Umberto Eco: Die Bibliothek

29. März 2011

Der Text entstand als Festvortrag zum fünfundzwanzigsten Jubiläum der Mailänder Stadtbibliothek im Palazzo Sormani am 10. Mai 1981.

Eco beginnt seinen Text mit einem Zitat aus Borges bekannter Bibliothek von Babel [1] in – wie er sich ausdrückt – liturgischer Absicht, zur Einstimmung des Geistes.

Diese Bibliothek ist aufgebaut aus einer unendlichen Anzahl in alle Richtungen ineinander übergehender sechseckiger Räume, von denen jeweils vier Wände mit Regalen bestückt sind, je Wand sind fünf Büchergestelle angebracht und jedes Gestell umfaßt zweiunddreißig Bücher von gleichem Format; jedes Buch besteht aus einhundertundzehn Seiten, jede Seite aus vierzig Zeilen, jede Zeile aus achtzig Buchstaben von schwarzer Farbe. Verwendet werden 25 Zeichen, 22 Buchstaben, Punkt, Komma und Abstand, die Bibliothek enthält keine Bücher identischen Inhalts. Diese sich quasie ins Unendliche erstreckende Bibliothek ist dem Universum gleich, da sie alle möglichen Kombinationen der Zeichen enthält, von denen fast alle für einen Lesern keinen Sinn ergäben. Nur sehr selten werden Bücher gefunden, die lesbare Zeichenketten zu enhalten scheinen, mit viel Mühe konnte so in einem der Bücher eine Zeichenkette entdeckt werden, die in einem samojedisch-litauischen Dialekt des Guarani mit einem Einschlag von klassischem Arabisch geschrieben war, anhand dieses Fundes konnte das Aufbauprinzip der Bibliothek abgeleitet werden. Diese Bibliothek mit ihrer riesigen, wenngleich im strengen mathematischen Sinn nicht unendlichen Anzahl von Büchern enthält alle Texte, die je geschrieben wurden, alle Texte, die überhaupt [2] je geschrieben werden können.

Eine derart aufgebaute Bibliothek enthält das gesamte Wissen der Welt und nicht nur das, sie enthielte das gesamte Wissbare der Welt. Es gäbe kein Wissen, daß nicht in ihr niedergeschrieben wäre, denn alles Denkbare wird in einer Sprache gedacht und Sprache ist schreibbar. Jedes denkbare Problem ist in dieser Bibliothek beschrieben, so wie jede Lösung eines Problems, die gesucht wird… allein… wie findet man diese Information? [3][4][5]

… und damit finde ich auch wieder die Überleitung zum Eco´schen Text, denn dieser Punkt, die möglichst perfekt organisierte Nichtauffindbarkeit von Bücher gehört zu seinem Idealmodell einer (fiktiven) Negativbibliothek, einer Bibliothek also, die den Sinn und Zweck, Bücher zu sammeln, zu katalogisieren und dem Leser für seine Zwecke zur Verfügung zu stellen, auf´s trefflichste nicht erfüllt. Anhand dieser Kriterien, insgesamt sind es 19, die Eco aufführt, wird sofort deutlich, was Eco von einer Bibliothek erwartet, was er von ihr fordert, nämlich auch um den Preis möglichen Missbrauchs die maximale Zugänglichkeit nicht nur zu Katalogen, sondern auch zu den Büchern (ohne stöbern in Regalen sind keine Zufallsfunde möglich, hätte ich in meiner eigenen Bücherwand auch dieses schmale Heftchen nicht gefunden, schließlich suchte ich etwas völlig anderes…), eine sinnvolle Katalogisierung der Werke, die vor allem auch Querverweise von einzelnen Stichworten in andere Sachgebiete ermöglicht etc pp.

Der Missbrauch solcher Freiheiten: nun ja, es wird geklaut werden, das ist eben so und sollte nach Eco eben in Kauf genommen werden. Das ist der Preis, den eine Bibliothek für ihre Zugänglichkeit, die allemal höher einzuschätzen ist, zu zahlen hat. Es wird kopiert werden auf Teufel komm raus mit Rückwirkungen auch auf die Verlagskultur an sich, deren Auflagen von Büchern dadurch sinken wird mit der Folge, daß wiederum die Preise der Bücher steigen werden…. etc pp.

Eco schrieb seinen Text ja lange bevor das Internet mit seinen Möglichkeiten über die Welt hereinbrach und die von ihm befürchtete bzw. prognostizierte Xerozivilisation, die alles kopierbare kopiert, ins fast unendliche potenziert. Copy (and paste) sind heute selbstverständlich geworden (aber nicht unbedingt legaler oder legitimer), beeinflussen indirekt sogar die große Politik, der gutte Herr von und zu kann es bestätigen…. Angesichts der heutigen technischen Möglichkeiten erscheinen einem die Ratschläge Ecos, sich mit einem Berg von Münzen an den Kopierer zu stellen und zu kopieren, was das Zeug hält (Eco ist keineswegs ein Verteidiger des Urheberschutzes…) wie ein Rückblick in eine vergangene Zeit, ein mechanisches Weltalter….

Sind google (oder bing oder… oder…) die Kataloge einer Universalbibliothek, ist google.books gar der Anfang einer solchen Bibliothek mit der Aussicht auf freien Zugang für nahezu jeden? Es ist jedenfalls keine Bibliothek im Borges´schen Sinn, aber eine, die in ihrem definierten Ziel das schon geschriebene, also eine kleine, klitzekleine Teilmenge, erfasst und bereitstellt….

Eco fordert, daß die reale Bibliothek eine dem Menschen gerechte sein soll, eine Bibliothek, in der der Leser Bücher in die Hand nehmen kann und sie lesen kann, vor Ort, in der Cafeteria, wo immer er will. Eine große Bibliothek soll Lust spenden, sie soll sich langsam in eine „Freizeitmaschine“ verwandeln, sie soll zentral gelegen, für jedermann zugänglich sein unabhängig von irgendeinem vermeintlichen Kriterium. Eine Bibliothek soll ein Ort sein, um sich wohlzufühlen und so ihr das gelingt, wird sie damit jedes elektronische Gedächtnis überragen.


[1] Jorge Luis Borges: Die Bibliothek von Babel
[2] ich denke, die Einschränkung auf „Texte“ anstatt „Bücher“ ist notwendig, da die Bücher der Bibliothek ja in ihrem Umfang festgelegt sind, es aber natürlich Bücher gibt (geben wird), die als Bücher kleiner sind (oder größer), so daß die Texte entweder von nichtsaussagenden Zeichenketten ergänzt werden oder sich auf mehrere Bücher (die nicht notwendigerweise nebeneinanderstehen) verteilen….
[3] ein Problem, das die Biologen/Mediziner, die versuchen, DNA zu analysieren und zu entziffern, sehr wohl kennen….
[4] Als ich diese Einleitung Ecos las und mir den Text von Borges heraussuchte, wurde ich unwillkürlich an viele Bibliotheken erinnert, die in diversen Romanen beschrieben werden. Sei es nun die große Bibliothek mit dem blinden Bibliothekar Jorge aus dem „Namen der Rose“, sei es der „Friedhof der vergessenen Bücher“ bei Zafon oder der „Brunnen der Manuskripte“, den Fforde geschaffen hat….. überall ist die Verwandtschaft mit der Bibliothek von Babel erkennbar…
[5] in etwas anderer Formulierung taucht diese Frage als eine Art Pseudoargument bei Anhängern des Kreationismus auf, die sagen, die Wahrscheinlichkeit, daß ein geordnetes Universum so wie unseres durch Zufall entstehen kann sei genauso groß wie die Wahrscheinlichkeit, daß ein Affe, den man an eine Schreibmaschine setzt, einen lesbaren Roman schreibt….

Umberto Eco
Die Bibliothek
übersetzt von Burkhart Kroeber
illustriert von Jules Chevrier
Hanser, 1987, brosch., 39 S.

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8 Responses to “Umberto Eco: Die Bibliothek”

  1. Cara Says:

    Ein toller und interessanter Text! Vielen Dank dafür!

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  2. Das kenne ich noch aus Uni-Tagen. Eine wunderbare Parteinahme für alle Bibliophilen und vor allem für den realen Leser, der die Reagle einer Biblitohek nicht nur bestaunen will, sondern das Papier zwischen den Fingern fühlen will.
    Von Initiativen, wie sie Google jüngst auf die Beine zu stellen versucht, halte ich einiges. Zwar fehlt der wirkliche Kontakt zum Buch, andererseits gibt es auch viele Menschen, die sonst vielleicht keinen Zugang zu Texten und damit Wissen hätten. Auch für Schüler und Studenten ist das – zusammen mit E-Books – sicher eine Alternative zum ewigen Bücherschleppen.

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    • flattersatz Says:

      (hmmm… ich habe keine ahnung, warum deine kommentare nicht automatisch freigeschaltet werden wie andere auch.. du bist doch keine unbekannte mehr hier??)

      beides, google und das gedruckte buch (die bibliothek) haben ihre berechtigung und ihre schwächen und stärken. ich persönlich tu mich z.b. unheimlich schwer, ein buch (von dem ich sonst nichts weiß) online zu bestellen. das bild im katalog sagt mir nichts, vermittelt mir nichts.. ich möchte aber garnicht wissen, wieviele bücher ich schon gekauft habe, die mir einfach gut gefallen haben, die gut in der hand lagen, wo der erste satz mich schon gefesselt hat… und selbst ich in meinem kleinen bücherregal finde immer wieder exemplare, die ich seit jahren nicht mehr in der hand hatte und die ich mir dann wieder gerne mal anschaue. das ist etwas, was im pc nicht geht (und was ja auch keiner behauptet).

      andererseits, ein bekannter von mir, ein freund und kenner des mittelalters mit seinem i-pad.. wenn der mir was zeigen will, macht er das ding an, srollt ein wenig in seiner bibliothek und hat immer alles parat zum thema, egal, ob wir im klostergarten stehen oder im weinberg…. auch das ist phantastisch!

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      • Das kann ich mir auch nicht erklären. Merkwürdig, aber ich denke es liegt an den Tücken der Technik?!

        Ich bin Partnerin eines Informatikers und eingefleischten Technikfreaks, bin so in Kontakt mit i-Phone und Konsorten und muss sagen: nach anfängiger Skepsis nutze ich das Gerät selbst sehr gerne. Die ständige Verfügbarkeit von Wissen, die Handlichkeit usw. sind phantastisch. Aber ein Pc, E-Book oder i-Phone fühlen sich nicht angenehm in der Hand an, verströmen keinen heimeligen Geruch, können – zumindest mich – nicht gefangen nehmen. Insofern gehe ich mit dir absolut konform.

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  3. ck Says:

    Abgesehen von der interessanten Lektüre Umberto Ecos (dessen Kommentare zu Kultur und Politik ich stets sehr schätze), danke ich dir für die schöne Einführung in Borges‘ Erzählung, die ich ohnehin schon seit geraumer Zeit lesen will. Aus einer literaturwissenschaftlichen Perspektive finde ich metafiktive Werke, die auf Textebene über literarische Strategien verhandeln, äußerst spannend. Italo Calvinos Wenn ein Reisender in einer Winternacht ist in dieser Hinsicht unglaublich bereichernd. Ich glaube, Borges‘ Werk geht in eine ähnliche Richtung.

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    • flattersatz Says:

      liebe ck, danke für deinen kommentar… du siehst den borges´schen text von der literaturwissenschaftlichen seite, da kann ich nicht viel zu sagen, aber den hinweis auf calvino habe ich mir notiert, danke dafür!

      was mich fasziniert, ist der begriff des „unendlichen“, der hier auftaucht und der so unfassbar ist und doch so wichtig. schon im punkt am ende eines satzes (oder dem auf dem „i“) steckt er über das verhältnis von umfang und durchmesser, das durch die zahl π mit ihren unendlich vielen dezimalstellen gekennzeichnet ist. und so unermesslich groß die zahl der bücher in babel auch sein mag, die nach der anweisung von borges dort zu archivieren sind, sie ist ebenso unermesslich klein gegen eine unendlich große zahl von büchern, denn letztlich ist die Menge der Bücher in Babel nur endlich und schon die verwendung eines 26. zeichens …. (oder gar sehr vieler, vllt sogar unendlich vieler zeichen…)… du siehst, man wird leicht schwindelig bei solchen gedanklichen exkursionen….

      … und ließe man bei der konstruktion einer solchen bibliothek nur die zeichen zu, die (wenn alle der unendlich vielen zeichen in ihrer reihenfolgen angeordnet sind) einer geraden ordinalzahl entsprächen (und deren gesamtmenge sicher (?) kleiner ist als die aller zeichen), käme man auch zu einer unendlich großen anzahl möglicher Bücher und nun stellt sich die frage, ist das eine „unendlich“ (gebildet aus allen zeichen) größer als das andere (gebildet nur aus einer teilmenge aller zeichen), sozusagen unendlicher….

      …. und wie man an der zahl π sieht, bräuchte man garkeine unendlich große anzahl von zeichen, um eine unendlich große zahl von büchern zu schreiben. denn – wenngleich auch meines wissens nach noch nicht streng mathematisch bewiesen – die unendlich vielendezimalziffern der zahl sind rein zufällig angeordnet, so daß man beliebige zeichenketten herausschneiden und in buchform binden könnte, um sie ins regal zu stellen. natürlich ist denkbar, daß rein zufällig zwei (oder auch mehrere) zeichenketten identisch seien, doch was macht es? es wäre dann eben eine unendlichkeit an büchern, die um eins (oder mehrere) kleiner wäre.. aber immer noch unendlich groß….

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  4. ck Says:

    Meine Güte, hast du komplexe Gedankengänge! Ich fürchte, ich habe nicht einmal die Hälfte verstanden von dem, was dir an Überlegungen und Fragen durch den Kopf schwirrt. Aber diese Komplexität scheint ja auch dem Gedankenspiel von Burges zugrunde zu liegen, und ich finde sie unheimlich anziehend, weshalb es mich immer mehr dazu drängt, selbst herauszufinden, welch Reichtümer der Text tatsächlich birgt.

    Noch eine Anmerkung: Ich finde es erstaunlich, wie sehr du in deinen Besprechungen immer auch vom Text losgelöste und sehr kluge Überlegungen zu Gesellschaft, Wissenschaft, Geschichte etc. anstellst. Dieses Vorgehen, über den Tellerrand – sprich: über literaturkritische Kriterien – hinauszusehen, bereichert deine Rezensionen ungemein.

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    • flattersatz Says:

      ach, weißt du, mittlerweile kommt mir das selbst etwas wirr vor… :-)

      und hab vielen, vielen dank für deine lieben worte über meine buchvorstellungen….. ich habe mich sehr darüber gefreut!

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