Sofie Laguna: Lichterloh

Ich weiß (leider) nicht mehr, wie ich auf dieses Buch gekommen bin, in irgendeinem Blog las ich davon und habe es mir gleich besorgt. Natürlich habe ich es auch angelesen, es hat mich sofort angesprochen und gepackt… und dann, nach ein paar Seiten konnte ich fast nicht mehr lesen, hat es mich zerrissen, es hat geschmerzt, daß ich fast schreien wollte. Die Messerworte gingen direkt durch mich hindurch in den großen Wassersack, der sich irgendwo hinter den Augen befindet…. die letzten Jahre habe ich einige Bücher gelesen, oberflächliche und intensive, bei denen ich lachen musste und auch weinen, aber so etwas wie bei diesem Buch, diesem Kapitel ist mir noch nie geschehen….

Hester, die kein Segen ist, wohnt mit ihren Eltern Sack und Stiefel in einem einsamen Haus am Ende einer Straße. Ab und zu, wenn Sack draußen Wäsche aufhängt, klettert sie auf das Sofa, schiebt die schweren Vorhänge beiseite und schaut hinaus ins Freie, das verboten ist. Eines Tages flüstert ihr Knauf zu: „Dreh mich!“ und Hester gehorcht und sie dreht Knauf und geht hinaus. Zum ersten Mal verläßt sie das Haus und geht ins Freie, dort, wo es keine Wände gibt und keine Zimmerdecken. Sie verläßt das Haus heimlich, denn sie darf dies nicht. Noch nie war sie draußen.

Hester ist ein junges Mädchen, das anders ist wie andere junge Mädchen. Sie kann nichts dafür, es ist nicht ihre Schuld, sie ist ihrem Eltern ausgeliefert, vor allem ihrer Mutter Sack. Sie darf nicht raus aus dem Haus, sie hat keine Freunde („Was sind Freunde?“), im Haus unterhält sie sich mit Knauf, Messer, Axt und Besen, diese Gegenstände sprechen mit ihr. Einzig eine Kinderbibel ist ihr gestattet und die Bilder in dieser Bibel füttern ihre Phantasie, sie denkt in den Bibelbildern, die sie sieht und die sie im Haus ihrer religiös entarteten Eltern hört.

Wenn Hester das mit Öl getränkte Brot, das es zum Essen gibt, nicht hinunterschlucken kann, weil es einfach nicht geht, dann greift ihr die Mutter in den Mund und schiebt den öligen Brei hinunter durch den Schlund in die Tiefe ihres Bauches. Wenn beim Beten mit ihrer Mutter Hester einfach die Worte nicht mehr aus dem Mund kommen, dann geht Sack mir ihr oder besser schleift sie in den Keller. Dort muss Stiefel sie auf den Tisch heben. Und an der Decke dieses Raums eine Stange aufgehängt, waagerecht und mit Schnüren und Knoten. Und Hester muss die Arme waagerecht halten und Sack bindet die Arme mit den Schnüren an die Stange und dann zieht Stiefel den Tisch weg. Und wenn Hester die Augen öffnet sieht sie an den Wänden die Bilder mit Menschen die aufgehängt sind die von Pferden zerrissen werden die auf Räder geschnallt sind sie sieht die Obstkörbe auf dem Boden stehen und die Menschenköpfe darin und sie sieht dies alles bevor endlich der Gottvogel kommt und sie unter seine Schwingen birgt und mit ihr davon fliegt. Und Gottvogel muss oft kommen in diesem Haus, in dem Hester wohnt mit Sack und Stiefel.

Das Sozialamt setzt den Schulbesuch von Hester durch. Hester kennt nichts und kann nichts, sie kann nicht schreiben, sie kann nicht lesen oder rechnen. „A wie Apfel“ sagt die Lehrerin, „A wie Arsch“ flüstert ihr Mary, ihre Sitznachbarin zu, auch so eine Ausgestoßene mit ihrer Hasenscharte. Mary wird zur ersten Freundin im Leben Hesters, zum ersten Mal lachen, spielen, laufen, die Schlange aus Wasser besuchen und berühren… Sie darf malen in der Schule und sie malt und malt und nimmt die Bilder mit nach Hause und versteckt sie dort aber Sack entdeckt sie eines Tages und ist zornig und wütend und Flammen schlagen aus ihren Augen und sie nimmt die Bilder und wirft sie in das rotflammende Loch und dort verwandeln sie sich in schwarze Vögel die durch den Kamin davonfliegen und dann zerrt die Mutter Hester in den Hängeraum und sperrt sie dort ein bis Stiefel von der Arbeit kommt und Stiefel muss sie auf den Tisch heben … dann wacht Hester in ihrem Bett wieder auf und kann sich nicht bewegen, muss tagelang gefüttert werden und ist zerbrochen.

Es sind Stellen wie diese, deren Intensität ich nur ganz dilletantisch andeuten kann, die mich gestern immer wieder dazu brachten, das Buch weg zu legen. Und wieder zu holen. Und wieder weg zu legen. Das ist zu stark für dich, dachte ich mir, das willst du nicht lesen, das quält zu sehr… Und doch…

Ich will eine längere Passage zitieren, um diese wunderbar intensive Sprache Lagunas zu zeigen, dieses Spielen mit Bildern, ihre Fähigkeit, Gefühle und Gedanken eines Menschen nachzubilden, der keine Worte hat, weil sie ihm nie gelehrt worden sind. Es sind einige Jahre vergangen. Hester ist mittlerweile in einer Anstalt eingesperrt hinter einer Tür, die oben ein viereckiges Loch hat, vor dem senkrechte Stäbe sind:

Ich lag auf meinem Bett, erst mit offenen Augen, die an der Decke nach Rissen wie Flügeln suchten, dann mit geschlossenen. Ich malte Stiefels Baum, wie er meine Arme und Finger entlangwuchs, bis er duch mich hindurchbrach und mich umriss. Ich malte Türknauf und Löffel. Sie redeten mit mir, zum ersten Mal, seit Sack meine Bilder in Vögel verwandelt hatte und sie zum Schornstein hinausgeflogen waren. Meine Freunde kitzelten mich in den Ohren. Es war alles nur Flüstern; Worte konnte ich keine verstehen. Ich malte den dünnen Stecken von Sacks Körper, wie er sich schiefbog und mehr nach einer Seite lehnte als nach der anderen. Ich malte die grauen Schattenpfade, die unter der Haut von Sacks Händen entlangliefen. Ich malte die rosa Spinne unter Sacks Auge und verwandelte sie in eine Fliege.

In dieser Anstalt lernt Hester Norma kennen, die vom Teufel geplagt ist. Aber Hester kann ihr helfen, Hester hat, vielleicht das einzige, was Sack ihr mitgegeben hat, die Gabe, den Teufel zu sehen und sie keine Angst vor ihm. So werden die beiden Frauen Freundinnen, durch eine Schnur verbunden, durch die sie sich Bilder schicken und durch die sie verbunden sind.

Einmal noch muss Hester zurück in ihr altes Haus, in den Hängeraum. Ihre Freunde besuchen sie, sie rufen „Komm zurück, du hast uns verlassen!“. Es ist ein vielstimmiges Konzert, daß ihre alten Freunde Baum, Knauf, Axt, Löffel und Besen anstimmen.. einmal muss Hester noch zurück in die Hölle….. sie muss muss muss ihre Freunde rufen sie und das „Warum“ wird sie spüren, wenn sie in diesem Haus ist. Mit Normas Hilfe gelingt es ihr tatsächlich, noch einmal in das alte Haus zu gelangen und im Haus spürt sie, warum sie da ist und es gelingt ihr ein Befreiungsschlag…..

Ich will jetzt nicht mehr zu Inhalt der Geschichte schreiben. Es ist eine grausame Geschichte, aber sie ist nicht an den Haaren herbeigezogen, es gibt andere fürchterliche Geschichten zuhauf, die real sind. Und auch Sack, die Mutter, die uns so grausam erscheint, ist nicht „das Böse“ schlechthin, auch sie ist, das wird an zwei, drei Stellen deutlich, ein zutiefst verletzter Mensch, dem einfach nie geholfen worden ist und der sich selbst nicht helfen kann. Auch sie kann einem, bei aller Schuld, die sie auf sich geladen hat, leid tun, auch sie ein gequälter Mensch…

ach ja, wer eine sehr schöne und intelligentere Buchbesprechung als meine etwas gefühlsduselige lesen will, sollte unbedingt hier klicken, denn deren Verfasserin, Lisa-Marie Dickreiter, hat selbst einen sehr schönen und tiefgründigen Roman: „Vom Atmen unter Wasser“ geschrieben, kann also als Fachfrau gelten….

Facit: ein schmales Büchlein, aber ein großes Seelenbild, das viel Kraft beim Lesen erfordert….

Sofie Laguna
Lichterloh
übersetzt von Sabine Roth
Fahrenheit Verlag, 2009, HC, 172 S.

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11 Kommentare zu „Sofie Laguna: Lichterloh

  1. gruselig passt nicht so richtig.. grausam ist es, und weh tut es, ganz sehr weh, auch wenn es für hester am ende doch noch eine wendung hin zum licht gibt, die – irgendwie – nicht so ganz stimmig ist…. das als kleine kritische anmerkung noch zum büchlein…

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  2. Dieses Buch macht mir Angst. Ich mag gerne Außenseitergeschichten, aber die hier, nun ja, irgendwie wage ich mich nicht heran. Ada Mitsou hat das Buch auch gelesen und sprach von einem kleinen Meisterwerk. Mal schauen, ich werde es auf jedem Fall im Auge behalten.

    Liebe Grüße zum Sonntag
    Klappentexterin

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    1. ja, du hast recht, das ist eine geschichte, die sehr weh tun, mir sehr weh getan hat. aber es ist auch ein kleines juwel, schau, wer kann das schon, ameisenspuren auf blätter verteilen, so, daß das herz blutet…. (um wie hester zu sprechen). danke für den tip mit ada, da muss ich gleich mal schauen!

      ich wünsch dir eine frühlingsahnende woche!
      fs

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    1. liebe synaesthetisch, das ist eine frage, die ich dir nicht beantworten kann… du hast ja gelesen, wie es mir ging beim lesen. mit den pausen, das funktioniert wahrscheinlich nicht, weil man einfach weiterlesen muss, eine solche szene, die einen so mitgenommen hat, kann man nicht einfach stehen lassen. aber das büchlein ist ja nicht sehr umfangreich und die autorin hat sich ja entschlossen, es in einer art happy end ausklingen zu lassen, insofern….

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