Jürgen Domian: Interview mit dem Tod

3. Juli 2012

Jürgen Domian, bekannter Reporter des WDR hat ein recht persönliches Buch geschrieben über seine Gedanken zum Thema Tod und Sterben. Der Verlag kündigt es so an: „In der langen Reihe seiner vielfältigen Talk-Gäste fehlt ihm bislang nur ein ganz besonderer. Dieser ist scheu und meidet die Öffentlichkeit. Er zählt zu den Top-Prominenten dieser Welt, hat tausend Gesichter, aber nur eine Aufgabe. Es ist der Tod.“ [1]

Möglicherweise gehört das zum modernen Journalismus und man sollte sich dadurch vielleicht auch nicht abschrecken lassen, aber diese reisserische Werbung, die auf dem Schutzumschlag wiederholt wird,  passt einfach nicht zum Ernst des Themas.

Die Frage nach dem Tod, dem Sterben (beide Begriffe werden meiner Meinung nach zu oft und so auch zumindest anfänglich im Buch Domians nicht sauber getrennt) interessiert mich, geht mich an. Ich komme ehrenamtlich mit Betroffenen zusammen, erlebe die Momente, in denen es keine Worte mehr gibt, keinen Trost, einfach nur noch Verlorenheit da ist, selber und muss auch für mich damit fertig werden. Kann mir Domians Buch dabei helfen? Klare Antwort: nein. Warum nicht? Ich will versuchen, es zu analysieren.

Das Buch ist praktisch in zwei Teile aufgesplittet, die ineinander verschachtelt sind. Der eine, wesentlich umfangreichere Part beschreibt die persönliche Entwicklung des Autoren, angefangen von seinem überzeugten Christsein, welches durch die Lektüre von Nietzsche und Feuerbach zertrümmert wurde über seine Beschäftigung mit den Äußerungen verschiedener Philosophen zum Thema Tod und Sterben bis hin zu seinem Bekenntnis zur aktiven Sterbehilfe. Diese Rückbetrachtung stellt einen recht substanzlosen Rundumschlag dar, der kaum über die jeweilige Einsicht hinausgeht, daß dieses und jenes Gedankengebäude (und mag es auch schon seit Jahrtausenden existieren, immer noch bekannt und diskutiert sein, was man vom vorliegenden Buch kaum erwarten kann) für Domian selbst keine Erhellung bringt.

Domian berichtet außerdem von persönlichen Verlusterfahrungen, in denen er selbst erfahren hat, wie unbegreiflich und erschütternd es ist, einen Menschen zu begleiten, der stirbt und nach seinem Tod einfach nicht mehr da ist. Dazwischen werden immer wieder auch Anrufer in seiner Sendung erwähnt, deren Anliegen oder Probleme ihn nachhaltig beschäftigten. Verdienstvoll ist sicher auch die Erwähnung der Palliativmedizin und der Hospize, Einrichtungen, die immer noch nicht allen Menschen geläufig sind. Etwas esoterisch (wenngleich interessant) muten die Hinweise zum Bardo Thödol an, die wohl deshalb eingeflossen sind, weil sie so konkrete Vorstellung der jenseitigen Welt zu vermitteln scheinen. Inwieweit diese uns hier im Europa des 21. Jhdts bei unseren Fragen zum Thema helfen können, sei dahin gestellt…

Der andere, wesentlich schmalere zweite Teil (dessen Grundidee auch nicht neu ist, im Gegenteil…) stellt das besagte Interview mit dem Tod dar. Dieser wird dazu – es geht wohl von der Idee her nicht anders – als Entität dargestellt, eine Hilfskonstruktion, um in einem Frage- und Antwortspiel dem Umkreis um Sterben und Tod behandeln zu können. Diese Personifizierung des Todes hilft natürlich, ihn „fassbarer“ zu machen, der große Nachteil solcher Hilfskonstruktionen ist es aber, daß man die eigentliche abstrakte Idee/Frage in den Hintergrund schiebt und immer das Bild vor Augen hat [3], das vom Eigentlichen ablenkt.

Dieses Interview mit dem Tod ist deutlich gehaltvoller als der Teil, in dem der Autor seine persönliche Beschäftigung mit der Erscheinung „Tod“ schildert. Es ist erstaunlich, daß derselbe Autor, der die manchmal etwas simplen oder simplifizierenden Ansichten im Rahmen seiner persönlichen Denkerfahrungen geäußert hat, hier die von der Alltagserfahrung teilweise sehr weit entfernten mystischen Wahrheiten nieder geschrieben hat.

Immer wieder betont der interviewte Tod, daß die Erkenntnisfähigkeit des Menschen beschränkt sei auf die Realität seiner Umgebung. Die höhere Wirklichkeit sei nur im mystischen Erlebnis, in der Kontemplation, der Stille erfahrbar, jenseits der Rationalität. Gott sei nur in der inneren Stille, der inneren Leere zu begegnen, weil wir selbst an Gott teilhaben, Teil Gottes sind. Die Ratio, die Vernunft, das Begehren hindere uns, diese höhere Wirklichkeit zu erkennen. Gleiches gelte für die Erscheinung „Tod“ und dessen Annahme durch den Menschen. Damit hat Domian als Interviewer (und wohl auch als Mensch, denn er im Klappentext ausdrücklich hervor, wie sehr er sein ganzes Leben lang über dieses Thema der Endlichkeit des Menschen nachgedacht hat…) seine Schwierigkeiten, immer wieder verweist ihn der Tod darauf, das nicht alle Fragen durch Denken, durch die Ratio erfassbar sind….

„Interview mit dem Tod“ ist ein erfolgreiches Buch, wahrscheinlich deshalb, weil es die allermeisten Menschen dort abholt, wo sie sind: fragend, zweifelnd, vllt verzweifelt, Antworten suchend aber keine findend. Diese Ratlosigkeit bedient Domian gut, in dem er seinen eigenen weitggehend ergebnislosen Weg des Nachdenkens über das Thema schildert. Ob das Interview selbst mit seiner mystischen Komponente den Lesern weiterhilft – ich wage es zu bezweifeln. Vllt in dem Sinne, daß sie danach wissen, wo sie eine Antwort finden könnten, wenn sie dort suchten – nämlich in sich selbst, in der Achtsamkeit des eigenen Ichs, in der Stille der eigenen Seele, im Überwinden des Rationalen…..

So bin ich etwas enttäuscht von diesem Buch. Es mag sich eignen für jemanden, der sich noch nicht mit dem Themenkreis Sterben und Tod befasst hat, als Einstieg eignen, ansonsten aber sind deutlich fundierter geschriebene Bücher auf dem Markt [2].

Links und Anmerkungen:

[1] Buchtipps Frühjahr 2012: Gesellschaft und Religion, Gütersloher Verlagshaus
[2] ein paar wenige sind hier im blog zu finden (bitte scrollen), aber auch im Versandhandel bringt die Suche nach dem Stichwort „Tod“ ausreichend viele Treffer…
[3] Noch deutlicher wird dies z.B., wenn man den Begriff „Gott“ nimmt. Als Christ tauchen bei der Erwähnung des Wortes immer die bekannten Bilder auf, Gott als älterer Mann mit weißen Haaren. Die dahinter steckende Idee des Göttlichen an sich, des Numinosen, die völlig unabhängig ist von einer personifizierten Gottheit, verliert sich…

Jürgen Domian
Interview mit dem Tod
Gütersloher Verlagshaus, HC, 176 S., 2012

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