Hermann Schulz: Sonnennebel

8. März 2012

Brieftaubenzüchter sprechen von Sonnennebel, wenn im Frühjahr oder im Sommer die Sonne aufgeht, während die Erde noch nebelbedeckt ist. Dann fürchten sie um ihre Tiere, die sich auf Reisen befinden. Im Sonnennebel verlieren Tauben leicht die Orientierung und finden erst spät oder niemals den heimatlichen Schlag.

„Sonnennebel“ ist ein Bild, das sich geradezu aufdrängt für dieses Buch, das in der Gegend um Moers am Niederrhein spielt, ca. 10 Jahre nach dem Kriegsende. Hauptperson ist der 15jährige Alfred Halstenkamp, genannt Freddy, ein Junge, der in den letzen Kriegstagen zum Waisen wurde. Er lebt mit seiner Tante Emma, die ebenfalls ihren Verlobten und die ganze Familie verloren hat, zusammen in einem kleinen Häuschen, auch das symbolisch gelegen zwischen der Bergarbeitersiedlung und dem eigentlichen Ort [1].

Und so wie das Haus zwischen Siedlung und Ort steht, befindet sich Freddy im Übergang. Er ist in der Pubertät, er sucht seinen Weg, muss sich lösen von altem und neues erobern. Dies ist ein normaler Vorgang, jeder Mensch durchläuft diese Phase der Orientierungslosigkeit, des Probierens und Austestens, des Überschreitens der alten und des Suches der neuen Grenzen. Was das Schicksal von Freddy besonders macht, für uns besonders macht, sind die Umstände, unter denen es stattfindet.

Zehn Jahre nach dem Krieg. Noch leidet das Land unter den Folgen dieser schrecklichen Jahre und der Niederlage. Häuser sind zerstört, Familienstrukturen zerrissen, Biographien aus der Spur gebracht. Das politische und gesellschaftliche System haben sich grundlegend geändert, vom hierarchisch auf Befehl und Gehorsam getrimmten Untertan wird der Wechsel auf den politisch verantwortungsvoll handelnden Bürger vollzogen. Nicht jeder kann da mit, viele Verhaltensweisen, die jahrelang antrainiert wurden, sind immer noch vorhanden, autoritäres, menschenverachtendes Handeln nach Leitbildern verflossener Zeiten, wie es Schulz in seinen beiden Polizisten, die er auftreten läßt, deutlich macht. Sollten diese Änderungen auch noch im Fluss und noch lange nicht abgeschlossen (sind sie es heute?) sein, wirtschaftlich jedenfalls ging es langsam aber sicher aufwärts. Der Kohlebergbau lieferte das schwarze Gold, abgebaut von Arbeitern aus Italien, auch die jetzt aus Russland heimgekehrten Gefangenen (1956 kamen die letzten der ca. fanden dort gutbezahlte Arbeit, wenngleich deren Eingliederung im Laufe der Rückführung immer schwieriger geworden war.

Kommen wir zur Geschichte von Freddy. Beide, Freddy und Emma, seine Tante, sind von ihrer persönlichen Verlustsituation stark belastet. Zwar mögen sie sich, sehr sogar, sie leben auch gut zusammen, aber Freddy fehlt das Vertrauen in seine Tante, er beschwindelt sie, vordergründig, um sie zu schonen, in Wirklichkeit aber, um sich Ärger zu ersparen. Bei aller Liebe, die Emma für den Jungen empfindet, ist sie dagegen nicht in der Lage, ihm dies zu zeigen, in dem sie ihn einfach mal in den Arm nimmt, festhält, streichelt oder sonstwie Wärme spendet. Beide leben wie in einem emotionalen Käfig eingesperrt, aus dem sie nicht hinauskommen.

Und Freddy ist kein unbeschriebenes Blatt. Er ist ein intelligenter Junge, geht aufs Gymnasium. Viel mehr als die Lernerei ist er aber an der Brieftaubenzucht interessiert und das Geld, um dieses Hobby finanzieren zu können, verschafft er sich mit kleinen Gaunereien und halbillegalen Arbeiten. Dabei muss er immer auf der Hut sein, daß er nicht den Jungenbanden aus dem Ort in die Hände fällt, die ihn, der ausserdem noch an Asthmaanfällen leidet, erbarmungslos verprügeln würden. Eine schlimme Begebenheit geschieht, als Freddy einen Abends einen seiner Lehrer besoffen und zugesaut in einer Hecke findet und ihn nach Hause schleift. Dort beschuldigt der lallende Lehrer plötzlich Freddy, ihn geschlagen und verdreckt zu haben… man glaubt natürlich dem Lehrer, zitiert Emma in die Schule, die dort aus allen Wolken fällt und als brutalstmögliche Strafe für Freddy seine Tauben auf dem Hackklotz dekapitiert. Dies ist ein Einschnitt in seinem jungen Leben, er und auch Emma leiden unter dieser Tat.

Freddy freundet sich aber mit Otto an, dem Kostgänger des Hauses, der auf der Zeche arbeitet. Dieser gibt ihm Tips, Otto kann dann nach einiger Zeit auch die verwaisten Taubenschläge wieder mit Tauben füllen. Und mit noch einem Menschen freundet sich Freddy an: mit Cornelia, der Tochter des bewussten Lehrers, die er aus der Kirche hat kommen sehen, an dem Nachmittag, als in ihr vandalisiert wurde.

Eines Nachts hört Freddy die Feuerwehr, der Hof des Bauern Zinke brennt ab. Bei Zinkes wird geprügelt, der junge Zinke schlägt auf den Vater, hat hier ein Racheakt stattgefunden? Freddy spekuliert, seine Sprüche kommen der Polizei zu Ohren, ausserdem ist er am Brandort gesehen worden – kurz, er wird als Brandstifter verdächtig und verhört. Zudem hat er noch etwas geklaut aus den rauchenden Trümmern, ein Bild der Jungfrau Maria mit dem Jesuskind. Ohne Freddy jetzt Unrecht tun zu wollen, muss man jedoch festhalten, daß es ihm mehr die ausgemalte Oberweite der Mutter als der religiöse Charakter des Bildes angetan hatten…

So verläuft das Leben Freddys zwischen Langeweile und Aufregung, er spürt seine innere Unruhe, daß es so nicht weitergehen kann, daß er sich ein Ziel setzen muss, daß er sich entscheiden muss. Die Liebe zu Cornelia, diese seine erste Liebe ist es, die ihm Kraft gibt, auch wenn Schulz den beiden kein wirkliches Happy End widerfahren läßt.

Das Buch ist flüssig und gut lesbar geschrieben. An manchen Stellen erschien es mir etwas zu offensichtlich belehrend zu sein, etwa, wenn der Kommissar das grobe Verhalten der beiden Polizisten zu erklären versucht. Auch am Ende des Buches das frischgebackene Liebesglück Emmas (das man ihr von Herzen gönnt), etwas unverhofft und plötzlich auftauchend…

Das Buch wird vom Hersteller mit einer Altersangabe von 14 – 17 Jahren versehen. Für diese Altersgruppe wäre es meiner Meinung nach aber sinnvoll, einige Hintergrundinfos beizufügen oder sonstwie zu ergänzen. So ist sich Freddy zum Beispiel sehr im Zweifel darüber, ob er sich überhaupt wünschen soll, daß sein Vater eventuell doch aus Gefangenschaft heimkehrt. Schließlich erlebt er die Väter seiner Schulkameraden meist als prügelnde, autoritäre Menschen, vor denen man Angst haben muss und mit denen nicht gut Kirschen essen ist. Dies liegt natürlich nicht (nur) daran, daß Väter damals schlechte Menschen waren. Es hat auch viel damit zu tun, daß sie als Verlierer eines Krieges nach Hause kamen, sich unter Umständen erst lange nach Kriegsende heimkehrend ihren Platz in der Familie (die sich mittlerweile und oft gut auch ohne den Mann im Haus organisiert hatte) wieder zurückerobern mussten. Das gesamte neue Leben war ungewohnt, man konnte sich nicht mehr wie als Soldat nehmen, was man brauchte oder als Gefangener organisieren, auch stehlen, was zu organisieren war, man musste Rücksichten nehmen und hatte als Familienoberhaupt die Verantwortung für die Familie zu tragen. So war es oftmals einfach Überforderung die zur einfachsten aller Übersprungshandlungen greifen ließ: erstmal draufhauen, damit a Ruh is!

Wer weiß heute schon noch, was ein „möbliertes Fräulein“ ist, allein der Ausdruck „Fräulein“, wer benutzt den noch? Die Outcasts der 50er Jahre… Millionen von Kriegswitwen gab es in Deutschland, aber wer einige Jahre nach dem Krieg immer noch keinen Mann gefunden hatte, die war doch selber schuld! Vielleicht führte sie ein liederliches Leben? Eine Wohnung bekamen alleinstehende Frauen kaum, Familien hatten Vorrang…

Auch die gegenseitige Aversion von Katholiken und Evangelen, wie sie auch im Buch angedeutet wird. Wieviele Paare sind seinerzeit daran gescheitert, daß die Eltern ein striktes Veto gegen Schwiegertochter/-sohn der anderen Konfession einlegte….

In der Summe hat Schulz mit „Sonnennebel“ ein schönes, stimmungsvolles Buch (das mich an vielen Stellen an meine eigene Kindheit erinnerte) vorgelegt, mit einem Protagonisten, dessen Herumirren im eigenen Leben im Grunde ein einziger Hilfeschrei ist: gebt mir eine Aufgabe, traut mir was zu, fordert mich! Yes, I can.

Links und Anmerkungen:

[1] WebSite der Gemeinde Rheinkamp mit vielen Infos zur Geschichte
[2] Claudia Seifert: Aus Kindern werden Leute, aus Mädchen werden Bräute, dtv, 2006

Hermann Schulz
Sonnennebel
Carlsen Verlag, HC, 284 S., 2000

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