Hanns-Josef Ortheil: Die große Liebe

Wir begleiten einen Enddreißiger, der uns als Giovanni vorgestellt wird, Fernsehredakteur aus München, für eine Woche auf seine Recherchefahrt nach Italien, genauer: nach San Benedetto (del Tronto) an die Adriaküste. Es soll ein Film werden über das Meer und seine Bewohner, über die Landschaft, die Tiere und die Menschen, ein Film über das Grundsätzliche, das Elementare, das Einfache des Meeres und der Küste. Für Giovanni ist es auch eine Fahrt des Loslassens, der Befreiung, denn er hat sich vor geraumer Zeit von Hannah getrennt, mit der er eine lange Jahre dauernde Beziehung hatte. Beziehung, nicht Liebe, denn an diese glaubt er nicht mehr, seit er siebzehnjährig seine erste große Liebe mit ihrem Unterleib an das Gesicht ihres Geigenlehrers gepresst durch das Fenster beobachtete. Nicht, daß er die Frauen meiden würde, im Gegenteil, er beherrscht die Kunst, Frauen zu erobern und sie dieses Erobertwerden nicht bereuen zu lassen. Nur bindet er sich nicht, den Zugang zu seinem Herzen öffnet niemand, auch mit Hannah ist dies nicht geschehen.

Giovanni muss ein einnehmender Mensch sein, schnell findet er an Ort und Stelle Kontakt, bringt den Hotelier auf seine Seite, wird von den Menschen eingeladen. Nur mit Antonio, dem Museumswärter, verbindet ihn spontane Abneigung und die Dottoressa hat Mühe, jenen mit einem kleinen Auftrag wegzuschicken und sich ihrem Gast zu widmen. Die Dottoressa ist die Direktorin des Museums in San Benedetto, etwas jünger als Giovanni, sie soll ihm bei der Recherche vor Ort behilflich sein. Und so es wirklich Liebe auf den ersten Blick gibt, dann geschieht sie in diesem Moment, in dem sich die beiden ansichtig werden. Die Welt um sie herum reduziert sich auf den kleinen Raum, den er und sie, sie und er einnehmen….

Ortheil schildert uns im folgenden völlig unaufgeregt die weitere Entwicklung dieser Beziehung. Er schildert sie fast völlig aus der Sicht des Mannes, Eindrücke und Aussagen Francas, der Frau, sind nur spärlich eingeflochten in seinen Text. Insofern ist der Roman unsymmetrisch aufgebaut, noch dazu gibt er dem Ich-Erzähler zwei Stimmen, die des Erzählers und die des Schreibenden, der sein Notizbuch immer dabei hat und Unsicherheiten, Nervosität und ähnliches überspielt, in dem er seine Gedanken in Worte fasst. Das bei Franca ebenfalls das große Gefühl eingekehrt ist, erkennen wir an den Gesten, einzelnen Sätzen, die sie – unbewusst – so sagt: „Es ist schön hier mit Ihnen!“ .. es ist nicht nur einfach schön, im Restaurant zu sitzen und auf´s Meer zu blicken, es ist schön „.. mit Ihnen!“.

Oh, manchmal möchte man ihm wirklich helfen! Er analysiert sich dumm und dämlich, wäre das die Situation gewesen, sie zu berühren, zu umarmen, zu küssen sogar? Nein, es wäre zu früh gewesen (redet er sich ein, er weiß es natürlich besser, weil er das Gefühl ja nicht ignorieren kann, die Frage allein ein Zeichen dafür), nicht der richtige Moment, alles wäre zerstört worden, dieses Risiko wollte er nicht eingehen, diese Liebe (ja, er gesteht sich und anderen dieses Gefühl ein) überfordert ihn, der ansonsten das Geplänkel vor dem Zu-Bett-Gehen perfekt beherrscht. Und ja, wir liegen richtig mit unserer Ungeduld, Franca, so läßt sie der Autor es später sagen, empfindet auch so, warum küsst er mich nicht, warum mietet er das Zimmer nicht, das er sich anschaute im Restaurant, oben, in den Bergen, nach dem Essen zu zweit?

Franca geht ein Stück voraus und Giovanni folgt ihr, ihm gefällt die es, von Franca geführt zu werden. Franca dominiert, sie gestaltet das Zusammensein, bestellt bei Tisch, wählt den Wein und er besteht diesen Test, denn er fühlt sich dadurch nicht gegängelt wie andere, die vorher in dieser Situation waren. Denn natürlich hat Franca auch ihre Bekanntschaften, besonders ist unter diesen zu nennen – und erschwerend, weil es ihr Verlobter ist – der Dottore Alberti, den Giovanni im Museum schon kennengelernt hat als Wissenschaftler, der dort arbeitet. Mit ihm zusammen will sie sich in Kürze auch beruflich verändern, in eine ander Stadt ziehen und dort leben und arbeiten …. Franca zögert nicht, sie ist es, die Giovanni schließlich in der einsamen Bucht in die alte Umkleidekabine führt, in der sich sich dann erkennen….

Wenn es die große Liebe gibt, dann kann sie sich so anfühlen, wie Ortheil sie schildert. Es sind einfühlsame Worte, mitreissende Schilderungen, in seinen Landschaftsbildern, den Beschreibungen des Meeres spiegeln sich die Gefühle der beiden Menschenkinder wieder. Es ist eine romantische Liebe zwischen Strand und Bergen, in der Einsamkeit der Buchten und der kleiner Tische in den Nischen der Restaurants am Meer (in denen übrigens viel getrunken und nur wenig gegessen wird, obwohl des Essen großen Raum einnimmt in den Texten. Chapeux vor der Trinkfestigkeit der beiden!), es ist .. ach ja, die große Liebe eben…

Ist es auch eine glückliche Liebe, eine mit Zukunft? Ortheil reißt diese Fragen an, weil sie einfach von der Grundkonstellation her, die er gewählt hat, nicht zu vermeiden sind. Auflösen kann er sie nicht, nein, natürlich nicht, aber Franca hat sich was überlegt und so läßt er der Hoffnung auf ein glückliches Ende zumindest Raum….

„Die große Liebe“ ist ein sehr stimmung- und gefühlvoller Roman über einen seelischen Ausnahmezustand, eine romantische Schilderung des Sichfindens zweier Menschen, die zusammen eine Zweiheit sind, um den Begriff Giovannis zu gebrauchen. Wenn man an dem Roman etwas kritisieren will, ist es vllt der Umfang. Etwas straffer geführt, das Intermezzo mit Dottore Alberti.. aber nun ja, es tut dem Gesamteindruck keinen Abbruch…

Mich persönlich hat die Geschichte weit zurückgeführt.. Anfang der 80er Jahre, eine für damalige Zeiten typische Studentefete in der Tiefgarage des Wohnheims mit Höllenlärm getarnt als Musik, mit Essen (wahrscheinlich palästinensisch angehaucht) und eben.. SIE, die ich dort traf. Wie Franca verlobt, kurz vor der Reise hin zu ihm…. genau wie Ortheil es beschreibt, die Welt schrumpfte zusammen auf uns zwei, alles andere wurde unwichtig… Aber selbst, wenn man die Welt vergisst, die Welt selbst vergisst einen nicht, und so endete meine Geschichte anders und sie dauerte nicht lange an…. und ist jetzt, als Erinnerung, schöne Erinnerung, etwas sentimental vielleicht wieder geweckt worden…

Hanns-Josef Ortheil
Die grosse Liebe
diese Ausgabe: HC, 316 S., 2004, Gütersloh
Originalausgabe, 2003, Luchterhand

9 Kommentare zu „Hanns-Josef Ortheil: Die große Liebe

    1. aber gehört nicht auch gerade diese unsicherheit, dieses bestreben, nur nichts falsch zu machen, damit das glück, dieser eine mensch, den man auf einmal in seinem herzen hat, nicht doch verschreckt wird, durch die finger rutscht, dazu? zeigt sich nicht gerade darin auch die ehrlichkeit, daß es einem eben nicht egal ist?

      lg
      fs

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  1. Hallo Flattersatz,
    habe grade den Romantitel gegoogelt und bin auf deine Rezension gestoßen. „Wenn es die große Liebe gibt, dann kann sie sich so anfühlen, wie Ortheil sie schildert“ – das gefällt mir. Schön auch, wie du am Schluss überleitest zu einem persönlichen Erlebnis. Das berührt mich.

    Ich habe vor einigen Monaten ebenfalls eine Rezension über das Buch geschrieben, vielleicht magst du ja mal reinschauen: http://dezembra.wordpress.com/2012/10/27/lesen-und-uber-die-liebe-lernen/

    Dein Blog gefällt mir, ich komme bestimmt wieder.

    Lieben Gruß,
    dezembra

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    1. liebe dezembra, hab herzlichen dank für deinen besuch und dein lob. natürlich habe ich mir deine rezension angeschaut und durchgelesen.. deinem einleitenden absatz kann ich nur ohne einschränkungen zustimmen… ortheil ist ein großer (ich habe ja noch andere romane von ihm vorgestellt, die dies bestätigen), aber leider ohne den entsprechenden publizistischen widerhall. oder täusche ich mich da?

      sei herzlich eingeladen, in meinem blog zu stöbern, es würde mich freuen!
      liebe grüße
      fs

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  2. „Liebesnähe“ habe ich nun mit gemischten Gefühlen beendet. Meine Rezension findet ihr auf meinem Blog.

    Eine uneingeschränkte Leseempfehlung kann ich nicht geben, dafür um so mehr für seine Bücher „Hecke“ und „Moselreise“.

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  3. Da muss ich zustimmen. Ein wirklich sehr schöne Rezension. Ich bin fast darin versunken. Eine schöne Liebesgeschichte würde ich auch gerne mal wieder lesen. Das Buch ist notiert. Ich muss zugeben, dass ich von Ortheil vorher noch nichts gehört habe.
    Du verstehst es wirklich immer wieder Perlen auszugraben.

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    1. ach, ich musste auch auf ortheil gestoßen werden, hatte noch nie etwas von ihm gehört. vor ein paar tagen habe ich ja schon ein buch von ihm hier vorgestellt…
      es freut mich sehr, daß du meine besprechung so gut leiden magst.. danke dafür!

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  4. Schöne Rezension. Ähnlich wie du es geschildert hast, erging es mir auch mit diesem und mit dem Nachfolgeband „Liebesverlangen“. Beide weckten eine gewisse Melancholie in ihren stimmig geschilderten Gefühlen.
    Momentan lese ich den dritten Band der Trilogie „Liebesnähe“ und bin sehr enttäuscht. Ortheil reitet seine Fabulierlust zu Tode, selbst Pissoirereignisse sind einer Betrachtung wert. Kitschalarm, befürchte ich. Schade.

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    1. danke für deinen kommentar!

      ich habe gerade ein wenig in den besprechungen der beiden andreren ortheil-bücher gestöbert. auch dort habe ich diese von dir angemerkte übertriebene fabulierlust erwähnt gefunden, als literatur-literatur…. mal schauen, vllt besorge ich mich „Das Verlangen nach Liebe“ aber doch noch…. die beiden bücher von ortheil, die ich bis jetzt gelesen habe, haben mir ja doch gut gefallen…

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