Alfred de Musset (zugeschrieben): Gamiani

Vor einigen Jahren verlegte der Franz Schneekluth-Verlag mit Michael Farin [2] als Herausgeber eine „Erotische Bibliothek“ mit einigen klassischen Erotika, die bibliophil ausgestattet und mit erklärenden und weiterführenden Texten angereichert wurden. Es sind Texte wie die der Geschichte einer Wiener Dirne „Josephine Mutzenbacher“ „, die der Thérèse Philosophe oder auch Gustave Mirabeaus „Garten der Qualen„. Ein vom Textumfang her eher schmales Erotikon dieser Reihe (die nach dem Erscheinen der ersten sechs Bände wohl nicht weitergeführt worden ist) ist das dem Franzosen Alfred de Musset zugeschriebene Werk „Gamiani oder zwei Nächte der Ausschweifung“ [1].

Wie alle Bücher der „Erotischen Bibliothek“ ist auch dieser an sich recht kurze Text ergänzt durch diverse Aufsätze zur Entstehungsgeschichte, die in diesem Fall zu vielen Spekulationen Anlass gegeben hat. de Musset [4], dem die Autorenschaft allgemein zugeschrieben wird (ohne daß diese Zuschreibung jedoch sicher ist), hat sich jedenfalls nie dagegen ausgesprochen. Sollte er tatsächlich der Autor dieser Geschichte sein, kann man natürlich darüber spekulieren (und dies wird getan…), inwieweit er Elemente seiner eigenen Biographie, seiner Liaison mit George Sand [3] nämlich, mit in die Geschichte aufgenommen hat. George Sand war bekanntlich eine sehr selbstbewusste, der damaligen Männerwelt ein Dorn im Auge seiende Frau, die in ihren Schriften das „Verlangen der Frau nach Liebeserfüllung und die Suche der Frau einer authentischen weiblichen Sexualität“ [S. 204] zum Ausdruck bringt. Da sie auch eine intime Freundschaft mit einer Frau unterhielt [a.a.O.], bietet sich die Deutung an, sie sei in der Figur der Gräfin Gamiani, die dem Leser gleich am Anfang als Tribade vorgestellt wird, abgebildet.

Wessen aber ist die Handlung (oder genauer: der Inhalt) dieses Buches, wer ist diese Gräfin Gamiani?

Das Buch setzt mit einem Fest ein, das jene Dame gibt. Sie ist eine rätselhafte Persönlichkeit, über deren Wesen Alcide, ein Gast dieses Festes, sinniert, bis ihm jemand zuraunt, sie, die Gräfin, sei eine Tribade. Daraufhin wird das Interesse Alcides noch weiter angestachelt und er beschließt, jener nachzuspionieren, sich nach dem Ende des Festes im Haus einschließen zu lassen, um zu erkunden, was danach geschieht. So versteckt er sich ihrem Schlafzimmer und kann nach kurzer Zeit beobachten, wie die Gräfin mit einem jungen Mädchen, Fanny, das Zimmer betritt und sofort versucht, dieses junge Ding zu verführen. Ob dieses Anblicks der sich verschlingenden, sich kosenden, aneinander reibenden Frauenleiber in Wallung gebracht, springt Alice aus seinem Versteck und wird – frei nach Schiller – in ihrer (auch bildlich….) Mitte der Dritte. Die drei sind unermüdlich, aber der Anblick der Gräfin, der dieses nicht reicht zur Befriedigung ihrer Lüste und die sich auch den Tieren des Hauses hingibt, läßt Fanny und Alcide erschauern. Erschöpft sinken sie schließlich in die Kissen und erzählen sich die Geschichte ihres sexuellen Lebens, die insbesondere bei Gräfin Gamiani geprägt ist von Gewalt, von Exzessen und Orgien. Mitnichten war das Kloster, in das man das junge Mädchen seinerzeit gab, ein Hort der Tugendhaftigkeit, nein, sie wurde dort verführt von den Nonnen, die ihren Trieben in Orgien nachgaben und sie initiierten. Gamiani wurde zum Objekt wilder flagellantischer Exzesse, an ihren Schmerzen weideten sich unsichtbar bleibende Beobachter.. eine Schilderung ganz im Geiste de Sades.. im Ergebnis jedenfalls wendete sich die junge Gamiani danach vom Manne ab und dem Weibe zu….

Alcide gelingt es anscheinend, die junge Fanny den Klauen der Gräfin zu entreißen, doch in der zweiten Nacht ist er machtlos. Wieder versteckt er sich und muss jedoch beobachten, wie sich in Fanny die Lust einnistet, als sie den Verlockungen, den Verführungen der Gräfin sich aussetzt. Heißer und heißer werden die beiden Frauen, kaum noch können sie sich zügeln und Alcide muss machtloser Voyeur bleiben. Völlig ergeben und hörig geworden willigt Fanny nur zu freudig ein, als Gamiani ihr einen Trank anbietet, der alle Lust, die sie bisher erleben durfte, zu übertreffen helfen soll.. sie läßt sich den Trank einflößen, auch die Gräfin nimmt ihn zu sich.. zu spät … die höchste Lust zu erleben, den Rausch, der als einziger ihr noch fehlt, hat Gamiani sich und ihr Geliebte vergiftet, im Todeskampf verschlingen sich ihre Leiber…. dieser Tod gemeinsam mit der Geliebten ist die dunkle Variante des romantisch gehauchten Seufzers des „ich würde sterben für dich“, es ist der pervertierte Exzess, mit letzter Konsequenz in Szene gesetzt.

Beim Lesen fällt auf, wie unterschiedlich der involvierte Mann, Alcide, agiert. Gelingt es ihm in der ersten Nacht noch, Hahn im Korb zu werden, beide Frauen zu beglücken und auch anscheinend Fanny, deren erster Kontakt mit ihrer Körperlichkeit in dieser Nacht ja sehr heftig ist, aus dem Einfluss der verderbten Gräfin zu entwinden, so scheint er in der zweiten Nacht, in der Gamiani durch lüsterne Worte und Erzählungen Fannys Blut zum Kochen bringt, zum machtlosen Zuschauer degradiert. Er, der Mann, wird nicht mehr gebraucht, die beiden Frauen sind sich selbst genug, um sich Lust, Befriedigung und Höhepunkt zu verschaffen. Selbst den Tod der beiden Frauen kann er nicht verhindern, untätig und entsetzt muss er ihn miterleben.

Der Text soll aus einer Wette heraus entstanden sein, in der der Autor sich brüstete, innerhalb von drei Tagen einen solch erotisch-pornographischen Erguss produzieren zu können, ohne auf das dazu passende obszöne Vokabular zurückzugreifen. Es ist ihm anscheindend gelungen, das Vokabular beschränkt sich auf verbrämende Begriffe, so wie sie auch heute in manchen erotischen Texten zu finden sind. „Gamiani“ ist eine altertümliche Prosa, mit modernen Texten kann man sie kaum vergleichen, auch wenn sie inhaltlich alle Tabus verletzt, also öbszön ist im Batailleschen Sinne [4]. Soll also keiner sagen, damals seien die Fantasien zahmer gewesen….

Interessanter fast noch als die Geschichte sind die Kommentare und beigefügten Essays im Buch, die viel Material über die Entstehungsgeschichte des Romans, aber auch darüber allgemeine Betrachtungen über pornographischen Schrifttum enthalten. Als Büchlein ist diese Ausgabe von Farin (es gibt natürlich noch viele andere, sogar eine, die im Untertitel „..zwei tolle (!) Nächte“ ankündigt….) ein Schmuckstück, es hat eine angenehme Größe, liegt gut in der Hand und verführt zum Lesen, zumindest aber zum Zugreifen und Betrachten der 12 alten Stiche, die den Text auflockern. Sodele….

Links und Anmerkungen:

[1] Der Text im „Projekt Gutenberg“ bei Spiegel online: Gamiani
[2] Wiki-Artikel über Michael Farin
[3] Wiki-Artikel über George Sand
[4] Wiki-Artikel über Alfred de Musset
[5] George Bataille: Das obszöne Werk

wer des Französischen mächtig ist, findet hier online eine frühe Ausgabe: https://archive.org/stream/gamianioudeuxnui00muss#page/n7/mode/2up

 

Alfred de Musset (zugeschrieben)
Gamiani
Zwei Nächte der Ausschweifung
aus dem Französischen von Heinrich Conrad
diese Ausgabe: Schneekluth Verlag, München, 1990

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