Zsuzsa Bánk: Der Schwimmer

„Der Schwimmer“ ist ein melancholischer, elegischer Roman aus dem Ungarn der 50er/60er Jahre. Es ist eine Geschichte zerbrechender Träume, ver-rückter, aus dem normalen Ablauf des Lebens gerückter Schicksale, er verwebt die Geschichte einer Familie mit dem Schicksal eines Landes. Die Zeit fließt langsam in dieser Geschichte, sie scheint nur zu rinnen in der Ereignislosigkeit dieser Tage, die grau werden vom Regen des Herbstes und des Frühlings und im matschigen, schmutzigen Winterschnee zu erstarren scheint. Der Sommer bringt die Bläue des Himmels, die lähmende Hitze am Mittag, die mit der Apathie der Menschen zu einer Melange des Wartens auf das, was nie geschehen wird, verschmilzt. Einzig der See, das warme, kühle Wasser bietet Leben, er wirkt wie eine Oase, auf die hin die Monotonie der immerwiederkehrenden Abschiede und Reisen hin ausgerichtet ist, ohne daß er, jedoch Halt geben kann, Rastplatz sein kann für immer.

Kurz nach dem gescheiterten Volksaufstand von 1956 [1] verläßt Katalin ihre Familie und flieht in den Westen, nach Deutschland. Sie und Kalman hatten sich drei Jahre zuvor kennengelernt als das Land für eine Minute den Atem aussetzte und stillstand [2], zwischen ihnen geschah etwas, was sich langsam aber unabänderbar entwickelte und was man als Liebe, als Glück der Liebe bezeichnen muss und was genauso rätselhaft dann eines Tages von irgendjemanden wieder weggenommen worden war.

Katalin hat meinem Vater nie widersprochen. Sie hat ihn verlassen.

Und sie ließ ihn zurück mit Isti und Kata, dem jüngeren Bruder und der älteren Schwester, kurz nach dem Volksaufstand. Ob sie wegen der politischen Lage ging oder dem Unglück, das sie in ihrer Ehe er“lebte“, bleibt unklar, wir erfahren von ihr nur in indirekter Rede, über die Großmutter der beiden Kinder zum Beispiel, von denen das Mädchen als Ich-Erzählerin die Zeit der Verlassenheit beschreibt. Und so wie eine Erzählung, ein Bericht über das Leben eines anderen immer in der Vergangenheit spielt, bleibt die Mutter den Kindern auch zeitlich immer fern, nie gibt es ein „jetzt“, die Gedanken, das Wissen um das, was die Mutter erlebt, sieht, macht, wo sie sich aufhält – immer sind Gedanken an etwas, was schon Vergangenheit ist oder sein kann.

Für die drei, für Isti, Kata und Kalman, beginnt ein Leben, das keinen Halt mehr bietet, wobei nicht entschieden werden kann, ob dieses freie Treiben im Raum Ursache oder Wirkung ist: ist die Mutter vertrieben worden durch eine solche andeutende Eigenheit ihres Mannes, der stundenlang liegen konnte und abtauchte in eine andere Welt, die sich offensichtlich nur in seiner Imagination besuchen ließ oder ist es die Auswirkung einer alles verzehrenden Trauer, eines alles verschlingenden Gefühls der Einsamkeit, der Verlassenheit, des im-Stich-gelassen-werdens?

Mit der Flucht der Mutter setzt der Vater für sich und seine beiden Kinder, denen er kaum Vater ist, eine Odyssee in Gang. Sie nehmen nicht viel mit auf ihre Fahrten zu Verwandten in den unterschiedlichsten Orten Ungarns, die Landschaften rauschen an den Zugfenstern vorbei, monoton begleitet das Schienengeräusch die drei von einem grauen Ort in den nächsten. Meist können sie nicht lange bleiben, der Platz in den Wohnungen ist eng oder es geschieht etwas, was ihr Bleiben nicht länger erlaubt, so wie die Sache mit Eva, die eins dieser Geschehnisse ist… In einer dieser Wohnungen hören sie im Radio die Verlesung eines Briefes ihrer Mutter, kaum fassen es die Kinder und sind fortan vom Radio kaum noch fortzubringen.

Die drei sind Entwurzelte, sie haben keinen Platz mehr auf der Erde, ein zuhause kennen sie nicht mehr, es ist mit der Mutter verloren gegangen, wahrscheinlich schon vorher. Am wohlsten fühlen sie sich am See, dem Plattensee, in dem Haus von Agi und Zsoltan, hier leben sie sich ein und schließen Freundschaft, hier wird sogar von „unserem“ Haus gesprochen. Kata und Isti besuchen keine Schule (sowenig wie der Vater arbeitet), sie arbeiten auch nicht sonderlich viel, sie vertrödeln ihre Zeit, verbringen sie mit Spielen, vor allem am See. Besonders Isti ist nicht vom See wegzubringen, das Wasser wird zu seinem Element, im Wasser fängt der Junge, der an Land ein immer seltsameres Verhalten an den Tag legt, an zu leben. Rosza, die Großmutter, kommt zu Besuch. Sie kann von der Mutter erzählen, von ihrem Schicksal in dem fremden Land, das noch ein wenig grauer scheint, noch weniger Bäume hat, aber dafür mehr Regen. Es ist ein hartes Flüchtlingsschicksal, das Katalin und Vari (die mit ihr geflohen war) in Deutschland durchleben, sie vermisst ihre Familie, aber ihre Briefe werden abgefangen, einzig der seinerzeit im Radio verlesene ist Botschaft von ihr.

Sie können nicht bleiben, auch hier treibt sie das Schicksal wieder weg. Das Haus brennt ab, ausgerechnet, als sich fast alle auf einer Tanzveranstaltung mal ein wenig vergnügen wollen. Warum es abbrennt, es bleibt Spekulation.. jedenfalls ist ein solches abgebranntes Haus zu klein für soviele Menschen… und wieder eine Trennung, Isti muss sich vom See verabschieden, vom Wasser, von seinem Element… der Kreis schließt sich, sie fahren wieder zurück zu Zsofí, der Kusine ihres Vaters, in dem Dorf, in dem es einen Fluss gibt, der im Winter vereist, dessen Eis aber nicht immer so dick ist, daß es selbst einen so leichten Jungen wie Isti tragen könnte….

Der Roman, obschon angesiedelt zwischen nach dem ungarischen Volksaufstand und dem Tod Jan Palachs, scheint schwerelos irgendwo in Raum und Zeit zu schweben. Bis auf den Bericht über die Flucht der Mutter sind Bezüge zu den Vorgängen meist nur verklausuliert zu finden, vllt war es damals so, auf dem Land, weitab von der Hauptstadt, daß man von diffusen Gerüchten hörte, sich aus Indizien zusammenreimen musste, was weit entfernt geschah, geschehen war, nur indirekt kommt die Rede auf die politischen Verhältnisse, am deutlichsten noch in den Figuren von Tamas und Mihaly, den beiden Studenten, die so oft bei Agi, den Kindern und vor allem Virág waren, Virág, ihrer Kusine, aber das war dann, bevor die seltsame Iren ins Spiel kam…

Dieses Schweben in der Zeit bedingt auch, daß nichts sich entwickelt. Die Kinder bleiben schemenhaft alterslos, natürlich, man weiß, sie sind Kinder, aber kaum merkt man, daß sie wachsen, andere Interessen entwickeln oder größer werden. Wie alt sind sie am Beginn der Reise, als sie am See sind, wir alt war Isti, als er auf´s Eis des Flusses sich verirrte? Allenfalls Hinweise, Spuren gibt die Autorin dem Leser.. An einer Stelle läßt Bank ihre Erzählerin (der sie dann ganz am Ende des Romans schlielich doch noch einen „holterdipolter-schnell-noch-erwähnen“- Lebenslauf gönnt) ausdrücklich sagen, daß es in der Rückschau natürlich sein könne, daß die Zeiten anders verlaufen seien, daß etwas durcheinander geraten sei und so nicht gewesen. Egal, man würde als Leser den Unterschied kaum merken, das Lesen dieses Textes ist wie Laufen im Treibsand, man kommt nicht voran, tritt auf der Stelle, außer dem Nicht-Versinken ist kein Ziel auszumachen, auf das hinaus alles läuft. Bedeutungsschwer ist jeder Satz, an manchen Stellen scheint die Bedeutungsschwere gar das zulässige Gesamtgewicht zu überschreiten…. muss man Kindern Lieder (auch wenn sie aus fremden Ländern stammen) wirklich tagelang vorsingen, bis sie die Melodie gelernt haben? … auch das Schwimmen.. wie elend lange dautert es, bis man als Leser das Gefühl hat, dieser wasserbegeisterte Junge würde wirklich schwimmen können und nicht nur paddeln und wassertreten wie ein Hund.

Überhaupt ist das Leben, so wie es uns Bank schildert, von großer Apathie, von Tatenlosigkeit gekennzeichnet. Man nimmt das Schicksal hin, so wie es kommt, einzig der Wein, die Lese, die Reben sind am See wichtig. Das Haus brennt zu weiten Teilen ab, nun ja, man entleert es von den verbrannten Möbeln und Sachen und lebt in den übriggebliebenen Räumen weiter. Kein Gedanke an aufbauen oder reparieren. Wären die beiden Studenten nicht, würde garnichts geschehen…

Ist also die Handlung, das Aktive Sache der Autorin nicht, was will sie uns dann mit ihren Worten sagen?

Will sie, die in Deutschlang geborene, uns ein Bild geben von dem Ungarn zwischen dem Aufstand 1956 und den Ereignissen in Prag 1968, von dem Stillstand im Land, der alles erstickenden grauen Decke der Diktatur, die sich über die Menschen gelegt hat und keine Entwicklung, kein Fortschreiten ermöglichte? Will sie uns zeigen, wie damals die Zeit quasi stehen geblieben ist in der Monotonie der immer wieder kehrenden Jahreszeiten? Will sie andeuten, daß und wie diese bleierne Decke sich auf das Gemüt der Menschen legte, sie apathisch-duldend werden ließ? Oder geht es ihr doch um die Schicksale von Menschen, die aus der Sicherheit, aus dem Urgrund ihrer Lebenssicherheit herausgerissen wurden, in dem sie von der Mutter verlassen worden sind? Bank zeigt uns ihre Personen in der Trauer, die sie erleiden, als Extreme. Isti leidet und erkrankt an seiner Trauer, die niemand erkennt und in gesunde Bahnen lenken kann. Der Vater erst recht nicht, schon immer eher ein „Abtaucher“ läßt sich immer mehr Treiben und Gehen. Agi, die Frau am See: drei Kinder hat sie früh verloren, auch ihre Trauer wird geschildert, ist extrem, als ob sich in dieser einen Trauer, von der erzählt wird, alle aufgestauten Gefühle entladen, nur hier entladen können. Und auch am Ende des Buches wird der lange Abschied von Isti von allen seinen Verwandten sehr intensiv gelebt und füllt für diese Zeit das Dasein der Menschen aus.

„Der Schwimmer“ ist ein schönes Buch in seiner elegischen Schwere, seiner gedankentiefen Melancholie. Es findet wunderbare Bilder, in denen es Stimmungen wiedergibt, es eröffnet uns in seiner präzisen und einfühlsamen Sprache einen feinfühligen Zugang zum Schicksal dreier entwurzelter Menschen, in denen sich das Schicksal eines Landes spiegelt. Die Stellen, an denen weniger Bedeutungsschwere vllt etwas mehr gewesen wäre, tun diesem Eindruck keinen Abbruch.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zum Ungarischen Volksaufstand 1956
[2] Wiki-Artikel zu Stalin

noch bei aus.gelesen zu finden: Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage

Zsuzsa Bánk
Der Schwimmer
Erstveröffentlichung: Fischer, 2002

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5 Kommentare zu „Zsuzsa Bánk: Der Schwimmer

  1. Schöne, wie immer sehr tiefgründige Worte. Vor allem der vorletzte Absatz, der mich ein wenig mit Scham erfüllt, denn während ich in meiner Besprechung nur von Stimmungen und Sprache und Poesie und anderen solchen luftigen Gebilden rede, machst du dir Gedanken über mögliche Interpretationen (ohne das Buch auf eine einzige ‚Botschaft‘ festlegen zu wollen): „Will sie uns zeigen, wie damals die Zeit quasi stehen geblieben ist in der Monotonie der immer wieder kehrenden Jahreszeiten? Will sie andeuten, daß und wie diese bleierne Decke sich auf das Gemüt der Menschen legte, sie apathisch-duldend werden ließ?“
    Ich schreibe in meinem Text zwar, dass der politisch-historische Hintergrund nicht sonderlich thematisiert wird, doch der Roman ist – wie du mit den Fragen, die du aufwirfst, zeigst – natürlich auch ein Statement über diesen politisch-historischen Hintergrund.

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    1. ach, liebe caterina, nun stell dein licht nicht unter den scheffel. du hast viel besser als ich das poetische des textes, des geschriebenen erfasst und dargestellt… so ergänzen sich die texte, sie konkurrieren nicht…
      lg
      fs

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  2. Eine sehr schöne, ansprechende Rezension, die der Autorin gerecht wird. Diese Gabe, etwas Schweres in die Schwebe zu bringen, bis es leicht wirkt, ohne es zu sein, bewundere ich sehr. Vor Jahren bin ich ihr im Rahmen einer Preisverleihung in Mannheim begegnet. Mir gefiel ihr Text „Zigi übers Meer“ nicht nur, ich bewunderte sie fortan für ihre Gabe. Den vorgestellten Roman „Der Schwimmer“ kenne ich bislang nicht, mag ihn aber auf jeden Fall lesen. Die Rezension ist ein weiterer Grund.
    Ich empfehle auch „Die hellen Tage“.

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