Rafik Schami: Das Geheimnis des Kalligraphen

„…. aber Antworten sind niemals wichtiger als die Fragen.“

Das Buch mit der Geschichte des Kalligraphen Hamid Farsi und seine Frau Nura ist der erste Roman, den ich von dem aus Syrien stammenden deutschen Schriftsteller Rafik Schami lese. Und es hat mich nicht enttäuscht, es entspricht dem, was ich mir unter einer orientalischen Geschichte vorstelle: ein farbenprächtiges, lebhaftes, anschauliches, ausschweifendes Bild von Land und Leuten. Genau dies habe ich hier im „Kalligraphen“ gefunden, denn die eigentliche Geschichte, die Schami erzählt, ist so alt wie die Welt… na ja, fast…: eine Frau ist mit einem Mann verheiratet, den sie nicht liebt (vice versa), trifft einen anderen Mann, in den sie sich verliebt und flieht zusammen mit ihrem Geliebten, da sie das Leben an der Seite des ungeliebten, ja, verhassten Mannes nicht mehr aushält. Und wenn sie nicht gestorben sind, so lieben sie noch heute…

Neben dem unglücklichen Paar Hamid Farsi und Nura stehen noch zwei weitere Personen im Mittelpunkt des Romans: natürlich der Liebhaber von Nura und Nassri Abbani, ein reicher, geiler Gockel aus einer der alten, mächtigen Sippen, die in Damaskus den Ton angeben. Schami erzählt uns die Lebensgeschichte dieser Menschen, schildert die häuslichen Verhältnisse, in denen sie leben und in denen sie sich eingerichtet haben oder aus denen sie zu entkommen trachten. Dabei erhält der Leser einen tiefen Einblick in die sozialen Umstände in Damaskus in die 50er Jahren. Es ist eine buntgemischte Gesellschaft von natürlich Muslimen, aber es gibt auch viele Christen, die ihre Kultur leben können mit Schulen und Kirchen (obschon sie mehr geduldet als geachtet sind) und Juden. Nur sehr wenige Frauen schaffen es, selbstständig zu werden und einem Beruf nachzugehen, es ist eine Gesellschaft, in der die Braut in der Hochzeitsnacht noch so lange geschlagen werden kann, bis sie ihrem angetrauten Mann anbetet, daß er ihr Herr sei und er alles von ihr verlangen kann. Die Ehen werden arrangiert, oft lernen sich die Brautleute erst bei der Hochzeit kennen. Gesellschaftlicher Status, Finanzkraft und Beziehungen: das sind die Kritierien, nach denen die Ehen von den Sippen geschlossen werden. Reicht das Geld – wie bei Nassri Abbani- gibt es Bordelle und Edelprostituierte, in denen mann sich vergnügen kann. Frauen sind solche Freiheiten natürlich verwehrt, ihr kann es der Mann einfach verbieten überhaupt Besuch (von männlichem Besuch, und seien es Verwandte, ganz zu schweigen) in seiner Abwesenheit zu empfangen. Einen großen Freiraum gibt es für Frauen, das Hamam. Beim wöchentlichen Badgang gibt es reichlich Gelegenheit, in der Gesellschaft anderer Frauen ausgelassen über die Männer und die Welt herzuziehen. Mit dem Verlassen des Hamam empfängt sie dann wieder die triste Realität.

Schamis Kosmos besteht aus einer Unzahl von Menschen, leicht verliert man (auch der Ähnlichkeit der Namen wegen) ein wenig den Überblick. Viele Schicksale, die er uns darlegt und mit jedem Schicksal ein neuer Mosaikstein, der die Damaszener Gesellschaft dieser Jahre, ihre Lieblosigkeit, Intoleranz, Korruptheit und Brutalität beleuchtet. Nur wenige Menschen wachsen einem beim Lesen ans Herz, Nura natürlich und der junge Christ Salman, der in einem Elendsquartier aufwachsend früh die Schule mit dem prügelnden Lehrer verläßt, der aber über Jahre von einer Freundin weiter „unterrichtet“ wird. Durch Zufall erhält er Arbeit in einem Café und wird von dort aus beim Kalligraphen als dessen Laufbursche eingestellt. Der reiche Nassri Abbani dagegen, der alles, was er besitzt, geerbt hat und das laufende Geschäft seinem leitenden Angestellten überläßt (sonst wäre er auch schon längst bankrott), glaubt, mit seinem Geld jede Frau, die ihm gefällt, betören oder kaufen zu können und der damit letztlich eine verhängnisvolle Ereigniskette in Gang setzt, ist Beispiel für die durch Macht und Geld korrumpierte Oberschicht der Gesellschaft.

Schami kommt keineswegs strikt auf die Geschichte seiner Hauptpersonen zu sprechen, auch wenn er uns Leser in einer Art Prolog auf sie einstimmt, in dem er erzählt, wie sich das Gerücht, Nura, die Frau des berühmten Kalligraphen Hamid Farsi, sei verschwunden, geflohen…. Natürlich weiß niemand warum, wieso und wohin, ob allein oder mit jemand anderem…. aber bis der Autor im Buch diesen Faden wieder aufnimmt, dauert viele Seiten lang…. So tut man gut daran, das erste Drittel der „Geheimnisse…“ einfach als personalisierte Schilderung des Lebens in Damaskus zu nehmen. Immer wieder auch flicht der Autor aktuelle Ereignisse der damaligen Zeit in seine Geschichte ein, verleiht ihr damit eine gewisse Authentizität.

Soweit die Geschichte des Buches, aber diese Geschichte ist nicht die „Botschaft“, das titelgebende „Geheimnis“. Bei diesen nämlich geht es um die Kalligraphie [siehe unten die paar wenigen Links], um die arabische Schrift, ihren Eigenheiten, ihre Rückständigkeit, die sie zum Hemmschuh für die Entwicklung der gesamten Gesellschaft macht.

Man muss sich in Gedächtnis rufen, daß nach islamischem Glauben der Koran, das heilige Buch, von Allah selbst seinem Propheten Mohammed in arabischer Sprache diktiert wurde. Damit ist sowohl die Sprache des Korans und der Koran natürlich selbst sakrosankt, nicht mehr veränderbar, denn jede Änderung hieße ja, das von Allah übermittelte Wort zu ändern. So blieb die arabische Sprache über viele Jahrhunderte praktisch unverändert. Es gab wohl vor langer Zeit Reformen, die sie verständlicher machte, aber nicht in den letzten Jahrhunderten. Dies führt letztendlich dazu, daß die moderne, sich schnell ändernde Welt in der arabischen Sprache des Korans nicht mehr wiedergegeben werden kann. Arabisch ist poetisch und blumig, die Sprache kennt 500 Synonyma für den Begriff „Löwen“, aber ein technischer Begriff der Moderne wie „Präimplantationsdiagnostik“ dürfte schwierig auszudrücken sein…. Es müssten Buchstaben gestrichen, andere neu eingeführt werden, für Traditionalisten ein Werk des Teufels. So kämpfen im Untergrund zwei gesellschaftliche Strömungen gegeneinander: die Modernisierer wie der Bund der Kalligraphen, die von ihrer Berufung her die arabische Sprache kennen wie sonst kein anderer und rückwärtsgewandte, das überkommene um jeden Preis bewahren wollenden Fundamentalisten, die auch vor Gewalt nicht zurückschrecken und die in der breiten Gesellschaft starken Rückhalt haben.

Hamid Farsi, die Hauptperson des Romans, ist sich seines Könnens als Kalligraph bewusst, das macht ihn eingebildet und arrogant. Zudem hat er in gewissen Sinn eine westliche Ader: er geht mit einer logischen Stringenz an die Reformierung der Sprache, die keine Rücksicht nimmt auf die Empfindlichkeiten seiner Umwelt. Problem erkannt – Problem gebannt trifft in diesem Fall leider nicht zu. Im Gegenteil wird er dadurch selbst zum Aussenseiter und seine eigenen Leute lassen ihn sofort fallen, als er im Zuge seines persönlichen Schicksals und erster Schwierigkeiten bei der angestrebten Sprachreform ins Abseits gerät. So tragen die dumpfen Schläger letztlich den Sieg davon, während Farsi dem Wahnsinn verfällt….

Zurück zum Roman: Während der erste Teil des Buches der Geschichte von Nura und ihrem Geliebten (mit all den Nebenschauplätzen und Nebenpersonen) gewidmet ist, geht der zweite, kürzere Teil auf das Leben Hamid Farsis ein, seine Kindheit und sein Leben im Rahmen seiner Familie, seine Zeit bei dem Meister Serani, der ihn zum Kalligraphen ausbildet und die Meisterurkunde überreicht bis hin zu seiner Ernennung zum Großmeister der Kalligraphen. Zwischen den beiden Abschnitten des Buches ist ein Bruch zu spüren, ist der erste Teil eine ausschweifende Erzählung, ähnelt der zweite eher einer Aufzählung, die das Geheimnis des Hamid Farsi lüften und erklären soll. Dies wirkt teilweise sogar etwas langatmig.

Facit: ein schönes, unterhaltsames Buch, zweifelsohne. Man kann es unter verschiedenen Gesichtspunkten lesen: als damaszenisches Sittengemälde er 50er Jahre, als Liebesgeschichte, als weitschweifig formuliertes Beispiel für die Reformresistenz der islamische Gesellschaft… mich hat nur der „Bruch“ zwischen den beiden Teilen des Romans, deren unterschiedliches Wesen, beim Lesen etwas irritiert.

Links und Anmerkungen:

Mehr zum Thema der Islamischen Kalligraphie
http://www.chj.de/Arab-Kali.html#Naskh,natürlich in der Wiki… und in vielen anderen Quellen. Dieser Aufsatz hat mir noch ganz gut gefallen: http://www.ismailmohr.de/Kalligrafie_im_Islam_09_2010.pdf

Rafik Schami
Das Geheimnis des Kalligraphen
Carl Hanser Verlag, 2008, HC, 464 S.

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4 Kommentare zu „Rafik Schami: Das Geheimnis des Kalligraphen

  1. Dieses Buch hatte mich absolut enttäuscht, da ich von einer ganz anders gearteten Geschichte ausgegangen bin. Ich hatte tatsächlich ein „richtiges“ Geheimnis erwartet, das sich im Laufe des Lesens offenbart. Dass dies aber die arabische Sprache sein soll und das eigentliche Thema die Kalligraphie und die Entwicklung der arabischen Sprache, konnte man aus dem Klappentext so nicht herauslesen. Deshalb war meine Erwartungshaltung eine ganz andere.
    Der Bruch, den du zwischen Teil 1 und 2 erwähnst, hat mich auch sehr gestört. Das hätte viel flüssiger umgesetzt und in den 1. Teil eingebaut werden können. So war es für mich kein fließender und in sich abgeschlossener Roman.
    Falls du Lust hast, dir meine Meinung zum Buch durchzulesen, lade ich dich ein, HIER vorbeizukommen.
    GlG vom monerl

    Gefällt 1 Person

    1. liebe monerl, ich muss bekennen, daß ich zu diesem titel nur noch wenig sagen kann, es ist doch schon ein paar jahre her, daß ich ihn las…. jetzt schau ich mir aber auf jeden fall noch mal deine besprechung an!

      liebe grüße
      gerd

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  2. Hallo,

    leider kann ich der Buichkritik nicht beipflichten, denn letztendlich fehlt der Geschichte auch nur der simpelste Spannungsbogen. Immer wieder werden Personen eingeführt deren Geschichte plötzlich endet, ohne dass sie einen tieferen Sinn gehabt hätten.

    Ich persönlich bin sehr vom Buch enttäuscht und wer Literatur aus diesem Raum lesen möchte, dem seien andere Klassiker ans Herz gelegt. Ich habe mir selbst erlaubt eine kleine Buchkritik zum Thema zu schreiben: http://www.literaturasyl.de/schreiberei/das-geheimnis-des-kalligraphen-buchkritik/

    mfG

    AMUNO

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    1. ja, ich widerspreche dir garnicht mal. wenn ich meine buchvorstellung noch einmal lese, habe ich diesen fehlenden spannungsbogen ja auch angedeutet. andererseits: so ist leben manchmal, es fließt einfach, verläuft und hat keine spannung, und genau so etwas beschreibt schami ja: das leben von menschen…..

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