Gudrun Seidenauer: Aufgetrennte Tage

Es ist kein einfaches Buch, welches die Autorin Gudrun Seidenauer hier vorlegt, es berührt, streift, behandelt und umfasst eine Vielzahl von Themen, die ineinandergreifen, sich gegenseitig bedingen und beeinflussen.. aber hat jemals jemand gesagt, das Leben sei einfach?

Aufgebaut ist das Buch wie ein Dialog, im Wechsel läßt Seidenauer die Mutter Friederikes, Marianne, und die Tochter zu Wort kommen. Obwohl, Dialog trifft es nicht, die Beiträge beide Frauen gehen zwar oft über dieselbe Situation, aber man merkt wie unterschiedlich sich für beide Menschen die Welt darstellt und so kommt – wie im „richtigen“ Leben der beiden – kein wirklicher Austausch zustande.

Marianne, so merkt der Leser schneller als es die Tochter wahrhaben will, leidet an Vergesslichkeit, die Vermutung, es seien dementielle Erscheinungen, wird immer manifester. Trotzdem kann man das Buch erst in seinen letzten Teilen als eine Geschichte über das Schicksal solcher Erkrankungen bezeichnen, bis zu diesem Zeitpunkt, an dem Seidenauer die Demenz in den Vordergrund rückt, instrumentalisiert sie sie eher, um über das bekannte Faktum, daß sich dementiell Erkrankte gut an lang Vergangenes erinnern können, in ihrer Geschichte in eben diese Vergangenheit einzutauchen.

Süddtirol, diese zwischen Sprachen und Staaten zerrissene Region in den Alpen ist die Heimat von Mariannes Familie. Dort wird sie groß, dort lernt sie die Sprache der Walschen lieben, obwohl Freundschaft mit denen verpönt ist und einen selbst zum Aussenseiter macht. Daß Südtirol ein Spielball der großen Politik ist, spiegelt sich in den Familien wieder. Mariannes Familie gehört nach dem Umsiedlungsabkommen zwischen Hitler und Mussolini zu den Optanten, die in den „deutschen“ Osten, nach Ostsudeten in ein leer stehendes Haus umzieht. „Wo wollts ihr denn wohnen? In Galizien? In Hütten, aus denen sie die Leut vorher vertrieben haben?“ fährt Onkel Franz die Eltern an. Sie gingen trotzdem, wurden nach dem Krieg selbst vertrieben, mussten sich das großen „N“ für Nemec (Deutscher) an die Brust nähen. Lageraufenthalte, jahrelang bis dann der Hermann, den sie kennengelernt hatte, 1955 in Österreich ein Haus gebaut hat, in das sie mit ihm einzieht. Tupfenweise, in Andeutungen, mit in die Erinnerungen hineingestreuten Fakten weist Seidenauer den Leser auf diese Odyssee der Familie hin, wie sie wahrscheinlich auch für viele andere Familien Schicksal war.

Gegen dieses äußere Chaos setzt Marianne die Ordnung, früh entwickelt sie einen ausgeprägten Hang zu Sauberkeit und Akkuratheit. Dies bleibt ihr ein Leben lang, das Aufräumen, Sauberhalten, Ordnung halten, ganz im Gegensatz zu ihrem Mann Hermann und ihrer Tochter Friederike, die ihren Ansprüchen bei weitem nicht genügen. Nein, die Friederike kommt nicht auf sie….

Die Ehe der beiden Eltern ist nicht gut, schon früh zieht sich Marianne bei Konflikten in eine innere Welt zurück, Hermann dagegen neigt zu Jähzorn und Wutausbrüchen, das Familienleben kann nicht als friedlich bezeichnet werden, getrennt haben sie sich aber nicht. Auch Friederike sucht in Fantasien Zuflucht, in Mustern von Tapeten und Bodenbelägen sieht sie Figuren, um die herum sie Geschichten erfindet und die ihr nach Jahren, als Erwachsene, noch präsent sind. Zum Vater hat sie ansonsten ein besseres Verhältnis als zur Mutter, komplizenhaft verbünden sich beide manchmal gegen diese in ihrem unordentlichen Verhalten. Nur wenn sie sich als gemeinsames Opfer des väterlichen Furor sehen, kommt so etwas wie Nähe zur Mutter auf. Die einzige Erwartung der Mutter, die sie nicht enttäuscht, so scheint es ihr, ist die, daß jene von ihr nichts erwartet… Erst sehr spät findet Friederike das Wort „Mama“ wieder, mit dem wiederum ihre Mutter nichts anfangen kann, das sie aufregt, ansonsten ist ihre Mutter eben Marianne, Hermann dagegen – wenigstens anfänglich – noch der Vater. Die Liebe Mariannes zu ihrer Tochter ist – soweit vorhanden – eine egoistische Liebe, die nicht einem Menschen gilt, der sich entwickeln soll zu einem eigenständigen Wesen, sondern die dazu da ist, in sie gesetzte Erwartungen nicht zu enttäuschen: „Wenn ich mich nur genug anstrengte. Wenn ich endlich ein braveres Kind wäre. Dann würde sie mich wiederlieben.

Schuld lastet auf Friederike. Sie hat – so ihr eigenes Empfinden – die Mutter verraten, mit dem Vater allein gelassen, da sie direkt nach der Matura ausgezogen ist und ein eigenes Leben angefangen hat. Mehrfach wird betont, daß sie verschiedentliche Männerbekanntschaften hatte, die Verbindung mit ihnen immer über das Wort geknüpft. Jetzt ist sie mit Jakob, einem Musiker, verheiratet, so einen hätte sie auch gebraucht, denkt Marianne.

Hermann ist tot, verunfallt, beim Tragen eines Möbels die Treppe hinabgestürzt. Dieses Unglück erzwingt eine neue Nähe der Tochter zur Mutter, die jetzt allein ist im Haus, schon etwas wunderliche Eigenschaften zeigt, viele Zettel schreibt, um sich zu erinnern. Trauer ist in Friederike, der Tod des Vaters ein Verlust, er erweckt aber auch die Zeit der Kindheit wieder in ihr. So viele Fragen, denkt sie, so viele Fragen die nicht gestellt wurden und nie mehr gestellt werden können. Und plötzlich ist sie sich sicher: in diesem einen Moment konnte die Mutter sich wehren, sie, die sich immer in sich selbst zurückgezogen hat, ohne reden zu müssen, konnte sie den jahrelang erduldete Ärger ausbrechen lassen.. ein kurzer Stoß als Hermann schon auf der Treppe war. Sie hat ihn getötet, Friederike ist sich sicher.

Mit der Figur der Marianne geht Seidenauer ein kleines Experiment ein. Wie läßt man einen dementen Menschen sprechen oder denken? Wie läßt man ihn seine Vergesslichkeit empfinden? Rationalisiert er sie, empfindet er sein eigenes Verhalten als normal und das der anderen als komisch? Noch immer ist Marianne auf Ordnung erpicht, sie putzt, räumt ab, ein und auf… die Zeit, diese große Ordnungskraft, die Zeit scheint ihr dagegen zu entschwinden. Sie dehnt sich, rast, verklumpt, klebt, schleicht und wird vom Ticken der Uhr zerhackt. Die bis dato einwandfreie Ordung der Sinne löst sich auf, sie empfindet Luftströmungen als farbige Wirbel, die sich im Raum verteilen…. Die Sätze, die die anderen hören wollen, sie schreibt sie sich auf, an den guten Tagen ist ihre Schrift wie immer, an den nicht so guten verflachen die Buchstaben und verlaufen auf dem Papier, diese Zettel mag sie nicht. Auswendig lernt sie die Sätze, sie lernt zu lächeln auch wenn ihr nicht danach ist. Nur die falschen Sätze vermeiden, das ist wichtig.

Der doppelte Abschied, der vom toten Vater und der von der schwindenden Mutter frißt die Lebenskraft von Friederike auf. Weder ihre Geliebte Beate noch ihr Mann Jakob können ihr helfen, beide hält sie auf Abstand, läßt sie nicht an sich heran. Immer drängender greifen die ungefragten Fragen der Vergangenheit nach ihr, das nie Gesagte, Ausgesprochene… für die Mutter holen sie und Jakob Hilfe, eine Reinigungskraft. Natürlich macht sie es nicht richtig, Marianne muss nacharbeiten, die Treppe poliert sie mit dem marmeladegetränkten Lappen und der Plüsch“katze“ kippt sie einen Eimer Wasser über. Die Kinder erkennen endlich das Offensichtliche. Jetzt, im letzten Teil des Buches wird die Krankheit Mariannes ein eigenes Thema, die Hilflosigkeit der Angehörigen gegenüber der Diagnose, die immer weiter retardierende Persönlichkeit der Mutter, die immer weniger zu erkennen scheint, sich immer weiter zurückzieht. Selten nur noch kann sie den Namen der Tochter nennen….

Friederike ihrerseits fängt an, ihre Vergangenheit „aufzuarbeiten“. Seidenauer verwendet hier ein schönes, starkes Bild, das Haus als Bild für das Selbst, das Ich. Oft ist sie jetzt im Haus der Eltern, allein, sie möchte nicht Beate bei sich haben noch Jakob. Sie sichtet alles, schaut sich um, beobachtet, läßt die Räume auf sich wirken, sie nimmt die Dinge in die Hand, läßt ihre Erinnerungen fließen und fängt dann an, alles zu verpacken und langsam aus dem Haus wegzuschaffen, bis das Haus leer ist. Eine wunderbare Trauerarbeit zum Verlust der Eltern, am bewusst gewordenen Verlust einer guten Kindheit, einer liebenden Mutter, symbolisiert durch das Aufräumen des Elternhauses, durch das Verpacken und Wegbringen all der mit dem Haus verbundenen Sachen.

Zum Schluss ist sie frei, kann das Gewesene akzeptieren. Es ist keine Last mehr, auch wenn sie auf ihre Frage keine Antwort mehr bekommen kann. Sie verkauft das Haus und schaut sich nicht mehr um.

Facit: Ein feinfühliges Portraits einer Familie mit zerstörten Beziehungen.

Gudrun Seidenauer
Aufgetrennte Tage
Residenz-Verlag 2009, HC, 264 S.

Zur Geschichte Südtirols:

http://de.wikipedia.org/wiki/Option_in_Südtirol

http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Südtirols

2 Kommentare zu „Gudrun Seidenauer: Aufgetrennte Tage

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