Wolfgang Bergmann: Sterben lernen

6. Dezember 2011

„Oh Herr, gib jedem seinen eigenen Tod.
Das Sterben, das aus jenem Leben geht,
darin es Liebe hatte, Sinn und Not.“

 

 

 

 

 

 

Der Pädagoge und Familientherapeut Wolfgang Bergmann erfährt im Alter von 67 Jahren, daß ein metastasierender Krebs in seinen Knochen wütet. Eine curative Behandlung ist nicht mehr möglich, so daß er auf eine Palliativstation eingewiesen wird. Dort fängt er an, seine Gedanken, seine Auseinandersetzung mit dem, was auf ihn zukommt, mit seinem baldigen Tod und dem Weg dorthin, dem Sterben, in dreiundzwanzig, zum Teil sehr kurzen Kapiteln aufzuschreiben. So wird das, was wir erleben, wenn wir diese Zeilen lesen, eine Art Sterbebegleitung, bei der wir, ausschließlich wir, vom Sterbenden lernen, indem er uns mit seinen Gedanken, seinen Grübeleien, seinen Eindrücken, seinen Ängsten und Hoffnungen mitnimmt auf den Weg zu seinem Tod, uns mitfühlen/ahnen läßt, wie es sein mag wissenden Kopfes, fühlenden Herzes alles zu verlieren.

Das Buch setzt ein mit der Zerstörung der Hoffnung auf eine weniger gravierende Diagnose, diese Mitteilung können die Ärzte dem Kranken nicht machen. Beginnend von diesem Moment der Endgültigkeit an kann man auch in den Bergmannschen Gedanken den prozessualen Charakter erkennen, den die Gewissheit des eigenen Sterbens, das begonnen hat, innewohnt, kann man Phasen erkennen, die über ein „Ich will nicht sterben, nicht vergehen..“ hingehen bis zu einem „Etwas wartet auf mich…“ und einer Frage: „Warum bin ich nicht trauriger?“

Aber natürlich ist dieses schmale Büchlein kein Praxisbeispiel für eine Durchleuchtung eines Sterbeprozesses. Es ist vielmehr der mutige, verzweifelte Versuch, die unfassbare Dimension des eigenen Todes herunterzubrechen auf ein Maß, das es möglich werden läßt, mit der Verzweifelung, der Angst, der ungeheuren Trauer ob all des Verlustes, den man schon erlitten hat und den man in absolutester Form unentrinnbar erleiden wird, umzugehen.

Der Tod ist das Nichts, die reine Negation, es ist lächerlich, in ihm nach Sinn zu suchen.“
„Der Tod ist das Böse.“

Als ich diesen Satz las, habe ich mich auch gefragt, was ist das eigentlich genau, der Tod? Was muss ich mir darunter vorstellen? Ist es ein Zustand, ein Prozess, eine Eigenschaft? Oder bezeichnet er einfach den übergang von lebenden in den nicht-lebenden, den toten, Zustand? Denke ich an das Mittelalter, die bildlichen Darstellungen des Totentanzes (bzw. danse macabre) zum Beispiel, so scheint mir dieser Gedanke nicht falsch, der Tod als Skelettfigur personifiziert, führt den Lebenden über die Grenze, holt ihn ab in das Totenreich bzw. im christlichen Glauben in das Reich Gottes *. Vielleicht ist der Ausdruck vom „Eintreten des Todes“ in einem tieferen Sinn so zu deuten: der Tod tritt in den Menschen ein und das Leben verläßt den Menschen, ob in ein Nichts oder in eine wie auch immer geartete Welt, das ist die Frage, die in dieser Welt von niemandem beantwortet werden kann, die Sache ist des Glaubens und der Überzeugung.

Der Tod ist die Bedingung unseres Existierens.

Kreisen die Gedanken Bergmanns anfänglich vor allem auch um die Sinnlosigkeit des Todes, wo noch so viel zu machen gewesen wäre für ihn (das hat mich an die Klagen und Vorwürfe des Ackermanns erinnert….), so tritt doch irgendwann (die – ich nehme an chronologisch angeordneten – Gedanken sind leider nicht datierbar) die Umwertung der Werte ein, das, was wichtig war für ihn, verliert an Bedeutung, die Freude und Bestätigung, die er früher mit diesen Tätigkeiten spürte, erfährt er nun nicht mehr. Andere Dinge werden wichtig für ihn und schenken ihm Lebensfreude, mitunter spürt er spontan als ob ihn ein Traum streife, unerklärliche Lebensfreude in sich. Die Tochter ist ihm wichtig, in allen Dingen, die ihn erfreuen, ist ihr Bild enthalten….

Es fällt ihm auf, wie sich die Menschen ihm gegenüber verändern, wie er sich durch seine Krankheit und deren Folgen, durch sein resultierendes „Anderssein“ aus diesem Lebenskreis verabschiedet, aus ihm wegdriftet, er, der jetzt Humpelnde mit dem Krückstock, sich isoliert. Auch wird ihm bewusst, daß seine Handlungskompetenz schwindet, immer mehr geschieht ihm ohne sein Zutun, er wird immer mehr Objekt seiner Umwelt.

Das bewusste, reflektierende Erleben seines eigenen Verfalls, seines Sterbens gibt ihm Freiheiten: was kann ihm, auf den der Tod wartet, schon passieren? Nichts.. und trotzdem herrscht der Alltag auch in seinem Leben, die Routine, der tägliche Ablauf der Dinge. Für ihn liegt die Freiheit, die ihm die Gewissheit des Todes gibt, auf einer anderen Ebene: ihm gelingt der Zugang zu mystischen Texten, sein Geist, sein Intellekt versperrt seiner Seele, seiner Intuition nicht mehr das Erfühlen deren Bedeutung. Insbesondere die Texte der Begine Mechthild von Magdeburg werden ihm wichtig, es sind ihm Texte mit der elementaren Wucht des Glaubens. Ein Spalt hat sich geöffnet, so formuliert es Bergmann selbst, ein Spalt durch den das göttlich fließende Licht der Mechthild zu ihm gelangt. Nein, gläubig geworden ist er nicht, natürlich nicht, so betont er.

„“Wenn alles Reden endet und alles Erkennen und sogar alles Zungenreden endet, die Liebe höret nimmer auf!“ Was bindet mich an diesen Satz und hält mich fest? … Wie mächtig sie [i.e. Klänge und diese Sätze] sind. Eine weiche, fließende Realität. Aber sie trägt. Nur wohin? … mein Gott… Wohin?“

Links:

Ich sterbe, also bin ich: Essay in der „Die WELT“ vom 23.07.2010
Rezension auf buchtips.net
Wiki-Artikel zu Wolfgang Bergmann

* Kyrilla Spiecker schreibt dazu in ihrem kleinen Büchlein: Leben und Sterben (Echter-Verlag, Würzburg, 1989): „Mag der Tod in der Literatur und der Malerei auch oft in der Gestalt des Sensenmannes und als „Bruder Hein“ auftreten – ein Gerippe ist keine Person, sondern ein Leichnam. Der Tod ist ohne personale Existenz, ohne Herz und ohne Gesicht. Er ist ein Ereignis – mehr nicht.“

Wolfgang Bergmann
Sterben lernen
mit Illustrationen von Oliver Weiss
Notierungen zu Krebs und Not und Tod
Kösel-Verlag, geb., 80 S. 2011

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10 Responses to “Wolfgang Bergmann: Sterben lernen”

  1. maragiese Says:

    Danke für diese sehr interessante Rezension! Mich interessiert und fasziniert (und gleichsam ängstigt) dieser Themenbereich schon lange …
    Von diesem Buch hatte ich noch nichts gehört zuvor und es wandert direkt auf meine Wunschliste. Es erinnert mich ein bisschen an Peter Nolls „Diktate über Sterben und Tod“ …

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    • flattersatz Says:

      sehr gerne, das buch ist ja auch erst ein paar tage auf dem markt.. die diktate über sterben und tod habe ich vor monaten mal angefangen (sie waren in einem anderen büchlein erwähnt), aber nie zuende gelesen. die ausführungen über das politische haben mir nichts gesagt. ich habe aber fest vor, mir die das sterben betreffenden abschnitte jetzt durchzulesen…
      im übrigen gibt es hier noch einige bücher zu thema und die sammlung wird wachsen…..

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  2. maragiese Says:

    Ich war über das Buch von Peter Noll in den Tagebüchern Max Frischs gestolpert … dort gab es einige beeindruckende Passagen darüber.

    Danke für den sehr informativen Link, jetzt weiß ich schon, wo ich heute Abend noch ein wenig weiter stöbern werde …

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  3. Waldler Says:

    Danke für diese schöne Buchvorstellung. Ich kenne das Buch seit Jahren, für mich als chronisch schwerkranken Menschen (herz- und lungenkrank) ist es zum Begleiter geworden. Ich habe es mehrfach gelesen und es gibt kaum ein Buch, das mir beim „Sterbenlernen“ so behilflich ist.

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    • flattersatz Says:

      ich danke ihnen ganz herzlich für ihren kommentar. auch für mich als gesunden menschen, der sich aber viel mit dem tod, auch dem eigenen, auseinandersetzt, sind solche bücher, solche lebensberichte ein großer trost. denn manchmal packt mich einfach auch die angst, ganz elementar drückt sie mir das herz zu und dann ist es eine hilfe, zu wissen, daß es einen weg gibt, den man, wenn die zeit gekommen ist, gehen kann.

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      • Waldler Says:

        Darf ich Ihnen drei weitere Bücher empfehlen? Vermutlich kennen Sie sie schon:

        Das Tagebuch von Christoph Schlingensief („So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein“) über seine letzten Jahre und Monate. Ein zutiefst berührendes Buch, das man auch dann schätzen lernt, wenn man den Künstler Schlingensief nicht sonderlich schätzt (wie ich…). In ihm kommt die ganze Wut über das drohende Sterben zum Ausdruck, aber auch sein Kampf um so etwas wie einen religiösen Halt…
        Dann das wunderbar-traurige Buch von Joan Didion über den Tod ihres Mannes und über die Trauer, die sie verarbeiten musste (zumal auch ihre Tochter schwer erkrankte; diese starb wenige Jahre nach Fertigstellung des Buches ebenfalls): „Das Jahr magischen Denkens“.
        Und schliesslich und ganz besonders: „Beate Lakotta/Walter Schels: „Nich mal leben vor dem Tod. Wenn Menschen sterben“, in welchem 23 Menschen aus einem Hospiz noch einmal zu Worte kommen (äusserst sensibel von der SPIEGEL-Redakteurin Lakotta beschrieben), und die vor und auch nach dem Tod von dem wunderbaren Fotografen Walter Schels fotografiert wurden. Besonders die Fotos der Gesichter der Verstorbenen zeigen mir eine Wahrheit, die ich gar nicht in Worte fassen kann.

        Aber eines möchte ich auch noch sagen: Ich finde es elementar wichtig, sich mit dem Sterben und dem Tod auseinanderzusetzen. Aber wirklichen Trost wird es, wenn es dann soweit ist, kaum geben. Ich habe mich rational seit Jahrzehnten mit dem Thema beschäftigt. Aber als ich dann vor ca. 20 Jahren das erste Mal „ganz nahe dran“ war, war doch alles anders. Das Grauen vor dem Nichts, vor dem man da steht, ist nicht zu beschreiben, nur zu ertragen.

        Einen lieben Gruss sendet Ihnen

        Der Waldler

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        • flattersatz Says:

          lieber herr waldler, sie haben völlig recht vermutet, die von ihnen genannten bücher kenne ich und habe ich auch schon hier auf dem blog vorgestellt (falls es sie interessiert, was ich jeweils dazu schrieb: schlingensief, didion (2 titel) und lakotta. vllt mögen sie ja auch mal auf diese liste mit von mir besprochenen büchern zum thema klicken). und ihrer kurzen charakterisierung dieser bücher kann ich nur zustimmen. insbesondere die bücher didions waren für mich sehr anstrengend zu lesen, mitleid im sinne von mitleiden ist manchmal halt doch kein leeres wort. auch dem, was sie über die fotos von von scheels aus dem lakotta-buch sagen, kann ich nur zustimmen. diese gesichter sind würdevolle zeugnisse eines gelebten lebens, voller höhen und tiefen, jetzt im frieden angekommen.

          es gibt kein richtiges und kein falsches sterben, jeder mensch hat sein eigenes, das zu ihm und zu seinem leben gehört. es gibt schweres sterben und leichteres und das wissen darum, daß es wege gibt, die zu leichterem sterben führen können, das mag ein trost sein und mag mut und hoffnung geben, wenn diese stunde für einen selber kommt. ja, es ist unendlich wichtig, sich jetzt schon dem, sozusagen der letzten herausforderung des lebens, zu stellen.

          mit herzlichen grüßen
          gerd

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  4. Waldler Says:

    Lieber Herr Flattersatz,

    ich danke Ihnen für Ihre weiteren Hinweise. Ich wusste gar nicht, dass Sie einen weiteren Blog haben. Ich bin in Sachen „digitaler Welt“ ein Dilettant. So habe ich mich hier registriert, kann mich aber nicht wieder anmelden, weil mein Passwort nicht genommen wird, obwohl ich sicher bin, das richtige einzugeben. Nun ja, tippe ich halt jedes Mal alles neu ein.

    Ja, jeder stirbt anders, jeder stirbt „seinen“ Tod. Mein Hinweis sollte auch nur darauf hinweisen, dass es verkehrt sein KANN, zu glauben, man könne sich „theoretisch“ auf das „richtige“ Sterben vorbereiten, und es dann auch „gut klappt“. Wie Sie schrieben, es gibt kein richtiges und kein falsches Sterben. Meine Mutter hatte ihr Leben lang „etwas Angst“ vor dem Tod und starb unsagbar sanft und friedlich und mit Gott und der Welt versöhnt, obwohl sie ein sehr schweres Leben hatte. Ich durfte sie dabei in meinem Arm halten, und bin daher sicher, dass es „leicht“ war. Mein Vater, der immer die lockere Meinung vertrat, wir müssten ja schliesslich alle sterben, starb voller Angst, Tränen und Grauen (zumindest bis kurz vor dem Sterbetag). Nichtsdestotrotz können wir uns durch die Lektüre solcher Bücher (vielleicht) ein wenig an unser Sterben „annähern“, vielleicht ein ganz kleines bisschen „vorbereiten“, und darum sind solche schönen Bücher und Rezensionen wie die Ihre auch so wichtig.

    Aber ich schweife an bzw. komme zu sehr ins Detail verzeihen Sie.

    Freundliche Grüsse aus dem Wald

    Der Waldler

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    • flattersatz Says:

      ja, so kann es sein. man kann sich noch so gut auf sein sterben vorbereiten, wenn der tag kommt, kann alles ganz anders sein. soweit ich weiß ist ja auch selbst frau kübler-ross einen schweren tod gestorben, so ganz weit weg vom akzeptieren….

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