Beate Lakotta, Walter Schels: Noch mal leben vor dem Tod

29. Mai 2012

Der Fotograf Walter Schels und die Spiegel-Redakteurin Beate Lakotta haben sich vor einigen Jahren für ein Portaitsprojekt der besonderen Art zusammengetan. Sie haben in Berliner Hospizen Menschen besucht, auch begleitet und die Schicksale dieser Menschen in ihren letzten Tagen festgehalten. Auch bildlich natürlich, mit schwarz/weiß-Fotographien [Beispiele in 3, Erlangen] des lebenden, aber auch des toten Gastes im Hospiz.

Herausgekommen ist ein sehr eindringliches, leises, behutsames Werk einer vorsichtigen Annäherung an ein schwieriges Thema, den Tod. Schwierig geworden in den letzten Jahrzehnten, in denen der Tod, dieses uns alle erwartende Schicksal, verbannt worden ist aus dem täglichen Leben hinein in die Krankenhäuser, die Alten- und Pflegeheime (die ihn aber auch nicht immer haben wollen…), abgeschottete Bezirke also, während er früher Alltag war. Philippe Aries beschreibt dies in seinen Studien über die Geschichte des Todes [1], der Sterbende, der früher zu Hause noch einmal die Familie um sich versammelte und jedem etwas zum Abschied mitgegeben hat oder auch – war dies nicht möglich – die Familie, die sich um den Sterbenden versammelte, um Abschied zu nehmen. Natürlich war auch früher der Tod eines Familienmitglieds mit großer Trauer verbunden, aber man wusste besser mit umzugehen, sie zu integrieren in das eigene Leben, auch weil jedem bewusst war (und es für viele zu den geistigen Übungen gehörte, sich dies bewusst zu machen), daß die eigene Sterblichkeit jederzeit durch Krankheit, einen Unfall oder anderes Realität werden konnte.

War es früher üblich, den Toten zu Hause aufzubahren (was auch heute noch möglich ist, was wenige nur wissen), so wird er heute oftmals (so derjenige zu Hause verstorben ist), so schnell wie möglich aus dem Haus geschafft [2]. Wegschieben, Verdrängen ist die Devise, nach der viele Menschen handeln. Dem entgegen zu wirken, ist ein Ziel des Buches von Lakotta und Schels [3].

In ihrem Vorwort findet Lakotta einige schöne Gedanken. So ist mir die hie und da zu hörende Gleichsetzung „Hospiz“ gleich „Sterbehaus“ immer unangenehm gewesen, ohne daß ich dies so richtig in Worte fassen konnte. Lakotta tat dies für mich, in einem einfachen, wahren Satz: ein Hospiz ist kein Sterbehaus, es ist ein Haus zum Leben für die Sterbenden. Sterben ist ein Teil des Lebens, ein Sterbender lebt noch. Dementsprechend begegnet man im Hospiz diesem Leben auch, vllt sogar (im vollen Bewusstsein seiner drängenden Endlichkeit) intensiver als an anderen Orten des Lebens. Und so ist ein Hospiz auch kein trauriger Ort, es ist ein Ort, in dem Lachen genauso zu Hause ist wie Weinen, in dem es Hoffnung gibt genauso wie  – natürlich auch – Verzweifelung. Hoffnung: nicht unbedingt auf ein Wunder oder Heilung (obwohl auch das vorkommt), aber auf Naheliegendes: Schmerzfreiheit, gut schlafen können, den oder diese noch einmal sehen zu können, das oder jenes noch einmal zu erleben….

Die Menschen, denen die Autoren begegnen, erzählen aus ihrem Leben. Es sind normale Leben, wie sie jeder von lebt, mit Höhen und Tiefen, Erfolgen und Misserfolgen. Oft wird jetzt, kurz vor dem eigenen Tod eine Art Bilanz gezogen, ein „ich hätte dies und jenes…“ oder „warum habe ich damals…“ [4]. Wichtig ist, und das taucht immer wieder auf, ist die Aussöhnung oder die letzte Aussprache, wenn Unausgesprochenes, Streit, Zerwürfnisse zwischen Eheleuten, Eltern und Kindern stehen. Auch ein letztes Mal bekennen, wie wichtig der Sterbende für einen gewesen ist, daß man ihn liebt und daß man selbst auch nach dessen Tod das Leben weiter leben wird, ist wichtig – für den Sterbenden, dem es Ruhe gibt und für den Zurückbleibenden, dem es in der Trauer Trost sein kann, dies noch einmal gesagt zu haben. Der Tod ist endgültig, solche Bekenntnisse zu versäumen, nie wieder gut zu machen. Unter Umständen trägt man an dieser Last ein Leben lang. Und der Tod ist unberechenbar. Er kann morgen kommen oder erst in einer Woche, er kann das Hindämmern vorhergehen lassen, das ein Miteinander kommunizieren nicht mehr erlaubt. Für Zögern und Bedenken, für Scham ist im Hospiz keine Zeit mehr.

Die Bilder zeigen es: im Tod liegt Würde, das Gesicht des Menschen ist entspannt, gelockert. Er hat losgelassen und man sieht es dem Gesicht an: Unwohlsein, Angst, Bedrängungen, all das, was sich in den Gesichtsszügen des Sterbenden unter Umständen noch widerspiegelte, ist verschwunden und hat einem gelösten Eindruck Platz gemacht.  Es ist ein Übergang auch in der Wahrnehmung, man hat kein Mitleid mehr mit diesem Menschen, man spürt (ev. ein kaum auszuhaltenes Maß an) Trauer, aber oft auch eine Erleichterung: es ist vorbei, er/sie hat es geschafft, das Leiden ist zu Ende.

Die meisten Hospizgäste sind in dem, was  Kübler-Ross [5] als letztes Stadium der Zustimmung, der Akzeptanz, definiert. Der Kampf gegen die Krankheit hat aufgehört, Schmerzfreiheit ist der große Wunsch, der heutzutage gottseidank praktisch immer erfüllt werden kann. Menschlichkeit, Zuwendung, Hilfe bei dem, was noch erledigt werden muss, das sind die Wünsche, die auftauchen. Wie wird die Beerdigung aussehen, wo wird man seine Grabstelle haben, wie sieht es dort aus? Können wir uns das anschauen? Jetzt möchte ich meinen Mann noch einmal sehen, der bis dahin nicht kommen durfte… Meine Tochter ist seit Jahren in Amerika.. nicht immer wartet der Tod auf die Erfüllung, aber erstaunlich häufig erleben Menschen noch, daß solche Wünsche erfüllt werden können, fast so, als würde man das Leben aufgeräumt zurücklassen wollen…

„Noch mal  leben vor dem Tod“ ist ein stilles Buch, das ganz tief drinnen wirkt. Es macht nachdenklich, denn die Schicksale, von denen wir dort lesen, sind zwar nicht unsere, sie könnten es aber morgen sein, so oder so ähnlich. Unsere eigene Sterblichkeit ist eine uns eigentümliche Eigenschaft wie jede andere auch, das Alter bzw. die Jugend schützt uns nicht davor, die Existenz von Kinderhospizen zeigt dies nur zu deutlich.  Man muss nicht täglich darüber meditieren, aber man sollte sich dessen bewusst zu sein, ist wichtig, um bewusst leben zu können. Schels/Lakottas Buch ist dafür ein eindrucksvoller Einstieg.

Links und Anmerkungen:

[1] z.B. Philippe Aries: Studien zur Geschichte des Todes im Abendland, Originalausgabe: Paris 1975
[2] Ich selbst bin schon nachts aus dem Bett geklingelt worden, um die Leichenhalle aufzuschließen, es hatte nicht bis zum Morgen Zeit, die verstorbene Oma aus dem Haus zu schaffen….
[3] ein Projekt, das im übrigen weltweit im Feuilleton vorgestellt wurde, hier z.B. in der NYtimes und das als Ausstellung zu sehen war (hier z.B. 2009 in Erlangen)
[4] die aus dieser Tatsache zu schließende Folgerung wird z.b. bei Sill: Die Kunst des Sterbens, sehr schön ausgeführt.
[5] Elisabeth Kübler-Ross: Interviews mit Sterbenden

Beate Lakotta, Walter Schels
Noch mal leben vor dem Tod
Wenn Menschen sterben
dva, HC, 224 S., 2004

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5 Responses to “Beate Lakotta, Walter Schels: Noch mal leben vor dem Tod”


  1. Dein Blog ist wirklich gefährliches Terrain für mich. Schon wieder ein Buch mehr auf meinem Wunschzettel. Die beiden folgenden Bücher zum Thema kann ich dir wärmstens empfehlen. Beide haben mich sehr berührt.
    Chiara – Reise ins Licht von Elisabeth Zahnt Legnazzi
    Das Rad des Lebens von Elisabeth Kübler-Ross
    Herzliche Grüsse

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  2. Lieber flattersatz,
    beim Lesen deines Beitrages habe ich wirklich Gänsehaut bekommen.

    „Er hat losgelassen und man sieht es dem Gesicht an: Unwohlsein, Angst, Bedrängungen, all das, was sich in den Gesichtsszügen des Sterbenden unter Umständen noch widerspiegelte, ist verschwunden und hat einem gelösten Eindruck Platz gemacht.“ Das kann ich ja noch nachvollziehen aber ich fahre jeden Tag an einem Kinderhospiz vorbei und mag mir gar keine Vorstellungen machen…..

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    • flattersatz Says:

      liebe bücherliebhaberin,

      hab mut, hab den mut, einfach reinzugehen und die kinder zu besuchen. die kinder dort drin leben, sie freuen sich und sie können lachen. natürlich gibt es auch das andere, den schmerz, die angst, verzweifelung. aber dagegen hilft dein besuch, das gefühl, das du ihnen damit vermittelst: nämlich noch jemand zu sein, den man besucht, der am leben ist, der teilnimmt – egal, wie lange noch…. hier, in dem buch, bei oskar, wird dies schön beschrieben, vllt schaust du mal rein…

      lieben dank für deinen kommentar…

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  3. Martin Says:

    Tolles Buch und sehr gute Rezension.

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