Erich Fromm: Die Kunst des Liebens

17. Juli 2011

Eine Zeitreise der besonderen Art… ein Taschenbuch aus der Zeit, in der ein solches Bändchen noch 3,80 DM kostet (heutzutage bekommt man dafür gerade mal drei Bällchen Eis…). Zweimal habe ich es schon gelesen, im Frühjahr 1979 und zwei Jahre später, wieder Frühjahr. Warum jetzt nach 30 Jahren wieder? Nun ja, wie heißt es so schön: aus gegebenem Anlass…. vor einigem Wochen, genauer am Pfingstmontag, gab es hier in der Nähe eine Lesung aus dem Buch im Rahmen eines sehr schönen, weil auch in sehr schönen Rahmen stattfindenden Konzertes des Susato-Quintetts [1]. Die Meinungen, die man so zum Buch hören konnte, waren unterschiedlich, von „völlig überholt“ bis zu „immer noch aktuell“. Jedenfalls ein Grund, das Büchlein mal wieder herauszuholen aus der Versenkung, in der es die Jahrzehnte überdauerte.

Über den Inhalt des Buches will ich garnicht so viel schreiben, der ist in der Wiki [2] ausführlich wiedergegeben. Dabei wird der Begriff des „Liebens“ von Fromm sehr viel umfassender beschrieben als es im alltäglichen Sprachgebrauch üblich ist, auch zeigt er – was sich im Titel schon andeutet -, daß wirkliche Liebe nicht objektbezogenes ist, sondern eine Fähigkeit, eben eine Kunst, die dem Menschen an sich zwar inherent ist, aber von diesem entwickelt und geübt werden muss. Sogar noch mehr, denn nach Fromm ist die Beherrschung der Kunst des Liebens die eigentliche Reifung des Individuums zum wirklichen Menschen, das Eingehen des Menschen in das Eine, das allumfassende Numinose.

Wenn das jetzt nach Religion klingt, so habe ich diese Formulierung doch mit Bedacht gewählt, denn genau das ist der Eindruck, den ich bei diesem erneuten Lesen des Buches gewonnen habe. In den vielen Randnotizen meiner früheren Lesungen bin ich offensichtlich über diesen Aspekt hinweggegangen, zumindest war er mir nicht wichtig genug, um ihn in solchen hervorzuheben. Doch erst noch einmal zurück zum Buch.

Das Bedürfnis nach Liebe ist nach Fromm ein Urbedürfnis des Menschen, welches aus dem Urtrauma heraus bedingt ist: der Trennung, der Zerstörung der Einheit des Neugeborenen mit der Mutter in der Mutter durch die Geburt. Mit der Geburt löst sich das Kind von ihr und wird ein Individuum, zuerst noch völlig von der mütterlichen Liebe, ihrer Wärme und Nahrung abhängig, aber in seiner ganzen körperlichen Entwicklung darauf hin orientiert, Selbst- und Eigenständigkeit zu erwerben. Deshalb ist die Mutterliebe (eine der fünf Arten von Liebe, die Fromm in seinem Hauptteil des Buches, der „Theorie der Liebe“ unterscheidet, die anderen sind: Nächstenliebe, erotische Liebe, Selbstliebe und Gottesliebe) eine unbedingte Liebe, eine Liebe, die an keine Bedingung geknüpft ist, die einfach nur an das Sein des Kindes gebunden ist. Das Kind wird geliebt, weil es ist. Im Unterschied dazu stuft Fromm die für den Vater typische Liebe als bedingte ein, da sie erst später einsetzt und sich an Können, Fähigkeiten oder Eigenschaften, an dem was das Kind „hat“, orientiert. Mutterliebe ist einfach da (oder auch nicht, dann kann sie – der negative Aspekt – auch nicht erworben werden), Vaterliebe ist an Eigenschaften geknüpft, sie kann – der andere Aspekt – damit erworben werden, wenn sie nicht von sich aus existent ist.

Da die Fähigkeit zur Liebe dem Menschen wesenseigen ist, ist wahre Liebe allumfassend, sie umschließt alle Menschen inclusive den Liebenden selbst. Diese Selbstliebe ist nicht identisch mit Selbstsucht und Egozentrik, sie ist nicht zu trennen von der Liebe zu anderen, die Liebe zu sich selbst ist mit der Liebe zu allen anderen Menschen untrennbar verbunden. „Wirkliche Liebe ist ein Ausdruck der inneren Produktivität, sie umfasst Fürsorge, Respekt, Verantwortlichkeit und Wissen. Sie ist … ein aktives Streben nach der Entfaltung und dem Glück der geliebten Person, das in der eigenen Fähigkeit zur Liebe wurzelt.„. Die Reduzierung der Liebe zu einer, der geliebten Person, wie sie in unserer heutigen Lebenswelt so oft verstanden und dann als romantische Liebe bezeichnet und in vielen Romanen in diesem objektbezogenen Sinn bedichtet wird [3] ist nach Fromm keine wirkliche, reife Liebe, da sie die Trennung, die Eisamkeit nicht aufhebt, sondern sie der Zweisamkeit bewahrt.

Wie aber sieht Fromm dann das, was er als „erotische Liebe“ bezeichnet, also dieses Bedürfnis, sich mit einem anderen, und zwar einem bestimmten Menschen zu vereinen? Zuerst einmal stellt er klar, daß streng unterschieden werden muss zwischen dem explosiven Vorgang des Sich-Verliebens, in dem in einem Moment alle Barrieren zwischen zwei Menschen fallen und der kurzzeitige Rausch der Intimität eintritt, die im wesentlichen auf das Erlebnis der physischen Vereinigung gründet. Dieser Rausch jedoch, und wer hätte dies noch nicht am und im eigenen Leib erfahren, ist in seiner Dauer jedoch begrenzt und flacht er ab, tritt die Einsamkeit wieder zu Tage, da die körperliche Vereingung nicht die erst durch Liebe (im Frommschen Sinn) Aufhebung der seelischen Einsamkeit bedeutet, sondern nur ein orgiastisches, oberflächliches Erleben ist. Nur wenn der Mensch trotz der Ausschließlichkeit der körperlichen Vereinigung mit einer einzigen Person seine Fähigkeit zur (Nächsten)liebe entwickelt und behält, kann auch zwischen diesen beiden Menschen wirkliche Liebe entstehen, die nie nur ein Gefühl ist, sondern auch eine Entscheidung, ein Urteil, ein Versprechen.

Ich habe weiter vorne davon gesprochen, daß das Buch auf mich den Eindruck eines religiösen Charakters macht, deswegen will ich auf diese Feststellung noch einmal zurückkommen. Einleitend stellt Fromm in seinem Abschnitt „Gottesliebe“ fest: „…daß die Grundlage für unser Verlangen nach Liebe in dem Erlebnis der Getrenntheit und dem daraus resultierenden Verlange liegt, die Angst der Getrenntheit durch das Erlebnis der Vereinigung zu überwinden. Die religiöse Form der Liebe, die Liebe zu Gott, ist psychologisch gesehen, nichts anderes.„. Fromm untersucht die Evolution des Gottesbildes, daß sich parallel zur Entwicklung des Menschen/der Menschheit herausbildet. Angefangen von totemistischen Elementen des noch kaum sich von der Natur gelöst habenden Menschen der Frühzeit über Götzen hin zur unbedingt liebenden Muttergöttin, die dann in einem weiteren Schritt vom Vatergott abgelöst und verdrängt worden ist [4], erreicht der Mensch (als Individuum, aber auch als Menschheit) letztlich eine Stufe der Reife, in der er keinen strafenden, zürnenden (Altes Testament), aber auch keinen liebenden, barmherzigen (Neues Testament) personifizierten Gott braucht. Er löst sich von einem bestimmten Gottes“bild“ und erkennt das Prinzip (denn zur Gottheit macht der Mensch – nach Fromm – das, was ihm das höchste Gut erscheint): Gott ist Liebe.

Nach Fromm bleiben die meisten Menschen auf einer Reifestufe, in der sie die unbedingte Liebe einer Mutter“göttin“ suchen (nehmen wir Maria als Trägerin der mütterlichen Liebe, so erkläft sich die oft zu findende Marienverehrung damit) oder auch den strafend-liebenden-erziehenden Vatergott. Wie aber überwindet man diese Verbildlichung, Verpersonifizierung, wie erreicht man die Stufe, in der man die Einheit des eigenen Ichs mit dem Numinosen, mit dem Göttlichen erkennt, mit anderen Wort, wie lernen wir die Kunst der Liebe?

Es ist ein fast mönchischer Weg, den Fromm aufzeigt, ein Weg steter Übung, ein Weg, eine Lebensweise für die allermeisten konträr der üblichen Vorstellung, das Leben als stete Übung, die auf Meditation beruht, auf dem Eintauchen in die Stille, um sich selbst zu erkennen, auf dem Verzicht auf Oberflächlichkeit und Ablenkung. Voraussetzungen zur Erlernung der Kunst sind wie bei jeder Kunst das Interesse, Geduld, Konzentration und Disziplin. Es ist ein lebenslanges Lernen, um von der Oberflächlichkeit in die tiefe(re)n Schichten des Selbst zu gelangen, sie zu schulen und zur Reife zu entwickeln. Weit, sehr weit geht der Frommsche Begriff des „liebens“ über den der Umgangssprache hinaus, es ist mehr ein die Aufforderung, einen Weg der inneren Bildung einzuschlagen, der zu einem gesamtheitlichen Zustand des Selbst, des Ichs führt, in dem letztlich das Urtrauma, die Trennung des Ichs aus der Allheit überwunden wird:

Ganz so werde ich in Gott verwandelt, daß er mich als sein Sein wirkt, (und zwar) als eines, nicht als gleiches, beim lebendigen Gott ist es wahr, daß es da keinen Unterschied gibt…. Manche einfältigen Menschen wähnen, sie sollten Gott (so) sehen, als stünde er dort und sie hier. Dem ist nicht so. Gott und ich, wir sind eins. Durch das Erkennen nehme ich Gott in mich hinein, durch die Liebe hingegen gehe ich in Gott ein.“

so zitiert Fromm Meister Eckehart, einen der großen Mystiker des Mittelalters. All dies, so die Kritik Fromms, fehlt heutzutage den allermeisten Menschen. Ablenkung und Oberflächlichkeit beherrschen das Leben, das geprägt ist vom Drang nach Äußerlichkeiten. Geld verdienen und einen bestimmten gesellschaftlichen Status erreichen sind zu Hauptmotiven menschlichen Handelns geworden. Auch Liebe wird in kapitalistischen Kategorien gesehen, sie erhält einen Tauschwert und wird als reines Mittel zum Erreichen eines bestimmten Zwecks gesehen. Insofern bezieht sie sich immer auf ein Objekt (das ich brauche, um einen bestimmten Zweck zu erreichen und das daher bestimmte Eigenschaften aufweisen muss), nicht aber auf die eigene Fähigkeit. Der ein Objekt der Liebe Suchende bringt sich selbst nur insofern ins Spiel, als daß er bestrebt ist, seinen eigenen Marktwert durch Anhäufung von Geld, die Erhöhung des Sexappeals o.ä. zu verbessern. An die Ausbildung innerer Fähigkeiten wird zuletzt gedacht und die in Büchern, Filmen etc so oft zitierte romantische Liebe geht folgerichtig (in der Realität) fast genauso oft in die Brüche.

In dem von mir unter [2] angegebenen Artikel in der Wiki findet sich die Behauptung, Fromms „Die Kunst des Liebens“ sei ein „… ein[en] Gegenentwurf zur Sexuellen Revolution der Studentenbewegung …“. Das ist m.E. zumindest eine missverständliche Feststellung, denn da Fromm seine Abhandlung schon 1956 geschrieben hat, war von dem „If you can´t be with the one you love, love the one you be with“-Motto noch nicht die Rede, Flower Power, Hippie und Sexuelle Revolution noch in einiger Ferne. Die „Grundvoraussetzung“ letzterer, die Anti-Baby-Pille, ist erst 1960 in den USA (bzw. ein Jahr später in Deuschland) auf den Markt gekommen. Daher be“weist“ also eher die sogenannte Sexuelle Revolution die Kritik, die Fromm an der zeitgenössischen Gesellschaft und dem Verfall des Liebesbegriffes in ihr übt. Im Übrigen geht Fromm in seiner Kritik auch mit keinem Wort auf diese „Revolution“ ein, sondern er konzentriert sich fast ausschließlich auf den „kapitatistischen“ Charakter der Liebe in der zeitgenössischen Welt.

Inhaltlich – natürlich steht es den Vorstellungen der sogenannten sexuellen Revolution der 60/70er Jahre entgegen. ONS und promiskes Verhalten lassen sich nicht mit Fromms Gedanken in Übereinstimmung bringen, der Weg des Fleisches ist nicht der Weg der Liebe. Ich bin gerade heute morgen durch einen Zufall auf meine Besprechung von Jong: „Die Angst vorm Fliegen“ (1973) aufmerksam gemacht worden, ein Buch, dessen Heldin – betrachtet man sie durch Fromms Augen – seine Thesen von der Einsamkeit und der Unmöglichkeit, diese durch orgiastisches Verhalten aufzulösen, nur zu klar illustriert. Der kurzzeitige Rausch der Sinne bleibt an der Oberfläche, verebbt diese Welle der Lust, bleibt nichts übrig, was Substanz hat.

Zurück zur Eingangsfrage: Wer hat nun Recht, ist das Buch überholt oder noch aktuell? Ich denke (ohne es fachmännisch beurteilen zu können), beide. Ich gehe davon aus, daß die Ausführungen über Mutter- und Vaterliebe (die sich ja auch auf die Mutter- und Vaterrolle beziehen) heute so nicht mehr haltbar sind [5] (wobei auch Fromm schon betont, daß er hier nur von Polaritäten spricht, von Eigenschaften, die prinzipiell jeder Mensch hat, die nur unterschiedlich in Erscheinung treten), auch die Ausführungen über die Entwicklung des Gottesbegriffes mögen mittlerweile spezifiziert oder modifiziert sein. Aber das ändert an der Grundaussage wohl nichts, daß wir lernen müssen, Liebe als viel umfassender zu erkennen als nur ein Gefühl, das sich in einer Beziehung mit einigen wenigen Menschen äußert. Zu lieben ist eine Grundfähigkeit des Menschen, es ist sein Vermögen, die Frage nach dem „Warum“, nach dem Sinn des Lebens zu beantworten, wir haben dieses Potential verschüttet, entwertet: dies zu ändern, dieser Aufruf Fromms, ist nach wie vor aktuell.

Facit: ein schmales Büchlein, aber immer noch ein wichtiges!

Links und Hinweise:

[1] Da ich keinen Clip gefunden habe, mag die in diesem kurzen Bericht eines Auftritts dessusato quintetts Bildergalerie die Neugier befriedigen…
[2] ausführliche Inhaltsangabe aus der Wiki. Eine http://www.matthias-kaldenbach.de/dkdl.htm“ target=“_blank“>Sammlung von Textstellen findet sich hier
[3] der Zufall wollte es, daß ich kurz nach der Lesung der „Kunst des Liebens“ das Shalev´sche Buch über Judiths Liebe las, in dem eine der Hauptpersonen, Scheinfeld, gerade der Ansicht war, daß, wenn alles gerichtet ist, die Hochzeitsfeier, das Kleid, das Essen, das Haus.. die Braut, auf die sich das Sehnen konzentriert -sozusagen wie bei einem Puzzle das letzte Stück sich zwingend einfügt – garnicht anders könne, als zu erscheinen….. dieses Bild wirkt sehr romantisch, vllt ein wenig naiv, aber rührend.. doch wenn man es mit den Fromm´schen Ausführungen vergleicht..
[4] auch Jahwe, so legen Funde nahe, hat einmal eine Frau an seiner Seite gehabt, Aschera, eine alte Göttin der Region, die später dann völlig in Vergessenheit geraten ist. Die Rolle der Spenderin eines letzten Restes Mutterliebe, nach der auch der gläubige Christ mit seinem Vatergott dürstet, übernahm im Christentum (die Jungfrau) Maria.
[5] ich habe gerade diese Tage ein Gespräch zweier unterschiedlich alter Männer mitbekommen. Der jüngere der beiden fährt mit seinem kleinen Sohn immer Rad (Sitz auf dem Gepäckträger) und der ältere kommentierte dies: „ja, da hat sich doch viel verändert.. ich glaube, mein Vater hat mich kein einziges Mal auf dem Arm gehabt.“ . Puhhh…..
[6] zur Biographie Fromms: Jürgen Hardeck: Erich Fromms Judentum und sein Verständnis der Religion

Erich Fromm
Die Kunst des Liebens
übersetzt von Günter Eichel
hier besprochen: Ullstein TB, 171 S, 1979
Originalausgabe: 1956

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6 Responses to “Erich Fromm: Die Kunst des Liebens”


  1. Ein ganz wunderbares Buch! Ich habe es in Sonderausgabe vor 18 Jahren zur Jugendweihe von meinem Bruder bekommen, nehme es regelmäßig in die Hand und es hat auch eine Sonderstellung im Regal. Es ist eins der Bücher, in denen man immer wieder etwas Neues entdecken oder es nach einigen Jahren aus anderer Sicht wahrnehmen kann.

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  2. Also zunächst einmal meine generelle Anerkennung dafür, dass in diesem Blog nicht nur die hyper-aktuellen Neuheiten besprochen werden, sondern fallweise auch immer wieder „oldies but goldies“, wichtige Titel aus der back list und der super back list. Flattersatz hat eben auch wichtige Bücher in seinem Bücherschrank stehen, die schon bedeutsam waren, als wir noch keine Blogs und teilweise noch nicht einmal einen Computer hatten. Sie jetzt nach und nach aus der Versenkung zu holen und eine seinerzeit nicht mögliche öffentliche und subjektive Würdigung nachzuholen, finde ich unbedingt verdienstvoll.

    Jetzt also Erich Fromms „Kunst des Liebens“. Bravo. Natürlich steht das Ullstein TB auch in meinem Bücherschrank, natürlich hat auch meins Unterstreichungen und Randbemerkungen aus der Zeit, als es nicht im Schrank stand, sondern meine tägliche und nächtliche Lektüre war.

    Ich muss übrigens lächeln bei der Erinnerung daran, dass „Die Kunst des Liebens“ seinerzeit der wohl häufigste Fehlkauf in den Buchhandlungen war. Viele Schnellkäufer waren dann enttäuscht von dem „philosophischen Zeugs“, das da drin stand anstatt der erwarteten Anleitung, wies geht. Und nicht wenige hatten schlicht und ergreifend ein Stellungsbuch erwartet. Schnee von gestern.

    Die interessante Frage, die flattersatz aufgeworfen hat ist, ob das Buch hochaktuell oder veraltet ist. Und er beantwortet sie auch schon selber mit sowohl als auch. Und da stimme ich zu, was nicht unbedingt bedeuten muss, dass wir immer darin übereinstimmen müssen, welche Teile nun veraltet und welche aktuell seien.

    Ich will hier nur mal eine meiner auffälligsten Anstreichungen wiedergeben, die mir sofort wieder ins Auge fiel, als ich das Buch gerade durchblätterte. Auf Seite 111 steht:

    Eine Form der Pseudoliebe, die nicht selten … als die „große Liebe“ erlebt wird, ist die abgöttische Liebe. Wenn jemand noch nicht das Niveau erreicht hat, wo er ein Gefühl der Identität, des Ich-Seins hat, das sich auf die produktive Entfaltung seiner eigenen Kräfte gründet, neigt er dazu, die geliebte Person zu vergöttern. Er wird dann seinen eigenen Kräften entfremdet und projiziert sie auf die geliebte Person, die er als „summum bonum“, als Inbegriff aller Liebe, allen Lichts und aller Seligkeit verehrt. Bei diesem Prozess beraubt er sich völlig des Gefühls von eigener Stärke und verliert sich in der Geliebten, anstatt sich in ihr zu finden.

    Da ist mit Sicherheit nichts veraltet, das kann auch nicht veralten, handelt es sich doch um eine der Grundweisheiten des menschlichen Lebens. Diese abgöttische Liebe, die in mehr oder minder starker Form in jeder romantischen Liebe enthalten ist, wird gerade in der Liebesliteratur häufig noch als erstrebenswert und – wenn vorhanden – als unbedingt verehrungswürdig dargestellt.
    Fromm liest heute kaum noch jemand – leider – aber es gibt auch ganz moderne Autoren, die in die gleiche Kerbe hauen, zum Beispiel Ron Smothermon. In seinem „Drehbuch für die Meisterschaft im Leben“ schreibt er den markanten Satz: „Du kannst nicht lieben, was du brauchst.“ Das ist das eingedampfte Kondensat dessen, was auch Fromm meint. „Ich liebe dich, weil ich dich brauche“ oder „Ich brauche dich, weil ich dich liebe“, diese Sätze sind die größten Irrtümer des Liebeslebens. Aber so viele Menschen hören sie so gerne. Oder – notfalls – lesen sie gerne in der Literatur.

    Danke, flattersatz, dass du den ollen Fromm vorgekramt hast.

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    • flattersatz Says:

      lieber till, herzlichen dank für deinen ausführlichen und auch ermunternden kommentar für solche zeitreisen zurück in die eigene bibliophile vergangenheit. es ist wirklich ein zeitreise mit zum teil auch „archäologischem“ charakter, denn man stößt auf einen menschen, genauer, auf spuren eines menschen, der man mal war. man kann also auch feststellen, wo hat sich dieser mensch verändert, was fand er wichtig, was findet er heute wichtig…. seinerzeit war mir zb die religiöse komponente in dem buch zumindest keiner anstreichung wert, im gegensatz zu heute…

      ich habe mir erlaubt, den verloren gegangenes zitat einzufügen und deinen zweiten kommentar stillzulegen, da er außer dieser ergänzung ja keine weiteren aussagen enthielt. ich kann ihn aber jederzeit wieder reaktivieren, falls du das möchtest!

      herzlichen dank noch einmal dir
      flattersatz

      übrigens: „oldies but goldies“ gefällt mir. vllt führ ich das mal – wenn die langeweile mich mal plagen sollte – als kategorie für solche alten schätzchen ein…

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  3. Schutzengel Says:

    Lieber Flattersatz,
    beim Blättern in meiner Kladde, die auch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat, fand ich den folgenden Textauszug, den ich mir damals herausgeschrieben habe…ich bringe es bis heute nicht fertig, Anstreichungen in Büchern zu machen, bei mir schauen überall diese Bapperle/Postits heraus oder es kommt in die besagten Kladden…..

    für mich sind diese Zeilen eine wundervolle Definition von Liebe:

    „Für den produktiven Charakter hat das Geben eine ganz andere Bedeutung. Für ihn ist Geben höchster Ausdruck seines Vermögens. Gerade im Akt des Schenkens erlebe ich meine Stärke, meinen Reichtum, meine Macht. Dieses Erlebnis meiner gesteigerten Vitalität und Potenz erfüllt mich mit Freude. Ich erlebe mich selbst als überströmend, hergebend, lebendig und voller Freude.
    …Der wichtigste Bereich des Gebens liegt jedoch nicht im Materiellen, sondern im zwischenmenschlichen Bereich. Was gibt ein Mensch dem anderen? Er gibt etwas von sich selbst, vom Kostbarsten, was er besitzt, er gibt etwas von seinem Leben. Das bedeutet nicht, daß er sein Leben für andere opfert – sondern daß er ihm etwas von dem gibt, was in ihm lebendig ist; er gibt ihm etwas von seiner Freude, von seinem Interesse, von seinem Verständnis, von seinem Wissen, von seinem Humor, von seiner Traurigkeit – von allem, was in ihm lebendig ist…..

    Ihrem Facit kann ich nur zustimmen.

    liebe fromme Grüße vom
    Schutzengel

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  4. meinem Kommentar gesendet ist…(probleme trotz gutem PC)

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