Edita Morris: Die Saat von Hiroshima

Der Betroffene kann so viel abbekommen, daß er sofort stirbt“, erklärte Groves, „oder er bekommt weniger ab, woran er immer noch relativ schnell stirbt, ohne unnötig lange zu leiden. Dies sagen die Ärzte, und sie sagen sogar, es sei eine sehr angenehme Art zu sterben.“ [3]

Die Hauptpersonen des Romans, Yuka, Ohatsu und Sam, sind uns schon vom ersten Band, den „Blumen von Hiroshima“ bekannt. Seit damals ist einige Zeit vergangen, und Morris schildert hier das weitere Schicksal, da ihrer harrt und das exemplarisch ist für das Schicksal vieler Hiroshimaner…..

Es ist eine kleine bzw. (wie es im Buch steht) „..zart verhaltene Erzählung..“, aus dem Leben zweier junger Menschen im Nachkriegsjapan. Das Grauen lebt zwischen den Zeilen, die eine sehr ruhige, poetische Sprache sprechen. Ja, Tanso, der begabte Maler trägt Fäustlinge, man wundert sich ein wenig darüber, er bindet sich den Pinsel an diese Fäustlinge. Irgendwo wird dann beiläufig erwähnt, daß die Hände nur Krallen sind… Yuka freut sich so sehr über die Armreifen, die sie von ihrem amerikanischen Freund Sam geschenkt bekommt. Sie sind so schön. Und sie verdecken die Narben an ihren Gelenken. Ohatsu, die Imoto-san (Jüngere Schwester), ist schwanger, sie und ihr Mann freuen sich so sehr auf das Kind, das selbstverständlich ein Junge ist, damit die Ahnen zufrieden sind. Hiroo hat Ohatsu seinerzeit gegen den Willen der Eltern geheiratet [4], so groß war seine Liebe zu ihr.

Yukas Tage sind durch zwei Ereignisse geprägt, sie fährt mit der Bahn nach Tokio, um dort auf einer der großen Friedensdemonstrationen gegen den Krieg, gegen die Atombomben, teilzunehmen. Und Sam, ihr Freund aus Amerika, kommt nach Japan, sie zu besuchen. Sam, auch er ein Kämpfer gegen die Bombe, mit seiner ganz anderen, unjapanischen Art, die sie manchmal so in Verlegenheit bringt, Sam, den sie liebt und von dem sie geliebt wird….

Ein Telefonanruf ruft sie dringend nach Hause zurück. Sie ahnt ein großes Unglück… wie groß, ist für sie noch nicht fassbar…

Drei Themen beherrschen das Büchlein, zum einen der friedensbewegte Widerstand vieler Japaner gegen den Krieg im Allgemeinen (eine der Figuren im Buch schlägt vor, das Wort „Krieg“ durch das Wort „Endleben“ (weil im Krieg das Leben endet) zu ersetzen), der gesellschaftliche Konflikt, der in Japan durch den Kontakt mit Ausländern, Amerikanern, aufbricht und als alles beherrschendes Thema natürlich die Spätschäden durch die Verstrahlung, die aufgehende „Saat von Hiroshima“ eben.

Die genaue Zahl der Opfer wird nie zu ermitteln sein, es ist im Grunde auch egal, wieviel Hunderttausend Menschen direkt oder indirekt zu den Opfern gezählt werden müssen. Unendliches Leid haben die Abwürfe (man darf den von Nagasaki ja nicht vergessen) über die Betroffenen gebracht, über lange Jahre gebracht. Denn auch die japanische Gesellschaft hat eigentlich jämmerlich versagt. Yuka zum Beispiel besucht ihre alte Nachbarin Kamei-San, die weggezogen ist. Sie lebt jetzt in einer Art Ghetto, in das sich normalerweise niemand hin verirrt, „… ihre Behausung kann noch nicht einmal eine Hütte genannt werden. …„. Kostenlose medizinische Versorgung für Strahlenopfer wurde erst 1968 eingeführt, wieviele mögen bis dahin schon gestorben sein. Die japanische Gesellschaft mit ihren starren Strukturen wird die meisten der Opfer (so eine Vermutung von mir) ausgegrenzt, isoliert haben…

[1] Chronik „Von der Entdeckung des Uran bis zum Ende des Kalten Krieges
[2] Andreas C. Knigge: „Barfuß durch Hiroshima
[3] Diese ungeheure, menschenverachtende General Groves, des militärischen Leiters des Manhatten-Projects, zitiere ich aus dieser Quelle
[4] vgl. dazu den Roman von Ibuse: „Schwarzer Regen

Edita Morris
Die Saat von Hiroshima
Süddeutscher Verlag, 1965, HC, 165 S.

5 Kommentare zu „Edita Morris: Die Saat von Hiroshima

  1. Danke für diese interessanten Eindrücke. Von diesem Buch hatte ich bisher leider noch nichts gehört, auch wenn es eigentlich zu so einem wichtigen Thema gehört.

    Ich habe vor einigen Jahren „Hiroshima. 6. August 1945 – 8 Uhr 15“ von John Hersey gelesen, aber bei deinem Expertenwissen kennst du das sicherlich schon längst!

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  2. Ich hatte natürlich schon auf dine jährliche Rezension gewartet. Es ist wirklich schade, dass die Bücher zu dem Thema momentan vergriffen sind. Es gibt aber eine Neuerscheinung, die ich demnächst noch rezensieren werden (sie ist leider noch nicht bei mir angekommen): Verstrahltes Leben von Kyôko Hayashi

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    1. danke, es ist schön zu wissen, daß du als japan-experintin auf diese jährlichen erinnerungen an einen der gausamsten tage der menschheit wartest. genauso wie der holocaust, an den wir mit unseren jüdischen lebenswelten erinnern wollen, darf das einfach nicht vergessen gehen.
      auf deine besprechung des hayashi-buches bin ich natürlich gespannt… meine titel für 2012 und 2013 sind auch schon im regal!

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