Anja Jonuleit: Herbstvergessene

Eine Geschichte aus dunklen Zeiten, die sich hier langsam vor dem Leser ausbreitet, indem er immer tiefer in das Schicksal und die Geschichte der drei tragenden Frauen des Buches, Charlotte, Lilli und Maja eindringt.

Das Verhältnis von Maja zu ihrer Mutter Lilli ist nicht von Nähe geprägt und Verständnis. Rituelle Karten zu Feiertagen sind im letzten Jahrzehnt an die Stelle von Gesprächen und Besuchen getreten, im Grunde weiß Maja kaum etwas von ihrer Mutter, deren Ansprüchen sie nie genügen konnte und aus deren Einfluss sie sich befreite, um den Preis der Entfremdung.

Von dieser ihr fremd gewordenen Mutter erhält sie eines Tages einen Anruf mit der dringenden Bitte um ein Gespräch, etwas wichtiges sei zu sagen und zu zeigen. Und so reist Maja ein paar Tage später nach Wien, dem Wohnort ihrer Mutter, aber sie kommt zu spät. Ihre Mutter ist am Tag zuvor vom Balkon gefallen und tot. Ist es ein Unfall oder ein Suizid? Es ist nicht klar, aber die Polizei geht vom Suizid aus, denn Lilli war schwer krebskrank, ein Motiv – wenngleich kein Abschiedsbrief – wäre also vorhanden….

Maja ist geschockt, erschüttert, Schuldgefühle machen sich in ihr breit. Und die Frage, was ihre Mutter ihr unbedingt noch hatte sagen wollen. Sie erinnert sich an ihr Leben, an ihr Verhältnis zu ihrer Mutter, das nie herzlich war, im Gegensatz zu dem zu ihrer Oma Charlotte, bei der sie viel Zeit verbrachte und die Zuneigung fand, die sie von ihrer Mutter gebraucht hätte. Und spätestens mit ihrer Entscheidung, Innendekorateurin zu werden anstatt Dolmetscherin wie ihre Mutter, die darüber sehr enttäuscht war, war die Entfremdung der beiden Frauen nicht mehr zu überspielen.

Da es keine weiteren Verwandten mehr gibt, ist Maja sowohl Erbin des anscheinend nicht unbeträchtlichen Vermögens der Mutter, sie muss sich aber natürlich auch um den Nachlass der Mutter kümmern. Nach ein paar Tagen findet sie die Kraft, die Wohnung ihrer Mutter zu betreten und die alten Unterlagen zu sichten. Sie findet die Wände geschmückt mit ihren eigenen krakeligen Kinderzeichnungen, die rituell ausgetauschten Postkarten, bei ihr selbst sofort ins Altpapier gewandert, sind fein säuberlich aufgehoben…. das Bild, das sie von ihrer Mutter hat, bekommt Risse…. und sie findet Fotos ihrer Großmutter mit einem dunkelhaarigen, dunkeläugigen Baby auf dem Arm. Ein weiteres Foto, der Beschriftung nach nur wenig später aufgenommen zeigt Charlotte, diese schöne junge Frau, dagegen mit einem hellen, blonden Kind… Wie passt das zusammen, welches Geheimnis verbirgt sich hinter diesen Bildern??

Jonuleit arbeitet mit zwei verschiedenen, parallel laufenden Erzählperspektiven. Da ist zum einen Maja und ihre Geschichte, denn diese Bilder lassen ihr keine Ruhe ebensowenig wie die Frage, wie ihre Mutter nun wirklich zu Tode gekommen ist. Und so sucht sie weiter nach Hinweisen, geht diesen nach und peu a peu lüftet sie den Schleier über ihre eigene Herkunft immer mehr….

Parallel dazu läßt Jonuleit Charlotte zu Wort kommen, die – wie Maja dann im Lauf ihrer Suche auch erfährt – ihre Erlebnisse aufgeschrieben hat. Diese Geschichte setzt im 2. Weltkrieg ein in einer ostpreussischen Familie. Es ist die Geschichte einer verbotenen Liebe, es ist die Geschichte einer Liebe, die nicht folgenlos blieb, die die junge Charlotte zur Flucht zwang unter die „Obhut“ der Lebensborn e.V. [1]. Und so kam das junge Mädchen aus Ostpreussen in die Nähe von Bremen [2] in ein Heim, wo sie mit anderen jungen Frauen, die in anderen Umständen waren (früher gab es dafür den Terminus „gefallene Mädchen“) zusammenlebte.

Der Lebensborn e.V. war eine SS-Organisation mit dem Ziel, das in ihrem Sinn hochwertige, in den jungen Frauen heranreifende Leben zu erhalten und für sich nutzbar zu machen. Uneheliche Kinder hatten seinerzeit in der bürgerlichen Gesellschaft einen schlechten Stand (der sich erst lange nach dem Krieg zumindest in der Rechtsprechung der BRD verbesserte) [vgl. 4] oder (wie es eine der Frauen ausdrückte): „Wenn mein Vater das erfahren hätte, hätte er mich mit dem Knüppel durch den Ort getrieben, bis das Balg unten herausgefallen wäre….“ In den Lebensbornheimen dagegen waren die jungen Frauen eine Art umsorgte und gepflegte „Königinnen“, als rundherum schon die Städte brannten, gab es hier noch gutes Essen und Sicherheit…. des Teufels verführerisches Lächeln sozusagen….

Um es kurz zu machen: in dieser Lebensborn-Anstalt bei Bremen liegt der Schlüssel zur Familiengeschichte der Sternbergs, von Charlotte, Lilly und Maja. Nur – und das merkt Maja im Lauf ihrer Nachforschungen – auch andere haben ein Interesse an dieser Geschichte, und zwar offensichtlich ein anderes, nämlich, daß sie nicht aufgedeckt wird, das sie unbekannt bleibt. Und so bringt die Autorin zu guter Letzt noch einen gehörigen Schuss Suspense mit in ihre story, das unbestimmte Gefühl der Verfolgtwerdens, aufgedrehte Gashähne und in einer Art Showdown wird es dann am Ende ganz knapp. Hier setzt mein einziger kleiner Kritikpunkt ein, denn die Auflösung dieses Showdowns wirkt irgendwie gehudelt, einfach runtergeschrieben, weil es sein muss und noch anderthalb Seiten Platz waren….

Majas bisheriges Leben jedenfalls erweist sich als Illusion, es bricht in sich zusammen, weil letztendlich nichts in ihrer Geschichte so ist, wie es 40 Jahre lang für sie aussah. Dies greift auch auf ihre persönlichen Beziehungen über, die bestehende gerät in eine Krise und eine neue bleibt in ihrer Krise, denn natürlich webt die Autorin auch eine Liebesgeschichte mit in ihre Werk ein….

Facit: Summa summarum handelt es sich bei der „Herbstvergessene“n („Das ist aber ein Frauenroman, na ja, sie sind ja ein besonderer Leser…“ O-Ton meiner Buchhändlerin) um eine spannenden, einfühlsamen Familientragödie, die in einen Aspekt des 3. Reiches eingebunden ist, der manchen vllt noch garnicht so bekannt ist.

Links und Anmerkungen:

[1] Der Lebensborn e.V.: Wiki-Artikel
[2] Das Herrenhaus Hohehorst bei Bremen: Artikel in der Wiki
[3] einführende Worte der Autorin zu ihrem Buch: youtube-clip
[4] zur rechtlichen Stellung unehelicher Kinder und deren Mütter (Väter) um 1900 und der lange Weg zu heutigen Verhältnissen….
[o.Nr.] eine kleine Bildersammlung
dto.: die Kinderraubmaschine

Anja Jonuleit
Herbstvergessene
dtv 2010, 432 S.

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14 Kommentare zu „Anja Jonuleit: Herbstvergessene

  1. Du hast ganz Recht, mir ist auf Anhieb auch kein Roman bekannt, der sich mit der Lebensborn-Thematik auseiandersetzt. Ein toller Tipp von dir also, auch wenn es ein „Frauenbuch“ ist und dich der Inhalt nur streckenweise überzeugen konnte. Kennst du noch mehr Literatur zu diesem Thema? Es würde mich interessieren.

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    1. das freut mich, daß ich dir einen tip geben konnte. ich hoffe aber, keinen falschen eindruck erweckt zu haben, meine kritik an dem buch beschränkt sich wirklich nur an den letzten paar seiten, dieser etwas hastigen und gezwungen wirkenden auflösung der geschehnisse.. weißt du, so etwa wie im thriller, wenn der schon entleibt für den dummen zuschauer noch ellenlange romane erzählt, wie, warum und überhaupt… ansonsten hat mich das buch durchaus überzeugt, spannung und thematisch interessant, mit gut charakterisierten figuren…. ansonsten kenn ich leider kein buch mehr zum thema „lebensborn“.. mal schauen, vllt gibt es ja noch verborgene schätze, die es zu heben gilt….

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  2. ich habe dich – glaube ich – schon richtig verstanden. ähnlich ging es mir zuletzt mit nicole krauss, da kam mir das ende doch auch recht überzogen und hingeschludert vor.
    ja, man sollte immer die augen offen halten!!!

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  3. Mir raucht der Kopf, ich kenne mindestens einen Roman, der sich mit dieser Thematik befasst, aber denk nicht, dass mir der Titel einfallen will.

    Übrigens habe ich seit einiger Zeit Probleme, deine Beiträge per RSS abzurufen. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, weil ich so lange nichts von dir gelesen hatte und sah dann hier auf der Seite, dass du ja sehr wohl geschrieben hast. Entweder hat mein FeedReader Probleme (alle anderen Feeds können allerdings problemlos abgerufen werden) oder dein RSS hat Probleme :-(.

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    1. ok…ok.. ich denk es nicht… ;-)

      mit dem rss tut mir leid. im moment schreibe ich zwar wirklich wenig (weil mir die zeit zum lesen fehlt, wird sich aber auch wieder ändern…), aber der feed sollte schon klappen. natürlich habe ich keine ahnung, woran es liegt…. ich hoffe, du findest trotzdem ab und an den weg in meinen blog…

      liebe grüße
      fs

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  4. Von dem Buch habe ich bisher nur am Rande etwas mitbekommen. Im Winter habe ich bei einem Gewinnspiel dazu mitgemacht, weil es sich interessant anhörte. Danach geriet es wieder in Vergessenheit und nun hast du erneut meine Neugier geweckt. Vielen Dank für deine Meinung, die Thematik interessiert mich sehr und ich werde das Buch nun auf meine Wunschliste setzen.
    Liebe Grüße!

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  5. „Frauenbuch“? Wohl irgendwie nicht recht, wenn du es konsumieren konntest. Oder du „denkst“ zu weiblich? Ach diese ganzen Gender-Geschichten…

    Ich lese gerade auch an einem Dritte-Reich-Buch. Mich reizt die Thematik ehrlich gesagt nicht so sehr. Wenn mir jetzt jemand das Buch auf den Nachttisch legen würde, ich würde sicher reinlesen, aber Dritte-Reichs Geschichten habe ich so viele gelesen und gehört. Vielleicht in ein paar Jahren wieder…

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    1. Frauenbuch, Männerbuch… Kategorien, die schnell vergeben werden. Andererseits spricht die Tatsache, daß ich (also ein Mann) so ein Buch lesen kann (und vllt sogar verstehen) nicht dagegen, daß es ein „Frauenbuch“ ist…

      Das 3. Reich, ich kenn das Gefühl auch, ach hört doch endlich mal damit auf… andererseits, soweit ist es noch garnicht weg. Meine Eltern waren noch mitten drin, tragen die Wunden und den Schrecken noch mit sich herum, jetzt im Alter brechen die Narben auf den Seelen wieder auf und vieles, was über Jahrzehnte beherrscht im Inneren verborgen war, tritt wieder zu Tage. Im Spiegel (Heft 15) gab es gerade einen Bericht darüber, ich kenn es auch aus eigener familiärer Erfahrung.

      Auch die spätere Elterngeneration ist noch durch das 3. Reich geprägt, weil deren Eltern noch tief in den Erziehungsmethoden, den Ansichten und oftmals auch den geistigen Welten (irgendjemand muss Adolf ja gewählt und später im Sportpalast den totalen Krieg verlangt haben…) verstrickt waren und dies entsprechend weitergegeben wurde. Vllt war dies das wahre Verdienst der 68er, diese unselige Kette endlich durchbrochen, sie zumindest mürbe gemacht zu haben.

      Aber du schreibst ja selbst, daß du schon so viele Geschichten aus dem 3. Reich gelesen hast. Manchmal braucht man in der Tat eine Pause….

      lg
      fs

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      1. Gibt es den Spiegel-Beitrag eventuell online oder hast du ihn evt. eingescannt?
        Ich beobachte genau das nämlich verstärkt bei meinen Eltern, mein Vater spricht auf einmal über den Krieg, was er nie gern getan hat und es beschäftigt ihn sehr. Das mit den aufgebrochenen Narben ist ein sehr schöner und treffender Vergleich.

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        1. Ich geh davon aus, daß das Heft nächste Woche freigeschaltet wird. Der Spiegel hat immer nur die beiden letzten Hefte kostenpflichtig im online-Angebot: http://www.spiegel.de/spiegel/print/

          Ich seh es an meinem Vater auch deutlich, ich möchte nicht wissen, wie oft ich mittlerweile einzelne Geschichten zu hören bekommen habe… aber es ist wichtig, daß er erzählt und daß jemand zuhört, nachfragt und „interesse“ hat, wenn nötig eben auch immer wieder. Es ist wie das Reinigen einer Glasscheibe, die mit Öl verschmiert ist, die wird auch beim ersten Mal drüberwische nicht sauber….
          … und dann überlegt man sich, wieviele verletzte Menschen aus den vielen, vielen Kriegen, die es gab, die es gibt (und die es immer wieder geben wird) hervorgehen werden… vergewaltigte Frauen, Waisenkinder, verstümmelte Männer, Mordende (auch die werden von ihrer Vergangenheit oft verfolgt…)… man möchte nicht dran denken…

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