Christa Wolf/Günther Uecker: Störfall Aschebilder

Ein Zufall, natürlich, aber ein makabrer. Seit vielen Jahrzehnten lese ich mal wieder ein Buch von Christa Wolf, wenn ich ehrlich bin, ausser Kassandra kenn ich nichts von ihr und das ist schon lange her. Aber dieses hier hat mir gefallen von Ansehen her und der Aufmachung. Ausgerechnet aus einem Nachlass habe ich es neulich als Erinnerung mitgebracht, jetzt las ich es und während des Lesens höre ich die Nachricht vom Tode Christa Wolfs….. möge sie in Frieden ruhen!

Am 26. April 1986 kommt es im Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat zum GAU, zum größten anzunehmenden Unfall: es tritt eine Kernschmelze ein, in deren Folge der Reaktorkern durchbrennt und die Umhüllung des Reaktors gesprengt wird, so daß riesige Mengen radioaktiven Materials in die Atmosphäre geblasen werden. Es ist der bis dato schwerste Katastrophenfall in der zivilen Nutzung der Kernenergie, das Ereignis in TMI einige Jahre zuvor sollte nicht vergessen werden, war aber von den direkten Auswirkungen her eher lokal.

Am gleichen Tag wurde der Bruder Christa Wolfs am Gehirn operiert, offenbar wurde eine Geschwulst entfernt. Die Doppelköpfigkeit der Radioaktivität tritt in diesen beiden Ereignissen deutlich hervor: zum einen der lebenstötende Aspekt in der Reaktorkatastophe, zum anderen der lebensrettende in Bestrahlungen bei Krebserkrankungen.

Christa Wolf schildert in ihrem Buch „Störfall“ diesen Tag, wo wie sie ihn in der doppelten Sorge um ihren Bruder und um die Folgen der Katastrophe in der Ukraine erlebt. Das vorherrschende Gefühl ist natürlich die Angst, die ganz konkrete, daß die Operation am offenen Hirn keine (gravierenden) Folgeschäden für ihren Bruder hat, z.B. der Sehnerv geschädigt wird. Die andere Angst ist unbestimmter, ungreifbarer, diffuser. Die „Wolke“ wird zum Sinnbild dafür, die Wolke aus radioaktivem Material, die vom Wind angetrieben nach — ja, das ist die Frage, wohin getrieben wird. Denn auf die Landschaften, über die sie treibt, läßt sie Staub regnen, radioaktiven Staub, Hunderte, Tausende von Jahren strahlend..

Wolf konstatiert dem Menschen einen Trieb zur Zerstörung, zur Selbstzerstörung. Wie anders könnte man es ihrer Meinung nach sonst erklären, daß sich die besten, intelligentesten Köpfe der Menschheit immer wieder auf Projekte stürzen, die so große immanente Gefahren beinhalten oder sogar direkt zur Zerstörung, zum Töten gedacht sind? Ihrer Meinung nach ist diese Tatsache ursächlich mit der Menschwerdung, der Abzweigung vom gemeinsamen Stammbaum mit den Affen, verbunden: mit der schnellen Entwicklung unseres Hirns, unseres Intellekts, der sich ausgebildet hat, der das Denken, die Sprache hervorgerufen hat, der die emotionale, unbewusste Seite unseres Hirns unterdrückt. Wir denken, aber wir fühlen nicht mehr.

„Der Forscherdrang hat sich immer weiter in diese eine Richtung entwickelt: Was machbar ist, wird gemacht. Und wenn ein Land aus moralischen Gründen etwas nicht macht, macht es das andere. Und weil beide das voneinander wissen, machen sie weiter. Wir schaffen es einfach nicht, diese Entwicklung, die wir „Fortschritt“ nennen, zu bremsen.“
aus dem Interview in der ZEIT (s.u.)

„Störfall“ ist auch ein sehr direktes Buch, ein persönliches: es beschreibt in der Tat den Tag, den die Autorin verlebt. Besuche der Nachbarn, Erinnerungen an frühere Zeiten, den Krieg, die Typhus-Erkrankungen von ihr und ihrem Bruder… Die Gartenarbeit, die jetzt besser in Handschuhen zu verrichten wäre und die auftauchende Frage: kann das Grün, das jetzt endlich nach dem Winter zu spriessen beginnt, noch gegessen werden? Die Diskussionen im Fernsehen, die Meldungen über zwei Tote in der Ukraine und daß Mütter und Großmütter anfangen, die Stadt zu verlassen. Dies erinnert an die eigenen Fluchteindrücke, damals…. Anrufe der Schwägerin, die OP dauert länger als gedacht, doch schließlich Erleichterung, gute Nachrichten aus dem Krankenhaus….

Angst und Sorge sind die Hauptmotive, die sich durch das Buch ziehen. Und die Frage: muss das alles sein, ist das nötig? Was treibt uns an, so zu handeln, wider besseren Wissens, denn wir kennen die Risiken, wir wissen um die Gefahren und die ungelösten Fragen….? Das Buch hilft nicht weiter, weil es – natürlich – keine Antworten liefern kann, zumindest keine, die Rezepte für die Zukunft beherbergen. Es rüttelt auf und macht nachdenklich – das ist nicht wenig. Gerade jetzt, da es ein Vierteljahrhundert nach Tschernobyl angeahnt aktuell geworden ist.

Eingebettet in das Buch sind die „Aschebilder“ Günther Ueckers. Diese großformatigen Werke, bei denen sich der Künstler auf die Leinwand legte und mit Asche bestreuen ließ, hinterlassen den Eindruck von Schatten, wie man sie auf Bilder aus Hiroshima kennt: verglühte Menschen als Schattenbilder auf dem Untergrund…. graue, braune Bilder (wie sie hier auf dem Cover eines Buches von Uecker zu sehen sind), düster, ein wenig an Fellmenschen erinnernd, Affenmenschen.. vllt passt auch das, vllt entwickeln wir uns mit unserer Technik ja irgendwann zurück auf diese Stufe…..

Links und Anmerkungen:

Interview in der ZEIT
Inhaltsangabe und Analyse des Buches
– Renate Rechtien: ‚Prinzip Hoffnung‘ oder ‚Herz der Finsternis‘: Die Schilderung der Realität in Christa Wolf’s ‚Störfall‘ (nur als Hinweis, online nicht verfügbar (?))
– zu Günther Uecker und seinen Aschebildern:
http://www.neues-deutschland.de/artikel/173852.abschied-von-dieser-erde.html
http://www.fiftyfifty-galerie.de/galerie/22/biografie

Christa Wolf/Günther Uecker
Störfall Aschebilder
Projekte-Verlag Cornelius, geb., 149 S., 2010

3 Kommentare zu „Christa Wolf/Günther Uecker: Störfall Aschebilder

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