Meir Shalev: Judiths Liebe

Die Geschichte beginnt im Israel (bzw. dem Land, das fast zwei Jahrzehnte später zu Israel werden sollte) des Jahres 1930. Sie spielt sich im ländlichen, dörflichen Bereich ab, dem Gebiet, in dem die zwei so unterschiedlichen Zeitläufte noch herrschen, der cyclisch sich im Rhythmus der Jahreszeiten schier unendlich wiederholende Kreislauf von Frühling, Sommer, Herbst und Winter und der Zeitpfeil des Individuums, der mit der Geburt wie von der Sehne des Bogens geschnellt nur eine Richtung kennt…. letzterem folgen wir mit der Geschichte des Buches und sind dabei eingebettet und behütet vom unendlichen Kreislauf des Werdens und Vergehens.

Die Geschichte der Judith, die hier erzählt wird, dieser einfachen Frau, die als „Arbeiterin“ beim Bauern Mosche Rabinowitz im Kuhstall wohnt, wohnen will, wird uns als 4-Gang-Menue serviert. Der Ich-Erzähler nämlich, der Sohn der Judith und seiner drei Väter, von deren einem er sein blondes Haar geerbt hat, vom anderen die hängenden Schultern und vom letzten schließlich die großen Füße, wird von einem von ihnen, Scheinfeld, im Lauf der Jahrzehnte, die das Geschehen überstreicht, viermal zum Essen eingeladen. Oh ja, kochen kann er, dieser Jakob Scheinfeld, dem die Jahre des Werbens um Judith ebenso wie seinem biblischen Namensvetter wie Tage nur schienen und erzählen will er seine Geschichte, die so eng verknüpft ist mit der der Judith.

Judith kam ins Dorf zum Rabinowitz, um diesem vorm Wahnsinn zu retten, denn da jenem seine Frau nämlich im Wadi ertrank, nachdem sie beide mit dem mit Pomelos und Grapefruits beladenen Wagen von der Ernte kamen und der Wagen im Schlamm der regengenäßten Böschung ausglitt und umstürzte und so sie beide unter sich begrub und Mosche, obschon er Bärenkräfte besaß, den Wagen seines gebrochenen Beins wegen nicht wegheben konnte von sich und seiner Frau, diesen Rabinowitz also überwältigte der Schmerz um den Tod seiner geliebten Tonia so sehr, daß man um seine Gesundheit fürchtete. Und da traf es sich gut, daß sein Bruder Menachim vom Schicksal der Judith wußte und so fädelte dieser ein, daß jene zu Mosche auf den Hof kam, sich dort umsah und sich ihren Platz im Stall wählte.

Dort dann richtete sie sich ein und nahebei, im Zitrushain, sah Scheinfeld sie und wurde überwältigt von ihrem Anblick und er fing an, sie zu beobachten, so sehr sah er ihr nach, daß er erst nach Tagen bemerkte, daß seine eigene Frau nicht mehr im Haus war und ihn verlassen hatte. Dort auch, bei Rabinowitz, auf dem Hof und im Stall traf Globermann sie, der Viehhändler, derb und grob zwar, aber mit großer Menschenkenntnis, denn wer das Gewicht einer Kuh schätzen kann, kann auch sagen, groß das Kleid sein muss für eine Frau….

Und noch viele andere Menschen kreuzen den Weg dieser vier und spielen eine Rolle, der Albino mit den Kanaris etwa, Naomi und Odet, die Kinder des Mosche mit seiner ersten Frau, Salvatore, der aus dem Lager entflohene Italiener, der zum Lehrmeister Jakobs wird.. sie und andere mehr sind die Zutaten zu diesem Mahl, das uns Lesern serviert wird, sie übertönen nicht den Grundgeschmack, sie würzen ihn nur, werten ihn auf mit ihrem eigenen Schicksal, heben ihn dadurch hervor und betonen ihn.

Was ist Liebe? Kann ich sie in einem anderen Menschen erwecken, hervorrufen, und wenn ja: Wie? Ist Liebe dieser eine zündende Moment, in dem sie entbrennt, den Menschen in Flammen setzt und auch vor die Aufgabe, dieses Feuer den Rest des Lebens am Brennen zu halten? Ist Liebe, wie Scheinfeld es beschreibt, ein Gottesgeschenk, etwas, was man halten muss um jeden Preis, wenn man es trifft im Leben? Auch wenn es Jahre dauert, so wie in der Bibel Jakob um Rahel freite, auch wenn die anderen einen langsam für verrückt halten? Oder wecke ich Liebe durch kleine Gaben, Geschenke, vorsichtig dosiert, nicht zuviel, um zu nicht zu verschrecken, aber auch nicht zu gering…. diesen Weg wählt Globermann, er entspricht seinem Naturell, den Handel, dem Kaufen und Verkaufen, dem Austausch, dem gegenseitigen Geben und Nehmen….

Dem steht Salvatore mit seiner Überzeugung entgegen. Liebe gehorcht Regeln, so belehrt er Scheinfeld, und wenn etwas Regeln gehorcht, kann man es lernen, wo Regeln sind, ist die Welt einfacher. Und so wird Salvatore, der entlaufene Sträfling, der bei Scheinfeld Unterschlupf suchte, um nicht aufzufallen, zu Jehoshua Baer und als dieser lebt er weiter im Dorf, auch nachdem der Krieg schon lange aufgehört hatte und er lehrt Jakob, was dieser wissen muss über die Liebe und die Hochzeit: den Hochzeitstanz zu tanzen, das Hochzeitsessen zu kochen und das Hochzeitskleid zu nähen. Und nicht einfach nur dasitzen und warten.

[Wie der Zufall so spielt: letzte Woche bin ich durch eine Lesung wieder (nach Jahrzehnten) auf Fromms: „Die Kunst des Liebens“ gestoßen, der genau diese Fragen angeht: Liebe als etwas „objekt“gebundenes, auf das ich warten muss, bis es – im Falle eines Falles – eintritt oder ist Lieben eine Kunst, die ich (als Subjekt) lernen kann, bzw muss?]

Und was dann weiter geschah, nachdem Scheinfeld all dies gelernt hatte und konnte und wie es geschah, daß Sejde, dieser Junge mit dem seltsamen Vornamen, schließlich zu drei Vätern kam, die sich alle auf ihre Art und Weise seiner annahmen, erzählt Shalev in einer wunderbaren, bildreichen, melancholischen, poetischen Art und Weise, voll mit leichtem Humor, gespickt mit Fragen, Überlegungen und Gedanken, die oft diesem einen jüdischen Gott und seinem Wesen gewidmet sind und seinem Geschöpf auf Erden, mit Fragen, die das Wesen der Liebe, der Einsamkeit und der Sehnsucht zu ergründen trachten.

Und so ganz nebenbei flicht er so manches ein über den dörflichen Alltag in diesem Gebiet des späteren Israels, über das Zusammenleben der Menschen, über ihre Arbeit auf dem Feld oder in den Hainen, über die Natur, die demjenigen, der gut beobachten kann, eine einzige Uhr ist, die ihm an der Art des Windes die Uhrzeit und an der Färbung der Blätter den Monat anzeigen kann… über die Krähen erzählt er und über die Kanaris, die mit Haschisch-Samen gefüttert werden und auch mit Mohn, über den Viehhandel natürlich … die politischen Geschehnisse im Rest der Welt werden eher beiläufig erwähnt, sie spielen nur eine untergeordnete Rolle im Roman.

btw… in das Umschlagbild habe ich mich auf den ersten Blick verguckt… (es ist übrigens hinter dem Cover dieser Besprechung verborgen…). Gemalt wurde es kurz nach der vorletzten Jahrhundertwende von der russischen Künstlerin Zinaida Serebriakova, das Selbstbildnis einer wunderschönen Frau…. mit meiner „Schwärmerei“ bin ich übrigens nicht allein, durch Zufall habe ich heute dieses Buch hier beworben gesehen, ein Titel sogar über die Schönheit der Frau.

Facit: Ein Buch voller Liebe zu den Menschen, bereitet aus einzelnen Anekdoten und Gegebenheiten, aus denen sich ein Bild voller poetischer und sinnlicher Momente ergibt, nicht ohne den Schmerz, der zum Leben gehört und der Tragik, die ein Einzelner zu tragen hat, damit vllt ein anderer ein Glück finden kann…

Meir Shalev
Judiths Liebe
übersetzt von Ruth Achlama
Diogenes, TB, 395 S.
Erstausgabe: 1994, Tel Aviv

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3 Kommentare zu „Meir Shalev: Judiths Liebe

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