Maria Barbal: Wie ein Stein im Geröll

Ich fühle mich wie ein Stein im Geröll. Wenn irgendjemand oder irgendetwas mich anstößt, werde ich mit den anderen fallen und herunterrollen; wenn mir aber niemand einen Stoß versetzt, werde ich einfach hierbleiben, ohne mich zu rühren, einen Tag um den anderen…

Was ein Buch, was eine Geschichte.. wie lange hat mich ein Schicksal schon nicht mehr derart gepackt und berührt. Kaum mehr als 100 Seiten aus einem lang andauernden Leben, das mittendrin aufhörte, ein Leben zu sein….

Die Geschichte spielt in Katalonien, diesem nordöstlichen Teil Spaniens mit den Pyrenäen im Norden und der Küste im Osten, mit Barcelona als größter Stadt. Wir lernen die Menschen in den Bergen kennen, deren uralte bäuerliche Kultur, die geprägt war durch Arbeit, durch Arbeit im Haus, im Hof, in den Ställen, den Wiesen und Weiden. Einige wenige Feste unterbrachen diesen stetig sich wiederholenden Rhythmus. „War“ und „unterbrachen“, weil wir in dieser Geschichte auch miterleben, wie diese Kultur zu Ende geht, sich in den neuen Zeiten nicht mehr behaupten kann, aufgegeben wird.

Anfang des 20. Jahrhunderts setzt der Roman ein. Conxa ist das fünfte von sechs Kindern einer Familie in einem dieser Dörfer. Als sie 13 Jahre als ist, beschließen die Eltern, sie in ein Nachbardorf zu schicken, zu einer Tante, die den Kinderwunsch mittlerweile aufgegeben hat, helfen soll sie dort und in der eigenen Familie ist ein Mund weniger zu stopfen. Aber was heißt schon Nachbardorf… einen Tag dauert der Fussmarsch.. Conxa wird gut empfangen, auch wenn Gefühlsbezeigungen rar sind unter den Menschen in den Bergdörfern, das weinende Mädchen wird von der Tante in den Arm genommen und gehalten. Es fühlt den ersten großen Verlust in ihrem Leben, sie sieht ihre Eltern, die Geschwister nur noch selten wieder, ihr Platz ist jetzt da, wo ihre Arbeit ist.

Sie lebt sich ein, gewöhnt sich daran, daß die Tante ihr genau sagt, was sie wie haben will. Als nach einigem Jahren sicher ist, daß sie bei Tante und Onkel bleiben wird und nicht zurückkehrt nach Hause, wird sie auch im Dorf akzeptiert. Schließlich ist sie ja die Erbin des Hofes… Und dann trifft sie Jaume. Das erste Lächeln, das ihr dieser junge Mann, nicht Bauer wie die anderen Männer, die sich für sie interessieren, sondern umherziehender Handwerker, dieses erste Lächeln, das er ihr schenkt, durchdringt ihre Augen, durchdringt ihr Herz und auch ihre Seele. Und irgendwo, ganz tief drin in ihrer Seele bewahrt Conxa dieses Lächeln auf, es ist ihr Rückzugsort, es wird ihr Lebensinhalt für all die Jahre, die noch kommen werden.

Die beiden heiraten, nachdem sie anfängliche Schwierigkeiten mit der Tante überwunden haben. Das erste Kind wird geboren, eine Tochter, Elvira, ein zweites Kind, Angela und dann noch ein Junge, Mateu. Es ist eine glückliche Zeit für Conxa und die ihren. Geht das Leben im Dorf auch immer seine gewohnten Bahnen, so hört man aber irgendwann von Unruhen, politische Umwälzungen zeichnen sich ab. Der König verläßt Spanien, Jaume entfernt im Freudentaumel sein Bild von der Wand im Klassenzimmer. Conxa spürt manche Angst und Beklemmung, wenn sie ihren Jaume so begeistert reden hört von dem Neuen, was sich abzeichnet, ihr ist jede Veränderung suspekt, ihr reicht das Leben, so wie es in ihrem Dorf ist seit Urzeiten. Jaume wird in der Republik Friedensrichter, doch im Bürgerkrieg gewinnen die Truppen Francos und insbesondere in Katalonien, das sich als etwas Eigenes begreift und das damit die Einheit Spaniens „bedroht“, wird gewütet. Jaume, leichtsinnig und unvorsichtig (warum sollte er sich verstecken, er hat doch nichts schlechtes gemacht), hört nicht auf die Warnung, daß er auf der Liste steht und wird abgeholt. Auch Conxa und ihre Kinder werden aus dem Haus getrieben, zusammen mit anderen. Irgendwohin werden sie gefahren, bekommen kaum zu essen, müssen arbeiten, verlausen und verkommen. Elvira erfährt es von einem der jungen Soldaten: sie sind alle erschossen worden, ihr Vater ist erschossen worden, Jaume ist erschossen worden.

Jaumes einziges Grab sind die Erinnerungen Conxas.

Conxa zerreisst es, ihre Trauer ist unermesslich, sie zieht sich zurück in ihre Seele, dort wo sie sich das Lächeln ihres Mannes bewahrt hat. Selbst der Gedanke, daß sie für ihre Kinder da sein muss, kann sie kaum wieder zurückholen in ihr Leben. Conxa überlebt, aber das Leben hat für sie in diesem Moment angehalten.

Im Dorf, in das sie nach einigen Wochen zurückkehren, werden sie mit Missgunst empfangen, sie spüren die Blicke und Tuscheleien. Kein Trost, kein Mitgefühl. Zum ersten Mal hat Conxa das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, als Elvira ihr sagt, daß sie sich nach Auswärts verheiraten will und auf ihr Erbe verzichtet. Auf dem Hof läuft das Leben in seiner Gleichförmigkeit weiter, auch die zweite Tochter heiratet und zieht aus, die Tante stirbt (der Onkel ist schon lange tot) und so leben irgendwann nur noch Conxa auf dem Hof und Mateu. Nichts ist mehr zu spüren von der fröhlichen Stimmung im Haus, vom Stimmengewirr, vom Kindergeschrei und vom Klappern der Teller. Trostlos und freudlos ist das Heim geworden, voll mit schmerzenden Erinnerungen an Jaume und die Mutter macht sich Gedanken um ihren Sohn, der schon lange im heiratsfähigen Alter ist, aber noch keine Frau hat.

Eine Vernunftehe wird arrangiert, in der niemand glücklich wird. Conxa versteht sich nicht sonderlich gut mit ihrer Schwiegertochter und dem Enkel. Mateu wird unwirsch, verändert sich. Die Anspannung zwischen der Arbeit auf dem Hof und den vielen Arztbesuchen wegen seiner kränklichen Frau reiben ihn auf. Eines Tages sagt er seiner Mutter, daß sie eine Arbeit in Barcelona angenommen haben und in einem Haus wohnen werden mit sieben Stockwerken, die bis in den Himmel reichen. Sie ziehen um und Conxa erlebt den letzten großen Verlust ihres Lebens, den ihrer Heimat, ihrer Wurzeln.

Barcelona, das ist dort, wo das Fenster zum Hinterhof geht, die Milch dünn ist, wo Lärm ist ohne Worte, wo niemand ist, der Mitleid hat. Barcelona heißt für Conxa zu begreifen, daß sie für nichts mehr nutze ist, heißt zu schweigen, bis sie irgendwas gefragt wird…..

Barcelona, das ist für mich etwas sehr schönes. Die letzte Stufe vor dem Friedhof.

Eine alte Kultur, die der bergbäuerlichen Lebensweise, und eingebettet darin Conxa. Sie kennt nichts anderes, fast alles außerhalb dieses engumgrenzten Raums ist ihr nur vom Hörensagen bekannt, von Erzählungen von Cousins der Tante, die alljährlich für ein paar Wochen aus Barcelona in ihr Dorf kommen. Conxa ist eine fügsame Frau, die sich den Verhältnissen anpasst, sie nicht zu ändern sucht. Ja, sie ist auch fremdbestimmt, geht Konflikten aus dem Weg, indem sie sich unterordnet, ihre eigenen Wünsche, Befürchtungen für sich behält. Ihr ist die Arbeit wichtig, das Vieh auf den Weiden, das Einssein mit der Natur. Und Jaume und deswegen ist das Büchlein auch ein wunderbarer Liebesroman, geschrieben in einfachen Worten, in schlichter Sprache, die keine Verrenkungen braucht und großartige Metaphern, die einfach schreibt und beschreibt, was ist. Und so, wie es geschrieben steht, war es. Wir können die Worte so nehmen, wie sie sind, die Sätze bedeuten das, was die Worte uns sagen. Sagen vom Leben, von der Liebe, von der unermesslichen Trauer, der Traurigkeit, der Freude auch an der Natur und den Kleinigkeiten, vom langsamen Vergehen der Traditionen, die von den jungen Menschen geflohen werden. Von den politischen Wirren und Umwälzungen, von der Unterdrückung und der Denunziation (den heil war auch diese Welt nicht, aber welche Welt, in der Menschen leben, ist schon heil?), vom Terror der Mächtigen und von der Scheinheiligkeit der Priester.

Barbal hat diese Erinnerungen an eine vergangene Zeit ihrer im 20. Jahrhundert gealterten Hauptperson Conxa in den Mund gelegt. Es sind punktuelle Rückblicke, teilweise mit großen Zeitsprüngen, gekennzeichnet durch die Verluste des Mädchens und später der Frau: dem Elternhaus, Jaume, der Heimat…. Mit dem Leben der Frau erscheint auch ein Bild des Spaniens in der ersten Hälfte des letzten Jahrhundert, von den politischen Umwälzungen bis hin zu den sozialen.

Ich wiederhole mich: es ist ein wunderbares Buch und daß ich soviel geschrieben habe zu so einem „kurzen“ Text sollte niemanden abhalten, sich den Roman selbst zu erlesen.

Maria Barbal
Wie ein Stein im Geröll
aus den katalanischen übersetzt von Heike Nottebaum
Transit Buchverlag GmbH, HC, 128 S., 2007

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3 Kommentare zu „Maria Barbal: Wie ein Stein im Geröll

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