Harold Brodkey: Unschuld

Eine amerikanische Universität, irgendwo. Der Erzähler der Geschichte, Wiley, ist im letzten Semester, ein Student aus mittellosem Haus, kein Geld, kein Stammbaum. Im Gegensatz zu Orra Perkins [2, 3], der jungen Frau im gleichen Semester, mit Blicken wie eine Gewalt, mit einer Figur etwas mager, tulpengleich, von mittlerer Größe, die aus gehobener Schicht stammt und ohne Frage eine Trophäe war, wenn man sie erobern konnte. Aber was, so fragt sich Wiley, den sie ignorierte, ihn als sexuelles Nichts brandmarkte, hat man schon davon, verliebt zu sein?

Im letzten Frühjahr vor dem Examen bekam er sie schließlich. Sie verabredeten sich zum Essen und wollten sich vorher auf seinem Zimmer noch einen kleinen Schwips antrinken. Als sie kam lag er im Bett, nackt unter seinem Laken. Ihren Vorhaltungen, warum er denn noch schlafe, entgegnete er: „Ich bin nackt unter dem Laken, Orra. Ich habe auf dich gewartet. Ich habe nicht geschlafen.

Orras Blick wird leer, Du Verdammter… ruft sie, zieht sich aus und schlüpft unter die Decke. Wileys Angst, zu versagen bei diesem schönen, begehrenswerten Menschen, ist unbegründet, im Gegenteil, Orra war es, die sehr dilletantisch und unerfahren reagierte. Er bemüht sich, sie reden viel und es tritt zu Tage, wie Orra ihre Schönheit als Last empfindet, als Bürde, weil jeder mit dieser Schönheit Erwartungen verbindet und Orra hat sich zurückgezogen in sich selbst, sie ist es, die ihre Aufgabe darin sieht, ihm Vergnügen zu bereiten, ihn zu bedienen: „… Lass mich dich bedienen. Dann ist alles im Lot. – Es ist doch alles im Lot, Orra. – Nein, ich bin schal und langweilig. Du glaubst das bloß nicht, weil du in mich verliebt bist. Lass mich gehen.“ und Wiley blickt in Augen, die auf absolute und stetige Weise alles Willkommen hießen, was er war und sagen mochte.

Das Problem, und diesem Problem widmet sich Brodkey in dieser Erzählung jetzt ausführlich, ist, daß Orra nichts empfindet, schlimmer noch: das sie zufrieden ist mit diesem Zustand, das er ihr nichts ausmacht, im Gegensatz zu Wiley. Orra beschreibt es so: “ Ich bin eine Tigerin im Bett.. udn ich vögle gern, abe ich habe zuviel Sex, um zu kommen: ich bin nicht zimperlich genug dazu. In der Bezeihung bin ich nicht selbstsüchtig.„. Eine Tigerin…. aus der Perspektive der oberen Mittelschicht vielleicht, so analysiert Wiley diese Behauptung seiner Freundin und er erkennt die Hemmungen und die Schüchternheit unter ihrer „glatten Politur sexueller Zielstrebigkeit und sexuellen Hungers“. Noch waren sie nicht König und Königin im Bett.

Aber genau das wollte Wiley erreichen, Orra schreien hören, sie stöhnen hören, sie die Besinnung verlieren sehen. Er wollte nicht bedient werden, er wollte nicht hören, daß Orra zufrieden damit ist, wenn es ihm kommt… und liegt im Beginn der kurzen Erzählung der Schwerpunkt auf der intellektuellen Auseinandersetzung mit der Situation, geht die Geschichte dann langsam über in die Schilderung der Versuche Wileys, Orras Blockade zu lösen. O ja, er gibt sich Mühe, er strengt sich an, bis der Zungengrund schmerzt und die Kiefer verkrampfen. Orra.. Orra… ein langer Weg, den Orra geht, langsam bergauf, ein Aufstöhnen, ein Schrei wie ein verirrter Vogel aus ihrem Mund, ein Sichzusammenziehen und dann wieder nichts….

Und hier passiert jetzt das, was mich an dieser kurzen Erzählung fasziniert. Unmerklich fast tritt die Verkopfung, der intellektuelle Touch des Textes in den Hintergrund und die Atemlosigkeit der zwei ist zu spüren, der Schweiss, Orras lange Weg, begleitet von eigenartigen kleinen Schreien, hauptsächlich aus Protest, obwohl sie auch wieder kein Protest waren und Wiley versuchte, die Schreie aneianderzureihen, sie in immer schnellerer Folge ertönen zu lassen…. manchmal kamen sie vom Weg ab und tauchten ins Nichts, manchmal auch blieb Orra zurück aber Wiley gab nicht auf, obwohl der Zungengrund schmerzte und lahm wurde… mit einer Hartnäckigkeit, die aus dem festen Vorsatz genährt wurde, nicht aufzugeben, lotste er Orra zurück, bis sie schließlich rief….: „Wiley! Wiley!“, aber sie rief es flüsternd, im Flüsterton eines Menschen, der an einem Nachthimmel dahinglitt, der sich wahnwitzig in die Luft schwang, eines Menschen, der verrückt wurde, der die verrückte Reinheit und Gemütsart eines Engels annahm… .. und dann, mit einem Mal geschah es, .. Sie war das Zentrum und der Ursprung und das Opfer eines Sturm.. wir schwebten über der Welt; ….“

Noch immer, auch auf diesen letzten Seiten, hält Brodkeys sein Sprachniveau hoch und doch reißen diese Passagen der Erzählung mit, man liest den Text atemlos wie Orra und Wiley, man taucht in diesen Text ein, die beiden nehmen den Leser mit auf den wahnwitzigen Ritt durch die Luft: Brodkey läßt uns das Wunder miterleben, das er dort schildert. Und seltsamerweise nutzt sich das nicht ab, jedesmal wenn ich diese Seiten lese (und ich habe sie öfter gelesen, denn ein wenig sperrig sind Brodkeys Texte, sie hüllen einen nicht ein und nehmen einen nicht ohne eine gewisse Anstrengung mit…), fesselt er und zieht einen in seinen Bann….

Mit dieser Erzählung, in der Brodkey seine spätere Ex-Frau Joanna als Vorbild für die Figur der Orra [2, 3] genommen hat, ist sicherlich keine landläufige erotische Literatur entstanden, sondern ein Text, der zeigt, daß es möglich ist, erotische Vorstellungen und Imagination auch auf hohem sprachlichen Niveau zu erzeugen.

Links und Anmerkungen:

[1] Brodkey hat viel im Magazin „New Yorker“ veröffentlicht, hier ein Beispiel
[2] Facebook-Seite zu Brodkey
[3] http://www.perlentaucher.de/buch/11245.html
[*] gibt´s auch als Hörbuch, hier eine Besprechung: http://www.x-zine.de/xzine_rezi.id_8947.htm

Harold Brodkey
Unschuld
übersetzt von Hans-Wollschläger
diese Ausgabe: Büchergilde Gutenberg, ca. 68 S., HC, 1990

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