Sabine Deitmer: Dominante Damen

12. Mai 2012

Was macht man, wenn einen die Erkältung gepackt hat, die Nase trieft, der Kopf wie in Watte gepackt scheint und auch ansonsten nicht viel los mit einem ist? Man greift zu einem Buch, das einen nicht allzusehr fordert und kurzweilige Unterhaltung verspricht, das man auch gut aus der Hand legen kann, um eine Lesepause zu machen, zudem ist es eine gute Gelegenheit, die Regalmeter, die sich im prae-SuB-Zustand befinden, zu entlasten… also muss nach langer Zeit mal wieder etwas aus der Krimi-Ecke herhalten: voilá, die Dominanten Damen (aus der Reihe „Die Frau in der Gesellschaft„, die ab 1975 im Taschenbuch-Verlag erschien) lassen bitten!

Der Titel täuscht nicht, genausowenig wie das Coverbild: genau darum dreht es sich, oder exakter formuliert: einer der beiden Erzählstränge. Aber der Reihe nach…

Frank wird an erhöhter Warte gefunden: baumelnd von der Decke seiner Garage, hübsch geschmückt mit einem Schleifchen um sein bestes Teil. Da er schon etwas länger seiner Entdeckung harrt, das Schleifchen etwas fest gebunden ist, sieht er bei Ankunft des Ermittlerpaares Beate Stein und Weber nicht mehr ganz so lecker aus. Aber  auch das ist Geschmackssache, die dicken, fetten Fliegen sind ganz anderer Meinung…. ok, der ganz normale Ermittleralltag setzt ein, Befragungen, Berichte, Überlegungen…

Auf der anderen Seite lernen wir Vera kennen, alleinerziehende Mutter zweier Kinder, die sich auch noch um die eigene Mutter kümmern muss. Der Erzeuger der Kleinen, wer weiß schon, wo er abgeblieben ist… Vera jedenfalls spielt den Kindern (und auch ihrer Umgebung) heile Welt vor, die fingierten Briefe ihres Vaters kommen von weit her und reden von Sehnsucht und Heimweh… Wie gesagt, Vera muss die Restfamilie finanzieren und das macht sie in und mit ihrem Studio, in dem zahlungswillige und -fähige Männer sich die Peitsche geben oder auch mal ans Kreuz hängen lassen können… zusammen mit einer Kollegin, die in den nichtbelegten Arbeitsstunden gerne handarbeitet, betreibt sie ein S/M-Studio der etwas niveauvolleren Sorte. Die beiden suchen sich noch eine dritte Kraft für ihren Betrieb und finden sie in Tina, die vom Straßenstrich kommt und dort weg will.

.. und über Tina führt Deitmar die beiden Handlungsstränge zusammen, denn schnell finden Stein und Weber heraus, daß Tina die Freundin des jetzt in der Pathologie liegenden Frank ist.. ähh.. war bzw. andersherum gesehen, er ihr Zuhälter war. Versteckt sich dahinter ein Motiv? Und warum fuchtelt Tina während der Arbeit auf einmal mit Rasierklingen herum und vertreibt die Kundschaft? Und kann ihr in der Psychatrie wirklich geholfen werden?

Männer kommen nicht gut weg in diesem Krimi. Angefangen von Frank, der mit seinem schwärenden, schwarz geschwollenen schleifen-geschmückten Schwanz schwerelos schwebend am Schparren baumelt über die unfähigen Kollegen des Ermittlerteams bis hin zu den Männern im Allgemeinen, die in ihrer Vorliebe für abartige Sexpraktiken vor nichts halt machen (Das Motto „Alle machen es, aber niemand redet drüber.“ ist nach Weber das Überlebensprinzip des käuflichen Sexes), auch vor Vergewaltigung nicht. Selbst der männliche Part des Buddy-Teams Stein/Weber ist eine eher traurige Figur, die mit Eheproblemen zu kämpfen hat und der mit seiner Partnerin die verschiedenen Ansichten über diesen speziellen Bereich männlicher Bedürfnisse (?) erst mühsam in Einklang bringen muss.

Mit viel Verständnis dagegen werden die beteiligten Frauen dargestellt. Vera ist kühl kalkulierende Geschäftsfrau, die sich auf die besonderen Bedürfnisse ihres Klientels eingestellt hat, sie erledigt ihr Metier selbstbewusst und als Vollprofi. Tina ist das Opfer, intelligent aber aus schlechtem Elternhaus ist sie Frank verfallen, der sie skrupellos ausnutzt und verkauft. Im Grunde ist sie ungeeignet für das Geschäft mit Sex, aber sie kann den Ausstieg schaffen. Davon zumindest ist Vera überzeugt und sie will ihr dabei helfen…

Noch ein letztes Wort über Beate Stein. Selbstverständlich auch eine vollemanzipierte, höchst selbstbewusste junge Dame, die sich von keinem, insbesondere nicht von ihrem Vorgesetzten und den Kollegen die Butter vom Brot nehmen läßt. Nicht auf den Mund gefallen bleibt sie angesichts dessen, was sie so als Hintergrund in diesem Fall erfährt, doch manchmal sprachlos. Trotzdem ist die Geschichte stark von Dialogen geprägt, sehr szenisch, schnell und abwechslungsreich geschrieben, ein Stück gute Unterhaltungsliteratur. Ob der gebotene Blick auf das Geschäft mit dem Sex der Realität gerecht wird oder ob er doch etwas differenziert werden müsste, mag dahin gestellt sein. Angesichts des Publikationsdatums des Romans ist vllt allein der Versuch höher einzustufen, dieses Geschäft als sicher nicht schönen, aber auch nicht zu leugnenden Bereich der Gesellschaft darzustellen.

Jedenfalls war der Krimi ein kurzweiliger Zeitvertreib und das es die Mörderischen Schwestern gibt, habe ich dabei auch noch gelernt… meine Erwartungen wurden also erfüllt, oder um es mit anderen Worten zu sagen: mission accomplished.

Links und Anmerkungen:

– Über die Autorin
– Pressemitteilung über die Verleihung eines Literaturpreises an Deitmer

Sabine Deitmer
Dominante Damen
Fischer TB, 1994, xyv S.

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One Response to “Sabine Deitmer: Dominante Damen”


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