Anne B. Ragde: Einsiedlerkrebse

15. Juli 2012

„Einsiedlerkrebse“ ist der zweite Teil der Geschichte der in der Nähe von Trondheim angesiedelten norwegischen Familie Neshov, die Radge im „Lügenhaus“ mit der Erkrankung der Mutter und deren anschließendem Tod begonnen hat. Sie setzt zeitlich gesehen das Geschehen dort fort, wo der erste Band es beendet hat. Tor, der mittlere der drei Brüder, ist mit seinem „Vater“/Halbbruder wieder allein auf dem Hof. Die Situation macht ihm sehr zu schaffen, Trost und Frieden findet er eigentlich nur bei Siri, seinem Lieblingsschwein. Margido, sein älterer Bruder, kümmert sich wieder um sein Bestattungsgeschäft, hält aber losen Kontakt zu Tor. Erlend und sein Lebensgefährte Krumme sind wieder zurück in ihrem Kopenhagen, wo sich Erlend sowohl privat als auch beruflich mit dem Aufrechterhalten bzw. Schaffen von schönem Schein befasst. Torunn schließlich, die Tochter Tors, deren Existenz dieser vor allen, auch vor sich selbst, geheim gehalten hat, ist  zurück in ihrer Tierarztpraxis in Oslo, wo sie sich um verhaltensgestörte Hunde kümmert.

Die Geschichte dieser sechs Personen, die an diesem Weihnachten, mit dem Tod der Mutter und deren Beerdigung begonnen hat, eine gemeinsame, eine Familiengeschichte zu werden, ist nicht unproblematisch. Krankheit und Tod der Mutter hat ein äußerst instabiles, unter Opfern aufrecht gehaltenes Gleichgewicht zerstört. Diese Störung breitet sich wie ein Haarriss immer weiter aus und führt dazu, daß die Biographien der Beteiligten sich neu sortieren. Nicht alle kommen damit zurecht.

Tor sehnt sich nach früher zurück, nach der Mutter, ihren Haferkeksen, nach der festen Ordnung, die es auf dem Hof gab. Keine Torunn, die ihn immer wieder anruft, kein Vater, der auf einmal den unverständlichen Wunsch äußert, in ein Heim zu gehen. Kein Margido, der daraufhin zumindest eine Haushaltshilfe organisiert und bezahlt, die in seine Höhle, sprich Haus, eindringt und saubermacht. Nur die vertrockneten Blumentöpfe kann er vor dem Weggeworfenwerden retten, das Verbot, auch sein Schlafzimmer zu säubern, hält den letzten Rest von Selbstachtung aufrecht. Andererseits – Krumme war garnicht so unsympathisch und solange er sich nicht vorstellt, was dies und Erlend im Schlafzimmer wohl treiben… und Torunn, hat sie sich nicht mit den Schweinen gut verstanden, sich in ihre Bedürfnisse eindenken können? Selbst an die Haushaltshilfe gewöhnt er sich langsam… und der Aquavit, den er trinkt, wenn er bei Siri hockt, hilft ihm, die ganz trüben Stunden zu überstehen.

Es hätte also durchaus halbwegs funktionieren können, wenn er nicht diesen schrecklichen Unfall gehabt hätte, durch den er quasi immobil geworden ist….

Erlend und Krumme leben ihr hochglanzpoliertes Luxusleben in Kopenhagen weiter, sie sind glücklich miteinander, vor allem Erlend ist wunschlos glücklich. Seine Schaufensterdekorationen, in denen er Leben, Lebenssituationen nachstellt, sorgen für Furore und Aufsehen. Das Ausblenden des wirklichen Lebens, vor allem seiner eigenen Lebensgeschichte gelingt aber auch nicht mehr vollkommen, besonders als Krumme ihm sagt, wie sehr er sich ein Kind wünscht, das sie beide aufziehen würden, bricht die Verdrängung seiner eigenen Kindheit langsam zusammen….

Margido hilft Tor auf dem Hof finanziell, indem er die Haushaltshilfe bezahlt. Ansonsten hält er nur losen Kontakt und geht in seinem Bestattungsgeschäft auf. Aber er wird vom Satan verführt und er besteht diese Prüfung nicht, vom Satan, der ihm – wie sollte es anders sein – in Gestalt einer Frau entgegentrat, der ihm den Rotwein schmackhaft machte und ihn letztlich in die Verlockung der weiblichen Form hineingleiten ließ. Welch Reue ob dieser Schwäche und er gelobt Besserung, zurück zu finden zu Gott, den er verloren hatte…. aber, damit kein falscher Eindruck erweckt wird, dieser leichte religiöse Wahn, dem Margido anheim fällt, behindert seine „Alltagstauglichkeit“ nicht – sieht man mal von seiner Frauenphobie ab…

Torunn schließlich fühlt sich in der Verantwortung als Tochter für ihren Vater. Dabei ist – sie ist ja kein junges Mädchen mehr – ihr eigenes Leben auch kompliziert genug. Der (Stief)Vater hat die Mutter verlassen, die damit nicht fertig wird, sie selbst hat mit der Auswahl ihrer eigenen Freunde wenig Glück, auch die Liebesgeschichte mit Christer, hat zwar gerade voller Glück begonnen, aber….

Radge hat ihren mittleren Part der Trilogie sehr „übersichtlich“ aufgebaut. Sie widmet sich in den einzelnen Abschnitten den Ereignissen um die jeweiligen Personen, immer in der Reihenfolge, in der ich sie oben angeführt habe. Die Kapitel sind jeweils um die zehn bis zwölf Seiten lang, durch diesen Aufbau ist das Buch sehr bequem zu lesen, auch zwischendurch, wenn man selbst vllt nur ein paar Minuten Zeit hat, die man so überbrücken kann…

Nachdem sie sich den größten Teil des Buches darauf konzentriert hat, das Leben der Protagonisten zu beschreiben, zu zeigen, wie die Ereignisse von Weihnachten, das Aufdecken der großen Lügen, auf diese wirken, welche Veränderungen sie zeitigen, führt sie im letzten Drittel des Buches diese Handlungsstränge wieder enger zusammen. Durch den schon erwähnten Unfall kann Tor den Hof nicht mehr selbst bewirtschaften, er braucht Hilfe, so sehr er sich auch dagegen sperrt. So kommt seine Tochter, auch auf der Flucht vor den eigenen Malaisen, wieder zu ihm, um zusammen mit dem Betriebshelfer den Betrieb aufrecht zu erhalten. Zwar läßt Tor keinen in die Bücher schauen, aber es wird offensichtlich, daß der Hof auf diese Art und Weise nicht mehr lange betrieben werden kann. Damit steht für Torunn als Tochter die Frage im Raum, wie sie sich als Anerbin dazu stellt… und Erlend und Krumme haben noch ganz andere Ideen, von denen aber noch niemand etwas weiß… jedenfalls sind sie auf dem Sprung zu einem Kurzbesuch bei Tor, als sich dort die Ereignisse zu überschlagen beginnen…..

Mit diesem klassischen „Cliffhanger“ beendet Radge den Roman, Torunn hört die Schweine schreien und stürzt in den Stall… Fortsetzung folgt….

Durch den strengen äußeren Aufbau des Textes, kurze, in sich abgeschlossene Kapitel plus Cliffhanger am Ende, macht das Buch den Eindruck, daß es ganz professionell auf einen „Verkaufserfolg“ hin geschrieben worden ist. Natürlich muss man jetzt im Grunde auch den dritten Teil lesen, um zu erfahren, wie die ganzen offenen Fragen sich lösen, dies nicht zu machen.. dazu waren die beiden ersten Bücher einfach zu gut. Denn auch die „Einsiedlerkrebse“ fallen gegenüber dem „Lügenhaus“ kaum ab. Sicherlich kann der erste Band mit der tragischen Grundkonstellation punkten, während es im mittleren Teil der Trilogie „nur“ um die Weiterführung der Ereignisse geht, aber auch das ist Radge gut lesbar und spannend gelungen. Mir selbst hat besonders die Darstellung der Entwicklung des etwas exaltierten Erlend gefallen, dem es gelingt, aus seinem durch die pekuniären Möglichkeiten aufrecht erhaltenen Wolkenkuckucksheim langsam in eine Lebensumwelt einzutauchen, die geerdet ist durch die eigene Vergangenheit, die er bis dato weitestgehend ausgeblendet hatte. Als „Schmankerl“ zu all diesen Geschichten noch die Episoden um den Vaterschaftswunsch von Erlend und Krumme, die Liebesgeschichte von Torunn, das Date von Margido: der Roman bietet gute, niveauvolle Unterhaltung.

Anne B. Ragde
Einsiedlerkrebse
aus dem Norwegischen übersetzt von Gabriele Haefs
btb
diese Ausgabe: HC, 320 S. 2005
Originalausgabe: Oslo, 2005 

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3 Responses to “Anne B. Ragde: Einsiedlerkrebse”

  1. atalante Says:

    Besten Dank für Deine ausführliche Rezension, die ungefähr meinen Eindruck von ersten Band dieser Buch-Soap widerspiegelt. Solide Unterhaltung, die einen selbst in bettlägerigem Zustand noch erreicht, aber mehr auch nicht.

    Gefällt mir


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