Ulrike Kuckero: Alice im Mongolenland

Wenn nur nicht diese nervigen Fragen immer wären nach Alice, ob es wirklich die Schwester wäre und woher sie denn komme, weil sie so aussähe, dann hätte die hochintelligente Zoe, die um Sekunden ältere, ja auch nicht patzig geantwortet, daß Alice adoptiert sei und eigentlich aus dem Mongolenland kommt. Denn damit setzt sie etwas in Gang, was der Familie ein riesiges Abenteuer beschert. Gefällt doch Alice dieser Gedanke ungemein und ihr ganzes Sinnen ist von da an darauf ausgerichtet, das Mongolenland zu besuchen. Ob sie dies schafft und was dort für sie für Abenteuer lauern könnten, das ist die Geschichte dieses Buches.

Die Geschichte hinter der Geschichte ist natürlich eine etwas andere. Alice leidet unter dem Down-Syndrom, einer Erkrankung, die durch eine genetische Veränderung auf einem Chromosom bedingt ist. So hat die Familie mit ihren beiden Töchtern gleich zwei Kinder, die aus dem normalen herausfallen, eine hochintelligente Tochter und Alice, die zwar ihre Probleme hat, aber auch viele Eigenschaften, die sie sehr liebenswert machen. Die Eltern behandeln ihre beiden Kinder vorbildlich, nämlich ihren Stärken und Schwächen gemäß. Dazu haben sie sogar eine eigene Schule gegründet:

Hochbegabung und geistige Behinderung sind zwei Seiten einer Medaille, sagt Papa immer. Weiß auch nicht genau, was er damit meint. Aber aus diesen Grund gibt es in unserer Schule genauso viele Kinder, die andere Leute behindert bezeichnen nennen würden, wie es andere Kinder gibt. Beu uns haben sie allerdings keine besondere bezeichnung. Sie sind Kinde4r wie alle Kinder. Jeder ist verschieden. Bei uns besonders.

Alice ist spontan und Zoe beneidet sie darum. Mag sie jemanden, drückt sie ihm einfach einen dicken Kuss auf die Backe, etwas, was Zoe, die immer erst nachdenkt, nicht kann. Andererseits kann Alice auch sehr stur sein, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, verfolgt sie unerbittlich ihr Ziel. So kommt es dann beispielsweise auch, daß in der Weihnachtsgeschichte, wie sie an Alices und Zoes Schule aufgeführt wird, eine Prinzessin mitspielt, die in einem Schloss wohnt… So ist das Zusammenleben mit Alice von Gegensätzen geprägt: sehr schöne, liebe Momente, aber man muss doch oft aufpassen, daß sie und die „normale“ Umwelt nicht kollidieren. Wie beschreibt es Zoe im Vorwort?: „Alice ist ein besserer Mensch als ich und die meisten anderen Leute, weil sie ein großes Herz hat nur nicht unbedingt Rechenaufgaben. Quatsch, die sitzen ja im Kopf. Okay, ihr Kopf ist nicht ganz so groß, aber was zählt das schon?

Natürlich kommt es, wie es kommen muss und genauso natürlich kommt alles ganz anders als man denkt und so wird das Abenteuer, das sich Kuckero für seine Leser ausgedacht hat und in das er Alice, Zoe und ihre Eltern schickt eine spannende Reise in eine andere Welt, deren alltägliches Leben „einfacher“ ist als unsere, in der andererseits aber auch Wahrsagungen und Geister der Ahnen eine Rolle spielen und Sonnenfinsternisse nicht einfach eine spezielle Konstellation dreier Himmelskörper sind. Die Liebe spielt eine Rolle in dieser Geschichte aus einem Land, in dem auch die letzten in einem Wettbewerb Medaillen bekommen und man keine Olympiade braucht, um das Motto „Dabeisein ist alles“ zu leben (was ja bekanntlich noch nicht einmal bei Olympiaden so richtig stimmt….).

Aus Sicht eines Erwachsenen mag alles etwas zu harmonisch sein, was Kuckero in seiner Geschichte erzählt. Liebe, Toleranz, Verständnis, Rücksichtnahme sind seine Leitmotive, aber es ist ja nun wirklich nichts schlechtes, wenn diese so spannend verpackt Jugendlichen präsentiert werden. Ich könnte mir jedoch vorstellen, daß durch die „Exotik“ der Geschichte beim jungen Leser einige Fragen auftauchen, die man im Gespräch klären müsste (und bei denen sich vllt sogar der Erwachsene vorher noch einmal informieren müsste, um nicht nur „aus dem Bauch heraus“ antworten zu müssen…). Man könnte die Fragen aber auch nehmen, um gemeinsam die Antworten zu finden, um zusammen herauszufinden, was es mit diesem und jenem auf sich hat, was man nicht auf Anhieb versteht…

Facit: Eine spannende, schön geschriebene Geschichte für Jugendliche, mit der man sie aber meiner Meinung nach nicht ganz allein lassen sollte, da unter ihrer „Oberfläche“ doch viele Fragen auftauchen können.

Ulrike Kuckero
Alice im Mongolenland
Thienemann Verlag, HC, 224 S., 2009

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