Robert Bober: Wer einmal die Augen öffnet, kann nicht mehr ruhig schlafen

14. Juni 2012

So hatte ich keine Erinnung mehr an meinen Vater, erinnerte mich aber an den Vater meines Bruders, der wiederum selbst keine Erinnerung an seinen Vater hatte.

Bernard Appelbaum ist der Sohn von Jacques Appelbaum, der früher Yankel hieß und als solcher die Hanna Horovitz geheiratet hat. 1939 flohen sie aus dem kleinen polnischen Przytyk nach Paris, der Sohn, den Joseph zu nennen sie sich ob der Zeiten nicht trauten, wurde 1940 geboren. Aber auch Frankreich gab ihnen keinen Sicherheit, 1942 verließen sie Hals über Kopf ihre Wohnung [2], um sich zu verstecken. Einige Dokumente waren noch aus der alten Wohnung zu holen, über die Dächer schlich sich Yankel dorthin. Ist er verraten worden oder war er unvorsichtig? Niemand weiß es, nur soviel ist sicher, irgendwann im Sommer 1942 wurde er in irgendeinem der deutschen Lager verbrannt.

Nach dem Krieg traf Hannah Leizer wieder, der eine eintätowierte Nummer auf dem Arm hatte und den sie aus ihrem Heimatort kannte. Ein Jahr später wurde der kleine Axel geboren und noch ein Jahr drauf wollte Leizer seine Schwester Esther in Amerika besuchen. Sein Flugzeug stürzte über den Azoren ab [2].

Und so lebt Hanna Zygelman, verw. Appelbaum, geb. Horovitz zusammen mit ihren Söhnen und auch noch der Schwiegermutter, aber ohne einen der Männer, die sie in ihrem Leben liebte, in einer kleinen Wohnung in Paris.

Anfangs der 60er Jahre trifft der nun 21jährige Bernard durch Zufall seinen ehemaligen Betreuer aus dem Jugendlandheim, in das er als Kind immer fuhr, Robert, wieder. Dieser streift mit einer Kamera ausgerüstet durch die Straßen der Stadt. Man begrüßt sich, kommt ins Gespräch und Bernard erfährt, daß Robert als Assistent von Truffaut arbeitet und sich nach möglichen Drehorten für den Film „Jules und Jim“, der Geschichte  von drei Menschen, deren Schicksal tragisch miteinander verknüpft ist umschaut [3]. Das Angebot, selbst als Statist mitzuwirken, nimmt Bernard natürlich an….

Nach der Premiere schauen sich Bernard und seine Mutter den Film natürlich an. Die für Bernard wichtigste Szene, die drei Küsse mit Laura, die er heimlich aber unerwidert liebt, ist zwar gestrichen worden, aber trotzdem wird dieser Film sein Leben entscheidend ändern. Denn das Schicksal dieser drei Filmfiguren baut seiner Mutter nach all den vielen Jahren eine Brücke, über die diese mit ihrem eigenen Schicksal, das mit Yankel verknüpft ist sowie in gleicher Weise mit Leizer, gehen kann. Zum ersten Mal ist sie in der Lage, ihrem Sohn ihre Geschichte, die ja auch die seine ist, zu erzählen….

Die Geschichte von Jules, Jim und Catherine .. war wie das Echo der Geschichte, die meine Mutter erlebt hatte. Und als hätte das Gefilmte sie wiederbelebt, begann sie ihre Erzählung damit, wie sie meinem Vater und Leizer bei der Protestkundgebung gegegenet war, die auf das Pogrom von Przytyk folgte. 

… was wäre gewesen, wenn damals, als die drei zum Tanzen verabredet waren und Leizer nicht kommen konnte, weil ihm ein Ungeschick passiert war und so Yankel den ganzen Abend mit Hannah zusammen war und tanzte, wenn also an diesem Abend Yankel nicht hätte kommen können und statt dessen Leizer….

Später lesen wir im Buch von Bernard, dessen Beruf uns nicht verraten wird (ist er möglicherweise Student, denn es wird berichtet, daß er Vorlesungen hört?) daß er eben eine solche Vorlesung gehört hat, in der es um die „Gelegenheit“ des Augenblicks geht, um die Magie, die Schicksalshaftigkeit, die ein Moment, ein Wimpernschlag im Leben haben kann für das große Ganze. Der Moment, in dem dem Anderen die eigene Liebe zu ihm offenbart wird, „die verzauberte Minute, in der ein Blick einen anderen kreuzt„, das Ereignis der Geburt eines Kindes aber auch der Anruf, der einem Gefahr verkündet und zur Flucht veranlasst…. Was wäre passiert, wenn Bernard damals nur ein paar Minuten später durch die Straßen flaniert wäre und Robert nicht getroffen hätte? Hätte er dann nie erfahren, wie das Schicksal mit seinen Eltern spielte?

Bobers Roman, in der er sich selbst als Nebenfigur einführt, ist ein wunderbares Stück Literatur. Er ist leise, nachdenklich, poetisch, einfühlsam, sensibel, melancholisch, er erzählt vom Glück der Menschen, ihrer Tragik, er verschweigt nicht das große Morden, das geschah und das Wegschauen, das es ermöglichte, er läßt uns einen jungen Menschen begleiten, der durch einen Augenblick, durch einen Zufall auf die Spur des eigenen Lebens, der eigenen Herkunft gebracht worden ist und der dieser jetzt nachgeht. Es ist die Frage nach der Erinnerung, nach deren Vergänglichkeit, nach der Möglichkeit, sich die Erinnerung auch anderer anzueignen und zu eigenen zu machen und nach der Zwangsläufigkeit auch, mit der Erinnerungen verblassen, ineinanderlaufen, unscharf werden und täuschen können.

Und nebenher ist es eine Liebeserklärung an ein Paris, das es so heute vielleicht gar nicht mehr gibt. Wir streifen mit Bernard durch die Gassen der Stadt, wir lesen Texte von Chansons, die es schon damals nicht mehr gab,  wir begleiten ihn in sein Lieblingsbistro, in dem er seinerzeit Laura küssen durfte, musste sogar, denn ob sie ihn ohne diesen „Zwang“ auch hätte küssen wollen, darf ausgeschlossen werden, in dem er sitzt, sich unterhält, die Zeitung liest. Madame Rayda sitzt an ihrem Fenster, ein Foto zeigt sie uns, sie hat den Arm auf das Gitter gelegt, welches sie vor dem Herausstürzen schützt, sie schaut die Straße herunter, der Pelz des Kragens ihres Mantels, den sie trägt, streichelt und umschmiegt ihren Hals und direkt neben dem Fenster sehen wir die verwitterte Holztafel, auf dem sie ihre Dienste anpreist: Tarot, Kartenlegen.. in die Zukunft schauen. Oft kommt Bernard an diesem Fenster vorbei…

„The answer, my friend, is blowing in the wind,
 The answer is blowing in the wind. (Bob Dylan)“

Links und Anmerkungen:

[1] Damit ist die Zusammentreibung und Deportation von über 13000 Juden in Velodrome d´Hiver gemeint, die de Rosnay in ihrem ergreifenden Roman „Sarahs Schlüssel“ beschrieben hat
[2] Wiki-Artikel über diesen Flugzeugabsturz
[3] Wiki-Artikel zum Film „Jules und Jim“, Trailer zum Film auf youtube

Robert Bober
Wer einmal die Augen öffnet, kann nicht mehr ruhig schlafen
aus dem Französischen übersetzt von Tobias Scheffel
Kunstmann, HC, 254 S., 2011

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2 Responses to “Robert Bober: Wer einmal die Augen öffnet, kann nicht mehr ruhig schlafen”

  1. caterina Says:

    Allein der Titel des Buches ist einfach großartig. Ich habe mir sagen lassen, es handele sich um einen Vers aus einem französischen Gedicht… ein wunderschöner und – angesichts des Holocaust – schrecklich wahrer Satz.
    Das Buch steht schon seit geraumer Zeit auf meiner Wunschliste – nicht zuletzt wegen des Titels, aber auch weil ich in irgendeinem anderen Blog schon eine ebenso schöne Besprechung wie deine las.

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    • flattersatz Says:

      .. dann, liebe caterina, kann ich dir nur raten, es dir möglichst schnell und umgehend zu besorgen. allein, wenn du dieses bändchen in die hand nimmst und das umschlagbild betrachtest, geht die sonne auf.. es fehlt eigentlich nur das lesebändchen, dann käme es einem perfekten buch schon sehr nahe.. du siehst, wie sehr es mir diese geschichte und ihre verpackung angetan haben… ;-)

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