Philip Roth: Mein Leben als Sohn

Der Vater Philip Roths war – abgesehen von seinem fast blinden rechten Auge – mit 86 Jahren noch ein recht rüstiger Mann, als bei ihm unvermittelt eine halbseitige Gesichtslähmung auftrat. Nach einer ersten Fehldiagnose als Virusinfektion bringt eine eingehendere Untersuchung das Ergebnis, daß ein Tumor im Kopf wächst und anfängt, Nerven zu schädigen.

Herman Roth lebt allein in seiner Wohnung, nachdem seine Frau einige Jahre vorher gestorben war. Die Roths stammen aus Europa und sind von dort Anfang des 20. Jhdts nach Amerika eingewandert. Herman R. machte in einer Versichung eine vorzeigbare Karriere, die ihm einen auskömmlichen Ruhestand sicherte, diesen Aufstieg erkämpfte er sich durch seinen Willen, seine Durchhaltekraft und seine Selbstdisziplin, mit denen er seine Handicaps wie eine einfache Bildung und seine jüdische Abstammung ausglich.

Das Zusammenleben mit Herman R. muss schwierig gewesen sein. Er bezeichnete sich selbst als „Kümmerer“, als ein Mensch, der nicht zögert, anderern, wenn diese etwas machen, was er für falsch oder ungünstig hielt oder was er einfach anders machen würde, dies auch mitzuteilen. Dies führte sogar dazu, daß seine Frau in hohem Alter nach seiner Pensionierung, als er ihr dann endlich zeigen konnte, wie ein Haushalt geführt wird, noch an Trennung dachte. Eine Tatsache übrigens, die er nach dem Tod der Frau offenbar vollständig verdrängt hat.

Die vielen Verlustsituationen, in denen Herman R. nach dem Ausbrechen seiner Erkrankung stand (den noch nicht beendeten Trauerprozess um den Verlust seiner Frau, das Einbüßen der körperlichen Leistungsfähigkeit, der Selbstständigkeit, die wachsende Notwendigkeit, Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen, die vermehrt auftretenden „peinlichen“ Situationen aufgrund der körperlichen Einschränkungen) riefen in ihm zusätzlich ein permanentes Gefühl der Unzufriedenheit und Einsamkeit hervor und machten es nicht einfacher für Philip Roth, der sich in dieser Zeit sehr um seinen Vater kümmerte.

Dies ist in etwa die Ausgangssituation, in der die Beschreibung der letzten Lebensjahre des Vaters von Philip Roth einsetzt. Es ist eine unaufgeregte, sehr reflektierende, von Achtung und auch Liebe für seinen Vater geprägte Geschichte, die er erzählt. Es ist eine Geschichte der großen Entscheidungen: wie soll man mit der Erkrankung umgehen, soll operiert werden oder nicht, kann man das einem so alten Menschen zumuten? Ärzte werden befragt, natürlich. Zwei Ärzte, zwei differierende Meinungen …. wenn, dann wäre es eine schwierige Operation mit einer langwierigen, beschwerlichen Rehabilitationsphase und erheblichen Risiken. Wer kann sich um den Vater kümmern, wie versorgt man ihn, der nicht mehr für sich selbst sorgen kann? Fragen, vor denen jedes „Kind“ steht, eines Tages stehen kann, wenn…. und die schwierigste aller Fragen hebt sich das Leben bis zum Ende auf….

Herman Roth weilt oft in seiner Vergangenheit. Er erinnert sich genau an das, was damals war, an Personen, Vorkommnisse, Verwandschaftsverhältnisse, er weiß noch, wie die jetzt verfallenen Viertel, durch die sie auf ihren Fahrten zu den Ärzten und Hospitälern kommen, damals aussahen, als sie noch jüdisch dominiert waren, weiß noch, wo welches Geschäft stand und wer es betrieb…. es ist eine kleine Exkursion in das jüdische Leben im der ersten Hälfte des 20. Jhdts im urbanen Bereich NYs.

Der Sohn kümmert sich intensiv um seinen Vater, sein Beruf als Schriftsteller gibt ihm den nötigen zeitlichen Freiraum dazu. Sie kommen sich sehr nahe, es entsteht diese besondere Art von Intimität zwischen einen Pflegenden und einem, der gepflegt werden muss. Grenzen des privaten, die es ein Leben lang gegeben hat, verschwinden, wenn körperliche Hygiene nicht mehr selbstständig verwirklicht werden kann. Auch vor der Beschreibung solch drastischer Ereignisse macht Roth keinen Halt, sie gehören dazu und er versteht sie so zu schildern, daß man sie als das wahrnimmt, was sie sind: unabänderliche und zu beherrschende Begleitumstände des Älterwerdens, der Krankheit.

Das Verhältnis zwischen Sohn und Vater ist ein Leben lang von der Autorität des Vaters bestimmt. Noch jetzt, seinem siechen Vater gegenüber, fühlt sich Roth eher als Sohn denn als gleichberechtigter Partner. Es fällt ihm schwer, seinem Vater mit Bestimmtheit gegenüber zu treten, obwohl dieser darauf ohne Aufbrausen reagiert und den Vorschlägen seines Sohnes folgt. Die bangen Fragen bzglt der Patientenverfügung, die sich der Sohn stellte, alle unnötig: die lakonische Reaktion des Vaters nach dem Vorlesen der Verfügung: Ok, machen wir. Offensichtlich hat sich Philip Roth nie wirklich lösen können, selbst dann nicht, nachdem er seinen Vater in den Tod losgelassen hat.„Der Traum sagt mit, daß ich … ewig als sein kleiner Sohn leben würde…“ und er sieht seinen Vater als „..den Vater, der zu Gericht sitzt über alles, was ich tue.

Facit: Das Büchlein ist eine intensive Auseinandersetzung des Sohnes mit seinem Verhältnis zum Vater, es ist eine berührende Krankengeschichte auch über Versuch, das „Richtige“, zumindest aber das „Angemessene“ am Ende des Lebens zu tun.

Philip Roth
Mein Leben als Sohn
Eine wahre Geschichte
übersetzt von Jörg Trobitius
dtv, 1995, 224 S.

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5 Kommentare zu „Philip Roth: Mein Leben als Sohn

  1. Ich finde, „Mein Leben als Sohn“ ist eine hervorragende Auseinandersetzung mit dem Thema Alter. Roth hat auch später noch einige sehr gelungene („Sabbath´s Theatre“) und einige sehr mißlungene Bücher („The Humbling“, „Everyman“) zu Alter und Verfall geschrieben. Eine Kritik zum letzten Buch dieses Ausnahmeschriftstellers ist hier zu lesen: http://karinkoller.wordpress.com/2011/04/08/philip-roth-nemesis/

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  2. Die Geschichte – die zentralen Themen, Gedanken und Stimmungen – erinnern mich doch sehr an Arno Geigers „Der alte König in seinem Exil“, das derzeit von den Feuilletons so hoch gelobt wird, und auch deine Besprechung ist den Rezensionen zu Geiger nicht unähnlich. Weder das Buch von Roth noch das von Geiger habe ich gelesen, doch merke ich nun – dank deiner Besprechung zu dem einen und dank der Medienaufkermsamkeit gegenüber dem anderen -, dass mich die Thematik sehr interessiert.

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    1. zufälle? das buch von geiger (das bei mir auf der liste „haben-will“ steht) ist mir heute schon einmal genannt worden, aber aus einer ganz anderen ecke, nämlich von seiten der krankheit (Demenz) her. also ändere ich „will“ gegen „muss“…. da passt es gut, daß ich gleich an meiner buchhandlung vorbei komme…

      danke für dein lob, das mich sehr freut! interesse zu wecken ist – glaube ich – das beste, was man von einer buchvorstellung erwarten darf.

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  3. Wieder ein Buch, dass sich mit den Themen Tod, Alter und Verfall auseinandersetzt. Mir gefällt, dass du dich mit bestimmten Themen immer wieder auseinandersetzt und auf deiner Seite so mit der Zeit eine ansehnliche Sammlung von (literarischen) Positionsnahmen und Ausdeutungen derselben Grundfrage entsteht.Auch wenn mir persönlich diese Themen noch eher fremd sind, lese ich deine Rezensionen immer gern.

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