Husch Josten: Das Glück von Frau Pfeiffer

21. Mai 2012

„Hör zu, Eve, hör doch zu!“

Um es vorweg zu sagen, Husch Josten gelingt es mit ihrem zweiten Roman, zwei Stilrichtungen wunderbar leicht und unterhaltsam miteinander zu kombinieren. Da finden wir das typisch deutsche Grübeln über den Sinn von allem und die Frage nach dem „Warum“, aber, da die Handlung größtenteils in England spielt, auch – und das ist das Schöne – eine skurrile, witzige, charmante Komponente, die mich (man möge mir verzeihen) an diese alten Filme mit Gary Grant (wie z.B. „Arsen und Spitzenhäubchen“) erinnerte.

Die Grüblerin, das ist Lee, die beruflich Veranstaltungshinweise für eine Postille bearbeitet und zusammenstellt und die angefangen hat, in ihrer Freizeit die Flut der Handygespräche, deren sie immerwährend unfreiwillig Zeugin wird, aufzuzeichnen. Sie sitzt benommen vor der Sinnlosigkeit und Banalität dessen, was sie zu hören bekommt und was nun ihr Notizbuch Seite um Seite füllt.

Lee ist seit kurzem geschieden, ihre Ehe mit Herold war für sie nicht mehr ertragbar, ihr Lebensentwurf und der ihres Mannes, der als Investmentbanker für die aktuell tobende Finanzkrise mit verantwortlich zeichnet, vertrugen sich nicht mehr. Ironie der Geschichte, daß Herold selbst zu den Opfern der Krise gehört und bei seiner Bank rausfliegt…

Ihr alter Freund Bruno kehrt aus den Staaten zurück, wo er zwei Jahre lang lebte. Er und Lee waren nie ein Paar, Lee ist aber die einzige, die dem allem gleichgültig gegenüberstehendem Bruno nahe ist. Brunos Familienverhältnisse sind kompliziert, aufgewachsen ist er als Adoptivsohn von Hope und Carl, die ihn mit ihrer übergroßen Liebe und nie enden wollendem Verständnis in eine tiefe emotionale Ablehnung und Resignation drängten.

Erwähnen wir noch Miles Costello, einer der Handynutzer, die Lee in ihrem Stammcafe abgreift, der immer wieder den gleichen Satz ins Handy ruft und offensichtlich keine Antwort erhält. Wie sich zeigen wird, ist nicht alles, was banal klingt, auch in Wirklichkeit eine Banalität….

Und dann natürlich unsere Frau Pfeiffer. Knapp Hundert Jahre alt stattet Josten sie mit einer bemerkenswerten geistigen Frische aus, gepaart mit der Freiheit, die das hohe Alter bringt und die sich anderen Menschen gegenüber in ihrer Direktheit oft unvermittel äußert. Sie lebt mit ihrer altgedienten Haushälterin Emma zusammen und hat den festen Vorsatz, mit ihrem aus Frankreich stammenden Ehemann Philippe eben wieder dorthin zu reisen, um dort ihren Lebensabend zu verbringen und dann in einem gemeinsamen Grab zu liegen.

Frau Pfeiffer also, die von ihrer Wohnung aus Lee beim Lauschen beobachten kann, heckt einen komplizierten Plan aus, wie sie Lee zu sich locken kann, denn so ganz ohne Hilfe läßt sich die geplante Reise nach Frankreich der besonderen Umstände wegen dann doch nicht verwirklichen….

Diese drei Personen also bilden das Zentrum des Buches, Aurora Pfeiffer, Lee Curtin und Bruno Hornyak. Aurora ist es (wie schon angedeutet), die dieses Trio (das natürlich von Emma begleitet wird, aber Emma hat in ihrer Bodenständigkeit für diese Geschichte keine tragende Bedeutung, auch wenn sie natürlich auf ihre eigene Art und Weise involviert ist) anführt, sie ist es, die Tacheles redet mit den anderen, sie ist es, die die Frage stellt, die die anderen sich nicht zu stellen trauen, weil sie es eben ist, die hinter die oft mühsam aufrecht erhaltenen Kulisse des öffentlich getragenen Gesichts schaut. Sie hat auch keine Hemmungen, sich einzumischen, zum Beispiel Kontakt mit Herold aufzunehmen und diesem die Leviten zu lesen, so wie sie es auch mit Lee tut. Selbst Bruno, von dem sonst alles abprallt, der sich (beiden Geschlechtern zugeneigt), aus dem Staub macht, wenn es Ernst wird, selbst diesen empathisch teflonbeschichteten Mann durchschaut sie und bindet ihn damit an sich.

Es entwickelt sich in der kurzen Spanne, die unseren Hauptpersonen bleibt (bzw. die ihnen von Josten gegönnt wird), eine tiefe Freundschaft, eine innere Verbundenheit der eigenen Art. Sie (i.e. Lee und Bruno einer- und Aurora andererseits) kennen sich kaum, wissen kaum vom jeweiligen Leben, aber dies hat keine Bedeutung, da sie auf einer anderen Ebene miteinander „kommunizieren“ können.

Aurora erreicht ihr Ziel, mit Hilfe von Lee und Bruno kommen sie und Philippe nach Frankreich, wo – welch ein Zufall – Bruno ein Haus besitzt, das ihm vor Jahren ein verstorbener Verwandter vermacht hat. Dort quartieren sie sich ein und … aber ich will auch nicht allzuviel vom Gang der Geschichte verraten, deswegen setz ich hier nur die Pünktchen….

Wie schon anfangs festgehalten, ist Josten hier ein schöner Wurf gelungen. Der Roman präsentiert eine passende Mischung aus Gedankenschwere und der Last am eigenen Sein kombiniert mit einem typisch englischen Humor (oder dem, was wir Krauts dafür halten…), der in einer leicht skurrilen Art und Weise die Geschichte davor bewahrt, ins Trübsinnige abzugleiten.  Lebensentwürfe werden gegeneinander gestellt (läßt man sich vom Leben treiben und ankert an Stationen, die einem zufällig begegnen und an denen es einem gefällt oder verfolgt man zielstrebig einen Plan, um eben dieses Ziel zu erreichen?), auch daß die offensichtliche Banalität des Alltäglichen, die uns allen immer wieder begegnet („Hör zu, Eve, hör doch zu!“) uns jederzeitauch täuschen kann,  da sie unter Umständen nur die sichtbare Oberfläche eines zutiefst tragisches Schicksale ist, zeigt die Autorin. Für mich selbst, der ich das Zuhören oft mehr schätze denn das Reden ist die Szene, in der Lee gerade dadurch, daß sie den fremden Handygesprächen lauscht, in die Rolle derjenigen geschlüpft ist, der man etwas erzählen will, weil man beobachtet hat, daß sie zuhören kann und es das ist, was gebraucht wird, ein Mensch, der nur und ausschließlich zuhört, sehr schön.

Wenn man weiß – und wer wüsste es nicht? – wie schwer es ist, eigene, eingefahrende Verhaltensweisen zu ändern, wundert man sich beim Lesen natürlich darüber, wie schnell es Aurora mit wenigen Sätzen schafft, ihre neuen Freunde zu beeinflussen. Ach, was solls, beneiden wir diese sympathische alte Dame um diese Gabe und rechnen es der literarischen Freiheit der Autorin an, sie ihr verliehen zu haben…

Summa summarum ist „Das Glück von Frau Pfeiffer“ ein schön geschriebener kleiner Roman über das Leben, die Schwierigkeit, es in jungen Jahren zu finden und die Weisheit, es im Alter zu verstehen und die Gabe, zwischen diesen beiden Polen eine Brücke zu schlagen.

Ferner von Josten bei aus.gelesen: In Sachen Joseph

Husch Josten
Das Glück von Frau Pfeiffer
Berlin University Press, HC, 211 S, 2012

Ich danke dem Verlag, der mir den Roman als Leseexemplar zur Verfügung gestellt hat.

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