Gioconda Belli: Bewohnte Frau

Das Buch spielt im Nicaragua Anfang der 70er Jahre. Im Land herrscht der autoritäre Clan der Somozas und die USA haben viel Einfluss auf das wirtschaftliche und politische Leben. Bedingt durch die schlechten Lebensbedingungen des größten Teils der Bevölkerung beginnt sich eine Widerstandsbewegung zu formieren, die erst einmal außerhalb der Städte, in den unwegsamen ländlichen Regionen, den bewaffneten Kampf mit dem Regime aufnimmt. Das Regime bekämpft die Aufständischen Sandinisten mit großer Härte, entsprechend schwer und gefährlich ist es für diese, eine funktionierende Organisation aufzubauen, die nicht nur im Umland, sondern auch in den Städten aktiv werden kann.

Erzählt wird die Geschichte von Lavinia, der jungen Frau aus der gesellschaftlichen Oberschicht, die sich mit ihren Eltern überworfen hat, weil sie die übliche Karriere der nicaraguanischen Frauen: Heiraten, Kinderkriegen, Einkaufen, nicht mitmachen will. Sie hat in Europa Architektur studiert und sucht sich lieber eine Arbeit in einem Büro in Fagua, der Stadt, in der die Geschichte spielt. Dort lebt sie allein in einem schönen Haus, in dessen Innenhof ein wunderschöner Orangenbaum steht.

Erst von den Kollegen neugierig und ein wenig skeptische beäugt, kann sich Lavinia schnell Respekt verschaffen. Sie wird von Felipe in die Arbeitsabläufe und den Arbeitsalltag eingeführt, es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, daß sich zwischen der jungen Frau und dem attraktiven Mann Gefühle entwickeln. Aber Lavinia zweifelt an Felipe, der durchaus seine Machoeigenschaften hat, auch oft seltsame Anrufe bekommt und dann ohne Kommentar das Büro für Stunden verläßt.

Die Zweifel lösen sich auf, als er Lavinia eines Nachts aus dem Bett klingelt und mit einem angeschossenen Mann in ihr Haus kommt. Er erzählt ihr, daß er der „Bewegung“ angehört und sie bei einer Aktion in eine Schiesserei gekommen sind. Er habe im Moment keinen anderen Fluchtort gehabt als Lavinias Wohnung und bitte sie dieses eine Mal um Hilfe. Lavinia ist erschrocken und voller Angst, aber für dieses eine Mal will und kann sie seine Bitte nicht abschlagen.

An diesem Aband also kommt Lavinia in Kontakt mit der Untergrundbewegung, die sich zum Ziel gesetzt hat, die korrupte Militärregierung um den „Großen General“ zu stürzen und gerechte Lebensverhältnisse für das Volk herzustellen. Der Kontakt mit der Bewegung ist gefährlich, das Regime greift brutal durch und Lavinia hat Angst. Sie spürt aber auch, daß hier Menschen aktiv sind, die etwas gegen die herrschenden Verhältnisse tun wollen, daß hier ihr eigenes Unwohlsein an der Gesellschaft in konkreten Zielen formuliert wird. In der Folge (und dem größten Teil der Geschichte) schildert Belli, wie Zweifel, Angst aber auch Hoffnung in Lavinia arbeiten und wirken und wie sich auch über die sich entwickelnde tiefe Freundschaft mit der von ihr bewunderten Flor der Gedanke, sich der Bewegung anzuschließen, trotz aller Angst immer drängender wird. Es liegt einiger Pathos in den Stellen, in denen sie die Motivation und die Ziele der Befreiungsbewegung beschreibt, so wie sie z.B. von Flor dargestellt werden, auch ist die Verachtung Bellis (die selbst aktiv am Widerstand in Nicaragua beteiligt war) über die herrschende Klasse zu spüren, über die zu Machthabern aufgestiegenen Generäle ohne Bildung und Geschmak und über die einst dominierenden Aristokraten, die sich damit zufrieden geben, halbwegs ungestört ihren Geschäften nachgehen und ihren Reichtum ausleben zu können.

Lavini bekommt den Auftrag, für einen der führenden Generäle ein Haus zu entwerfen und zu bauen. Sie will ablehnen, wird aber von den Genossen gedrängt, den Auftrag auszuführen, weil sie über den direkten Kontakt mit der Militärspitze an viele Informationen kommen kann. So sieht ihre Hilfe für die Bewegung ganz anders aus als sie sich das vorgestellt hatte, sie muss das Leben einer verwöhnten Oberschichtfrau, aus dem sie sich eigentlich verabschiedet hatte, weiterführen….

Verwoben in diese Geschichte aus der Gegenwart ist eine zweite aus der Vergangenheit Mittelamerikas, die im Grunde das gleiche Thema hat, den Befreiungskampf des Volkes gegen die herrschende Klasse. Es ist die Zeit der Kolonisation, wie es so euphemistisch umschrieben wird, die Zeit des Auslöschens der einheimischen Indiokultur, des Abschlachtens der militärisch weit unterlegenen Indios. Im Gegensatz zum Pathos der Gegenwart findet Belli hier wunderbar poetische Bilder und Beschreibungen, sie schildert das Schicksal des Paares Itza und Yarince, in ihrem Kampf gegen die Spanier. Es ist eine parallele Geschichte zu der von Lavinia und Felipe, auch Itza verstößt als Frau gegen die gesellschaftliche Rolle, als sie mit den Männern in den Kampf zieht .. und auch das Schicksal der Figuren in ihrem Aufstand gleicht sich. Belli läßt Itza diese Geschichte erzählen, sie läßt Lavinia ihre Vorfahren in sich spüren, die Vergangenheit des Volkes, dessen Blut in ihren Adern strömt. Sie spürt die Kraft, die in ihr wohnt und folgt ihr…

Es sind wunderschöne, kraftvolle poetische Bilder, die Belli schafft, der oben erwähnte Orangenbaum spielt dabei eine große Rolle…. sie zeigt, daß dieses Land und seine Menschen eine eigene Geschichte, eine eigene Herkunft haben und daß die Spanier, die Eroberer ihnen ihre fremde Kultur, die viel brutaler, gewalttätiger als die eigene und in ihrer Gier nach dem glänzenden Gold grenzenlos war, aufgedrückt und übergestülpt haben….

Facit: Ein farbenprächtiger, fesselnder Roman aus der Anfangszeit der Sandinistischen Befreiungsbewegung in Nicaragua, der mit viel poetischer Kraft an die kulturellen Wurzeln des Landes erinnert und der die von Zweifel, Angst und Entschlossenheit geprägte Annäherung einer jungen Frau an die Befreiungsbewegung schildert.

Zum Wiki-Artikel über Nicaragua: http://de.wikipedia.org/wiki/Nicaragua

Gioconda Belli
Bewohnte Frau
übersetzt von Lutz Kliche
diverse Ausgaben, hier: Jubiläums-Edition dtv, 448 S. 2011,
Erstausgabe: Mexiko, 1988

3 Kommentare zu „Gioconda Belli: Bewohnte Frau

  1. Verehrter Flattersatz,

    ich denke, es ist vor allem die poetische Kraft, die mich zum Roman zieht, wenngleich natürlich die unterschiedlichen Themen genauso anziehend sind. Danke für deinen tiefen Blick ins Buch, in dem ich gestern geblättert habe. Diese Jubiläumsausgabe ist wirklich sehr hübsch und praktisch (vor allem für die Handtasche.)

    Liebe Grüße
    Klappentexterin

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    1. das, liebe klappentexterin, freut mich sehr. ich habe belli durch ihre unendlichkeit, die sie in ihrer hand hält, kennen gelernt, ein buch, das mir sehr gefallen hat, voller phantasie und bilder und einer, wunderschönen eigenen deutung einer ganz alten geschichte, mit der wir alle groß geworden sind… und auch ihre erotischen gedichte ((noch) nicht im blog), bei dtv erschienen, sind voller kraft und sinnlichkeit, voller poesie und vor allem diese farbenprächtigen bilder. ich bin gerade dabei, meine regale umzusortieren und merke, wie viele südamerikaner ich früher gelesen habe… das sollte ich wieder machen, diese herrlichen geschichtenerzähler…

      sei lieb gegrüßt und habe eine gute woche!
      flattersatz

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