Mario Vargas Llosa: Lob der Stiefmutter

30. Juni 2012

Im Klappentext meiner Ausgabe wird der Autor mit der Aussage wiedergegeben, die erotischen Aktivitäten an sich seien in ihrer Variationsfähigkeit recht eingeschränkt. Nun ja, der Meinung kann man sein, denn überträgt man den alten Fussballerspruch: „Das Runde muss ins Eckige“, bleiben einem zwar mehr aber immerhin eine doch nur (gleitet man nicht ins allzu Abseitige hinüber) überschaubare Menge an Realiserbarem. Vielleicht ist dies ja auch einer der Gründe, warum erotische Literatur oft wenig originell erscheint, man kann die Anzahl der Beteiligten, deren Vorlieben, die Location ändern, aber letztlich läuft alles auf eins hinaus…

Liest man erotische Literatur, kann man verschiedene Ansätze erkennen, sich diesem „einen“ zu nähern. Brodkey, der mir da gerade einfällt, versucht diese Annäherung in seiner Erzählung von Orra von der intellektuellen Warte her und nimmt den Leser – obwohl man dies anfänglich nicht vermutet – am Schluß „trotzdem“ auf einen aufregenden Flug mit. Miller dagegen, dessen „Opus pistorum“ ich neulich mal wieder in den Händen hatte, wählt das andere Ende der Skala: pornographisch in Inhalt und Sprache, keinem anderen Zwecke dienend, ist es gerade seine (auch gerichtlich anerkannte) Kunst, dies auf das Körperliche reduzierte als Literatur darzustellen.

Vargas Llosa feiert dagegen hier, im „Lob der Stiefmutter“, die Erotik, den Akt, als Mysterium, als Vereinigung des Männlichen und des Weiblichen zum wahren Menschen. Im Akt, in diesem nur wenige Minuten dauernden Moment des völligen Aufgelöstseins, werfen wir in seiner Darstellung die Hüllen des Äußeren ab bzw., wie der Autor es formuliert:

“ … Man hat uns die Haut abgezogen und die Knochen aufgeweicht, man hat unsere Eingeweide und unsere Knorpel bloßgelegt, man hat alles ans Licht gebraucht, was bei der Messe oder der Liebesvorstellung, die wir gemeinsam zelebriert haben, zum Vorschein kam, anschwoll, schwitzte und sich verströmte. Man hat und die Geheimnisse genommen, mein Liebling. …

… die restlose Entblößung, die jeder vom anderen fordert beim Fest der Liebe, und die Verschmelzung, die sich nur angemessen ausdrücken läßt, wenn man die Syntax verletzt: ich gebe dich mich hin, du masturbierst mich dir, saugdichmichuns.“

Gleichzeitig ist dieses Mysterium bedroht, es ist den Attacken des Diabolischen ausgesetzt, die es zerstören wollen. Doch der Teufel kennt viele Gestalten, er kommt keineswegs immer als bockfüßig-geiler Ziegenbock daher, der nach Schwefel stinkend das Mysterium sprengt. Nein, engelsgleich kann er sich geben, mit unschuldigen Augen, lockigem Haar, ein fröhlich-unschuldiges Lachen verströmen, einer zarten, lichtgleichen Haut, kaum vom Flaum kleiner Härchen bedeckt…. den Putten gleich, diesen babyhaften Geschöpfen der mittelalterlichen Kunst, so unschuldig, daß die Verführte selbst zur Verführerin wird und sie den Drang, den Wunsch, die Gier, diese an sich zu drücken, zu herzen, zu küssen, zu streicheln nicht sein lassen kann…

*****

„Das Lob der Schwiegermutter“ ist eine Dreiecksgeschichte. Don Rigoberto, der bei einer Versicherung arbeitet, hat nach dem Tod seiner Frau Eloisa erneut geheiratet, Doña Lukrezia. Mit in die Ehe gebracht hat er seinen Sohn Alfonsito, der vor kurzem seine Erstkommunion gefeiert hat, also vorpubertär um die zehn Jahre alt sein dürfte. Wie froh ist man im Hause, daß sich Stiefsohn und Stiefmutter gut verstehen, ja, man kann davon sprechen, daß sie sich sogar lieb haben, keineswegs lehnt Fonchito die Stiefmutter ab und trauert um die Mutter. So ist auch die Ehe der beiden Gatten voller Glück und Liebe, und diese Liebe zelebrieren sie allnächtlich, nicht als Gewohnheit, Routine oder Trieb, sondern als wirkliche Vereinigung zweier Menschen zu einem Wesen. Besonders Don Rigoberto zelebriert diese erotische Kunst, die uns Varga Llosa kaum einmal direkt schildert, sondern die er umschreibt, einkreist und andeutet. Mit welcher Achtsamkeit werden sich die Liebenden im Bett begegnen, wenn schon die Vorbereitungen so sorgfältig sind.. und ja, Don Rigoberto bereitet sich vor, er widmet sich in aller Achtsamkeit der körperlichen Reinigung als seinem liebsten Zeitvertreib – gleich nach der erotischen Kunst. Die Reinigung des Körpers ist bei ihm schon Erotik, autoerotisch zwar, aber auch und gerade ein Vorspiel für das, was sich anschließen wird. Sie  ist minutiös ausgearbeitet, körperliche Reinigung und geistige Läuterung zur gleichen Zeit und der Autor läßt uns daran teilhaben. Ob es die detailliert dargestellte Säuberung des Ohres ist, welches nachher dem Lauschen der Geräusche des Leibes der Geliebten dienen soll oder der Nase, die ihm ihre Gerüche und Miasmen zuführen soll, es sind Riten, Vorbereitungen für den Opferdienst des Paares. So ist jeder Wochentag der Zuwendung Don Rigobertos einem Organ oder Körperteil gewidmet, selbst seinen Darm (und Vargas Llosa spart diesen skatologischen Aspekt beileibe nicht aus) hat er zu allabendlicher Pünktlichkeit erzogen.

In dieses ausgefeilte Ritual bricht nun das Unglück ein. Nein, es ist nicht von vornherein als solches zu erkennen, im Gegenteil, anfänglich scheint es sogar das Glück aller noch zu erhöhen, zu vermehren. Sehen wir, wie…

Zu ihrem vierzigsten Geburtstag findet Doña Lukrezia abendes auf ihrem Kopfkissen einen Brief des Stiefsohnes Alfonsito, in dem er ihr sagt, daß er ihr zu diesem Tag nichts kaufen könne, aber er würde lernen, Klassenbester werden und das wäre dann sein Geschenk an sie. Darüber sehr glücklich eilt sie sofort in sein Zimmer um sich zu bedanken, vergisst dabei, über ihr dünnes, durchsichtiges Nachthemd einen Bademantel zu ziehen. Fonchito scheint nicht verwirrt, er stellt sich auf sein Bett, kommt so der Stiefmutter in der Größe gleich, und wirft seine Arme um ihren Hals und schon bald spürt Doña Lukrezia seine kindlichen Küsse auf ihrer Wange, an ihrem Ohr, ihrer Stirn, im ganzen Gesicht. Vor Glück über diese liebevolle Gefühl des Kindes zu ihr mag ihr schier das Herz zerspringen….

An dieser Stelle widmet sich Vargas Llosa diesem Bild [2], auf dem die Göttin des Waldes, Lukrezia mit ihrer Favoritin zu sehen ist [1], das er uns erklärt und deutet. Vor allem aber weist er auf den im Hintergrund versteckten Beobachter in, die eigentliche Hauptperson des Bildes, mit dem von innerer Hitze gerötetem Gesicht, „..die blonden Locken im Laubwerk verfangen, das kleine, blaßhäutige Glied wie ein Banner aufgerichtet..„, Foncito mit Namen. Nicht, daß Lukrezia nichts von diesem heimlichen Dritten im Hintergrund wüsste, nein, sie und ihre Favoritin treiben ihr Spiel mit ihm, drehen sich, kosen sich, seine Hitze anzufachen und ihn mehr noch als zuvor aufzustacheln….

Dann berichtet das  Hausmädchen Doña Lukrezia das kaum glaubhafte, der Sohn nämlich würde sie heimlich beim Bade beobachten, hätte (da sie, die Stiefmutter, ihm daraufhin die äußerlichen Merkmale der Zuneigung entzog) gar damit gedroht, sich umzubringen… Nein, das will Doña Lukrezia natürlich nicht, also gibt sie dem Drängen des Jungen nach, versichert ihm ihre nach wie vor bestehende Liebe zu ihm…. Sie weiß selbst nicht, welcher Dämon in ihr sie dazu trieb, aber der Göttin des Waldes gleich stellt sie sich beim nächsten Bade zur Schau, sie bietet dem heimlichen, nichtsdestotrotz bekannten Beobachter Einblicke in das, was nicht sein dürfte….  und so entwickelt sich diese Geschichte weiter und ich will es dabei bewenden lassen, anzuführen, daß die Beziehung zwischen Doña Lukrezia und Alfonsito nicht platonisch bleibt.

Welches Glück scheint äußerlich in diese Familie zu ziehen. Doña Lukrezia wird in ihrer Liebe mit dem Sohn noch schöner, scheint Don Rigoberto noch begehrenswerter und verführerischer geworden und läßt dies allnächtlich ihren Mann spüren, der sein noch weiter angewachsenes Glück kaum fassen kann. Und dieses Glück dauert an, bis der Sohn ihm eines Tages ein paar verwirrende Fragen stellt, Sätze sagt und zu guter Letzt ihm seinen Schulaufsatz: „Lob der Schwiegermutter“ zu lesen gibt.

Zeigen Shriver, Picault und  auch Oates oder Lessing in ihren Romanen das Böse in seiner grausamen, unmenschlichen Fratze, führt Vargas Llosa es in seiner verführerischen, nichtsdestotrotz vernichtenden Maske vor. Fonchito ist äußerlich einem Engel gleich, aber er zeigt sein Lachen, seine glänzenden Augen, seinen schmollender Mund genauso wenn er einem Menschen verführen will wie wenn er ihn in den Abgrund stößt. Er handelt amoralisch, die Folgen seiner Handlungen kümmern ihn nicht, hindern ihn auch nicht, in ähnlicher Situation wieder so zu handeln. Natürlich ist der Einwurf, eine vierzigjährige Frau, Mutter zumal, hätte auf keinen Fall eine Affäre mit einem vllt zehnjährigen Sohn beginnen dürfen, absolut richtig und ich will  Doña Lukrezia auch nicht freisprechen von ihrer Schuld. Doch sehe ich sie, so wie der Roman verfasst ist, auch als ein Opfer, das einem durchtriebenen Menschen erlegen ist. Sie hat aus Gründen, die sie selbst nicht kennt, ein Spiel angefangen, das ihr Stiefsohn ihr als Falle gebaut hat, er, dem man trotz seiner Jugend Unschuld nicht zubilligen kann.

Die Frage ist, warum Vargas Llosa seinen Verführer nicht ein paar Jahre älter gemacht hat, die Pubertät schon hinter sich, das Geschilderte glaubhafter. Vielleicht, weil der dann nicht mehr so unschuldig gewirkt hätte wie ein Kind, der Gegensatz zwischen der intuitiv vorausgesetzten Unschuld und der sich dann erweisenden Durchtriebenheit und Bosheit nicht so krass? Alfonsito jedenfalls ist ungeachtet des Unglücks, das er (mit)verursacht hat, frei von jeglichen Gewissensbissen, er lacht sein engelsgleiches Lachen mit seinen puttenhaftem Mund…

„Lob der Stiefmutter“ ist in der Tat ein wunderbarer Roman über die Verführung und die Liebe, über Schuld und Verstrickung, über Gut und Böse, über die Menschen und das Leben. Seine Erotik wirkt in der Fantasie des Lesers, in seiner Vorstellungskraft, in seiner Imagination. Schon mit der Wahl eines einzigen Begriffs setzt die Kunst des  Autoren dies in Gang .. welche Bilder erscheinen zum Beispiel vor dem geistigen Auge, wenn geschildert wird, wie ein Mann die „Kruppe“ seiner Frau seinen größten Stolz bezeichnet… So genau und präzise er einzelnes auch beschreibt, zieht er den Schleier des Andeutens vor anderem nicht zurück…  vor allem die Idee, Szenen, Vorgänge, Situationen durch die Interpretation passenden Gemälde vorzunehmen, ist großartig und verleiht dem Roman trotz seiner Tragik ungeahnte Leichtigkeit.

Links und Anmerkungen:

[1] Bildquelle Wiki
[2] in dieser Rezension werden alle von Vargas Llosa in den Roman eingebauten Bilder mit Auszügen aus den entsprechenden Textstellen wiedergegeben

Vargas Llosa führt die Geschichte um Doña Lukrezia, Don Rigoberto und Fonchito übrigens in einem Folgeroman: „Die geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoberto“, den ich hier in Kürze auch vorstellen werde, weiter….

Mario Vargas Llosa
Lob der Stiefmutter
übersetzt aus dem Spanischen von Elke Wehr
gelesene Ausgabe: Lizenzausgabe Bertelsmann, HC, 195 S.
Erstveröffentlichung: Barcelona, 1988

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