Iris Hanika: Das Eigentliche

25. Februar 2012

„Das Eigentliche“, dieser Roman von Iris Hanika ist ein schwieriges Buch. Es hat keine durchgängige Handlung, vielmehr begleiten wird den Archivar Hans Frambach, Jg. 1962, ein paar Tage lang durch sein Leben, das er beruflich im „Institut für Vergangenheitsbewirtschaftung“ in Berlin verbringt. So wie dort ist auch der private Teil seines Lebens eher düster und traurig, er lebt alleine ohne Bekannte oder Freunde. Der einzige Mensch, mit dem er Kontakt hat, den er vllt sogar liebt, auch wenn diese Liebe nur platonisch ist, ist die in etwa gleich alte Graziela Schönbluhm, mit der den Schrecken und das Unglück des nationalsozialistischen Judenmords teilt.

„Das Eigentliche“, so wie es der Titel suggeriert, gibt es nicht, wie es die Autorin schnell klarstellt, im Gegenteil, es gibt viele „Eigentliche“. Das Eigentliche des Staates, unseres Staates ist seine Vergangenheit, die Dunkelheit, aus der heraus er geboren und ins hellste Licht gestellt worden ist „…was nur logisch war, schließlich war es der Grund seiner Gründung.“ Und das „Institut für Vergangenheitsbewirtschaftung“ ist es, welches diese immerwährende Aufgabe des Gedenkens verwaltet, nein bewirtschaftet. Für Graziela dagegen, die lange Zeit mit Hans Frambach an dieser Nazivergangenheit litt, wird ihr sexuelles Verhältnis mit Joachim, das Fleischliche, zum Eigentlichen und für den Protagonisten selbst ist es sein Unglück tief in ihm selbst, das er zu seinem Eigentlichen erklärt.

Der verwendete Terminus der „Bewirtschaftung“ im Namen des Instituts führt direkt zum Eigentlichen des Romans. Bewirtschaften ist mehr wie Verwalten oder Bewahren, wer bewirtschaftet, denkt in Kosten/Nutzen bzw. Aufwand/Ertrag-Kategorien, der will einen Gewinn ziehen aus seiner Tätigkeit, in welcher Weise auch immer. Die Habenseite dieses Instituts z.B. umfasst zum einen die Unentbehrlichkeit: dank des rührigen Leiters versucht die Einrichtung (mit großem Erfolg) quasi ein Monopol für die Bewirtschaftung der Vergangenheit aufzubauen. Was immer archivierbar ist, soll vom Institut „an Land“ gezogen werden, und seien es Pakete mit obskuren Dokumenten, die jüdische Flüchtlinge nach Shanghai mitgenommen hatten. Und dies nutzt wiederum den Menschen, die im Institut arbeiten, weil es ihren Arbeitsplatz sichert und es nutzt dem Staat, der durch das Institut Renommée gewinnt.

Die Verbrechen der Nazis, der Holocaust, werden funktionalisiert. An einer Stelle findet Hanika dafür ein  aussagekräftiges Beispiel. Sie läßt ihren Protagonisten mit der U-Bahn durch Berlin fahren und am Potsdamer Platz, dem Hochhausdorf, aussteigen. Dort sind die großen Kinos und sie beschreibt, welche Filme um das Dritte Reich herum dort laufen, erfundene und nachempfundene: „Ohne Scheu wurde hier professionell ausgeleuchtet und bebildert, wovor die Vorstellungskraft einst schamvoll versagte. Doch brauchen wir eh keine Vorstellungskraft mehr, sondern werden anstandslos in die Gaskammer geführt.„. Der Holocaust, die Shoa, der Versuch, die Juden auszurotten, ist massenkompatibel geworden. Es ist die Stelle im Buch, an der man den Furor der Autorin merkt, ihre innere Beteiligung am Thema, es kommt dieser ganze Ärger, der Zorn über die Entwicklung heraus, die aus dem Unsag- und Unzeigbaren eine Chiffre gemacht hat für den ewigen Kampf Gut gegen Böse, den existierenden eine weitere Chiffre zugefügt hat: gut sind die Soldaten im Wilden Westen und die Juden, böse sind die Indianer und die Nazis – und die Deutschen.. das sind eben die Deutschen damals, nicht die von heute, wir haben damit sowenig zu tun wie die Italiener mit den Römern, wenn diese im Zirkus (Film)Blut fließen lassen.

Nochmal Berlin, das Holocaust-Denkmal, nicht weit vom Potsdamer Platz entfernt. Auch hierhin führt uns Hans Frambach und Hanika findet wieder so ein schönes Bild, indem sie dieses Denkmal (das ich persönlich sehr mag, das mich sehr beeindruckt und nachdenklich macht) mit einer untergegangenen Stadt vergleicht, von der nur noch die blankgestrahlten Häuserpitzen hervorschauen, der Rest eingesunken in das Land so wie die Vergangenheit sich eingeprägt hat in das Land und das Volk ohne für viele ihre Funktionalität verloren zu haben: sie haben ihr moralisches und materielles Auskommen darin gefunden. Nicht geht es mehr um das Eigentliche, die Ungeheuerlichkeit, das Unfassbare, es geht um dessen Bewirtschaftung…

The Shoa-Business must go on.

Als Kristallisationsfigur für die Darstellung ihres Impetus dient der Autorin ihre Figur des Hans Frambach, der ein pedantischer, in sich gekehrter und von seinem Unglück lebender Mensch ist. Ein kleiner Zahlenmystiker (der Namen bevorzugt, deren Buchstabenanzahl ohne Rest durch 3 dividierbar ist), ein Mensch, der sich in der U-Bahn fragt, ob er angesichts der noch viel volleren Deportationszüge das Recht hat, sich über die Enge zu beklagen. Ein Mensch, der seinen Mantel nach einem ganz genauen Ritus am Kleiderhakcn aufhängen muss … überhaupt der Mantel, er ist es, der ihm Sicherheit gibt, der ihn einhüllt, im wahrsten Sinn ummantelt, ohne ihn wäre er ein Nichts .. An einer Stelle wird derwunderschöne Begriff der „Akedia“ erwähnt, dieser Zustand eines Mönches, der die Freude an Gott verloren hat und die hier von Hans Frambach Besitz ergriffen hat, dem das Eigentliche abhanden gekommen ist, der auf der Suche ist nach dem, was ihn sonst noch ausmacht, jetzt, wo sein Konstituierendes in sich zusammen gefallen ist.

Frambach arbeitet an der Archivierung des Nachlasses von Siegfried Wolkenkraut. Einem Sisyphos gleich registriert er Blatt für Blatt, -zigfach, -hundertfach, mit einem immer gleich lautenden, undatierten Text: „Bericht von meinem Aufenthalt in verschiedenen Konzentrationslagern“. Diese eintönige Arbeit ist symbolisch, sie wird erst enden, wenn auch Frambach seinen Weg beendet hat, der ihn aus seinem Unglücksgefängnis befreit. Er erinnert sich an seinen Besuch in Auschwitz, an seinen Schrecken darüber, daß er denselben Weg dort gegangen ist, den die Insassen zur Gaskammer gehen mussten…. aber er ist diesen Weg nicht zuende gegangen, ohne daß er es gewollt hätte oder auch nur gewusst hätte, wie es geschah, wendeten sich seine Füße nach rechts wo die Gaskammern links lagen und er marschiert die Straße zum Lager hinaus unter dem Tor durch .. und er war frei. An diesen Gang durch das Lager knüpft Hanika an, wenn sie Frambach durch die Flure des Instituts gehen läßt, ihn die Treppe nach unten schickt und durch das Tor auf die Straße treten läßt, wo er seine Irrfahrt durch Berlin antritt.

Graziela, seine Freundin, ist die erste, die den Teufelskreis durchdringt und sich von „ihrem“ Eigentlichen befreit: nach einem Streit trennt sie sich von ihrem Liebhaber und fühlt eine Last von ihrem Herzen genommen, eine Leichtigkeit steigt in ihr auf, die für sie Lebensfreude pur ist. Hans ist noch nicht so weit und so läßt Hanika ihn noch eine Weile seinen mit Symbolen oder symbolhaftem übersäten Weg durch Berlin irren, bis er schließlich in einem Anfall von Lachen und Heulen erkennt , daß mehr in ihm ist als das Unglück, daß das Unglück nicht alles ist, was ihn ausmacht. Als in dieser seiner Karthasis alle Wörter nur noch Buchstabengruppen sind, Stahlhelm, Waffen-SS, KZ, und diese mit dem Tränenfluss ausgeschwemmt werden aus ihm, wird er ganz still, es deucht ihm ein Zustand zu sein des Glücks.

Was könnte man als Quintessenz des Buches festhalten? Es ist eine leidenschaftliche Philippika gegen den Umgang mit dem Gräuel des Dritten Reiches, wie er sich eingebürgert hat. Es ist eine Anklage gegen die Kommerzialisierung, Banalisierung und Funktionalisierung, die die Opfer von damals ein zweites Mal – diesmal zwar nur darstellend tötet – aber entwürdigt zu Figuren, zu Geschichten, die Opfer zu Opferdarstellern reduziert. Schauen wir einen Film über Auschwitz, so sehen wir zwar den Film, aber verdrängen, daß es ein wirkliches Auschwitz gab. Hätten wir dies gegenwärtig, könnten wir den Film nicht ertragen. Das Eigentliche wird zum Plot der Aufführung einer Unterhaltungsmaschinerie, die vordergründig Erinnerung wachhalten und anklagen will, die in Wirklichkeit aber nach den Gesetzen des Show-Business Grusel erzeugen und damit Geld verdienen will.

Nicht auf allen Seiten des Buches finden wir Buchstaben. Hanika hat an zwei Stellen leere Seiten gelassen, beim zweiten Mal ausdrücklich für Notizen. Die erste freie Stelle findet sich nach dem Gang Frambachs durch das Lager Auschwitz und dem letzten Satz der Schilderung: „Er war frei.“  Hier erscheint mir der freie Platz eher die (positive) Leere, die befreite, befreiende Leere, ein Platz der Stille auch vom Buchstabengetöse, eine Gelegenheit zum Innehalten, zum in-sich-hineinhören, zum Suchen des eigenen Eigentlichen….. dieses gedankliche Spiel über den Sinn oder Unsinn der freien Seiten, über den Zusammenhang zwischen der „Freiheit“, die Hand Frambach gewonnen hat und der Leere, die ihr folgt, die ausgelösten Assoziationsketten und deren Weiterführung ist vllt der eigentliche Zweck dieses ungewöhnlichen Stilmittels der Autorin.

„Das Eigentliche“ ist ein schwieriges Buch, sicher kein Unterhaltungstext. Provokant und zur Interpretation zwingend ist  eine Diskussionsgrundlage und ein Appell, innezuhalten und zum Eigentlichen zurück zu finden.

Iris Hanika
Das Eigentliche
btb Verlag, TB, 176 S., 2011

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7 Responses to “Iris Hanika: Das Eigentliche”

  1. atalante Says:

    Deine ausführliche Besprechung hat mich an dieses Buch erinnert, und Deine Folgerung „Schauen wir einen Film über Auschwitz, so sehen wir zwar den Film, aber verdrängen, daß es ein wirkliches Auschwitz gab. Hätten wir dies gegenwärtig, könnten wir den Film nicht ertragen.“ hat mich überzeugt, es demnächst zu lesen. Danke!

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  2. caterina Says:

    Trotz der Schwierigkeiten, vor die dich dieses Buch gestellt hat, hast du, wie ich finde, eine ganz wunderbare Rezension geschrieben, dank ihr weiss ich jetzt wieder, weshalb ich Das Eigentliche so dringend lesen wollte. Diese ganze Diskussion ueber die Darstellbarkeit des Holocaust, die Moeglichkeiten, aber auch die Grenzen der Sprache (oder der visuellen Mittel im Fall von Filmen) angesichts der Ungeheuerlichkeit des Geschehenen finde ich ungemein spannend. Dies gilt fuer Artikel, Essays und Sachbuecher, noch mehr aber fuer fiktive Werke wie Hanikas Roman, in denen diese Reflexion ein Element der Handlung ist. Grossman macht so etwas ja auch – wenn auch auf vollkommen unterschiedliche Weise – in Stichwort: Liebe. Ich bin also sehr gespannt auf Frau Hanikas Buch (werde aber wohl auf eine Taschenbuchausgabe warten).

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    • flattersatz Says:

      .. dann kann ich dir eine frohe botschaft übermitteln: das war die tb-ausgabe…

      ich danke dir für deinen kommentar, der noch einmal die wichtige frage, über die das buch geht, herausgearbeitet hat: die möglichkeiten, das ungeheuerliche darzustellen, ohne ihm seine ungeheuerlichkeit damit zu nehmen….

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  3. […] [1] Wem diese Anspielung im Moment nichts sagt, dem sei dieses Buch empfohlen: Steve Sem-Sandberg: Die Elenden von Łódź. [2] … was ich im Übrigen für einen gedanklichen Fehler halte, denn nach Kolb hatte Carlas Mutter alles getan, die Zeit des Krieges aus ihrem Leben abzutrennen, und da sollte sie in ihrer eigenen Wohnung diese Schachtel übersehen haben? [3] Einem Erholungsheim der Offiziere aus dem nahen Auschwitz (siehe hier). [4] Iris Hanika: Das Eigentliche. […]

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  4. […] sich dabei dann auf die äußeren [Über]lebensbedingungen. [11] Iris Hanika: Das Eigentliche, bei aus.gelesen. [12] An einer Stelle sagt Klüger aber auch: “(…) wer dort etwas zu finden meint, hat […]

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