Hamed Abdel-Samad: Der Untergang der islamischen Welt

Man sollte ja vorsichtig sein, wenn ein Buch die eigene (intuitive) Meinung, die eigenen Urteil und Vorurteile bestätigt: nur zu gerne liest man, daß man recht hat mit seinen Ansichten, daß sie geteilt werden. So ist es mir mit diesem Buch gegangen, denn hier formuliert Abdel-Samad das aus, was sich in mir als Gefühl eingenistet hat: die Schere zwischen der islamischen welt und unserer wird immer größer. Was bei mir aber eher auf dem Status eines Vorurteils stehen bleibt, macht Abdel-Samad in seinem Büchlein plausibel und nachvollziehbar. Und – davon gehe ich aus – der Autor weiß wovon er spricht, er kennt die islamische Welt so wie auch die westliche aus eigenem Erleben und eigenen Studien, so daß das, was er schreibt, nicht einfach wegdiskutiert werden kann.

„Der Untergang der islamischen Welt“ ist kein wissenschaftliches Buch, das mit Statistiken, Übersichten oder nackten Daten operiert. Es ist eine persönliche Analyse der Situation der islamischen Welt, die einen erheblichen Teil der Menschheit auf unserem Globus umfasst, die den Ursachen für den status quo nachgeht, den Ist-Zustand beschreibt und eine Extrapolation auf die Zukunft wagt.

Die Begeisterung für die westliche Lebensform und der heftige Zuspruch zu modernen Konsumgütern bei gleichzeitiger religiös-ideologischer Indoktrinierung und einer Isolation vom Geist der Zeit schafft die explosive Mischung, die den Terrorismus beflügelt und die ich als Hauptgrund für den Untergang der islamischen Welt sehe.

Schon der Buchtitel gibt die Problematik wieder: niemand würde bei einem analogen Buchtitel, der die westliche Welt zum Thema hat, schreiben: „xyz der christlichen Welt“, weltliches und religiöses Leben sind im Westen getrennt, Wissen und Glauben konnten sich unabhängig voneinander entwickeln. Dies ermöglichte in den letzten Jahrhunderten im Westen das Aufkommen des Humanismus und der Aufklärung, also einer von der Religion losgelösten Geisteshaltung, die durch Begriffe wie Demokratie, Freiheit, Menschenwürde, Gleichberechtigung gekennzeichnet ist und unser politisches, gesellschaftliches und soziales Leben bestimmt. An der Auseinandersetzung mit diesen Werten haben sich auch die Religion und die Kirche weiter nach vorn entwickelt und ihren Platz in der Gesellschaft gefunden.

Eine solche Entwicklung hat der Islam nie durchgemacht. Nach einer kurzen Blüte, in der islamische Gelehrte die philosphischen und wissenschaftlichen Werke der Antike studierten und weitertrieben, wurden solche Tendenzen nach dem Einfall der Mongolen und der Zerstörung von Bagdad (1258) beendet. Schulen und Universitäten befassten sich danach im Wesentlichen mit dem Studium des Korans und der Hadithen, die als sakrosant gelten und als unveränderlich, da sie durch Gott und seinen Propheten verkündet wurden.

Der Koran gibt aber die Geisteswelt einer arabischen Stammesgesellschaft des 7. Jhdts wieder, in der er seinerzeit offenbart und niedergelegt worden ist. Es ist offensichtlich, daß er damit (schon allein aufgrund des Vokabulars) die Verhältnisse der Jetztzeit nicht erfassen kann bzw. mit waghalsigen und z.T. willkürlichen Interpretationen auf sie angewendet werden muss. Das bedeutet auch, daß im Grunde jeder aus den Schriften herauslesen kann, was er will, weil es ihm in sein Konzept passt.

Nach Ansicht des Autoren leben Muslime damit in einem permanenten Spannungsfeld, aus dem sie sich nicht lösen können. Sie sind sehr westlich orientiert, was den Konsum von Gütern betrifft, ohne daß sie die dahinter steckende Geisteshaltung kennen bzw. akzeptieren. Sie kommen z.B. über Tourismus in Kontakt zu Westlern, deren Lebens- und Verhaltensweise sie nicht verstehen können, die so im Gegenteil innerlich sogar verachten, selbst, wenn sie damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Entsprechend ergeht es vielen jungen Muslimen, die im westlichen Ausland studieren. Dieser Zwiespalt treibt die Menschen – so Abdel-Samad – zurück dorthin, wo sie sich auskennen, wo sie sich sicher fühlen, und das sind die Schriften, die ihnen ein festes Verhaltenskorsett für alle Lebenslagen geben und die sie seit früher Kindheit auswendig gelernt haben. Dieser Zwiespalt führt zu Minderwertigkeitsgefühlen, Unsicherheit und Frustration, die sich zum einen in Aggression umwandeln kann, die aber auch dazu führt, daß man sich noch enger um die alten, eigenen Werte schart. So haben sich die islamischen Gesellschaften in vielen Belangen in den letzten Jahrzehnten wieder zurück entwickelt, insbesondere führt der Autor hier die gesellschaftliche Stellung der Frau an, deren Freiheiten in den letzten Jahren immer weiter eingeschränkt wurden bzw. die sie selbst wieder aus der Hand gegeben haben.

Diese Entwicklung verdeutlicht der Autor, der sich selbst aus diesem Teufelskreis befreien konnte, an vielen Beispielen, angefangen von der Bildungspolitik über die Tendenz von Muslimen, sich permanent durch die anderen beleidigt zu fühlen (Stichwort: Karikaturenstreit) bis hin zu der Unsymmetrie in der Wahrnehmung der Welt, die sie – in ihrer Wahrnehmung – in eine andauernde Opferrolle steckt, indessen sie ihre eigenen Handlungsweisen als selbstverständlich gerechtfertigt ansehen. In der islamischen Welt scheint den Widerspruch, der darin liegt, gegen die Darstellung des Propheten als Terroristen mit einer Bombe im Haar durch das weltweite Werfen von Brandsätzen zu „protestieren“, aufzufallen.

Ganz sicherlich pauschalisiert das Büchlein. Zwischen den islamischen Indonesien, dem Iran und Saudi-Arabien gibt es riesige Unterschiede, der von Abdel-Samad aufgezeigte innere Zwiespalt dürfte jedoch in allen Staaten gelten, liegt er doch im Grundsätzlichen begründet. „Eine Prognose“ nennt sich die Analyse und sie hat wie alle Prognosen, die sich mit der Zukunft befassen, allenfalls Wahrscheinlichkeitscharakter. So hat sich Abdel-Samad z.B. in der Revolutionsfähigkeit der Muslime, die er ihnen in diesem 2010 geschriebenen Buch abspricht, offensichtlich geirrt. Andererseits muss man abwarten, inwieweit sich durch den „arabischen Frühling“ tatsächlich etwas ändert, etwas ändert auch im „westlichen“ Sinn.

Und eine interessante Frage behandelt der Autor nur andeutungsweise: was passiert, wenn die islamische Welt, wie er prognostiziert, tatsächlich untergeht? Seiner Meinung könnte dies de facto sein, wenn die stabilisierende Wirkung der Petrodollars aufhören wird, der Tourismus als zweites Standbein vieler Staaten wegen diverser Gründe in seiner Bedeutung auch zurückgehen wird und wenn sich auch durch Klimawandel und die Trinkwasserproblematik die wirtschaftlichen und sozialen Randbedingungen weiter verschlechtern. Europa als direkter Nachbar vieler islamischer Staaten wird da nicht unbeteiligt bleiben, schon heute gibt das Stichwort „Lampedusa“ eine Ahnung von dem, was auf den Kontinent zukommen könnte, denn auch wenn die islamische Welt tatsächlich untergeht, im Gegensatz zur Titanic verschwindet sie nicht einfach in der Tiefe, im Gegenteil ist zu befürchten, daß dies sehr erhebliche Verwerfungen nach sich ziehen wird.

Abdel-Samads Analyse macht, und das ist das erschreckende, keine Hoffnung. Den Islam sieht er und zwar konstituierend, als rückwärtsgewandt, und durch die Einheit bzw. enge Verknüpfung von Religion und jeweiliger Herrschaftsstruktur gilt dies auch für das politische System. Das gegenseitige Verständnis zwischen westlichem System und islamischer Welt (so es überhaupt einmal da war) nimmt weiter ab, Ängste, Ressentiments, Aggressionen dagegen zu. Und wie die Wahlergebnisse nach dem „arabischen Frühling“, auf den der Westen so viel Hoffnung gesetzt hat (aus Naivität? muss man sich nach der Lektüre des Buches fragen) einzustufen sind, ist ja ebenfalls noch fraglich.

Facit: das kleine Büchlein von Abdel-Samad gibt mit ungewohnter Offenheit (bei aller notwendige Pauschalierung) einen Einblick in islamische Geisteswelt, von der bei uns ja oft nur die häßliche (aber nach Abdel-Samad fast zwangsweise auftretende) Facette des terroristischen Fundamentalismus wahrgenommen wird.

Hamed Abdel-Samad
Der Untergang der islamischen Welt
Droemer, 2010,
hier: TB-Ausgabe Knaur, 235 S., 2011

5 Kommentare zu „Hamed Abdel-Samad: Der Untergang der islamischen Welt

  1. Ein interessantes Thema und zugleich auch ein sehr schwieriges. Du schreibst ja selbst, dass der Autor auch pauschalisiert. Und es gibt ja immer wieder Bücher von Männern und Frauen (Nahed Selim, Necla Kelek), die anprangern was in der islamischen Welt passiert. Und da wir das ja völlig anders kennen, sind wir entsetzt. Klar, es gibt vieles, was nicht in das Menschenbild passt, das wir haben, vor allem die Beschneidung der Rechte der Frau u.a., andererseits bin ich auch skeptisch es zu beurteilen, wenn ich da so gar nicht drinstecke.
    Wie gesagt, ein schwieriges Thema, bei dem ich immer etwas zwiegespalten bin. Schließlich gibt es in unserer westlichen, weltlichen Welt auch einiges was nicht so gut läuft. Wer darf, kann, muss, soll beurteilen, was richtig und was falsch ist?
    Trotzdem finde ich es gut, wenn es Autoren gibt, die versuchen uns nahe zu bringen, was dort falsch läuft und wie das ganze zustande kommt, um auch verstehen zu können, warum manch einer so handelt wie er es tut.
    Hast du noch mehr Bücher zu dem Thema gelesen?

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    1. liebe andrea, danke für deinen ausführlichen kommentar.

      ja, du hast recht, es ist ein thema, in dem man nicht drinsteckt und in dem man sich daher mit urteilen zurückhalten soll. andererseits, wenn man nicht unterstellen will, daß alles, was man liest und hört, erlogen und erfunden ist, ist das was Abdel-Samad schreibt, schon ziemlich plausibel. zumindest liefert es ein erklärungsmodell, über das man sicher streiten kann und sollte, aber ich denke mal, die fakten, die er ihm zugrunde legt, bekommt man nicht wegdiskutiert. und einige dieser tatsachen lauten nun mal: steinigung, ehrenmorde, selbstmordattentäter, beschneidung der frau, zwangsheiraten.

      ich bin fest davon überzeugt, daß es absolut geltende werte gibt, die unabhängig sind von systemen, glauben oder regimen. und die gleichwertigkeit von frau und mann gehört für mich dazu. wird gegen diese gleichwertigkeit verstoßen, kann ich das kritisieren, auch wenn es bei uns selbst sicher einiges gibt, was auch verbesserungsfähig ist. denn das ist – wenn ich den autor richtig verstanden habe – der große unterschied: wir in unserer zivilgesellschaft können wir missstände abbauen, können wir gesetzliche regelungen einführen, wir können uns im gesellschaftlichen konsens weiter entwickeln. in der islamischen welt dagegen wird der gesellschaftliche konsens weitgehend durch ein sakrosantes buch, den koran, bestimmt. Der einzige laiszistische Staat in der islamischen Welt ist die Türkei, aber auch dort gewinnen religiöse Kräfte immer mehr einfluss.

      einen interessanter übersichtsartikel zum thema kannst du auch hier finden: http://www.ekhn.de/inhalt/download/standpunkt/rel/05_scharia_akislam.pdf. Hier sind auch die pauschalisierungen erkennbar, denn natürlich gibt es unterschiede zwischen einzelnen staaten, aber die prinzipielle aussage bleibt davon unberührt.

      zu deiner frage: von der kelek habe ich ein buch gelesen und auch hier vorgestellt: Die verlorenen Söhne. solche provokativen thesen und meinungsäußerungen sind natürlich wie öl ins feuer und angreifbar, wenn dies argumentativ geschieht (siehe den kommentar von rheinsberg zu diesem beitrag von abdel-samad…), passiert genau das, was passieren sollte: eine diskussion kommt in gang. vllt wäre es ganz interessant, das hier vorgestellte buch von ihr zu lesen, das sich wohl derselben these wie das von abdel-samad widmet….

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    1. ja, ich denke mir, daß dieses buch (und der autor) polarisierend ist. immerhin aber argumentiert er nicht mit genetischen veranlagungen und daß er aufgrund der von ihm genannten fakten zu einer deutlichen meinung kommt, könnte ja auch zu einer entgegnung und diskussion führen, die ihn entkräftet und ad absurdum führt. die bloße unterstellung einer geistigen verwandtschaft zu sarrazin ist jedenfalls von der argumentativen kraft her wenig überzeugend.

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