Lothar Schöne: Die unsichtbare Bruderschaft

Lothar Schöne, von dem ich hier bei „aus.gelesen“ schon zwei Romane vorgestellt habe [1], hat mit dem vorliegenden Werk something completely different vorgelegt. „Die unsichtbare Bruderschaft“ ist ein historischer Roman, dessen im Winter 1779 spielende Handlung in den heimischen Gefilden des Autoren angesiedelt ist, die auch nicht allzuweit weg sind von meinem Wohnstatt. Im „scheenen Meenz“ (schönen Mainz) also spielt die Handlung, auch ein wenig „dribbedebach“ (auf der anderen Seite des Rheins) und es geht um eine wilde Verschwörung gegen einen der bekanntesten deutschen Wissenschaftler dieser Zeit, nämlich Georg Forster, der seinerzeit als Jüngling mit Vater und Captain Cook 3 Jahre um die Welt segelte, seine Beobachtungen in Worte fasste und in Buchform unter die Leute brachte und der so zu einiger Prominenz gelangte.

Dieser junge, mit seinem Vater in London ansässige Mann wird von eben jenem mit einem Dokument nach Mainz geschickt, um es eben daselbst für viel Geld an den Kurfürst-Erzbischof Erthal zu übergeben. So weit, so gut. Wäre da nicht der Inhalt des Dokuments offensichtlich so brisant, daß dem jungen Forster, kaum ist er angekommen, schon massiv aufgelauert wird, immer mit dem Ziel, ihm jenes Schriftstück zu entwenden. Und so herrscht bald ein munteres Treiben rund um unseren Helden, den wir lesend vorwiegend auf der Flucht vor einem unbekannten Schwarzumbehangten begleiten. Langweilig ist er nicht, der Roman Schönes: es wird geheuchelt und gemeuchelt, geteert und gefedert, so mancher verliert sein Auge und es begegnet uns sogar eine Autofellatio der besonderen Art. Natürlich ist jeder verdächtig, da die Bösen als Mitglieder in einem der Geheimbünde vermutet werden, den Freimaurern, den Rosenkreuzern, den Illuminaten oder gar dem geheimsten der Geheimbünde, dem weißen… schließlich kommt es zum Showdown in den Mauern des ehrwürdigen Klosters Eberbach, dort endlich wird auch gelüftet, was es mit dem so heiß begehrten Dokument auf sich hat….

Wie schon gesagt, es ist ein munteres Büchlein, kurzweilig und mit seinen Ausflügen ins Bodenständige zumindest für Ansässige sicher auch ein Vergnügen zu lesen. „Worscht, Weck unn Woi“ zusammen mit der im meenzer Dialekt präsentierten Weltschau des Bürgermeisters: hübsch, hübsch. So hübsch wie des Bürgermeisters Töchterlein, die Lisa, zu der wir noch kommen werden. Überschüssige Gedanken an die Logik all dessen, was er schreibt, hat Schöne wohl nicht verwendet. Es gibt eine ganze Menge Tote im Verlauf des Buches, aber ehrlich gesagt, mir ist nicht klar geworden, was das mit dem Handlungsfaden zu tun hat. In brenzligen Situationen gibt es immer einen Retter wie der Deus ex machina, und wenn es eine unvermutet in Wirtshaus eilende behoste Dame ist, die für einen eiligen Aufbruch sorgt, um den Häschern zu entwischen….

Rund um den jungen Forster, der selbst eher nachtblind durch die Geschichte getrieben wird – entweder von seinen Feinden oder auch von seinen Freunden – drapiert Schöne einige bekannte (oder auch nicht mehr bekannte und damit der Vergessenheit entrissene) Persönlichkeiten [2]. Zu nennen wäre hier der verwachsene Dichter Wilhelm Heinse, der mit  leicht erotomaner Zwangsvorstellung die Idee vertritt, der Mensch solle im Leben zuvörderst Lust und Freude suchen. Seinen Laidion [3] zu erwähnen wird Schöne nicht müde. Zu ihm gesellt sich die erste deutsche Romanschriftstellerin Sophie von La Roche, hier in äußerst emanzipierter Form. Deren Freundin, die ihr der Autor an die Seite stellt, ist zwar sprach- und mundfaul, agiert aber in einer Art und Weise, die Jet Li zu Anerkennung nötigen würde. Dann gibt es da noch einen hünenhaften Alchemisten, der vorwiegend als Lenker einer im Schneetreiben geisterhaft wirkenden Kutsche agiert und.. ach ja, Tommy, den gleichaltrigen Freund Forsters, unerschrockener Mediziner der autopsierenden Art.

1779, das sind unruhige Zeiten, 10 Jahre später sollte in Frankreich die Revolution ausbrechen und die althergebrachten Strukturen wegfegen. Natürlich spürt man diese Entwicklung auch in deutschen Landen, nicht zuletzt die genannten Geheimbünde waren z.B. der Kirche ein Dorn im Auge, da sie deren Alleinvertretungsanspruch auf die Erziehung des Menschen bestritten. Die beharrenden Kräfte setzen alles dran, alle Zeichen der Aufklärung, alle als Angriff auf die göttliche Ordnung gedeuteten Aktivitäten auszumerzen. Wissen und Glauben geraten immer mehr in Konflikt, die katholische Kirche sieht sich angegriffen und zögert nicht, alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen, diese Angriffe anzuwehren und den status quo aufrecht zu behalten. Der „wahre“ Gegenpol zu diesen restaurativen Kräften ist in dieser Geschichte eigentlich der oben erwähnte Heinse mit seiner Ansicht, daß das Leben eben nicht nur Schweiß und Tränen bereit halten sollte. Während Forster (und die Wissenschaft allgemein) Erkenntniszuwachs sucht und er/sie damit eher passiv in Widerspruch zur Kirche gerät, propagiert Heinse ja das Führen eines freudvollen Lebens, im Gegensatz zur Kirche, die das Erdensein des Menschen als Schule sieht, in der sie den den Menschen zum perfekten/vollkommenen erziehen soll. Hier liegt, soviel sei verraten, auch das Geheimnis des Dokuments, dem alle nachjagen…. Lisa, was war mit Lisa? Ich hatte sie oben erwähnt und versprochen, auf sie zurück zu kommen.. also: sie … ach, greifen wir nicht voraus, lese es jeder selbst, ein Frauenzimmer jedenfalls, das sich in Situationen, in denen es darauf ankommt, zu helfen weiß!

Beim Lesen kommt man an Stellen, bei denen man auf einmal „Hoppla!“ sagt, weil man über das Geschriebene stolpert. So zum Beispiel soll schon 1779 etwas abgegangen sein wie Schmidts Katze.. ist dieser Spruch wirklich schon so alt? Auch der Stil, in dem Heinses erotisches Elaborat vom Laidion wiedergegeben wird (der Dichter und Denker ist Vorleser beim Kurfürst-Erzbischof und amüsiert jenen mit seinem freizügigen Text) läßt eher vermuten, jemand wie Laura Lay hätte ihre Finger im Spiel als daß es dem schwülstigen Geschwurbel des originalen Textes entspricht…. sei´s drum….

Was also bleibt nach dem Lesen von diesem Roman? Jedenfalls ein kurzweiliges Stück Unterhaltungsliteratur, in kleinen Häppchen (sprich: Kapiteln) dargeboten, mit viel Tempo, einigem Witz, vielen Volten und Kapriolen, einem gehörigen Schuss lokaler Bezüge, das nicht zuletzt daraus auch einiges an Spannung zieht. Die Substanz, die ich in den schon erwähnten Romanen Schönes [1] bisher gefunden habe, habe ich ein wenig vermisst. Natürlich gibt es Gedankenansätze, die sich mit dem Verhältnis von Kirche und Welt, Religion und Mensch befassen, natürlich spielt Schöne auf die Konfliktsituation zwischen Kirche und beginnender Aufklärung an, aber alles ist etwas zu kurz gehalten, als daß sie in die Tiefe gehen könnten, das ist ein wenig schade. So bleibt letztendlich ein unterhaltsamer, zum Schmunzeln anregender historischer Verschwörungsroman – aber auch das ist ja nicht wenig.

Links und Anmerkungen:

[1] Lothar Schöne: „Das Labyrinth des Schattens“ und „Das jüdische Begräbnis
[2] Wiki-Artikel zu den genannten historischen Persönlichkeiten:
Georg Forster
Wilhelm Heinse
Sophie von La Roche
Friedrich Karl Joseph von Erthal
Samuel Thomas von Soemmerring

Bei der Autorenlesung Schönes am 5. Juni war gerade auch (vllt sogar bedingt durch meine Anwesenheit und Frage) der historische Hintergrund des Romans ein Diskussionpunkt. (btw, weil dies auch angesprochen wurde: das erste Fleischwurstrezept gab es wohl schon im 16. Jhdt: „Im Kochbuch des Dominikanerklosters St. Pauli bei Leipzig wurde 1560 das erste Lyonerrezept abgedruckt.“ Quelle). Dies wirklich in historischer Exaktheit zu ermitteln ist nicht einfach, an manchen Stellen ist dann auch aus anderen Gründen moderneres in den Text eingeflossen. Andererseits, so Schöne, verwundern bei solcher Recherche gerade die Fragen nach dem Selbstverständlichen: wie z.B. werden 1779 Räume beleuchtet, wie zündet man Kerzen und Talglichter an….

Es zeigte sich mal wieder, daß ein Text unterschiedlich wirkt, je nachdem, ob er selbst gelesen wird oder man ihn vorgelesen bekommt. Schöne verstand es beim Vorlesen durch seine Stimme den Personen Individualität zu geben und Situationen bzw. deren Stimmungen darzustellen. Eine gelungene Lesung, ein schöner Abend, die Stunde, die der Autor liest, war schnell vorüber und die anschließende Diskussion hat Schöne mit viel Humor geführt.

Lothar Schöne
Die unsichtbare Bruderschaft
E. Humbert Verlag, HC, 286 S., 2012

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2 Kommentare zu „Lothar Schöne: Die unsichtbare Bruderschaft

  1. Hallo und besten Dank für dir tolle und ausführliche Rezension!
    Lothar Schöne war mir bislang noch nicht bekannt, kommt aber jetzt auf alle Fälle auf die Leseliste.
    Viele Grüße,
    Harald

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  2. Habe mir das Buch gekauft, und bin begeistert! Das Buch ist wie schon richtig beschrieben kein philosophischer Roman über die Beziehung zwischen Kirche und Staat etc., sonder ein spannender und lustiger Unterhaltungsroman! Habe mich schon lange nicht mehr so gut unterhalten gefühlt.
    Grüße,
    Claudia

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