Elsa Osorio: Mein Name ist Luz

24. März 2011

Luz, die junge Frau aus Argentinien, landet mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn in Madrid. Dort ruft sie voll banger Erwartung Carlos Squirru an, dessen Namen sie aus ihrer Heimat mitgebracht hat. Sie kennen sich nicht, und doch ist Luz seit vielen Jahren auf der Suche nach ihm. Die beiden vereinbaren ein Treffen, auf dem Luz ihre Geschichte, die auch die von Carlos ist, erzählt.

Angefangen hat alles 1976. Im März diesen Jahres wurde Isabel Peron aus dem Präsidentenamt geputscht und die Regierung durch eine Militärjunta unter General Vidal gestellt (zur neueren Geschichte Argentiniens siehe zum Beispiel in der Wiki). Auch diese Junta machte keine Ausnahme, sondern agierte mit staatlichem Terror gegen jeden echten und angenommen Feind. Viele Tausende Menschen verschwanden in Gefängnissen, Lagern, wurden verschleppt, gefoltert, getötet. Und verschleppt man nun eine „ausreichend“ große Zahl von Frauen, so wird man immer Frauen darunter haben, die schwanger sind – wenn diese Schwangerschaft nicht sogar erst durch Vergewaltigung durch die Folterknechte hervorgerufen wurde.

Luz ist eins dieser Kinder, die von einer Verschleppten geboren wurde und die sich dann ein Militär unter den Nagel gerissen hat. Es war eine komplizierte Geschichte, denn eigentlich hatte sich einer der direkten, subalternen Folterknechte Lilianas Kind reserviert, für seine Geliebte Miriam, die nach einer missglückten Abtreibung kein Kind mehr bekommen konnte. Aber dieser an sich so einfache Plan von La Bestia, so der „Kampfname“ des Folterers, der Liliana – dies das einzig Gute an der Sache – des Kindes wegen weitgehend schützte und sie vor psychischer Folter bewahrte – ging schief, das Kind kam in eine andere Familie, zu der Tochter eines höherrangigen Militärs. Aufgrund verschiedener Umstände musste La Bestia Liliana und ihr Kind für einige Tage in der Wohnung, in der er mit Miriam wohnte, unterbringen. Obwohl strengstens untersagt, die beiden Frauen in diesen so absolut unterschiedlichen Lebenssituationen freunden sich an, Lilis wegen, des süßen, kleinen Mädchens, das beide abgöttisch lieben. Sie machen Pläne, wie Lili zu retten sei, sie riskieren viel, nein alles.. und es misslingt. Lili kommt, wie vorgesehen, in die Tochterfamilie des hochrangigen Militärs.

Der zweite Teil spielt einige Jahre später. Luz ist inzwischen 7 Jahre alt, das Militärregime wurde durch ein demokratisch gewähltes Parlament unter Präsident Alfonsin abgelöst. Langsam trauen sich Menschen, nach den vielen zu fragen, die nicht mehr da sind, die bei Nacht und Nebel geholt worden waren und von denen viele spurlos verschwanden. Auch das Gerücht, daß sich ausgewählte Familien Neugeborene von Verschleppten holten und als eigene Kinder aufziehen, geht um. Die Organisation der „Großmütter der Plaza de Mayo“ rüttelet mit öffentlichen Proteste die Menschen auf und organisiert die Suche nach Kindern, in dem sie z.B. eine Gendatenbank möglicher Verwandter aufbauen.

Auch in der Familie Itrube gärt es. Eduardo, der „Vater“ von Luz trifft eine Jugendfreundin wieder, in deren Familie Verschleppungen vorgekommen sind. Dadurch wird auch bei ihm die Erinnerung an die Herkunft von Luz wieder wach – und die Gewissensbisse, die er damals gehabt hat. Er liebt Luz, dieses geraubte Mädchen, aber er fängt trotzdem an, nach Spuren zu suchen, im erbitterten Streit mit seiner Frau, die von all dem nichts wahrhaben will, selbst nachdem sie in das Geheimnis von Luz eingeweiht worden ist. Schließlich trifft er auf Miriam, welche seinerzeit fliehen konnte und die jetzt, nach dem Ende der Repression ihr einst Liliana gegebenes Versprechen einlösen will. Aber noch hat Eduardos Schwiegervater viel Macht, sind klandestinen Strukturen der Sonderheinheiten des Militärs vorhanden.

1995 schließlich, im letzten Teil des Romans, ist Luz eine junge Frau, die noch zu Hause lebt, aber im steten Streit ist mit ihrer Mutter. Der geliebte Vater Eduardo ist tot, ebenso der Großvater. Luz liebt das Leben, das Singen, das Tanzen und beim Tanzen lernt sie den ein paar Jahre älteren Ramiro kennen, ja, nennen wir es Liebe auf den ersten Blick. Wie in so vielen argentinischen Familien hat es auch in seiner Verhaftungen gegeben, seinen Vater hat er als kleiner Junge verloren. Durch diesen engen Kontakt bekommt das diffuse Unwohlsein, die nicht erklärbare Unruhe in Luz ein Ziel, auf das sie hinstrebt: all das, was nicht zusammenpasst in ihrem Leben, was für sich genommen, nichts bedeutet, aber im Zusammenhang mit der Geschichte der letzten Jahre in Argentinien alles bedeuten könnte, aufzuklären: Wer bin ich, sind Mariana und Eduardo meine wirklichen Eltern, und wenn nicht, wer ist meine Mutter?

Ein nicht in diesem (2002 erstveröffentlichtem) Buch enthaltener vierter Teil könnte in diesen Tagen spielen. Manchmal, nein, oft, mahlen die Mühlen der Gerechtigkeit langsam, sehr langsam. Zu langsam für viele Opfer, als daß man ihnen Genugtuung oder Gerechtigkeit zugute kommen lassen könnte, es dauert zu lange, so daß viele Täter einer Strafe entkommen können. So auch in bei diesen Verbrechen des Kindesraubes, dem sich Osorio in ihrem Roman annahm.

Der Prozess gegen die ehemaligen Junta Videla und Bignone hat vor ein paar Tagen in Buenos Aires begonnen. Endlich.

Diese ihre Geschichte erzählt Luz ihrem Vater, sie hat ihr Ziel erreicht, sie weiß, wer sie ist und wo sie herkommt. Es ist eine lange Geschichte, unterbrochen von Einwürfen, Erläuterungen und auch von Fragen, die Carlos hat. Die Erzählperspektive wechselt oft zwischen Luz und der der Person, deren Rolle gerade beschrieben wird. Dadurch gewinnt die Geschichte an Leben und an Authentizität. Der erste Teil des Romans bis zur Flucht der beiden Frauen mit dem Kind ist dramatisch, die beiden anderen Teile wirken zum Teil etwas langatmig. Osorio legt sehr viel Wert darauf, die widersprüchlichen Gefühle, die Motivationen ihrer Personen darzulegen, die Zweifel auch und die Unschlüssigkeiten. Andererseits ist dies zwar ein Roman, aber trotzdem keine Fiktion. Osorio arbeitet ja reale Geschehnisse auf bei denen jahrelanges Schweigen durchbrochen werden musste, Ängste mussten überwunden, innere Verdrängungsprozesse aufgelöst werden. Dies braucht seine Zeit, es tauchen eben immer wieder ähnliche Gedankengänge auf, ähnliche Zweifel, die hindern, Ängste, die zurückschrecken lassen. Insofern ist die Langatmigkeit der Handlung auch ein äußeres Zeichen für die langwierige Aufarbeitung solcher Aufklärungsprozesse, wie sie nach dem Ende von Diktaturen in Gang kommen – sofern sie überhaupt in Gang kommen….

Osorio vermeidet ein stupides schwarz-weiß in ihrer Geschichte. Natürlich ist La Bestia eine Bestie und Alfonso ein Schreibtischtäter. Aber eben nicht nur, es sind auch ganz normale Menschen, die sich nach Liebe sehnen, nach Familie, nach Gefühlen…. Es ist eben genau das das Erschreckende: unter den „geeigneten“ Randbedingungen können ansonsten ganz normale Menschen ohne Gewissensbisse, in der festen Überzeugung, etwas Gutes zu tun, unmenschlich werden und dabei jedes Maß verlieren, zumindest in der 8-Stundenschicht ihres Dienstes. Zu Hause nehmen sie dann ihre Kinder wieder auf den Arm, drücken sie an sich und küssen sie zur Begrüßung…..

Eduardo und Carlos, die „beiden“ Väter…. während der falsche -spät aber immerhin – vieles, alles riskiert, um die Wahrheit, die er ihrer Gänze auch nicht kannte, aufzuklären, gab sich der echte mit der bloßen Auskunft zufrieden, seine geliebte Kameradin, die ein Kind von ihm erwartete, sei tot. Nie hat er dies angezweifelt und nach diesem Kind gesucht. Auch dies eine Wahrheit: viele der Opfer schwiegen, wollten nicht erinnert werden, hatten Angst, die ganze Wahrheit zu erfahren, wollten nur noch ihre Ruhe haben und einfach leben….. auch wenn es falsch ist, wer wollte dies verurteilen?

Facit: ein bewegendes Stück personalisierter Geschichte aus der jüngerern Vergangenheit Argentiniens.

Noch ein paar Anmerkungen zu diesem Thema:

Hier im Blog habe ich vor einiger Zeit das Buch: Verschwunden von Gustavo Germano und anderen vorgestellt, das sich auch den Vorgängen während der Juntazeit in Argentinien widmet

Daß Kinderraub in Diktaturen keine Ausnahme ist, zeigt dieser Bericht über
Spanien

zur facebook-Seite über dieses Buch

ein Kulturweltspiegel über den Kinderraub in Argentinien (2000) via youtube

Elsa Osorio
Mein Name ist Luz
übersetzt von Christiane Barckhausen-Canale
diverse Ausgaben als TB, Originalausgabe 2002, Barcelona

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2 Responses to “Elsa Osorio: Mein Name ist Luz”

  1. Vera Says:

    Hallo flattersatz,

    vielen Dank für die ausführliche Buchbesprechung und die viele Zusatzinforamtionen. Das ist ein Thema, was mich ganz besonders interessiert. Ähnlich und auch auf einer wahren Geschichte beruhend, hat Erich Hackl das Thema in seinem Roman „Sara und Simon“ verarbeitet. Vielleicht kennst Du das Buch ja sogar?? Auf jeden Fall auch empfehlenswert.

    Viele Grüße
    Bücherliebhaberin Vera

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    • flattersatz Says:

      hallo vera,

      hab lieben dank für deinen kommentar und deinen buchtipp. nein, das buch kenne ich nicht, der beschreibung nach scheint es aber sehr interessant zu sein. mal schauen….. ;-)

      liebe grüße
      fs

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