so einer Eingangssentenz schon widerstehen? Es geht also um´s Essen in dem Buch und wenn es um´s Essen geht, geht es immer auch um´s Leben, und das Leben, es geht um die Liebe, es geht um die Menschen, die damit verbunden sind. Konsequenterweise betitelt Patricia „Patty“ Volk [4] ihre einzelnen Kapitel auch mit Überschriften wie „Kaviar“, „Frikassee“ oder „Gurkensalat“ und verknüpft diese mit Erinnerungen an Mitglieder ihrer an Köpfen zahlreichen Familie.

Die väterliche Linie der Volks (was die USA  betrifft) nimmt ihren Anfang in Wilna, Litauen. Von dort aus wandert der Müller Sussman Volk 1887 in die USA aus und bekommt als Gegenleistung für einen Gefallen, den er leistet, das Rezept für Pastrami [5], das der Ausgangspunkt ist für die Gründung eines Delikatessengeschäfts („Deli“) ist, welches ungeahnten Zulauf erhält. Von den sieben Kindern (3,4) ist besonders Jakob („Jake“) zu erwähnen, da dieser als Abbruchunternehmer in NY ganz neue Wege einschlagen sollte, wenngleich sein Werk für die Nachwelt größtenteils unsichtbar blieb…. er war der erste, der auf die Idee kam, sich nicht für den Abriss eines Gebäudes bezahlen zu lassen, sondern selber für die Erlaubnis abzureissen, zu bezahlen, aber dafür die Rechte für die Verwertung allen In- und Exterieurs zu erhalten. Auch die Erfindung der Abrissbirne geht auf sein Konto [6], leider waren seine Erziehungsmethoden seinem Sohn Cecil Sussmann gegenüber ähnlich rabiat: er schlug ihn mit der neunschwänzigen Katze, einem Instrument, mit dem man durchaus auch einen Menschen umbringen kann….

Polly, die Großmutter der Autorin, um die weibliche Linie kurz anzudeuten, war „.. nicht im herkömmlichen Sinne religiös. Aber sie war streng orthodox abergläubisch. …„. Jedenfalls heiratete sie Herman Morgenbesser („Morgenküsser“), trotz seines Nachnamens, den sie als für Amerika zu lang empfand. So waren die Morgens [1] geboren…. Herman Morgenbesser war mit 12 Jahren aus der Hohen Tatra in die USA gekommen, hatte seinen ersten Job in einem Restaurant und zeigte sich als als sehr geeignet für diese Arbeit. Er war der erste in New York (mindestens dort), der eine Rinderkeule im Schaufenster vor den Leuten tranchierte…. Mitte zwanzig, verheiratet mit Polly, eröffnete er Morgen´s Sandwich Shop am Broadway, einen Lokal, zu dem im Lauf der Jahre noch 13 andere kamen, oft von Familenmitgliedern geführt: „Jeder, der einen Job brauchte, bekam ein Restaurant.„.

Sehr liebevoll, einfühlsam und behutsam, mit viel Humor und auch selbstironisch erinnnert die Autorin in diesem biographischen Roman an viele der Familienmitglieder, aber auch an Mattie, das geliebte Haus- und Kindermädchen der Volks, die mit den Morgens durch die Heirat von Audrey (der Tochter Pollys) und Cecil Sussman Volk entstanden.

Onkel Al beispielsweise… elf Jahre lang schlief er mit Tante Lil, wollte sie dann aber nicht heiraten, weil sie keine Jungfrau mehr war. Als Tante Lil dann trotzdem Hochzeitseinladungen verschickte, ging er auf seine Weise auf das Ultimatum der Mutter („Du machst jetzt ernst oder siehst sie nie wieder!“) ein: er heiratete sie und zog nach der Trauung in ein eigenes Appartement. Das Sorgerecht für die Hunde teilte das Ehepaar sich, Kinder gab es nie und Al betrog seine Frau mit anderen. Tante Lil dagegen schien nur glücklich zu sein, wenn sie unglücklich war. Sie war diejenige, der alles misslang, gegen die sich alles verschwor, sie wurde zur selbstgemachten Ausgestossenen….

Vater, Mutter und die Schwester Jo Ann … so viele Anekdoten… fühlte Patty sich als Kind von ihrer Mutter ungerecht behandelt, bekam diese in ihrem Notizbuch einen schwarzen Tannenbaum (!) hinter ihren Namen gemalt als Zeichen dafür, daß es dieses Jahr kein Weihnachtsgeschenk für sie geben wird…. die Schwester, wie Hund und Katz einerseits und dann wieder unzertrennlich, auch als Erwachsene. Fast eine ganze Bucheite geht dabei drauf, allein die Diäten aufzuzählen, die die beiden Frauen ausprobiert haben…

„Jedes Vorhaben ist zum Scheitern verurteilt wie Mundwasser mit Knoblauchgeschmack.“

Das gilt für Hedy, die Frau von Hank Morgen, die nach dem Tod ihres Mannes auch viele falsche Entscheidungen traf. Hank war der einzige Überlebende des in Europa gebliebenen Zweigs der Morgens. Vor den Nazis floh er aus der Nähe von Zakopane auf Skiern, er fiel den Russen in die Hände, kam in ein Lager und wurde dann später an die Engländer „abgeschoben“, wo er zum Militär kam und im Krieg mitkämpfte. Weil er eines Tages einem amerikanischen Soldaten das Leben rettete, bekam er nach dem Krieg ein Visum in die Staaten… Er starb an Krebs, kurz nachdem er die Volks, diesen Zweig der amerikanischen Morgens (viel zu spät) kennengelernt hatte.

Patty Volk veröffentliche ihr Buch 2001, ein Jahr, nachdem ihr geliebter Vater ebenfalls an Krebs gestorben war [3]. Es ist dies das vorletzte Kapitel der Familiengeschichte, die sie beschreibt, die Krankheit ihres Vater, sein langsames Sterben, das unendlich traurige Gefühl, nicht helfen zu können, einem Menschen entgegen aller Hoffnung beim Sterben zusehen zu müssen… es gibt auch gute Momente in dieser Zeit, wenn der Vater im Pool schwimmt oder sich einfach treiben läßt zum Beispiel… am 14. Juli 2000 schläft er nachts ein [3].

Natürlich ist in diesem Buch viel, viel mehr enthalten, als ich hier andeuten kann. Nicht nur dieses wundervolle Panorama liebenswerter, schrulliger, eigenwilliger, charaktervoller, energiegeladener, prägender Persönlichkeiten, auch die Gedanken, die Eigenheiten, Vorlieben, Abneigungen, die Zeiten auch, die sich geändert haben im Lauf der vielen Jahre (so waren am Beginn der Geschichte drei, vier Generationen einer Familie unter einem Dach versammelt, hundert Jahre später sind sie über den ganzen Koninent verstreut), die dieser liebevolle Rückblick umfasst, der auch ein Teil New Yorker Geschichte ist…. ist er verklärend, wäre es verwunderlich? Ich weiß es nicht, kann dies selbstverständlich nicht sagen. Es ist auch egal, es ist ein Denkmal für eine wunderbare Familie mit viel Licht, bei der der Schatten, den dieses Licht auch wirft, nicht unter den Tisch gekehrt wird…. ein Schätzchen eben…

Links und Anmerkungen:

[1] nur am Rande: im Klappentext des Buches wird das Restaurant/der Name ge“a“t als „Morgan`s“… tztztz….
[2] verlassen wir uns bei den Jahreszahlen auf die Autorin, im Nachruf [3] der NYT zum Tod von Cecil Sussman Volk werden etwas andere Zahlen genannt….
[3] Nachruf in der NYT: Sussman Volk, Restaurateur And Gadget Inventor, 80, Dies, 24.07.2000
[4] Autorenportrait bei random house
[5] ich schätze, diese Info werde ich in der Wiki ergänzen….
[6] – NYT: „The Romance of the Wrecking Ball„, 22.01.2006
– Robin Annear „A City Lost & Found„, Melbourne, 2005, hier: S. 92

Patricia Volk
Soviel ihr wollt
aus dem Amerikanischen von Ursula-Maria Mössner
Diana Verlag, HC, 327 S., 2002
Originalveröffentlichung NY, 2001

btw: Ich habe mir parallel zu diesem biographischen Roman den „alten“, i.e. 1964 erschienen Bildband von Andreas Feininger: New York genommen und bin mit den Bildern und den Texten von Kate Simon ein wenig in diese Stadt eingetaucht und habe ihre Atmosphäre geschnuppert. Nostalgisch natürlich, das New York, der Big Apple, das/der dort beschrieben, abgebildet wird, ist 50 Jahre alt…. trotzdem, eine schöne Ergänzung zum Buch von Volk…

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7 Responses to “Patricia Volk: Soviel ihr wollt”

  1. Susanne Haun Says:

    Ich suche gerade im Netz nach dem Buch. Deine Beschreibung klingt wirklich sehr gut und ich möchte das Buch auch gerne lesen!

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    • flattersatz Says:

      das freut mich, du wirst bestimmt nicht enttäuscht werden!

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      • Susanne Haun Says:

        Ich habe es bei ebay gefunden und sofort gekauft. Ich bin mitunter entsetzt, wie preiswert Bücher sind. 1,50 € und 0.85 € Porto mußte ich bezahlen.
        Nicht das ich mich darüber nicht freue …..
        Aber wenn ich dann sehe, was im Verhältnis andere Dinge kosten..

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        • flattersatz Says:

          ich habe es seinerzeit in einer ramschkiste für ich glaube 2 euronen erstanden, also vergleichbar nachgeschmissen… ja, es ist eine schande. bücher als geldanlage sind absolut ungeeignet, bis auf sonderfälle…. ich habe letztes jahr einen nachlass auflösen müssen, da bin ich bis zum schluss auf den allermeisten der (guten!) bücher sitzen geblieben… :-((

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          • Susanne Haun Says:

            Das hört sich sehr traurig an.
            Es ist wie die Familienfotos, die man auf den Trödelmärkten kaufen kann.
            Bücher und Fotos haben eine Geschichte, wurden geliebt und gelesen und dann….
            Dann wird die geliebte Umgebung zur Last für die Hinterbliebenden.

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          • flattersatz Says:

            ja, du hast sehr recht, es ist traurig… was bleibt übrig vom leben eines menschen, der gestorben ist? die wohnung, vormals sein heim, der ort, an dem er sich wohl fühlte, an dem er „er“ sein konnte, sich mal gehen lassen, weinen, lachen, machen was er wollte, die engen grenzen der konvention abschütteln.. wird ein entsorgungsproblem. abfall. die bilder, die er gesehen, die stühle, auf denen er gesessen, die bücher, die er gelesen… auch sie verlieren ein stück ihrer identität mit dem tod ihres besitzers, verwaisen….. die erinnerung bleibt, aber auch sie verändert sich und vllt ist irgendwann nur noch das gefühl da, sich zu erinnern…..

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          • Susanne Haun Says:

            Ja, das hast du wirklich auf den Punkt gebracht und eindringlich aufgeschrieben.

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