Tatiana de Rosnay: Sarahs Schlüssel

Die Verhaftung staatenloser Juden in Paris wird von der französischen Polizei in der Zeit vom 16.7. – 18.7.1942 vorgenommen werden. Es steht zu erwarten, daß nach der Verhaftung etwas 4000 Judenkinder zurückbleiben…. bitte ich Sie dringend um Entscheidung darüber, ob diese Kinder der abzutransportierenden staatenlosen Juden etwas vom 10. Transport ab mit abgeschoben werden können.

Fernschreiben des SS-Hauptsturmführers Danneker, Paris, an das RSHA Berlin, am 10. Juli 1942

Die französische, aber lange Zeit in den USA und England lebende Autorin de Rosnay widmet sich in diesem Buch der schwierigen Tatsache, daß auch das Vergessen nicht ewig dauert, das Verdrängen nicht bedeutet, etwas ungeschehen gemacht zu haben und daß das Vergangene in Wirklichkeit nicht vergangen ist, sondern in uns weiterlebt und unser Leben beeinflusst, bis wir gelernt haben, es als Bestandteil unseres Lebens zu akzeptieren.

In der Zeit vom 16. bis zum 18. Juli 1942 trieb die französische Polizei in Paris lebende Juden aus ihren Wohnungen und internierte Tausende ohne jegliche Versorgung im Velodrome d´Hiver. Männer, Frauen, Kinder, Alte, Junge, Schwangere, Kranke, Sterbende, Kleinkinder.. es gab keine Ausnahme. Es gab keine Gnade. Die Schergen waren dieselben Polizisten, die z.B. die Kinder noch in der Woche vorher über die Straße geleitet haben, damit ihnen nichts passiert.

Sirka Starzynnski, die jetzt Sarah heißen muss, und ihre Eltern gehören dazu. Der Vater lebt schon seit einiger Zeit nicht mehr bei der Familie in der Wohnung, sondern hält sich versteckt. Es nutzt nichts, auch er wird bei der Großrazzia eingefangen. Nur Michel, der kleine Bruder von Sarah, kann vor den Kollaborateuren versteckt werden, im Geheimversteck der Geschwister, dem alten Wandschrank, der von außen nicht von der Wand zu unterscheiden ist. Wenn man nachher, nachdem sich alles aufgeklärt hat, zurückkommt, dann wird Sarah, die ihren Bruder dort einschließt und den Schlüssel mitnimmt, ihn wieder freilassen. Sie verspricht es ihm hoch und heilig.

Doch es klärt sich nichts auf, keiner der Internierten kam zurück. Im Gegenteil wurden die Bedingungen, unter denen sie im Velodrome vegetieren mussten, immer schlimmer. Die Hitze des Hochsommers, keine Toiletten, kein Essen, kein Trinken, Menschen sterben und liegen tot herum, Notgeburten, Schreie und Stummheit, von Brüstungen springende Mütter mit ihren Kindern…..

Die Internierten wurden in andere Lager getrieben, dort wurden die Männer von den Frauen getrennt. Kontrollen, alles musste abgegeben werden. Konnten die Kinder ihre kleinen Ohrringe vor Entkräftung und Angst nicht schnell genug ablegen wurden sie halt herausgerissen aus den Ohrläppchen…. Versuche einzelner Menschen, Brot durch den Stacheldraht zu schieben, wurden verhindert. Die meisten jedoch schauten einfach stumm zu oder schlossen die Fenster beim Durchzug der verdreckten, entwürdigten, entmenschlichten Gestalten durch die Straßen zum Lager.

Die Kinder stellen die SS vor ein Problem. Die große Zahl brachte die minutiös ausgearbeiteten Transportpläne durcheinander und die SS sah sich gezwungen, eine Trennung der Mütter von den Kindern anzuordnen. Trennung… es klingt so harmlos. Was dort geschah, immer noch von der französischen Polizei durchgeführt, war brutalste Gewalt. Die Mütter wurden mit Knüppeln niedergeschlagen, die Kinder wurden ihnen aus den Armen gerissen….

„Die Polizisten fielen sie an wie ein Schwarm großer, dunkler Vögel. Sie zerrten die Frauen auf die eine Seite des Lagers, die Kinder zur anderen. Noch die allerkleinsten Kinder wurden von ihren Müttern getrennt. Das kleine Mädchen [i.e. Sarah] sah allem zu, als befände sie sich in einer anderen Welt. Sie hörte die Klagerufe, die gellenden Schreie, sie sah die Frauen, die sich auf den Boden schmissen und ihre Kinder versuchten an Kleidern und Haaren festzuhalten. Sie sah die Polizisten, die mit ihren Knüppeln ausholten und die Frauen ins Gesicht und auf den Kopf schlugen. Sie sah eine Frau zusammenbrechen, die Nase eine einzige blutige Masse.“

Die Transporte der Erwachsenen aus den Lagern nahe Paris gingen direkt nach Auschwitz. Einer Meldung an den Chef Generalstabes beim Militärbefehlshaber in Frankreich vom 30. Juli waren bis zu diesem Zeitpunkt 4000 Juden aus Drancy (einem der Lager) abtransportiert worden, aus dem besetzten Gebiet Frankreichs insgesamt 13000, diese Zahl sollte sich bis Ende August auf 26000 erhöhen. Mit diesen Transporten sollten dann auch die Judenkinder abgeschoben werden [4, S. 176]. Das RSHA wies in einem Fernschreiben an den Befehlshaber SIPO und den SD, Paris) vom 13. August an [4, S 155; 5; 6]:

Die in den Lagern Pithiviers und Beaune-la-Rolande untergebrachten jüdischen Kinder können nach und nach auf die vorgesehenen Transporte nach Auschwitz aufgeteilt werden. Geschlossene Kindertransporte sind jedoch keinesfalls auf den Weg zu bringen.

Sarah ist nun von den Eltern getrennt in so einem Lager. Die Aufsicht durch die Polizei ist nicht sonderlich streng und Rachel, ein anderes Mädchen, mit dem sie sich anfreundet, überredet sie zur Flucht. Noch immer hat sie den Schlüssel zum Schrank dabei von dem Schrank, in dem sie Michel versteckt hat [7]. Beim Versuch, durch den Stacheldrahtzaun zu kriechen, werden sie von einem Polizisten erwischt. Es ist ein Polizist, den Sarah kennt, den sie noch vor kurzem auf der Straße gesehen hat. Und jetzt, von Angesicht zu Angesicht, wo aus der Masse der verdreckten, entwürdigten und gequälten der Mensch Sarah vor ihm steht, bringt er seinen Verrat nicht mehr übers Herz, er läßt die beiden Mädchen entkommen, gibt ihnen sogar noch etwas Geld mit auf den Weg.

Und tatsächlich, mit Hilfe von Menschen, die sich ihrer annehmen, gelingt es Sarah nach all der verflossenen Zeit, sich zu ihrer alten Wohnung durchzuschlagen. Doch fremde Menschen öffnen die Tür, sie stürmt vorbei, durch die Zimmer, kann vor Aufregung den Schlüssel nicht richtig ins Schlüsselloch stecken, doch dann bekommt sie die Tür, hinter der sie ihren Bruder versteckt hatte, auf….

An dieser Stelle bricht der direkte „Kontakt“ mit Sarah ab, sie begegnet uns von nun an nur noch indirekt, als Person, zu der die 45 jährige Journalistin Julia, eine Amerikanerin in Paris, sich mehr und mehr hingezogen fühlt, vllt sogar eine Obsession entwickelt. Dieser zweite Erzählstrang, der in der ersten Hälfte des Buches abschnittsweise mit dem der Sarah abwechselt und jetzt allein fortgeführt wird, setzt im Jahr 2002, 60 Jahre nach der Internierung der Juden im Velodrome d´Hiver ein. Julia soll eine Reportage über die Ereignisse schreiben und begibt sich auf die Recherche. An der Reaktion ihrer Familie, in die sie hineingeheiratet hat, merkt sie, daß sie an eine ihr unbekannte Wunde rührt, um die offensichtlich ein großes Geheimnis gemacht wird, ein Geheimnis, das der Leser eher erahnt als Julia. Die Arbeit Julias an der Reportage, die langsam aber sicher in eine Suche nach Sarah übergeht, belastet auch ihr Familienleben, da ihr Mann, ein charmanter, dominanter Franzose, ihren Eifer nicht nachvollziehen kann. Die Erschütterung über das, was vor 60 Jahren geschah, die ihr unverständliche Reaktion ihrer französischen Familie und nachher das von ihr gelüftete Geheimnis setzen ihr so zu, daß sich in ihr auch ein innerer Prozess in Gang setzt, mit dem sie ihr gesamtes Leben überdenkt und überprüft. Die Wahrheit, die sie in den äußeren Gegebenheiten sucht, will sie jetzt auch über sich und ihr Leben finden.

Das große Thema des Buches ist natürlich auf der einen Seite die Tatsache der Kollaboration französischer Behörden mit den Besatzern, den Nazis, der SS. Auf der anderen Seite haben auch die meisten Franzosen weggeschaut, viele jüdische Familien wurden von den Concierges verraten, die Wohnungen, aus denen die Juden vertrieben wurden, waren oft schnell wieder von Franzosen bewohnt, die sich keine großen Gedanken machten, was mit den Vorbewohner geschehen war, etwas, was sich nicht so sehr unterschied von der Art, wie in Deutschland selbst sogenanntes „arisiertes“, ehemals jüdisches Eigentum von Deutschen einkassiert wurde, die garnicht wissen wollten, was es damit auf sich hatte. Eine schwarze, sehr schwarze Stunde der französischen Geschichte, an die nicht gerne erinnert wird. So lange vorbei, es ist vergessen, das Erinnern nutzt niemandem mehr. Den gesamtgesellschaftliche Konflikt stellt die Autorin exemplarisch an der Familie Julias dar. 1995 erst übernahm Chirac in einer Rede die Verantwortung für die Ereignisse: „Die Kriminalität der Besatzer wurde von Franzosen und dem französischen Staat unterstützt. Frankreich hat die Schutzbedürftigen den Peinigern ausgeliefert. Wir tragen eine unbeschreibbare Schuld““ [8]

Der Roman hat sehr intensive Passagen. Das Schicksal Sarahs, die Schilderung der Internierung, die Flucht, gegen Ende die Begegnungen Julias mit William… es sind aber auch Passagen im Buch, die mir sehr flach erschienen, Abschnitte, in denen der Text sowenig von dem Gefühl, das er vermitteln sollte, tatsächlich auch zum Leser transportierte, daß die Autorin als Abschlusssatz dieses Gefühl noch einmal explizit aufführte: „… ich … wurde allmählich nervös und gereizt. Außerdem spürte ich ein leises Ziehen im Bauch, das mir nicht gefiel, das sich merkwürdigerweise wie eine einsetzende Periode anfühlte [Anmerkung: Julia hat gerade festgestellt, daß sie wieder schwanger ist]. Etwas, was ich im Flugzeug gegessen hatte und das mir nicht bekommen war? Oder etwas Schlimmeres? Eine böse Ahnung flackerte in mir auf.“ Gut, daß sie das noch einmal gesagt hat, gemerkt hatte ich es nicht…. Meist, so mein Eindruck, tauchen solche Stellen auf, wo es um die offenkundig werdenden Eheprobleme von Julia und Bertrand geht. Aber abgesehen von dieser Kritik lautet mein….

Facit: ein wichtiges, intensives Buch, das wir als Deutsche aber nicht dazu missbrauchen sollten, Schuld von uns abzuwälzen. Wir tragen unsere Verantwortung nach wie vor, nur daß die Mitarbeit anderer jetzt zusätzlich bekannt wird.

Anmerkungen und Links:

Mein Text ist keine ausschließliche Besprechung des Buches von de Rosnay. Einige Daten und Zitate habe ich als Hintergrundinformation aus [4] eingefügt. Sind es wörtliche Zitate, so habe ich sie rechtsbündig formatiert, als Teile des Textes sind sie durch die Angabe von Absender bzw. Adressat erkenntlich. Auch die beiden Bilder sind dem Buch entnommen.

[1] http://www.cs.uni-saarland.de/~rkoenig/download/001_Judendeportation_in_Frankreich_von_1940–1944.pdf
[2] eine französische Seite mit einigen Bildern: http://www.histoire-en-questions.fr/vichy%20et%20occupation/juifs/puanteur.html
[3] In der „online-encyclopedia of mass violence“ wird die Zusammentreibung und Einpferchung im Velodrome d´Hiver ausführlich dargestellt: http://www.massviolence.org/The-Vel-d-Hiv-round-up?artpage=1-8
[4] Schoenberger G: Der gelbe Stern – Die Judenverfolgung in Europa 1933-1945, Fischer TB, 1982
[5] es sollte unter allen Umständen der Eindruck aufrechterhalten werden, die Transporte würden in Arbeitslager gehen. Reine Kindertransporte hätten diesen Eindruck natürlich konterkariert. Es gibt Meldungen der Lagerleitung Auschwitz, daß, um einen reibungslosen Ablauf im Lager zu gewähren, alles vermieden werden musste, was zu Aufruhr oder Widerstand führen konnte, i.e. insbesondere natürlich die Wahrheit. Die Begleitkommandos waren in dieser Hinsicht regelmäßig zu belehren [4, S. 174].

[6] 13. August, das sind 4 Wochen (!) nach dem Beginn der Internierung unter den geschilderten unmenschlichen Bedingungen, ein Zeichen dafür, daß die Pläne der SS auf den Abtransport sovieler Kinder nicht eingerichtet waren. Am 14.8.1942, 8.55 Uhr hat dann der Transportzug Nr. D 901/14 den Abgangsbahnhof Le Boruget-Dransy in Richtung Auschwitz mit insgesamt 1000 Juden verlassen. (Darunter erstmalig Kinder), so aus einem Fernschreiben des SS-Obersturmbannfühers Röthke an das RSHA und das KL Auschwitz [4, S. 155]
[7] sonst ginge die Geschichte nicht weiter. Wie sie ihn durch die Kontrollen in den Lagern bekommen hat, weiß ich nicht….
[8] http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/4276. Eine Analyse der Chirac´schen Rede sowie der Text ist über diese Quelle: http://othes.univie.ac.at/4838/1/2009-04-07_0403112.pdf einsehbar
[9] weiteres Hintergrundmaterial zum Buch: http://bilder.buecher.de/zusatz/23/23283/23283778_lese_1.pdf
[10] Wiki-Seite zum Film „La Rafle“ (engl. „The Round up“) über die Internierung: http://en.wikipedia.org/wiki/The_Round_Up_(film), der unter dem Titel: „Die Kinder von Paris“ seit Anfang des Jahres auch in Deutschland zu sehen ist.

Auf.gefallen:

de Rosnay stellt ihrem Text ein Gedicht von William Blake voran:

Tiger, Tiger grelle Pracht
in den Dickichten der Nacht,
wes unsterblich Aug udn Hand
wohl dein furchtbar Gleichmaß band?

Dasselbe Gedicht, das auch Fargoso ihrem Roman: Tiger, Tiger voranstellte….

Es wäre jetzt eine Untersuchung wert, in wie weit die beiden Romane Parallelen aufweisen, die die Autorinnen zu demselben Gedicht geführt haben…..

Tatiana de Rosnay
Sarahs Schlüssel
übersetzt (aus dem englischen!) von Angelika Kaps
Berlin Verlag, März 2010, HC, 400 S.
Erstausgabe Paris 2007

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8 Kommentare zu „Tatiana de Rosnay: Sarahs Schlüssel

  1. Die Rezension ist sehr spannend geschrieben, aber haben Sie das Buch überhaupt gelesen? In der Rezension werden Dinge beschrieben, die im Buch überhaupt nicht vorkommen. Ich habe es mittlerweile 2x gelesen und kann bestimmte Dinge auch nicht finden.

    Das Buch ist ganz toll geschrieben und man kann es nicht weglegen, bevor man es durch hat – ging mir zumindest so.

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    1. liebe steffi, meine buchbesprechungen sind oft mehr als nur eine blosse wiedergabe von inhalt und eindruck, weil ich meist versuche, den hintergrund des buches mit zu erfassen (wegen meines eigenen verständnisses dessen, was der autor/die autorin sagen will) oder ich das buch in einen größeren gesamtzusammenhang stellen will. gerade bei „sarahs schlüssel“ mache ich aber auch darauf aufmerksam, daß ich solche hintergrundinformationen eingefügt habe…..
      hab herzlichen dank für deinen kommentar!

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  2. Trennung… oh nein, das klingt nicht harmlos. Eine Szene in dem Film „Sophies Entscheidung“ verfolgt mich seit Jahren, Sophie wird im KZ gezwungen, sich für eines ihrer beiden Kinder zu entscheiden… das kann sie nicht… daraufhin werden ihr beide Kinder aus den Armen gerissen.

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    1. eine mutter von ihren kindern zu trennen (unter diesen vorzeichen!) wird wohl zum schlimmsten gehören, was einer mutter und den kindern zustoßen kann. obwohl – diese aufgezwungende entscheidung aus der filmszene, die du beschreibst, mag noch schlimmer sein, wenn man so eine fürchterliche skala einführen will… schrecklich, es zieht einem bei dem gedanken das herz zusammen…

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