Lena Gorelik: Lieber Mischa: … Du bist ein Jude.

10. Oktober 2011

Lena Gorelik ist eine in der UdSSR geborene Jüdin. 1992 kam sie nach dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts und der UdSSR mit ihrer Familie als sogenannte Kontingentflüchtlingin [ich weiß, aber schließlich ist sie weiblich, da sollte das Substantive das wiederspiegeln….. / siehe dazu diese Mitteilung des Bundespresseamtes] nach Deutschland. Judentum war in der UdSSR nicht als Religion, sondern als Nationalität angesehen und stand daher im Pass. Da Juden auch in der UdSSR nicht allzu beliebt waren, war dieses Faktum nicht immer förderlich.

Zum zweiten führte es dazu, daß es in der UdSSR in den meisten Familien sowie auch bei Goreliks kein gelebtes Judentum gab, man war zwar jüdisch, aber mal lebte ein ganz normales, angepasstes Alltagsleben, ohne die mannigfachen jüdischen Gesetze, die den Tag so wie das gesamte Leben normalerweise strikt durchstrukturieren. Irgendwann kurz vor der Ausreise wurde dann in aller Heimlichkeit das erste jüdische Familienfest begangen, man orientierte sich an Gehörtem, Erinnertem und Allgemeinem.

Durch dieses erst späte Hinkommen zum jüdischen Leben hat die Autorin sich die Fähigkeit erhalten, von aussen auf sich (und ihre Familie und Bekannten und all die anderen) zu schauen, das vllt etwas eigenartig wirkende, aber auch liebenswerte des Judentums zu erkennen.

„Lieber Mischa….“ ist ein Monolog der Mutter an ihren Sohn (der, wie aus dem Gesamttitel ersichtlich, nur knapp dem Namen Adolf entging..), in dem diese ihm ihre Sicht des Judentums und der jüdischen Eigenarten beschreibt. Schon in diesem Titel wird ein sich durch das gesamte Buch ziehender Aspekt deutlich, die Zerrissenheit der Autorin, denn natürlich tut es ihr nicht leid, daß sie, und ihr Sohn Juden sind, aber sie ist sich auch der Besonderheiten bewusst, die das bedeutet.

„Zwei Herzen schlagen, ach, in meiner Brust. Mein aufgeklärtes, weltoffenes Herz ist das laute. Bumm, bumm, bumm macht es in regelmäßigen Schlägen, laut, selbstbewusst, deutlich. Das andere ist das jüdische Herz. Es ist leiser, unregelmäßiger. Es macht: aber, aber, aber. Und manchmal: Oj vej.“

Oj vej, oj vej.. wenn Mischa zum Beispiel – später mal – eine Maria mit nach Hause bringen wird, mit der er – unverheiratet! oj vej oj vej – zusammenziehen will… Hier (und an anderen Stellen) geraten Weltoffenheit und jahrtausende alte Traditionen und Gebote aneinander, schmerzt das jüdische Herz, das sagt, aber es wäre doch nett, wenn du …. Andererseits… selbst Moses hat eine Nichtjüdin geheiratet…

Gorelik scheut sich nicht, jedes gängige (und manches vllt auch nicht so gängige) Vorurteil über Juden aufzunehmen. Ihre eigene krumme, sonderbare Nase zum Beispiel, die man einfach nicht leugnen kann, an der aber auch nichts schlimmes ist, harmoniert sie doch mit den abstehenden Elephantenohren… den angeblichen Reichtum der Juden, die ja alle kleine Rothschilds sind, die Weltverschwörung sowieso und die Hinterlist, die Streitsucht, das laute Reden .. und … und… mit viel Witz, (Selbst)Ironie und hohem Unterhaltungswert führt sie diese Vorurteile ad absurdem, zeigt, wo sie herkommen und wie sie auf die Urheber selbst zurückfallen. Sie nimmt in ihren Betrachtungen die eigenen Leute nicht aus.

Zwei Gruppen von Menschen ärgerns sie besonders: die Philosemiten und in der Extremform die Konvertierten, die zwar die Gesetze des Judentums gelernt haben und zitieren können, die aber nie jüdisch werden können, da die Gesetze die Form sind, jüdisch sein aber der Inhalt, den man nicht lernen kann, sondern den man haben muss. Insbesondere zum jüdischen Humor kann man nicht übertreten: „1939 fahren in NY zwei Juden in der U-Bahn. Liest einer den „Stürmer“, der andere den „Aufbau„, eine jüdische Zeitung. Letzterer wird immer nervöser und fragt schließlich seinen Gegenüber, warum er denn dieses Nazi-Hetzblatt lese und bekommt zur Antwort: „Schauen Sie mal, in ihrer Zeitschrift werden Bücher verbrannt, Synagogen geschändet und unsere Leute getötet. Aber in diesem Blatt hier ist noch alles in Ordnung! Wir haben das Geld, wir haben die Macht und wir beherrschen die Welt!

Neben der erwähnten Zerrissenheit ist spürbar, daß Gorelik einfach nur die Normalität wünscht. Schon die Scheu der anderen, zu sagen (und zu schreiben), sie ist Jüdin anstelle, sie sei jüdisch, jüdischen Glaubens u.ä. ist für sie ein Zeichen für die Unnormalität der Verhältnisse (eine Bemerkung, die ich auch schon bei anderen Autoren (die mir jetzt nicht einfallen…) gefunden habe. Andererseits wird im normalen Sprachgebrauch auch niemand als Kathole oder Evangele bezeichnet, hier werden selbstverständlich die Adjektive verwendet). Gorelik (und ich denke, sie spricht für viele der jüngeren Juden) möchte nicht geliebt werden, weil sie Jüdin ist, sie möchte nicht gehasst werden, weil sie Jüdin ist. Wenn schon eins von beiden, dann, weil sie ein Mensch ist mit bestimmten Eigenschaften…

Aber was ist normal, was ist Normalität zwischen Menschen, die aus Völkern stammen, von denen eins vor einigem Jahrzehnten versucht hat, das andere vom Erdboden zu vertilgen? Ich denke, man muss einfach auch anerkennen, daß es in vielen Situationen auch Befangenheiten gibt, man ist unsicher, wie der andere reagiert, weiß nicht, wo Grenzen des Verhalten sind, die man respektieren sollte. Auf deutscher Seite ist oft ein Erstaunen spürbar, wenn Israelis, also Juden, Deutschland mittlerweile ohne diesen „Ihr-seid-die-Täter“-Malus sehen: „..Sogar Israelis wollen in Berlin wohnen.“ beschreibt die ZEIT den Trend von Menschen aus ganz Europa, nach Berlin zu kommen. Ich denke und hoffe, das wird sich in den nächsten Jahren noch fortsetzen, daß jüdisch sein nichts anderes ist als katholisch sein als evangelisch sein als muslimisch sein….

Auch das gelebte Judentum unterliegt für Gorelik einem Wandel. Synagogen scheinen ihr immer ungeeigneter, Jüdischkeit auszuleben. Für sie heißt jüdisch sein: im Leben sein: Andere Juden treffen, jüdischen Gesang im Gottesdienst hören, essen, reden, jüdsche Witze hören und sich jüdisch fühlen… Goreliks Synagoge befindet sich in ihrem Kopf ebenso wie im Englischen Garten (sie lebt in München) und sie ist davon überzeugt, daß es ihrem G“tt dort genauso gefällt wir ihr….

Israel, das Gelobte Land, das Scheinheilige Land…. Gorelik gibt einen Crashkurs zum israelischen Leben, wo sie nur eine Jüdin unter vielen ist, wo sie normal ist, wo niemand ihre Nase anschaut oder ihre Haare … hier kann sie laut reden und bekommt zu hören, sie sei nicht zu verstehen, weil sie zu leise sei, hier kann sie nach Herzenlust streiten, weil den Juden das Streitgespräch im Blut liegt, hier ist sie von der Normalität, die sie sich auch für ihre deutsche Heimat wünscht.

Facit: ein sehr kurzweilige Buch voller Witz, Humor und kluger Gedanken…. (habe ich überhaupt erwähnt, daß der Hund der Goreliks „Rabbi“ heißt?)

Lena Gorelik
Lieber Mischa, … der Du fast Schlomo Adolf Grinblum geheißen hättest, es tut mir so leid, dass ich Dir das nicht ersparen konnte: Du bist ein Jude.
Graf Verlag, 2011, HC, 192 S.

zum Schluss noch einen Absacker:

Kommt ein evangelischer Pfarrer in den Himmel. Petrus übergibt ihm, weil er sein Lebtag das Evangelium unseres Herrn aufopferungsvoll verkündet hat, einen VW Käfer. Er freut sich und fährt auf der Milchstraße spazieren. Plötzlich überholt ihn ein Mercedes, den ein katholischer Priester lenkt. Konsterniert kehrt er sofort um und fragt Petrus, wieso der katholische Pfarrer einen so viel teueren Wagen hat. Petrus weist ihn darauf hin, daß sein Kollege nicht heiraten durfte und die himmlische Gerechtigkeit das eben ausgleiche. Er sieht das ein und fährt weiter. Kurz danach sieht er zu seiner Verblüffung, wie in einem chromglitzernden amerikanischen Straßenkreuzer mit offenem Verdeck ein Rabbiner mit wehendem Bart an ihm vorbeizischt. Voll Entrüstung spricht er Petrus darauf an, da der jüdische Geistliche doch auch heiraten durfte, doch dieser erwidert nur: „Da kann ich nichts machen, das ist Verwandtschaft vom Chef!“ :D (gefunden bei Nadine)

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6 Responses to “Lena Gorelik: Lieber Mischa: … Du bist ein Jude.”

  1. hannah Says:

    Tolle Rezension zu einem interessanten Buch, das sogleich auf meiner Wunschliste landet…

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  2. Tanja Says:

    Dein Absacker hat mich heute zum Lachen gebracht. Das Zitat stimmt mich nachdenklich. Irgendwo hatte ich schon mal eine ebenso positive und schöne Rezension zu diesem Buch gelesen. Du hast mich wieder daran erinnert.

    Vielen Dank!
    LG, Tanja

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    • flattersatz Says:

      Vielleicht war das die Rezi vonklappentexterin, über die ich auf das Buch aufmerksam geworden bin? …

      Und zum Zitat: ich denke, auserwählt zu sein, ist immer mehr Last als Freude. Irgendwo habe ich mal den Stoßseufzer gelesen: G“tt, kannst du nicht mal zur Abwechselung ein anderes Volk auserwählen?“

      liebe grüße
      fs

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  3. Verehrter flattersatz,

    ich lächle und freue mich sehr, dass du ebenfalls schöne Lesestunden mit dem kurzweiligen Buch hattest!

    Viele Mondscheingrüße aus der Großstadt

    Klappentexterin

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    • flattersatz Says:

      Ich muss mich bei dir, geschätzte klappentexterin, bedanken, ohne deine einladende besprechung wäre ich auf das buch wahrscheinlich nicht gestoßen….

      mondscheingrüße.. ja, gestern war vollmond, immer wieder ein schöner anblick!

      liebe grüße
      fs

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