Geraldine Brooks: Die Hochzeitsgabe

3. Mai 2012

Vor einiger Zeit wurde – ich glaube, es war in einer der vielen facebook-Gruppen [2] die Frage nach einem “Schmöker” gestellt, den man sich so richtig mit Genuss reinziehen kann. Schade, daß ich seinerzeit dieses Buch noch nicht gekannt hatte, sonst wäre das ein Kandidat allererster Ordnung für einige sorgenfreie und vergnügliche Leseabende gewesen (natürlich ist er es immer noch, aber diese spezielle Frage müsste ja mittlerweile abgeklärt sein). Warum ich dieser Meinung bin? Nun, die Geschichte enthällt von allen etwas, es ist eine Mischung aus CSI und historischem Roman mit starken Sprengseln einer verkorksten Mutter-Tochter Beziehung und auch einer kleinen, aber feinen Liebesgeschichte. Das ganze spannend, unterhaltsam, in Teilen bis nah an die Kitschgrenze und fast immer unbeschwert von den grundlegenden Fragen, die uns sonst so umtreiben: wer bin ich, wo komm ich her und warum find ich keinen Parkplatz, wenn ich eh schon zu spät bin….

.. und für alle, die bis hierher durchgehalten haben, gibt es jetzt auch noch was über den Roman selbst.

Die Geschichte, die 1996 einsetzt, liegt das Vorhaben zugrunde, im bürgerkriegszerstörten Sarajevo ein Zeichen der Versöhnung zu setzen und die weltberühmte Haggadah [1] auszustellen [unbedingt => 1]. Zuvor jedoch soll das Buch einer Inspektion durch eine Buchrestauratorin, der Hauptperson des Buches, Hannah Heath, unterzogen werden. Diese ist noch jung an Jahren, stammt aus Australien, ist jedoch schon eine Kapazität allererster Ordnung auf ihrem Fachgebiet. Bei der Prüfung des Buches entdeckt sie einige Details, die ihr einer weiteren Untersuchung wert sind: ein hauchzartes Fragment eines Insektenflügels, Wein(?)flecken, einen Salzkristall, ein Bruchstück (?) von einem Haar. Völlig rätselhaft ist ebenso das Fehlen der Schließe des Buches, deren Befestigungen am Einband deutlich zu sehen sind.

All diese Details läßt Hannah untersuchen, insofern wäre dies soszusagen der CSI-Part des Buches, ferner erzählt sie  zu jedem dieser Fundstücke und Fragen eine Geschichte…. der historische Teil, der doppelte Konjunktiv, wie hätte es sein können, damit es so gewesen wäre….

Wie zum Beispiel ist diese Haggadah aus Sarajevo im 2. Weltkrieg gerettet worden? Die Nazis besetzten mit Bosnien und Herzegowina ja auch diese Stadt und machten dort mit Unterstützung heimischer Gruppierungen Jagd auf die jüdische Bevölkerung. Sie wurden (ebenso wie die „Zigeuner“) von der kroatischen Ustascha im deutschen Auftrag an Ort und Stelle ermordet oder von den Nazis nach Auschwitz deportiert wurden (von 14.000 Juden kamen 12.600 ums Leben [3]). Jüdische Kultgegenstände waren genauso Ziel und Beute der Nazis, selbstverständlich wussten sie auch von dieser besonderen Preziose, die nur durch eine ganz außergewöhnliche Zivilcourage und viel, viel Mut muslimischer Museumsangehöriger gerettet und in Sicherheit gebracht werden konnte. Und dort, wo sie vor den Nazis vesteckt wurde, dort schwebte dieser Hauch von Insektenflügel durch das Zimmer und ruhte im Buch, bis Hannah ihn fand…. Brooke webt um dieses historische Ereignis eine Geschichte, in deren Mittelpunkt sie Lola, ein jüdisches Mädchen, und ihre Familie setzt. Lola, die sowohl knapp der Deportation entging und auch als Partisanin überlebte, wird gegen Ende des Buches noch einmal in Erscheinung treten, in einer ganz wichtigen Funktion…

Sind die Grundlagen dieser Episode historisch belegt, so ist die Geschichte, die sich die Autorin zu den fehlenden Schließen einfallen läßt, Fantasie. Sie siedelt sie um 1894 in Wien an, der Hauptstadt der kuk-Monarchie, einer mächtigen Stadt. Viele Juden leben hier, aber nicht zu jedermanns Freude. Noch ist der Begriff des “Antisemitismus” nicht erschaffen, aber der “Judenfresser” ist auch nicht besser, er schafft die geistige Grundlage, den Sumpf, den Morast, auf dem in nicht allzulanger Zeit die Hatz auf die Juden Europas wuchern wird….

Um diese Zeile im Buch, mit der der Inquisitor es vor der Verbrennung rettet, entwickelt Brooke eine Szenerie, die uns in das mittelalterliche Venedig des Jahres 1609 führt. Die Juden leben in einem Ghetto, sie unterliegen Beschränkungen in ihrem täglichen Leben, aber sie sind in relativer Sicherheit vor staatlicher Willkür. Die Inquisition in Venedig ist nicht mit der spanischen zu vergleichen, in Streitgesprächen fechten der Inquisitor Vistorini und dem Rabbi Arjeh ihre Positionen aus (wobei die Positionen der Personen natürlich immer klar bleibt…). Und obwohl Vistorini nicht korrigierbare häretische Elemente in der Haggadah erkennt wie zum Beispiel die Sonne, um die die Erde kreist und die Erde überhaupt als Kugel dargestellt, läßt er sie nicht verbrennen.. in innerem Kampf mit dem Vergessen (oder der verdrängten Erinnerung) der eigenen jüdischen Abstammung zeichnet er das Buch….

1492 wurde nicht nur Amerika entdeckt, sondern es wurde auch Spanien von den Ungläubigen gereinigt, so die katholische Sicht der damaligen Zeit. Mit der Eroberung des letzten maurischen Kalifats in Granada war die Zeit des Islam in Spanien beendet und wenn schon die Mauren vertrieben wurden, warum nicht auch die Juden? Die spanische Inquisition arbeitete gnadenlos und grausam, mit hochnotpeinlichen Verhören [4], unter ihrem Einfluss werden die Juden enteignet und ausser Landes gejagt.

Im letzten dieser Ausflüge in die Historie erfindet Brooke Zarah, eine dunkelhäutige Sklavin [5], die nach Spanien, Sevilla, verkauft worden ist und der wegen ihrer Fähigkeit zu malen und schreiben zu können befohlen wird die Emira zu malen, ein Bild zu schaffen, daß der Emir auf seinen Kriegszügen mit sich führen kann, um sich auch dann am Anblick seiner Frau, die er sich selbst mit Gewalt ins Haus entführt hat, ergötzen zu können. Und hier, mit Zarah, beginnt die Geschichte der Haggadah….

Zwischen diesen Geschichten flicht Brooke die flott und unterhaltsam geschrieben Rahmenhandlung ein, die – wie schon erwähnt – die Untersuchung der Haggadah umfasst, aber auch das Liebes- und Familienleben der Hauptperson, unserer Hannah Heath. Gegen Ende des Romans schlägt der Tenor sogar noch in Richtung Kunstfälschung, wenngleich aus hehren Motiven.

Eine Klippe, die die Autorin durch einfaches Ignorieren umschifft, ist der Zusammenhalt der einzelnen Geschichten. In bester Thrillermanier läßt sie diese zwar oft mit einer Art Cliffhanger enden (alles brennt, nur der momentane Besitzer des Buches (noch?) nicht, kann er sich retten oder sie und wenn wie und warum…), aber der Sprung, die Überleitung in die nächste Szene erfolgt nicht. Das Buch ist eben dann einfach in Venedig oder Wien oder Sarajevo, damit müssen wir uns abfinden. So ist es nur die in der nahen Vergangenheit spielende Rahmenhandlung die (nun ja, “Rahmen”handlung) dieses Mosaik kleinerer Szenen verbindet.

Wenn wir nach einem übergreifenden thematischen Zusammenhalt suchen, werden wir auf die Frage der Toleranz stoßen und auf das ewige Schicksal der Juden: verfolgt zu werden, vertrieben zu werden, unterdrückt und ermordet zu werden. Durch all die Jahrhunderte hindurch haben Juden nie die Macht gehabt und fast immer waren sie denjenigen mit der Macht ein Dorn im Auge und selbst wenn sie wertvoll waren für die Herrschenden, waren sie nie gefeit davor, daß diese sich einfach nahmen, was ihnen gehörte. Toleranz und Duldung war das Beste, was sie erwarten durften, auch wenn diese in kurzen Perioden eine freiere Entwicklung ermöglichten, Heldentaten zugunsten jüdischer Menschen (oder auch Gegenständen wie der Haggadah, die zweimal von mutigen muslimischen Museumsleuten vor der Vernichtung gerettet wurde) waren fast immer Einzeltaten, die dem Mut des einzelnen Menschen entsprangen.

So möchte ich zusammenfassend sagen, daß diese schöne Büchlein (aus der Reihe der “besonderen Taschenbücher” bei btb) in der Tat ein Schmöker ist, eine gut und flott geschriebe, spannende Unterhaltungslektüre, der aber das gewisse “Etwas” fehlt, um darüber hinaus zu begeistern.

Links und Anmerkungen:

[1] Die WebSite der Sarajewoer Haggadah, die eine spezielle Ausgabe (Haggada schel Pessach), die am Abend vor Pessach, dem Sederabend gelesen wird und die sich inhaltlich auf den Auszug der Juden aus Ägypten konzentriert.
[2] Bücher 2011, Zwischen den Zeilen, Bücher und Buchvorstellungen, Erste Sätze..
[3] Quelle, auch: Wolfgang Libal, Balkan, Prestel 1987, S. 291. Etwas verstörend wirkt in diesem Zusammenhang die Aussage, die in [1: Judentum in Sarajevo]] getroffen wird, wo diese Epoche praktisch nicht erwähnt wird, es im Gegenteil heißt: “Die Gemeinde Sarajevos war zu keiner Zeit Restriktionen ausgesetzt, von Pogromen in Bosnien etwa, wie es im übrigen Europa häufiger vorkam, spricht keine der Quellen.” Libal  [a.a.O.] dagegen führt die Zahl von 10500 ermordeten Juden allein für die Stadt Sarajevo an…
[4] wobei Pein ein altes Wort ist für Schmerz…
[5] … angeregt durch diese Seite der Haggadah….

unabhängig vom Roman, aber zum Thema passend und interessant ist dieser Beitrag Jonathan Safran Foers in der NYT zum Thema: Why a Haggadah?

Geraldine Brooks
Die Hochzeitsgabe
übersetzt aus dem Englischen von Almuth Carstens
diese Ausgabe: btb, 640 S., 2012
Erstveröffentlichung: Viking, NY, 2008

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4 Responses to “Geraldine Brooks: Die Hochzeitsgabe”

  1. dieseitenspinnerinnen Says:

    Historisch, CSI, Schmöker, Liebesgeschichte und Mutter-Tochter-Beziehung. Ich finde, es klingt herrlich. Auch wenn ich mich schon frage, wie das alles untergebracht wird. Du hast mich neugierig gemacht. LG Mila

    • flattersatz Says:

      dann versuch´s! wenn man keine tiefgründigen wahrheiten erwartet, wird man als leser nicht enttäuscht werden von dieser flotten geschichte..
      lg
      fs

      • Angelika Harper Says:

        Tiefgründige Wahrheiten findet man sowieso nur bei sich selbst. Ich finde “Die Hochzeitsgabe” kann auf jeden Fall einen Anstoß dafür geben, sich mit der Vielschichtigkeit der religiösen Geschichte zu befassen. Auch ohne einen sogenannten Glauben.
        Beachtlich finde ich den Gedanken, dass es seinerzeit so viel mehr Toleranz, unter den verschiedenen Glaubensrichtungen, gegeben hat gegeben hat als heutzutage.
        Vielleicht stimmt das auch so gar nicht. Dazu braucht es eben mehr als Bildung und Toleranz: nämlich Nächstenliebe und die Fähigkeit andere Menschen, mit all ihren Eigenarten, leben zu lassen. Wenn ich denn umgekehrt dasselbe von meinen Mitmenschen erwarten kann sollte es doch gut sein.
        So einfach ist es leider nicht.
        Ich jedenfalls habe sehr viel von diesem Buch mitnehmen können. Nicht zuletzt weil ich das Kind von einer vertriebenen Nation bin.

        LG
        Angelika

        • flattersatz Says:

          liebe angelika, herzlichen dank für deinen kommentar!

          du hast leider recht, es ist nicht so einfach… wie schön könnte die welt sein, wenn jeder die fähigkeit hätte, seinen mitmenschen in all seinen eigenheiten wahrzunehmen und auch das eventuelle anders-sein als gleichwertig zu sich selbst zu akzeptieren. aber gerade die überzeugung, der glaube, im besitz der “wahrheit” zu sein, verhindert dies oft, im gegenteil, es verführt geradezu dazu, den anderen – notfalls mit gewalt – zu überzeugen.
          deine bemerkung über die toleranz, die damals viel größer war, möchte ich aus meiner sicht einschränken. ich glaube in der tat, daß das christentum (zumindest hier in westeuropa) mittlerweile ein hohes mass an toleranz anderen religionen gegenüber hat, vielmehr jedenfalls als zu jeder anderen epoche. für den islam mag deine aussage gelten, der hatte sein goldenes zeitalter in der zeit, in der in europa finsternis herrschte…
          dein letzte satz macht mich betroffen, es tut mir leid, daß du offensichtlich ein schweres schicksal hast….
          liebe grüße
          fs


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