Irene Dische: Großmutter packt aus

Knapp hundert Jahre Familiengeschichte, drei Generationen also, sind es, die Irene Dische ihre Großmutter erzählen läßt, denn „..Wer über sein eigenes Leben schreiben will, verstrickt sich bekanntlich leicht in ein Lügenknäuel.“. Diese Geschichte wird in einem kurzweiligen, unterhaltsamen Ton dargelegt, der nicht so sehr auf literarische Finessen Wert legt, als vielmehr auf Lesbarkeit und Anschaulichkeit.

So setzt die Geschichte im 1. Weltkrieg ein. In einem Lazarett lernt die Krankenschwester Elisabeth Gierlich den nachmaligen „Ehrenarier“ Carl Rother kennen und lieben. Elisabeth stammt aus mittelrheinischem, gutem, katholischem Haus (etwas überspitzt könnte ich behaupten, das Städtchen, ihr Städtchen von hier (meinem Schreibtisch) aus sehen zu können, reckte ich mich nur ein wenig in die Höhe…), Generationen zuvor schien mal wohl sogar niederen Adel verkörpert zu haben, aber tiefer als ins Bürgertum sind sie nie gesunken, dank der Frauen, die dafür sorgten, daß die Männer keine Fisimatenten machten. Man sieht, der Erhalt der Familie ist in dieser Sippschaft die Sache der Frau, diese haben dafür zu sorgen, daß die Männer „… nicht aus der Reihe tanzen, auch nicht aus der Ahnenreihe.„. Die Verbindung mit Carl ist – an diesen Massstäben gemessen – eine regelrechte Bruchlandung.

Carl verläßt aus Liebe seinen jüdischen Glauben und tritt über zum Katholizismus. Der Rest seiner Familie (der nicht klein ist) eifert ihm natürlich nicht nach uns so lebt das jetzt rein katholische Ehepaar nach seinem Umzug ins Schlesische in Harmonie mit der jüdischen Familie des Hausherrn.

Carl ist ein guter Arzt mit Praxis und Professur, der Stolz auf das neue Röntgengerät und die Tatsache, daß er die Röntgenplatte immer so hält, daß sein Daumen mit abgebildet ist, kostet ihn eine eigene große Familie, denn der Krebs nistet sich im Daumen ein, wandert durch den Körper und erklärt (zumindest teilweise) den ersten fulminanten Satz des Romans:

„Daß meine Enkeltochter so schwierig ist, hängt vor
allem mit Carls geringer Spermiendichte zusammen.“

So wird und bleibt Renate Maria das einzige Kind des Paars [1] und zusammen mit Liesel, der Haushälterin, hätten sie ein glückliches Leben, aber… „Sie haben ein Gesetz erlassen.“ … das die Ehe der Elisabeth mit Carl verbot. Die Scheidung wurde ihr angeraten, aber nein, die Scheidung für ein katholisches Ehepaar, undenkbar, eine Todsünde. Den Zeiten gemäßt wird es schwierig für die Rothers, private Freunde wenden sich ab, verraten sie, bald dürfen Arier nicht mehr für Juden arbeiten, also müssen sie Liesel wegschicken, die Verwandschaft Carls verschwindet über Nacht in Lagern. Einige der Männer werden aus dem Arbeitslager wieder entlassen, sie zumindest – in der gleichen Nacht noch – sterben zu Hause. Kaum, daß Elisabeth den zögerlichen Carl zur Flucht drängen kann, erst als schon zwei SS-Männer vor der Tür Wache halten, flieht er mit zwei Koffern in der Hand durch die Hintertür und den Garten zum Bahnhof und es gelingt ihm über Frankreich in die USA zu gelangen.

Die Zeiten werden für Elisabeth und Renate nicht einfacher. Letztere wird auf Schulen weit entfernt geschickt, in denen ihre Herkunft unbekannt ist, leider verplappert sich das lebhafte, intelligente, nicht immer vorsichtige, eigenwillige Mädchen immer wieder. Die Verhöre durch die Gestapo werden Alltag für Elisabeth, keine Scheidung vom jüdischen Ehepartner und dann noch einen Ausreiseantrag bringen eine Menge Verdruss.

.. und doch: sie kommen nach Amerika, Elisabeth, Renate und schließlich sogar Liesel. Carl hat gewissen Eingewöhnungsschwierigkeiten, aber auch er schafft es, eröffnet eine Praxis und wird zum „katholischen Doktor“. Die Liasion mit Margie (wenn es denn eine ist) schafft Unruhe, bleibt aber marginal. Renate studiert und wird Pathologin, sie lernt den viel älteren Dische [2] kennen, der in der Beschreibung des Buches so ganz anders ist als in der des Links. Dische ist kein unmittelbarer Sympathieträger, er bleibt in der Familie immer ein Aussenseiter. Kinder kommen, für Elisabeth die Enkel: das zarte, zurückhaltende Carlchen und die forsche, eigenwillige, schwierige Irene. Dische hat an den Kindern kein Interesse, er ist geizig und was die Ehe zusammenhält, ist kaum auszumachen. Schließlich trennen sich die Disches.

Carl und Elisabeth schaffen es. Sie erwerben einen gewissen Wohlstand, ein Auto, ein Häuschen…. Liesel lebt mit ihnen zusammen und führt den Haushalt. Dann kehrt eines Tages der Krebs bei Carl wieder zurück…. Zur Erziehung der Kinder wird Friedel engagiert, eine Nichte Liesel. Doch diese Erziehung ist wie aus dem Folterkeller: Schläge, Strenge und Strafen sind das einzige Repertoire. Als Carlchen beim Schwimmenlernen fast ertrinkt, schmeisst Liesel Friedel raus.

Die Erziehungsmethoden Renates sind andererseits auch erwähnenswert. In der Schule gibt es die monatliche Stunde „show and tell“, in der Kinder etwas mitbringen sollen und darüber erzählen. Irene bringt drei Gläser mit in Formaldehyd eingelegten Föten unterschiedlicher Entwicklungsstadien mit… Die Stunde fällt diesmal aus…

… überhaupt Irene, die Autorin. Der letzte Teil des Buches konzentriert sich auf dieses eigenwillige Kind, das keine Dankbarkeit kennt, das nur zu nehmen gewohnt ist und nicht zu geben. Sie trampt durch die Welt, nach Asien und Afrika, arbeitet dort bei Leakey, studiert in Harvard…

Hier ist im Buch ein gewisser Bruch zu spüren. Der Irene-Teil ist autobiographisch aus eigenem Erleben, er wird recht ausführlich dargelegt mit all seinen Irrungen und Wirrungen, man gewinnt auch nicht den Eindruck, daß sie sich günstiger darstellen will, als sie seinerzeit war. Bis zu diesen Abenteuern konnte Dische das Erzählte „nur“ aus zweiter Hand rekonstruieren, aus Erzählungen, schriftlichen Aufzeichnungen schöpfen. So wirkt das selbst Erlebte ausführlicher, manchmal ausgewalzter, durchaus unterhaltsam zu lesen (man weiß ja, daß es gut ausgehen wird, egal, wie arg es aussieht…), aber etwas straffer gefasst, hätte es diesen Bruch zu den vorangegangenen Abschnitten nicht so gegeben.

Endlich, nachdem über Jahrzehnte hinweg jeder Tag der potentielle Sterbetag von Elisabeth gewesen ist, kommt er tatsächlich, im stolzen Alter von 96 Jahren, in gewisser Weise wird sie vom H. Geist persönlich geholt….. Und im Himmel trifft die Katholikin alle wieder, die sie auf Erden kannte, ihren Bruder Otto, einst strammer Nazi genauso wie Liesel, der moralische Rückhalt der Familie. Sie freut sich auf Renate, ihre Tochter, deren Tod wir auch noch miterleben.. und auf Erden führt Irene ihr Leben, einen Wimpernschlag lang noch, und dann wird auch sie bei ihnen sein.

So ist das Buch mit dem (meiner Meinung nach ziemlich dämlichen) Titel „Großmama packt aus“ eine opulente Geschichte einer Familie, die durch die Vernichtungsorgie des 3. Reiches auf wenige Personen reduziert worden ist. Wenn es ein durchgehendes Motiv in dieser Familie gibt, ist es die Stärke der Frauen, auch deren Eigenwilligkeit und Extravaganz, die die Familie durch alle Schwierigkeiten bringen. Am intensivsten ist naturgemäß der erste Teil des Buches mit dem Leben unter der Bedrohung des Nazi-Regimes, nach der Flucht in die USA entwickelt sich das Leben dort vielleicht nicht immer so wie geplant, jedoch wie zu erwarten ohne große Überraschungen immer weiter zum Besseren.

Facit: Eine sehr kurzweilige, unterhaltsame Familiengeschichte über drei Generationen starker Frauen

Anmerkungen und Links:

[1] im Buch wird die Tochter durchgängig als Renate benannt, interessanterweise in der Würdigung ihres späteren Mannes jedoch Maria [2]
[2] Zum Leben von Zacharias Dische

2 Kommentare zu „Irene Dische: Großmutter packt aus

  1. Lieber flattersatz,
    Du hast Recht der Roman ist eine kurzweilige Unterhaltung aber je mehr man in die Geschichte einsteigt, um so mehr wächst einem die Grossmutter ans Herz. Auch sonst schreibt Dische durchaus Lesenswertes: „Clarissas empfindsame Reise“ zum Beispiel. Dische selbst habe ich auf einer Lesung kennengelernt. Eine beeindruckende Frau voller Humor. Hatte sie mir ganz anders vorgestellt.

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    1. Ich danke dir für deinen schönen Kommentar und ich bedaure mal wieder ein wenig, daß ich so ein wenig abseits der großen Stadt wohne und solche Ereignisse wie Lesungen bekannter Autoren an mir vorbei gehen…

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