Maarten t´Hart: Der Schneeflockenbaum

9. Juni 2011

Dieser Roman ´t Harts setzt im Nachkriegsholland mit der Geschichte des namenlosen Ich-Erzählers ein, der sich an seine Kindheit, die Jugend und vor allem an seine Freundschaft mit Jouri zurückerinnert. Es ist eine Geschichte, für die sich der Autor Zeit nimmt, sie rast nicht am Leser vorüber, gemächlich breitet er das, was er schildern will, aus. Und das liest sich kurzweilig, denn ´t Hart schreibt nicht ohne Humor. Allein die Schilderung der Busfahrt der Familie (die so umfangreich ist, daß ein Doppeldeckerbus für die Fahrt zur Beerdigung des Stiefvaters gechartert werden muss) hat mich des öfteren schmunzeln lassen…. und der Dialog, der sich zwischen Sohn und Mutter ergibt über die alten Zeiten erinnert teilweise an ein Drehbuch für eine Slapstickeinlage, ein Wort gibt das andere und eins der Themen ist per se gut für einen Lacher (der gemeinhin die Peinlichkeit der Situation überspielen soll), handelt es sich doch um das Ablassen der den üblichen Rahmen durchaus sprengend produzierten Darmgase des Jungen (die seine geplagten Mitschüler aufbrüllen ließen wie eine Herde „gefolterter Gibbons“), dem ´t Hart anschließend noch einen eigenen Abschnitt widmete.

Wie innen, so außen. Schon früh entwickelte der Erzähler eine unbändige Leidenschaft für´s brackige, sumpfige Wasser, das er im wasserreichen Holland überall fand. Dort zu wühlen und nach Tieren zu suchen, in die Brühe einzutauchen, um Käfer, Spinnen und ähnliches Getier zu fangen, bereitete ihm Hochgenuss…. kein Wunder, daß der Junge dann Biologe werden sollte, aber das ist erst viel später.

Zuerst einmal trifft er auf Jouri, der sein Freund für´s (fast) ganze Leben werden sollte. Jouris Vater ist ein Geächteter (zumindest offiziell, denn inoffiziell ist er als Mechaniker viel zu gut, als daß man ihn wirklich unbeachtet lassen könnte), denn er hat kollaboriert und dieser Kollaboration nicht abgeschworen. So heißt Jouri eigentlich auch nicht Jouri, sondern Adolf Josef, nach seinen, des Vaters, Vorbildern…. aber Jouri ist als Name deutlich unverfänglicher….

Die Erziehung der beiden Jungs im calvinistisch-streng-prüden Holland der Nachkriegsjahre ist streng und von Prügeln geprägt, die insbesondere der Erzähler – vom Lehrer Splunter regelmäßig verabreicht – über sich ergehen lassen muss. Trotzdem erweisen sich die beiden Knaben als intelligent, auch die Schule konnte ihnen Wissbegier und Neugierde nicht austreiben. Es ist ein streng reglementiertes Leben, der Sonntag wird geheiligt und die Mutter kennt alle 150 Psalmen auswendig – gereimt und nicht in Prosa….

Während Jouri mehr Gefallen an Physik und Mathematik fand als an zappeliger, schleimiger Biologie wie der Erzähler, entdeckte dieser durch Zufall seine Liebe zur klassischen Musik, da er und sein Freund für eine Arbeit, die sie erledigten, eine Schallplatte geschenkt bekamen. Den Plattenspieler besaß Jouris Vater jetzt schon länger, eine Art sichtbarer Beweis dafür, daß sich die Familie so etwas leisten konnte, jedoch die erste Platte brachten die Kinder an. Und vom ersten Ton an war das Kind gefangen in der Musik, die es hörte und diese Leidenschaft teilte es mit Jouris Vater, den es nun oft besuchte, diese Platte zu hören…. Diese Musik, klassische Musik, wird ihn von nun an ein Leben lang begleiten…

Was ist noch wichtig zu wissen über diesen Roman aus dem calvinistisch-streng-prüden Holland der Nachkriegszeit? Ach ja, fast das wichtigste, weil im Grunde konstituierende Element der Geschichte ist diese etwas skurrile Situation, die sich fast durch das ganze Buch zieht: Jouri spannt dem Erzähler alle Freundinnen aus, angefangen von der ersten Sandkastenliebe, die er mit seinem Spinnengrab betört bis hin zu den Studentinnen, die sich viel später dann in seine Augen verlieben und seinen Charme und den Erzähler sitzen und stehen lassen, sobald sie Jouri angesichtig werden. Und so muss der Erzähler – aber auch das erst viel später – einen Studienaufenthalt seines Freundes im Aushalt nutzen, um eine Freundin zu finden, sich zu verlieben und diese dann auch zu heiraten, bevor sie dem Freund begegnen kann…..

Diese wenigen Punkte sollen reichen, um einen Eindruck zu geben, in welchem Rahmen ´t Hart uns seine Geschichte erzählt. Wer sich intensiver mit dem Inhalt vertraut machen möchte, den verweise ich auf die ausführliche Darstellung bei Wunderlich. Von mir nur noch eins: der titelgebende Schneeflockenbaum ist der Ort, an dem dem Erzähler der Unterschied zwischen einem Kuss und einem Dauerbrenner gelehrt wird, von Friederica, die, um an Jouri, den sie will, heranzukommen, erst den Erzähler verführen und in sich verliebt machen muss…..

Es muss ein enges, vllt sogar freudloses Land gewesen sein, das Holland der 40er und 50er Jahre. Die Gottesfürchtigkeit bestimmt das tägliche Leben, die materiellen Umstände sind nicht nicht gut und das Leben von Arbeit geprägt. Die Musik und die Wassertiere, mit ihrer Hilfe gelingt es dem Erzähler, dieser Enge zu entkommen, auch wenn er ihr immer verbunden sein wird, sich nie völlig lösen kann. Nicht professorabel, das wird später einmal sein in seinem Leben, nicht in den Kreis der Professoren passend, seiner Herkunft wegen. Was so nicht stimmt, denn Jouri, keineswegs aus „besseren“ Verhältnissen, wird es schaffen zum Professor…. es liegt wohl eher daran, daß der Erzähler seine Herkunft nicht loslassen kann.

Überhaupt Jouri, dieser engste Freund aus Kindertagen. Sie kleben aneinander, sind unzertrennlich, bewundern sich gegenseitig. Jouri, der – wie sich später noch bewahrheiten wird – im Grunde wenig Interesse am weiblichen Geschlecht hat, der aber andererseits eine verheerend anziehende Wirkung auf jenes ausübt, sieht es sozusagen als Gütesiegel an, wenn sich der von ihm admirte Erzähler für ein Mädel/Mädchen/Frau interessiert. Nur und erst dann schaut er sie an – und sie verfällt ihm, beachtet den anderen nicht mehr, verlässt ihn sofort. Und trotzdem hält die Freundschaft der beiden Jungs/Männer, die in dieser Beziehung zusammengekettet sind wie siamesische Zwillinge. Erst spät, sehr spät gelingt es dem Erzähler durch eine Art „Lüge“ Jouri gegenüber, eine Frau, Katja, für sich zu gewinnen, eine Musikerin, äußerlich auf den ersten Blick wenig attraktiv, dies dann eher auf den zweiten Blick um so mehr.

Was ist das für ein Bild, diese seltsame Freundschaft, wofür steht es? Ist Jouri ein alter ego des Erzählers, eine Maske, ein Theater, welches er vorschieben und spielen muss, weil er befürchtet, sonst keine Frau für sich gewinnen zu können? Ist es die Vorstellung von Mann, die er sein möchte, ein Mann, dem die Frauen verfallen, ohne daß er sich dafür anstrengen muss? Spät erst emanzipiert sich der Erzähler von Jouri, trennen sich ihre Wege, weil sich ihre Eigenschaften und Charaktere ändern. Ist das der Zeitpunkt, an dem der Erzähler sich seiner selbst bewusst geworden ist? Ich weiß es nicht…

t´ Hart läßt eine seiner Figuren darüber schwadronieren, daß Literatur nichts wert sei, weil z.B. der Zeitbegriff so beliebig behandelt würde. Um Momente zu beschreiben bräuchten sie oft Seiten und dann steht nach dem Umblättern am Anfang des nächsten Kapitels: „Jahre später“. Genauso macht es der Autor selbst: gegen Ende des Romans verfliegt die Zeit, man kommt beim Lesen kaum noch mit den vergangenen Jahren mit…. lockte das nahende Ende der Geschichte? Und genauso verschwindet Katja (mein Liebling unter all den Frauen) auf einmal im Sumpf der abendlichen Unterrichtsstunden, die sie geben muss, eine undankbare Verabschiedung dieser kleinen, rauen, sympathischen Frau, die so wunderbar die Querflöte spielen kann.

Facit: ein schöner, lesenswerter Roman, aber meiner Meinung nach zeigt er auch wieder mal, daß ein stimmiges Ende für eine Geschichte zu finden eine wirkliche Kunst ist.

Maarten ‚t Hart
Der Schneeflockenbaum
übersetzt von Gregor Seferens
Piper Verlag
Originalausgabe 2009

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