Joachim Gauck: Winter im Sommer – Frühling im Herbst

21. April 2012

Joachim Gauck legt in diesem 2009 erstveröffentlichtem Buch eine selektive Biographie, bezeichnet als Erinnerungen, vor. Selektiv in dem Sinn, daß er für die Zeit bis zur Wende durchaus auch privates und familiäres erzählt, während er ab 1989 den Text weitestgehend auf die öffentliche Person Joachim Gauck und dessen Ansichten beschränkt.

Recht ausführlich geht der 1940 in Rostock geborene Gauck auf seine Familie und seine Kindheit ein [1]. Das Kriegsende erlebte der damals 5jährige in Wustrow an der Ostsee mit dem Vormarsch der Russen.

Die Weichenstellung für sein gesamtes weiteres Leben fand am 27. Juni 1951 statt: Sein Vater, der als Marineoffizier gedient hatte, wurde abgeholt, interniert und letztlich zu 25 Jahren Lagerhaft in Sibierien verurteilt. Dies trieb die gesamte Familie Gauck in einen passiven Widerstand gegen das Regime, der in der Folge konsequent durchgehalten wurde. Mitgliedschaft in den Jugendorganisationen der Partei zum Beispiel waren strikt verpönt und wurden nicht geduldet. Auch in anderer Hinsicht war diese Zeit prägend für Gauck: als ältester Sohn war er für die Mutter zum Ansprechpartner geworden und lernte früh, auch Verantwortung zu übernehmen. 1955 kam dann der Vater zurück zur Familie, für Joachim bedeutete dies, aus der „herausgehobenen“ Position als „Partner“ der Mutter wieder in seine „eigentliche“ Rolle als Sohn zuruckzutreten, etwas, was nicht immer leicht gefallen sein muss.

Passiver Widerstand, das sich dem Regime verweigern, wurde in der DDR nicht belohnt. Da die Partei großen Einfluss hatte auf die Ausbildung und Berufswahl der jungen Menschen, blieb für viele Studierwillige, die der Partei – in welcher Weise auch immer – auffällig geworden waren, nur Theologie als Studienfach übrig, eine Erklärung dafür, daß sich in der DDR viele Pastoren politisch aktiv bzw. interessiert zeigten. Zwar war die Kirche keine Partei oder gar politische Opposition, doch wurde sie immer mehr zum einzigen Ort, an dem eine freie Meinungsäußerung möglich war. Zugleich vermittelte die kirchengemeindliche Gemeinschaft einen starken Rückhalt für den Einzelnen, der so auch in kritischen Situationen, z.B. Vorladungen zum Verhör, Anwerbeversuche durch die Stasi u.ä. Rückhalt finden konnte. Andererseits bedeutete es natürlich auch, daß die Kirchengemeinden ein bevorzugtes Ziel für die Überwachung durch die Stasi waren.

So studierte Gauck also Theologie und wurde dann als Gemeindepfarrer eingesetzt. Dies hieß unter den real existierenden Bedingungen Missionsarbeit: die Kirchengemeinden waren mickrig, wenn es sie überhaupt gab, Kirchen waren oft nicht vorhanden, die Jugendweihe machte der Konfirmation starke Konkurrenz. Trotzdem schaffte es Gauck, eine starke, funktionierende und lebende Gemeinschaft aufzubauen. Dadurch wurden die Kirchenoberen auf den jungen Pfarrer aufmerksam und übertrugen ihm auch größere Aufgaben, wie die Organisation von Kirchentagen, in der DDR ganz besondere Ereignisse.

Der Westen, dessen Lebensverhältnisse über das Westfernsehen und verwandtschaftliche Kontakte weitgehend bekannt waren, übte eine große Faszination gerade auch auf jüngere Menschen aus. Viele stellten Ausreiseanträge oder versuchten zu fliehen. Auch Gaucks eigene Kinder gingen rüber, Gauck nennt die Zahl von 3 Mio Menschen, die in den 40 Jahren ihrer Existenz die DDR verlassen haben…. Für Gauck ist der Mauerbau 1961 der eigentliche Gründungsakt der DDR, durch ihn schuf sie sich als „Gefängnis“ für ihre Bevölkerung, von der sich ein großer Teil in stiller Apathie versuchte, mit den Verhältnissen zu arrangieren.

Im Herbst 1989 begann dann die Entwicklung, die der DDR die unblutige Revolution brachte. Ausführlich schildert Gauck hier die Ereignisse und man gewinnt den Eindruck, daß die Vorgänge damals in sehr kurzer Zeit eine Eigendynamik entwickelten, die kaum noch aufzuhalten war. Über Jahrzehnte angestauter Druck entlud sich in Demonstrationen und Märschen, in Gottesdiensten, Versammlungen und Protestliedern. Schnell schälten sich auch unter den Protestierenden bestimmte Führungsfiguren heraus, es gründeten sich diverse Gruppen, die alle das gleiche Primärziel verfolgten, nämlich die herrschende Gerontokratie wegzufegen. Ihr Ziel hatte erreichte diese Bewegung, als man anfing, gegen  Schild und Schwert der Partei vorzugehen, sprich, die Zentralen der Stasi zu stürmen und zu besetzen, zuletzt das riesige Hauptquartier in der Berliner Normannenstraße. Auch diese Übernahmen gingen sehr geordnet vor sich, zum Teil wurden Volkspolizei und Staatsanwaltschaft mit eingeschaltet, um Ausschreitungen und Übergriffe oder auch Waffeneinsatz von Seiten der „Firma“ zu verhindern.

Die „älteren“ unter den Lesern erinnern sich noch, es ging damals alles sehr schnell und mit einer Eigendynamik, die kaum zu steuern schien. Waren sich in der DDR anfangs viele einig, daß Wiedervereinigung nicht das Ziel ist, sondern der Versuch, in der DDR einen besseren Staat aufzubauen, schildert Gauck aus seiner Innensicht der Vorgänge, wie es letztlich dann doch zur Vereinigung der beiden Staaten kam.

Ein großer Teil des Buches widmet sich natürlich seiner Funktion als Leiter der Stasiunterlagenbehörde, die recht schnell seinen Namen trug. Auch hier ging der Gründung ein langer Streit voraus, wie mit den schier unfassbar umfangreichen Aktenkilometern [3] (die der geplanten Vernichtung durch die Stasi entgangen sind), umzugehen wäre. Die aus dem Osten kommenden Aktivisten waren eher basis-demokratisch motiviert und wollten jedem Betroffenen seine Akte geben, die westlichen Behörden dagegen taten sich schwer mit einer Veröffentlichung der Akten, manchem wäre ein stillschweigendes Ignorieren lieber gewesen als eine Aufarbeitung [2]. Gauck geht auf die Schwierigkeiten ein, die die Gründung und der Aufbau einer solchen oberen Bundesbehörde, für die es bis dato noch kein Vorbild gab, mit sich brachten, besonders lobt er seinen damaligen Stellvertreter Geiger, einen bayerischen Juristen, der ihm, dem Demokratie-Neuling aus dem Osten geschickt durch die Fallstricke angewandter westlicher Demokratie half…

In den zwei Amtszeiten gelang es Gauck, eine funktionierende und anerkannte Behörde aufzubauen und vielen, sehr vielen Menschen Einsicht in ihre Akten zu ermöglichen. Dabei kam es immer wieder zu erschütternden menschlichen Szenen… es ist auch unfassbar, wenn Eheleute sich gegenseitig bespitzelten und als IM der Stasi zuarbeiteten. In diesem Zusammenhang geht Gauck auf einige besonders prekäre Fälle ein, wie z.B. den der IM-schaft von Manfred Stolpe, die ja über lange Zeit in den Medien Thema war.

2000 wurde nach zwei Amtszeiten Marianne Birthler, auch eine ostdeutsche Aktivistin der ersten Stunde, als Amtsnachfolgerin von Gauck gewählt. Damit finden auch die Betrachtungen Gaucks selbst ein Ende, aber nicht, ohne daß er noch einmal seine Vorstellungen zum Begriff der Freiheit, der für ihn zentral ist, erläutert.

Diese „Erinnerungen“ eines Menschen, der mitten drin war, der vorn mit dabei war, sind Geschichtsunterricht von seiner besten Art. Man merkt Gaucks Text an, daß er als Pastor das Predigen gelernt hat, das Geschriebene liest sich flüssig, es ist logisch aufgebaut und weiß zu überzeugen. Und er schreibt nicht von aussen, er ist jemand, der die Entwicklung, die Eigenarten, die Schwächen und die Fehler des DDR-Systems gekannt hat, unter ihnen gelitten hat, Gauck erzählt (auch anhand von exemplarischen Einzelschicksalen) über das wirkliche Leben in diesem Ex-Staat.

Links und Anmerkungen:

[1] hier sei auf den recht ausführlichen Artikel in der Wiki verwiesen: Joachim Gauck
[2] vgl. dazu hier: Schäuble und Kohl waren einig. Besonders unrühmlich war seinerzeit der Widerstand Kohls gegen die Herausgabe seiner Akten, die in entsprechenden anderen Fällen bei Personen öffentlichen Interesses durchaus vorgesehen war und vorgenommen wurde, wie Gauck erläutert. Kohl prozessierte und verzögerte eine Herausgabe der Akten lange (siehe hier)
[3] was schließlich durch das Stasi-Unterlagengesetz geregelt wurde, in das viele der ostdeutschen Vorstellungen einfloss (siehe wiki)

Joachim Gauck
Winter im Sommer – Frühling im Herbst
Erinnerungen
Pantheon Verlag, brosch., 352 S.
Erstveröffentlichung: Siedler, 2009

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