Odile Kennel: Was Ida sagt

Es ist Ende der 80er Jahre, Louise lebt seit gut 11 Jahren in Berlin, damals hat sie ihre Familie in einem kleinen Ort in der Normandie verlassen, insbesondere mit ihrer Mutter Poulette hatte sie sich nie verstanden. Auf die Karten und Einladungen, die ihr die Mutter im Lauf der Jahre schickte, unpersönlich gehalten und formal, reagierte sie nie. Jetzt aber sieht sie auf der Todesanzeige für ihre Großtante Adrienne den Namen einer ihr völlig unbekannten Frau, Ida Kempf, einer Tochter der Verstorbenen, von der sie nichts weiß, obwohl doch in ihren Kindertagen die Großtante oft zu Besuch war bei ihnen. Kempf, ein deutscher Name… es verwirrt Louise und sie beschließt, zu dieser Beerdigung zu fahren, in der Hoffnung, die unbekannte Großcousine vllt zu treffen. Es ist die erste Rückkehr in ihre alte Heimat, der erste Besuch nach all den Jahren. Daß sie ihn beruflich mit einer Forschungsarbeit verknüpfen kann hilft ihr, über diese Grenze zu gehen, denn das es ein Grenzübertritt ist, zurück in ihre Vergangenheit, ist ihr (zumindest unterbewusst) klar.

Kurzgeschoren, aus einer Laune heraus kaum Haare auf dem Kopf, steht sie auf dem Friedhof in Belay, ihrem alten Heimatort. Sie spürt, wie jemand ihren Hinterkopf streichelt, die kurzen Stoppeln und sie wird auf Deutsch angeredet. Schneller als erwartet hat sie die Gesuchte getroffen…. Mit Poulette, ihrer Mutter, wechselt sie dagegen kaum ein Wort, nachdem diese sie ohne Willkommen wegen ihrer Kurzhaarigkeit angefahren hat. Nichts scheint sich bei ihr verändert zu haben.

Zusammen mit Ida verläßt Louise die Beerdigung, die beiden Frauen fahren zusammen an die Küste, übernachten dort auch. Ida erzählt („ida á dit“ ein schönes Wortspiel, das im Buch erklärt wird..) von der Vergangenheit, von ihrem Leben und dem Poulettes, mit der sie als Kind über viele, viele Jahre lang Blutsschwesternschaft hatte… es ist eine Familiengeschichte, die 1925/26 einsetzt, es ist eine Geschichte, in der Väter unbekannt bleiben, hinter solch unbezwingbaren Lügen verschwinden, daß diese schon fast wieder wahr werden, es ist eine Geschichte, in der Männer diese Frauen mit ihren Kindern heiraten, es ist eine Geschichte liebevoller Großeltern und liebloser Mütter, eine mit belanglosen Vätern, die sich hinter Zeitungen verschanzen, eine Geschichte, die im zweiten Weltkrieg tragisch und folgenschwere Liebe umfasst, die zwei Freundinnen entzweit, von denen die eine nach Deutschland geht und die andere an ihrem Kummer, an ihrer Trauer krank wird und sich in sich selbst zurückzieht…

Kaum etwas ist Louise bekannt von dem, was ihr Ida erzählt und sie merkt, daß sie bislang unwissend auf der Oberfläche ihres Lebens gefahren ist so wie ein Boot auf einem See treibt und kein Sicht hat in die Tiefe. Ab und an läßt Kennel ihre Louise sich die Frage stellen, ob sie hier, in ihrer Heimat, wo sie geboren ist und groß geworden, nach den Jahren der Abwesenheit, ob sie jetzt, wo sie wieder da ist, als Touristin anzusehen ist oder als Einheimische. Es ist diese Frage, die sich auch auf anderer Ebene stellt, hört Louise Ida nur zu bei einer Geschichte, als Besucherin sozusagen, in der zufällig auch ihr Leben involviert ist oder begibt sie sich selbst hinein und begreift sich als Bestandteil, als Angehörige ihrer Familie? Sie schwankt, ist noch nicht entschlossen, aber sie spürt, daß sie eigentlich keine Wahl hat, haben will.

Es sind viele Personen, die Kennel uns in ihrer Geschichte vorstellt, die Auflistung auf der Innenseite der Umschlagklappe hilft ein wenig bei der Orientierung. Und es ist ein sehr behutsamer, intensiver Text, voll mit einfühlsamen Bildern und Beschreibungen, voll mit Landschaften, mit Wolken und Meer .. mit Stimmungen, ein Text, der auch die Macht des Schicksals beschwört, der Unplanbarkeit des Lebens, das ein Mädchen, dem die Zukunft offen zu stehen scheint, in eine Sackgasse ihres Lebens manövriert, während es einem anderes, dem alles ohne große Perspektive vorgezeichnet scheint, auf einmal das Tor zu einer eigenen Welt öffnet.

Louise merkt in diesem Erzählen von Ida, auch in der unerwarteten Begegnung mit einem Jugendfreund, daß man sich aus der eigenen Geschichte nicht abkoppeln kann, auch wenn man sie augenscheinlich verläßt, in dem man geht. Die Geschichte läuft trotzdem weiter, man ist trotzdem immer Teil der Familie, der alten Freunde und nie wirklich vergessen. Alles, was der Familie geschieht, ändert auch den Status des Weggegangenen, selbst, wenn dieser das nie erfahren sollte.

Was mich als Leser traurig gemacht hat, ist die Tatsache, daß Kennel die tragischste Person ihrer Familiegeschichte auch zum Schluss nicht „erlöst“, obwohl sie sie auf diese Hand, die ihr wieder zurück hilft, die die Mauer um sie herum löst, warten läßt, sehnsüchtig warten läßt. Aber weder Ida noch Louise kommen auf den Gedanken, den letzten unbekannten Puzzlestein ihres Lebens zu suchen und Poulette damit zu erlösen…..

Der historische Hintergrund des zentralen Teils der Familiengeschichte ist die Besatzung Frankreichs durch die Deutschen im 2. Weltkrieg, die zu zahlreichen Liebschaften und Lieben zwischen den Feinden, die immer auch Menschen waren, führte und damit auch zu Kindern, ungeliebten Kindern, ca. 200.000 „les enfants de Boches“. Nach dem Krieg bzw. der Befreiung ließen viele Franzosen ihre Wut, ihren Hass an diesen Frauen aus und in einem archaischen Akt der Ausstoßung aus der Gemeinschaft und der Stigmatisierung schoren sie sie kahl und trieben sie durch die Straßen…. Die beiden Links unten geben eine erste Einführung in dieses traurige Thema.

Facit: „Was sagt Ida“ ist ein sehr schönes, stilles und nachdenkliches Buch mit einem großen Einfühlungsvermögen in eine schwierige Familiengeschichte, geschrieben in einer bildreichen und behutsamen Sprache.

Links und Anmerkungen:

Wiki-Artikel zur „Horizontalen Kollaboration“ (was ein fürchterlicher, häßlicher, diskriminierender Begriff….)
Bericht über die femmes tondues nach der Befreiung mit Bildern

Odile Kennel
Was Ida sagt
dtv, brosch. 316 S., 2011

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