Arno Surminski: Jokehnen

11. März 2011

Ostpreußen, dieses Stückchen Erde am östlichen Rand der Ostsee, hat eine äußerst wechselvolle Geschichte. In „Jokehnen – Oder: Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland?“ erzählt Surminski den Teil der Historie, der verknüpft ist mit dem Aufstieg und dem Fall des Dritten Reiches. Er führt uns in die Provinz, in Landschaften, die dem Rhythmus der Natur folgen, in der die Nachrichten von den Menschen, die in Städten wohnen und die die große Politik bestimmen, immer erst ein wenig später eintreffen, möglicherweise auch garnicht, oder sie, wenn sie dann kommen, als für nicht so wichtig erachtet werden wie die tägliche Arbeit, die schon immer war und immer sein wird, sein muss, zum Überleben.

Am Todestag Hindenburgs, des Helden von Ostpreussen, am 2. August 1934 wird der kleine Hermann Steputat geboren, in Jokehnen, einem Dorf im hintersten Winkel. Sein Vater ist Bürgermeister des Ortes am Rande der Weltgeschichte, der oft vergessen wird. Die große Politik interessiert nur wenig, das „Adolfche“ wirds schon machen, der Handschlag mit Hindenburg hat ihn für die Menschen dort geadelt. Ansonsten… das Leben läuft seinen gewohnten Gang zwischen Aussaat und Ernte, zwischen Frühlung und Winter, zwischen Winter und Frühling. Die Kinder spielen am Dorfteich, jagen die Enten oder helfen bei der Ernte. Ab und an geht der Rohrstock um, wenn die Blagen mal wieder zu frech waren. Einzig der Major auf seinem Gut ist näher am Puls der Zeit, aber er ist an den Menschen vor Ort weniger interessiert, begegnet ihnen nur hoch zu Pferde, die natürliche Art, dem niederen Volk gegenüber zu treten (…oder – war das Volk jung und weiblich – auch gerne ´mal horizontal..). Die Feste werden gefeiert wie sie fallen, im „Krug“ wird gebechert und gezecht, auch dafür, daß Jokehnen nicht kinderlos bleibt, dafür wird gesorgt.

Der Krieg findet für die Jokehner nur am Volksempfänger statt, diesem neuen Wunderding, das die keifende Stimme der Hauptstädter in die Wohnstuben überträgt. Ja, man tritt in die Partei ein, es ist so üblich, die Uniform jedoch wird nur angezogen, wenn es sich nicht vermeiden läßt. Und der Samuel, einer der wenigen Juden im Gebiet, der konnte doch unmöglich gemeint sein, ein guter Jude, nein, der ist nicht gemeint. Wegen dem bischen Geschachere um die Preise, das gehört doch dazu. Doch der Samuel war gemeint, und als im Kreisstädtchen die Angst umging, die wenigen der Juden könnten eines natürlichen Todes sterben bevor man sie denn eingesammelt hätte, war auch sein letztes Stündchen gekommen. Aber sicher, so tröstete man sich im Ort, hat man ihn nur zum Arbeiten in ein Lager geschickt.

Am Volksempfänger wurden die Siege der Wehrmacht verfolgt, mit roten Fähnchen an der Weltkarte die eroberten Gebiete markiert. Im Westen so wie im Osten. Eines Tages war die Straße, die weiter nach Osten führte, befestigt worden, ab und zu gab es Manöver und dann kamen zur Freude der Kinder Soldaten, die nach Osten marschierten, obwohl kein Manöver war. Aber auch das ging ja erst einmal gut, Polen ein Klacks und die Arbeiter konnte man gut gebrauchen bei der Ernte und der Arbeit. Der junge Hermann war fasziniert vom Krieg, zusammen mit seinem Freund Peter kartätschten sie die Enten auf dem Dorfteich zusammen, schossen die Frösche ab und die Spatzen, sorgten für Verwüstungen unter den heimischen Kreaturen. Sie fielen zu Dutzenden….

Dann tauchten Meldungen auf von Verdunkelungen im Reich (nein, er nannte sich danach nicht Meier), später dann sogar Einquartierungen aus Berlin, Meldungen trafen ein, dieser und jener sei gefallen und die Fähnchen an der Wand mussten treu und brav die Frontbegradigungen mitmachen. Aber noch immer war der naive Glauben an das Adolfche, der es doch bis jetzt immer geschafft hatte, ungebrochen…. im Winter 44/45 wird alles gesammelt, was nicht niet- und nagelfest ist für die Männer an der Front und im Wolfsmonat ist Geschützlärm zu hören, Nähmaschinen tauchen unbehelligt am Himmel auf. Steputat bleibt, treu und als Bürgermeister seine Pflicht erfüllend, nach Westen zu ziehen ist schließlich verboten. So ist er mit seinen Jokehnern einer der letzten, die sich mit Habseligkeiten bepackt, abmachen. Schlimme Verhältnisse sind das, schlimme… und sie sind langsamer als die Russen, die überholen sie einfach, nehmen sich von den Frauen, was sich Sieger immer von den Frauen nehmen und lassen dafür ihre Läuse zurück, nehmen die Männer und schicken sie nach Osten, und irgendwann schicken sie die Frauen hinterher….. So verliert Hermann, der sich nach Jokehnen zurückschlägt, um dort auf sie zu warten, schließlich seine Eltern…

Es gibt keine Gesetze mehr in Jokehnen, in Ostpreussen. Der Krieg ist über den Landstrich hinweggezogen, jetzt ist das Land erst einmal ausserhalb der Welt, abgeschnitten von allen Informationen, von allen Menschen. Es gibt fast nichts zu essen, die Häuser sind verwüstet und zerstört.. eine freie, wilde, arme Zeit für die Menschen. Erste Polen tauchen auf, genauso armselig und mit ihnen die Steinzeit…. 2 Stunden Zeit zu packen, dann fährt der Transport. So kommt Hermann, der eigentlich bleiben will, weil seine Eltern doch kommen werden, doch noch nach Westen, viele sind es nicht, die es schaffen……

Es ist ein gemächlicher Roman, den Surminski über seine alte Heimat schreibt, eine Geschichte, die sich Zeit nimmt für die Menschen in ihrer Eigenart, ihrer Naivität, ihrer Gutmütig- und Gutgläubigkeit und die schließlich vom Krieg, der für sie immer ein Krieg war, den man in der Hauptsache vom Hörensagen mitbekam, eingeholt und ihres Lebens beraubt wurden – wörtlich oder auch im nur übertragen Sinne. Es gibt auch keine Schuldigen in seinem Roman, die Dinge passieren wie von einer höheren Warte aus in Gang gesetzt, so wie sie sich passieren, Naturereignissen gleich, denen man sich unterwerfen muss. Wem könnte man das zum Vorwurf machen in einer Gegend, in der seit Jahrhunderten das Wort derer, die „oben“ sind, Gesetz ist…..

Facit: eine Zeitreise zurück in eine Welt, die nicht mehr existiert. Oder, um die Frage zu beantworten: es ist eine weite Reise, eine sehr weite….

Der Roman wurde auch verfilmt, hier sind zwei Trailer bei youtube zu sehen, vom

Anfang und vom
Ende….

Arno Surminski
Jokehnen
Oder: Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland?
Besprechung nach: rororo ……

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