Ditmar Doerner: Schneefeste

Man kennt es aus diesen alten Filmen, eine (ein)geschlossene Gesellschaft, in der ein Mord geschehen ist, den es aufzuklären gilt. Genau dieses Szenario entwickelt Doerner in seinem Erstlingswerk, nur daß es kein Orientexpress ist, in dem die Handlung abläuft, er spielt auch nicht auf dem Nil oder in einem schottischen Schloss… sondern irgendwo kurz vor Weihnachten in der deutschen Provinz, in einem Kaff (man kann es nicht anders sagen) mit 80 Einwohner, davon 40 Kinder…. kurz vor Weihnachten, das heißt Winter und Winter kann unter anderem Schnee bedeuten. Und zwar in solchen Mengen, daß kein Schneepflug mehr die Zufahrt in das Dorf freihalten kann, die Menschen dort sind daher isoliert, denn auch das Telefonnetz ist zusammengebrochen, die Handys finden kein Netz und das Internetz ist auch wech…. selbst nach Netzstrümpfen wird man vergeblich Ausschau halten.

Das Buch lebt von Zufällen und Unwahrscheinlichkeiten. Gut, nehmen wir mal an, der Anruf bei der Polizei war der letzte Anruf, der rausging aus dem Ort, bevor alles zusammenbrach. Gut, bei Mord muss die Polizei wohl erscheinen, aber wie? Richtig, mit Skiern, wenn sonst nichts geht. Daß zumindest einer der Beamten noch nie auf solchen gestanden hat, stört nicht weiter, sorgt für Erheiterung beim Leser und bei den rodelnden Kindern, an denen der Kugelblitz des etwas korpulenten Beamten auf die Sprungschanze zujagt und wird in der Folge zum running gag im Buch. Das Szenario scheint mir jedoch etwas weit hergeholt….

Zu allem Überfluß liegt nicht nur hoher Schnee in allen Gassen, durch selbige stromert auch noch der Zuchtbulle Nero, der sich aus dem Stall der Jonkers befreit hat. Die nicht mit letzter Konsequenz durchgezogenen Attacken des Bullen scheinen für die Ortsbewohner nicht weiter erwähnenswert, sondern eher so eine Art Ortsolympiade zu sein. Auch dies scheint mir nicht ganz realistisch: wo gibt es denn noch Zuchtbullen (d.h. Natursprung) in der Milchviehhaltung, noch dazu in so einer Klitsche, wie es die Jonkersche zu sein scheint? Eben!

Unsere beiden Helden, Ben Deicker und Tom Heller, sind das, was man auf gut deutsch „Buddies“ nennen kann: gegensätzlich im Äußeren und Inneren, sich stetig frotzelnd und neckend, aber der eine ohne den anderen geht nicht. Selbst des Nachts nicht, müssen sie sich doch das einzige noch freie Zimmer der Dorfschänke teilen und während der eine schnarcht wachträumt der andere von Anne….

Erst ein, dann zwei… so wie andernorts die Kegel abgeräumt werden, fallen in **** die gemeuchelten Männer auf den eiskalten Boden. Lange tappen und tappsen die beiden Kommissare im Dunkeln, vermissen das traute Heim und die wärmespendende Freundin, finden keine Spur und stoßen auf konsequene Ablehnung bei der Bevölkerung, die den Toten gegenüber von seltender Gleichgültigkeit scheint. Doch dann, mehr durch Zufall (sic!) erfahren sie von einem möglichen Motiv, eine schon länger zurückliegende Geschichte, die die Toten verbindet.. und dann geht es auch schon ratz-fatz: Deicker und Heller stolpern praktisch über den Täter, just nachdem dieser wiederum zur Tat geschritten haben wollte sein. Oder so ähnlich.

… und zu guter Letzt hat dann auch Nero sein Erfolgserlebnis und trottet zufrieden wieder zurück an seinen Platz.

Facit: Gespoilt habe ich bei dieser Buchvorstellung (glaube ich) nicht sonderlich. Ich könnte mir den Roman sehr gut als Kriminalgroteske vorstellen, ein kleiner Ort voll mit wunderlichen Menschen und zwei tappsigen Ermittlern im Doppelbett.. ähh…. pack. Als Roman ist es flott geschrieben, unterhaltsam, durch die Einteilung in viele Kapitel auch gut lesbar. Wirklich spannend ist es dagegen nicht, zu unwahrscheinlich (für mich) das Szenario. Die Zeichnung der Figuren wirkt noch etwas schablonenhaft, aber Deicker und Heller haben Potential.

Ditmar Doerner
Schneefeste
Ben Deickers erster Fall
Dix, HC, 2009, 357 S.

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