Luigi Pirandello: Novellen für ein Jahr II

Wieder mal so ein Buch, dessen ich durch Zufall habhaft wurde und das mich mit seinem archaischen Zauber gefangen nahm. Archaisch, vllt führt dieser Begriff etwas zu weit zurück in die Zeit, die Novellensammlung, die Pirandello auf 365 Stück angelegt hatte, spielen doch erst vor ca Hundert Jahren auf Sizilien. Sizilien, 1861 mit dem Königreich Italien vereinigt, fiel in dieser Zeit gegen den prosperierenden Norden des Landes zurück, das – eben – „archaische“ Erbe scheint wie ein Anker gewirkt zu haben, der die Insel Sizilien zurückgehalten hat in alten Verhältnissen. Nur die Menschen nicht, Sizilianer hatten an der Auswanderungsbewegung, besonders in die USA, einen großen Anteil.

In dieser Spannung zwischen Althergekommenen und Neuen sind die Novellen Pirandellos angesiedelt. Ob es nun um den Begriff der Ehre geht, der den Ehemann traditionell zum Duell mit demjenigen zwingt, der seiner Ehefrau „zu nahe“ getreten ist (was dieser in der entsprechenden Novelle „Wenn man das Spiel verstanden hat“ aber schlicht verweigert) oder um die Aneignung technischer Entwicklungen, immer ist die Spannung zu spüren, in der die Menschen dieser Zeit stecken. So kommt der Erzähler („Die Überraschungen der Wissenschaft“) auf Einladung eines lange nicht mehr gesehenen Freundes in das Dorf (oh, welch mühselige Anreise, erst mit der Bahn, dann mit der Droschke, ein schönes Bild: Bahn und Droschke, modernes und altes Vehikel…), das ohne Licht und ohne Wasser ist. Er wird eingeladen zur Gemeinderatssitzung, in der dies beraten wird und muss miterleben, wie der Gemeinderat unfähig ist, eine Entscheidung zu treffen, auf welche Art man zu Licht im Dorfe kommen könne, denn würde man sich entscheiden, so gäbe es sicher schon am nächsten Tag eine bessere Lösung für das Problem, die man nun nicht mehr wählen könne, denn habe man sich ja schon festgelegt… und so bleibt dunkel im Ort und das Wasser kommt weiterhin aus den Brunnen….

In der „Leibrente“ wird der alte Bauer, dem seine Scholle Heimat ist, von seinem Hof gekauft. Gegen eine Leibrente wird ihm eine Unterkunft in der Stadt besorgt, für den neuen Besitzer, der sich um die Ratschläge des Alten nicht kümmert und alle geliebten Bäume fällt, sollte dies ein gutes Geschäft sein, die Erdentage des Alten scheinen überschaubar und das wertvolle Gut damit für ein paar Monate Leibrente fast geschenkt. Doch manchmal wird die Rechnung ohne den Tod gemacht, den der Alte selbst zu sich einlädt, schließlich plagt ihn das schlechte Gewissen, daß er ja doch die Rente kassiert und damit quasi die Verpflichtung übernommen hat, bald abzutreten, damit er nicht zu teuer käme….

Es sind auch Schelmengeschichten dabei, tragisches erzählt Pirandello. Celesia etwa („Der Lebensretter“) ist verbittert, von seiner Frau verlassen, die jedoch bei weitem nicht geächtet, sondern geachtet, mit ihrem Liebhaber, dem sie drei Kinder schenkte (und ihm selbst keins!), zusammen lebt, ist er der Welt gram, deuchen ihm die Menschen Tiger, Hyäenen oder Schlangen. Wie dem auch sei, am Tag, an dem die Tapferen des Ortes mit einer Medaille geehrt werden, erklingen Hilferufe vom Meer herüber.. keiner der Geehrten macht sich jedoch auf, seine Tapferkeit unter Beweis zu stellen, bis es unseren Misanthropen zuviel wird und er sich ein Boot schnappt und und im tobenden Unwetter hinausrudert…

Natürlich kann ich hier nicht alle Novellen erwähnen, nur ein paar noch: in „Seine Majestät“ rivalisieren zwei Männer, die dem König Vittorio Emanueles II bis aufs Barthaar gleiche, um die Vorherrschaft, in der Geschichte vom „Glück“ prallt der alte Standesdünkel der (jetzt verarmten) Adligen auf die neuen Zeiten….

„Novellen für ein Jahr“ ist eine Sammlung im besten Sinne unmoderner Geschichten, die von Menschen erzählen, sich Zeit nehmen, sie in der Kürze einer Novelle mit Leben zu füllen, ihnen Charakter zu geben, sie in ihren Eigenarten liebenswert zu machen. Es ist gemächlich in diesen Zeiten so wie auch in den Zeilen, der Umbruch, der politisch, technisch, gesellschaftlich vor der Tür steht, man spürt ihn, doch man traut ihm nicht…

Ein wunderschönes Büchlein also mit Geschichten für zwischendurch über Menschen und menschliches…

Luigi Pirandello
Novellen für ein Jahr II
übersetzt aus dem Italienischen von Lisa Rüdiger
Diogenes, TB, 1991

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