Antje Wagner: Schattengesicht

Es ist dies mit „Schattengesicht“ innerhalb kurzer Zeit nach „Unland“ [2] der zweite Roman der Autorin, den ich hier vorstelle [1]. Dies hat seinen Grund: die Bücher sind einfach spannend geschrieben, die Autorin versteht es, ihre Geschichten so zu konstruieren, daß das Geheimnisvolle dahinter allzeit spürbar ist, ohne daß man es greifen kann. So auch in diesem Roman. Dies macht es andererseits schwierig, den Inhalt des Buches wiederzugeben, zu groß die Gefahr, voreilig eins der Geheimnisse zu lüften und dem Buch damit die Spannung zu nehmen.

Versuchen wir es aber trotzdem.

Wir lernen im ersten, kurzen Abschnitt des Buches die 23jährige [3] Milana Helmholz bei der Kleiderausgabe im Gefängnis kennen, sie hat, so sagt sie den anderen, einen Menschen umgebracht. Von dieser Situation ausgehend, die automatisch die Frage in den Raum stellt, was passiert ist und wie und aus welchen Gründen, läßt Wagner ihre Protagonistin ihr Leben in Rückblenden erzählen und zoomt so zurück auf die Lebenssituationen von Mila, in denen die entscheidenden Weichenstellungen stattfanden.

Die Kindheit von Mila war glücklich. Zwar waren ihre Eltern wirklich alt, aber sie zogen sie mit viel Liebe auf und ließen ihr viel Freiheit. Dies sollte sich mit dem Tod ihres Vaters ändern. Völlig unvermittelt taucht Ina, ihre Schwester, von der sie bis zu diesem Tag nichts wusste, mit Carsten vor dem alten, jetzt, nachdem der Vater tot ist geschlossenen Gasthof der Helmholzens auf. Anfänglich noch als Abwechselung des täglichen Lebens empfunden treten bald Spannungen zwischen Mila und Ina auf, da letztere durch Verbote, Verhängung von Stubenarrest etc. immer stärker in das Leben von Mila eingreift. Nur gut, daß Mila Polly kennen gelernt hat, eine Stromerin, die eines Tages plötzlich in ihrem geheimen Versteck am Weiher auftauchte. Zwar verschwand sie dann wieder für einige Zeit, aber gerade im richtigen Moment, als es Mila schlecht ging, kehrt sie wieder zurück und konnte das Mädchen trösten. Von da ab waren die beiden unzertrennlich.

Wieder ein Zeitsprung…. ein paar Jahre später, nachdem Mila (die jetzt im Haushalt von Ina und Carsten lebt) ihr Abitur gemacht hatte, fahren die beiden zusammen für einen Ferienjob nach Schweden. Dort sollten sie für ein paar Wochen auf ein Haus in einem kleinen Dorf aufpassen. Hier lernte Polly dann Ole Jansson kennen – obwohl, kennenlernen ist der falsche Ausdruck, eher muss man sagen, sie traf auf ihn….

Noch ein paar Jahre später ist Mila mit ihrem Studium fertig. Von Berlin aus geht sie mit Polly nach Mannheim, eine Stelle als Lehrerin antreten. Sie ziehen in eine Wohnung in einem herunter gekommenen Viertel, nehmen Vincent, den Polly aus einer lebensgefährlichen Situation gerettet hat, zu sich in die Wohnung. Die beiden, bzw. es sind ja jetzt drei, haben auch hier keine Ruhe, es gibt aber mit dem Nachbarn, den/die sie lange Zeit nicht kennengelernt haben, Ärger und so müssen sie diese Wohnung fluchtartig verlassen….

Die letzte Station, auf die uns Wagner die beiden jungen Frauen begleiten läßt, ist ein Hotel, in dem Mila als Zimmermädchen arbeitet. Die Lebensumstände der beiden sind mies, sie hausen in einer abbruchreifen Wohnung, die Fenster sind verhangen, damit kein Licht nach aussen tritt. Im Hotel wird Mila von ihrer Chefin gemobbt, nichts kann sie dieser domina-haften Frau recht machen, eine Schikane nach der anderen muss sie erdulden. Dies ändert sich erst, als Rosa, so heißt diese Frau, auf der Fensteraussenseite im neunten Stock nach Dreckspuren sucht, mit dem sie Mila vorführen kann….

Wie gesagt, dies beschreibt die Autorin in Rückblenden. Je weiter wir darin in die Vergangenheit gelangen, desto näher kommen wir dem Geheimnis von Milana und Polly, die seit damals, der ersten Umarmung, als Polly zu der kranken Mila ins Bett schlüpft und sie warm hält, alles zusammen machen. Und es muss ein dunkles Geheimnis sein, denn um sie herum ist der Tod nicht weit, das Sterben, das Vergehen, das immer tiefgreifender auch auf das eigene Leben übergreift, welches mehr und mehr von Dunkelheit und Einsamkeit geprägt wird. Exemplarisch dafür die vielen Umwege, die Mila auf sich nehmen muss, um von ihrer Arbeit im Hotel in die dunkle Wohnung zu kommen, die Wohnung (das Haus) immer ja auch ein Bild für das eigene Innere. Das einzig warme, tröstende in dieser Existenz/Wohung ist die Anwesenheit von Polly….

Die langen Jahre zwischen den Zeitsprüngen läßt Wagner im Dunkeln. Wir erfahren nicht, was in diesen Zeiträumen passiert, dieser Kunstgriff ermöglicht es ihr, die einzelnen Episoden weitgehend isoliert zu schildern, ohne auf eine kongruente Story achten zu müssen. Aber dies schadet nichts, es sind die Schlüsselszenen eines Lebens, die Wagner schildert, eines Lebens, das – obwohl zu zweit geführt – immer einsamer und trostloser wird. Es ist erstaunlich, wie es Wagner gelingt, die Spannung, die sie von der ersten Seite an erzeugt, durch geschicktes Spiel mit der Sprache, durch Doppelbödigkeit und Weglassungen bis zum Schluss aufrecht zu erhalten. Zwar ahnt man irgendwann, worauf die Geschichte hinausläuft, aber wirklich sicher sein kann man sich nie, daß Wagner nicht noch eine erneute Wende in petto hat.

„Schattengesicht“ ist ein kurzer Roman, aber ein intensiver, sehr spannender. Er hat Momente, in denen man förmlich in die Geschichte hineingesogen wird und die Umwelt vergisst. Mila (und in geringerem Masse auch Polly) nehmen vor dem geistigen Auge Gestalt an, man meint, beim Lesen den Weiher zu sehen, die unerträgliche Hitze des Sommers zu spüren oder auch ein die kalte Mimik Rosas zu schauen, die sich an Milas Angst weidet…

So, würde ich das jetzt noch so machen wie früher und ein Facit schreiben, könnte da nur stehen: spannend, hintergründig, fesselnd, empfehlenswert!

Links und Anmerkungen:

[1] ich bedanke mich beim Verlag für die Überlassung eines Buchexemplars
[2] zur Buchvorstellung hier im blog: Antje Wagner: Unland
[3] ich halte mich bei dieser Altersangabe einfach mal an den Text der Autorin [S. 82] und nicht an die dem Buch vorgeschaltete Inhaltsangabe, in der Mila drei Jahre älter gemacht wird
[4] über eine Sache bin ich gestolpert: der/die Nachbar/in in der Mannheimer Wohnung wird zwar nie gesehen, aber als man sich dann auf der Straße plötzlich über den Weg läuft, wird er/sie sofort mit Namen angeredet. Oder habe ich das was überlesen? Genauso wird der Besuch bei diesem/r Nachbarn/in durch den Türspion beobachtet, aber nicht erkannt, obwohl….

Antje Wagner
Schattengesicht
bloomsbury taschenbuch, 190 S., 2012
Erstveröffentlichung: Berlin, 2010

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