Bernhard Schlink: Der Vorleser

Dem 15jährigen Michael Berg wird auf der Straße schlecht, eine resolute Frau nimmt sich seiner an und kümmert sich um ihn, bringt ihn nach Hause. Der Junge ist an Gelbsucht erkrankt. Als er wieder auf die Beine kommt, schickt ihn seine Mutter zu dieser Frau sich zu bedanken. Michael macht dies mit einem Blumenstrauß, als er die Frau wieder verläßt schaut er zurück durch den Spalt, den die nicht ganz verschlossene Tür bietet und sieht sie ihre Strümpfe anziehen. Die Frau bemerkt die Blicke und erwidert sie. Verwirrt geht der Junge nach Hause.

Es dauert nicht lange, bis die Sehnsucht, das geweckte Verlangen Oberhand gewinnen über die Hemmungen und so besucht er sie wieder. Die Frau, Hanna, scheint nicht erstaunt, sie schickt ihn in den Keller, um Kohlen zu holen. Als er verschmutzt wieder kommt, läßt sie Wasser für ihn in eine Wanne und trocknet ihn mit einem Handtuch ab. Hinter dem ausgebreiteten Handtuch ist auch sie unbekleidet. „Dafür bist du doch gekommen“, sagt sie ihm.

Es entwickelt sich eine obsessive Beziehung zwischen dem 15jährigen und der mehr als doppelt so alten Frau. Obsessiv vor allem von Seiten des Jungen, was Hanna empfindet, erfahren wir nie ganz genau. Das Waschen, das sich Reinigen vor dem miteinander schlafen wird zum festen Ritual der beiden, das bald ergänzt wird durch ein zweites: Michael liest Hanna vor, aus Bücher, Romane, Theaterstücke…

Obschon Hanna die zentrale Figur des Romans ist, erfahren wir nicht allzuviel von ihr. Eine reife Frau, die sich ihrer Wirkung auf den Jungen bewusst ist, eine Frau, die reinlich ist und gut riechen muss nach Seife, nach ihrem Körper. Schaffnerin ist sie, sie lebt allein in dieser kleinen Wohnung, in der sie sich mit Michael trifft. Aber sonst… sie redet Michael mit „Jungchen“ an, scheint aus Berlin zu stammen. Ist Michael ein Jungchen für sie, den sie waschen muss und versorgen? Wir wissen es nicht. In der Beziehung jedenfalls ist sie die Stärkere. Wen wundert es, ein 15jähriger, der von einer reifen, erotischen Frau begehrt wird, ist bereit, vieles zu tun, um diese nicht zu verlieren. Später werden wir erfahren, daß Hanna ihm jedenfalls eines voraus hat: sie ist es gewohnt, Menschen zu verlieren.

Doch auch der Junge fühlt einen wachsenden Abstand zu Hanna entstehen, er empfindet ihn als Verrat an ihr und kommt sich schuldig vor. Das normale Leben als Schüler fängt ihn wieder ein. Zwar fühlt er sich durch die Liebe zu Hanna stark und selbstbewusst, aber gerade auch diese Selbstsicherheit macht ihn für die Mitschüler(innen) attraktiv. Er schließt sich wieder stärker an die Schulkameraden an, geht mit ihnen ins Schwimmbad, aber er verheimlicht die Beziehung, die er hat.

Eines Tages ist Hanna weg, sie ist ohne Ankündigung und ohne Vorwarnung gegangen. Für Michael bricht damit eine Welt zusammen, ist es seine Schuld, hat er sie vertrieben? Er kann keine Spur seiner Geliebten finden, erfährt gerade noch, daß ihr von der Straßenbahngesellschaft, die auch nichts weiß von ihrem Verbleib, wenige Tage zuvor eine Zusatzausbildung angeboten worden war. Es ist eine der schlimmsten Formen der Trauer, die der Junge in dieser Situation durchmacht: einen geliebten Menschen verlieren, sich auch von ihm verraten fühlen, ohne daß er mit einem andern Menschen reden kann, einen anderen Menschen finden kann, der ihn auffängt [3]. Schmerz, Betäubung, dieses neben sich stehen, nichts mehr an sich heranlassen, dieses von aussen oft auch als arrogant empfundene – all das macht Michael durch und es gelingt ihm nicht wirklich, den Verlust Hannas in sein Leben zu integrieren, er wird ihn auch als  Erwachsenen noch dominieren.

Michael studiert Jura und im Rahmen eines Seminarprojekts soll die Gruppe einen Nazi-Prozess gegen mehrere Wärterinnen aus Auschwitz beobachten und analysieren. Es ist die Zeit der Studentenunruhen, die muffige Decke des Verschweigens und Ignorierens der Nachkriegszeit fängt an, löchrig zu werden.

Im Gerichtssaal erkennt Michael Hanna sofort. Die Haare sind anders, der Rücken stark und muskulös, wie er ihn in Erinnerung hat, der Nacken auch. Der Leberfleck an der Schulter, den er küsste, natürlich weiß er ihn noch…. Jeden Tag ist Michael im Gericht, Hanna ignoriert ihn, obwohl sie ihn bemerkt haben muss. Ihre Verteidigung ist ungeschickt, sie verwirrt den Richter des öfteren, sie gibt zu, was war, sie streitet ab, wo etwas nicht so war. Ihren Mitangeklagten gelingt es, sie als Verantwortliche darzustellen dafür, daß die Tore des Kirchenschiffs nicht aufgeschlossen wurden, in dem die Frauen des Todesmarsches von Auschwitz [4] eingesperrt worden waren und das jetzt lichterloh brannte. Zwei Frauen nur überlebten diese Nacht. Ihre Lieblinge habe sie gehabt, schwächliche, zarte junge Frauen, die sie zu sich gerufen habe. Natürlich, man denkt sich wofür.. nein, vorgelesen haben sie ihr, und wurden dafür nicht oder nicht so schnell vom Aussenlager zurück nach Auschwitz geschickt. Und irgendwann in diesen langen Wochen findet Michael den Puzzlestein in Hannas Leben, der alles erklärt, die Vorleserei, die irritierenden Aussagen von Hanna vor Gericht und so manche nicht verständliche Reaktion Hannas vor langen Jahren, damals: Hanna kann nicht lesen und nicht schreiben. Sie weiß einfach nicht, was in den Protokollen steht, die sie unterschrieben hat; immer wenn ihr berufliche Weiterbildung angeboten wurde, ist sie gegangen, damals, als sie bei Siemens war zur SS, nach dem Krieg von der Straßenbahn zur .. wir erfahren es nicht. Für den Prozess würde sich vieles ändern, wenn Hanna sich zu ihrem Analphabetismus bekennen würde. Sie tut es nicht. Und Michael? Hat ein Dritter, ein Aussenstehender das Recht dazu, vllt sogar die Pflicht? Eine schwierige moralische Frage, an der er letztlich scheitert.

Letztlich gibt Hanna auf, sie gibt auch Sachen zu, die sie garnicht gemacht hat, hätte machen können. Lebenslänglich lautet das Urteil für sie, für die anderen werden lange Haftstrafen verhängt.

Jahre vergehen, Michael heiratet, die Ehe zerbricht, auch an der Erinnerung an Hanna. Michael vermeidet beruflich (auch unter dem Eindruck des Prozesses) die aktive Juristerei als Richter, Anwalt oder Staatsanwalt und wird Rechtshistoriker. Dann, eines Tages geht er den Schritt und bringt er Hanna Aufenthalt in Erfahrung, besorgt sich ein Aufnahmegerät und liest wieder für sie. Er schickt ihr die Kasetten, nie schreibt er oder besucht er sie, ein Buch nach dem anderen, eine Kasette nach der anderen liest er für sie und schickt sie ihr… eines Tages bedankt sich Hanna, ein Brieflein in ungelenken, mit Kraft gegen den Widerstand der Feder geführten Buchstaben, durchgedrückt, daß es für drei Lagen Papier ausreicht….

Nach 18 Jahren wird dem Gnadengesuch von Hanna Schmitz nachgegeben. Die Gefängnisleiterin nimmt Kontakt auf  zu der einzigen Person, mit der Hanna ihrerseits Kontakt hatte. Michael Berg wird gebeten, Hanna bei der Rückkehr in die Aussenwelt behilflich zu sein. Natürlich, er kümmert sich um eine kleine Wohnung, beschafft ihr Arbeit bei einem Schneider. Den von der Direktorin erbetenen Besuch vermeidet er so lange es geht, bis ein paar Tage vor der Entlassung. „Mach´s gut, Jungchen!“ – „Du auch.“ So nahmen wir Abschied.

Dieser kleine, sensible (und sehr erfolgreiche) Roman Schlinks läßt sich unter verschiedenen Gesichtspunkten lesen und interpretieren. Zum einen kann man untersuchen, wie Schlink die Beziehung zwischen Michael und Hanna schildert, die auch mentale Abhängigkeit, in die der Junge, der gerade in seiner Pubertät sein sollte, gerät und die ihn für sein ganzes Leben (soweit es das Buch umfasst) prägen wird. Es ist- nicht verwunderlich bei der Konstitution und in den Zeiten, in denen das Buch spielt – keine Beziehung, die offen ausgelebt werden kann, auf der einzigen Reise, die die beiden zu Fahrrad unternehmen, logieren sie als Mutter und Sohn. Das (erotische) Waschritual, das mit konstituierend ist für die Beziehung („Lass mich dich waschen, Jungchen.„), läßt sich sicherlich in diese Richtung interpretieren, zumal die wirklich Mutter Michaels im Roman praktisch keine Rolle spielt und Hanna somit eine „vakante“ Funktion übernähme.

Gleichzeitig spürt der Junge die Extravaganz dieser Beziehung, wäre sie normal, könnte er davon erzählen, sie ausleben. So verheimlicht er sie seiner Umwelt gegenüber, sieht sich zu Lügen gezwungen, sieht sich selber als Verräter seiner Hanna gegenüber und fühlt sich schuldig.

In späteren Jahren fühlt Michael sich von Hanna betrogen, belogen. Hätte sie auch ihn weggeschickt so wie die jungen Frauen, ins Gas? Was war er für sie, Beischläfer, Vorleser .. oder mehr? Schlink läßt dies im Dunkeln, aus der Tatsache, daß Hanna später immer auf Briefe von ihm gewartet hat, kann man aber schlussfolgern, daß Michael auch für Hanna mehr war als nur ein Werkzeug.

Die Frage der Schuld, der Schuldhaftigkeit, der Schuldfähigkeit, der Verantwortung ist das verbindende Glied zum größeren Thema Schlinks: dem Umgang des Nachkriegsdeutschlands mit seiner Vergangenheit, seiner Nazi-Vergangenheit.  Erst Verschwiegen, unter den Teppich gekehrt, dann zögerlich, weil die neue Generation Fragen stellte und für Unruhe sorge, aufgearbeitet, dauerte es lange, bis der kollektive Verdrängungsprozess aufgebrochen war. Schlink gebraucht den Begriff von der „Betäubung“: wie kann man es aushalten, daß so schreckliches passiert, daß man Tag für Tag so etwas Grausames ansehen muss. Es tritt etwas ein wie eine Dissoziation, man betrachtet alles von aussen, läßt nichts mehr an sich heran: „Jeden Tag dasselbe. Menschen wurden verbrannt.“ [6]. So auch Hanna vor dem Gericht: „Wir waren doch verantwortlich, daß sie nicht flohen.“. „Was hätten Sie denn gemacht?“ fragt sie den Richter, der irritiert und ausweichend nur antworten kann, was man hätte machen müssen…. Erst die Scham und die unter anderem daraus resultierende Hartnäckigkeit und Auflehnung der nicht direkt betroffenen Kinder über die Elterngeneration hat diese Betäubung aufgebrochen.

Wie selbstbestimmt darf ein Mensch sein Leben führen? Auch diese Frage spielt eine Rolle, Hanna verschweigt aus Scham ihren Analphabetismus und nimmt lieber die Schuld an unmenschlichem Verbrechen auf sich. Es ist ihre Entscheidung, sie könnte sie jederzeit revidieren und damit ihr Schicksal entscheidend beeinflussen. Da sie es nicht macht, darf dies ein Dritter? Darf, soll oder muss Michael sogar zum Gericht gehen und es darüber informieren? Schlink läßt Michaels Vater, einem Philosphen, die Antwort geben: es würde die Würde desjenigen verletzen, über dessen Kopf hinweg und gegen dessen eigene Entscheidung einzugreifen.  Mit ihm reden, nicht über seinen Kopf hinweg, das wäre das richtige…

Schlink läßt seine Hauptperson, Michael Berg, die Geschichte als Ich-Erzähler aus seiner Perspektive wiedergeben. Es ist ein im Grunde handlungsarmes Stück, das dominiert wird von Fragen und Reflexionen, wobei die meisten der Fragen unbeantwortet bleiben. So können wir uns als Leser auch nicht zurücklehnen in bequeme Antworten des Textes, wir sind gezwungen, diese selbst zu finden, für uns zu finden. Nicht mit allem, was Schlink sagt, kann man von vornherein einverstanden sein, etwa – das fällt mir gerade ein – wenn er davon redet, daß Liebe zu einem „falschen“ Menschen schuldhaft sei: „… war ich schuldig, weil ich eine Verbrecherin geliebt hatte.

„Der Vorleser“ ist eine tiefgründige Geschichte über Schuld und Verantwortung, eine Liebesgeschichte voller menschlicher Tragik, die anrührt. Es fällt mir schwer, Hanna trotz des Wissens um ihre Verbrechen als schlechten Menschen zu sehen und nicht traurig zu sein, daß ihr auf Erden kein anderes Schicksal vergönnt war. Und gleichzeitig bedaure ich Michael, dessen Leben über Jahrzehnte durch das verantwortungslose Handeln Hannas geprägt war.

 Links und Anmerkungen:

[1] von den vielen im Internet zu findenden Stellen verlinke ich hier (ohne besonderen Grund) nur die Analyse des Buches von Dagmar Erne: Bernhard Schlink: Der Vorleser, Diplomarbeit, Innsbruck, 2001
[2] Trailer des Films (2009) bei youtube
[3] vergleichbar vllt mit der Situation, wenn der/die verheiratete Geliebte stirb und die/der zurückbleibende u.U. selbst verheiratet ist, also nach außen den Schein aufrecht halten muss…
[4] zum Todesmarsch von Auschwitz
[6] mit diesen Worten zitiert Anne Kunze: Registraturen der Hölle, DIE ZEIT, 14.06.2012, S. 23, eine DP („Displaced Person“) als Antwort auf die Frage nach „Besonderheiten im Lager“

Bernhard Schlink
Der Vorleser
Diogenes, TB, 208 S., 1997

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3 Kommentare zu „Bernhard Schlink: Der Vorleser

  1. Ein sehr beeindruckendes Buch. Ich habe es zuerst im Deutschunterricht gelesen, dann später im Rahmen meiner Masterarbeit noch einmal. Ein vielschichtiges Werk, das man auf mehreren Ebenen lesen und analysieren kann – die Liebesbeziehung zwischen Michael und Hanna, die Frage von Schuld und Unschuld, Verantwortung und Wiedergutmachung, Analphabetismus… Und noch dazu ist es eine schlichtweg berührende Geschichte vom Anfang bis zum Ende.

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  2. Besten Dank für diese ausführliche Zusammenfassung und Rezension! Ich hatte das Buch vor gut 3 Jahren auch schon im Biblionomicon besprochen und kam zu einem ganz ähnlichen Schluss: eine tiefgründige und bewegende neue Seite der deutschen Vergangenheitsbewältigung, die die Frage nach Schuld und Verantwortung neu aufwirft und beleuchtet.
    Viele Grüße,
    Harald

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    1. .. und, hast du dir den film angeschaut? ich kann mir kate winslet überhaupt nicht in der rolle als hanna vorstellen. der beschreibung nach, vor allem der rückenansicht von hanna im gerichtssaal, passt das einfach nicht auf kate winslett… interessieren würde mich jedenfalls, wie dieses doch sehr in der innenschau spielende stück vergangenheitsbewältigung filmisch dargestellt wurde. na ja, wie du merkst, ich kenne den film nicth….

      hanna ist jedenfalls ein gutes beispiel dafür, daß doch sehr, sehr oft die zwischentöne herrschen und nicht nur schwarz und weiß….

      .. und hab lieben dank für deinen kommentar!
      fs

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