Elisa Albert: Das Buch Dahlia

„Das Buch Dahlia“ habe ich in diesem Blog schon einmal erwähnt, es fiel damals in die Kategorie „aus.sortiert“. Zu schrill, die Worte grob, gewöhnlich, auch die Sprache eher einfach gestrickt mit vielen Einschüben und eingeklammertem Text. Es gefiel mir einfach nicht und das Thema war für mich kaum interessant. Jetzt habe ich es aber in einem Wurmloch gefunden und da von der Betreiberin nicht in Bausch und Bogen verdammt, habe ich es mir auch noch einmal herausgesucht. Und ward durchaus angetan, auf gewisse Weise zumindest…

„Das Buch Dahlia“ ist dreierlei: eingebettet in die Krankengeschichte der Titelheldin wird die Geschichte einer Familie geschildert, die an der Trennung der Eltern zerbricht. Insbesondere konzentriert sich diese Darstellung auf die Entwicklung von Dahlia, die mit dieser traumatischen Erfahrung des Verlassenwerdens und des Zerbrechens der Familie nicht zurecht kommt. Sie ist noch ein kleines Mädchen zu dieser Zeit und baut eine enge Bindung zu ihrem älteren Bruder Danny auf, den sie vergöttert und anbetet, der ihr die Wärme, Nähe und Geborgenheit gibt, die der mit der Trennung von seiner Frau überforderte Vater ihr nicht geben kann. Dieser flüchtet sich in Arbeit und auch Alkohol (der ihn jedoch nicht aus der Bahn wirft), ist zwar auf seine Art immer für seine Tochter da, sprich: er sorgt dafür, daß ihr finanziellen Angelegenheiten immer in Ordnung sind, er ist auch für sie da, wenn sie Hilfe braucht, aber er wird für Dahlia nicht zum emotionalen Bezugspunkt. Natürlich gilt dies auch und erst recht für die Mutter, die sich zur Selbstfindung auf und davon gemacht hat. Zwar besteht weiterhin Kontakt mit ihr, aber von dieser Frau, die um sich selbst als Zentrum kreist, ist mehr nicht zu erwarten als substanzlose Sprechblasen.

Lange verschließt die zurückbleibende Restfamilie die Augen vor der Tatsache, daß die Ehe der Eltern zerbrochen ist, sie verdrängt dies einfach. Daß noch Kontakte bestehen zur Mutter bzw. Frau, trägt wahrscheinlich dazu bei. Aber irgendwann sickert diese bitter Erkenntnis doch durch in die Wahrnehmung der Zurückgebliebenen, aufgrund des Alters vllt am wenigsten noch bei Dahlia. Danny, der angebetete Bruder, reagiert am heftigsten, in dem er sich völlig von der Familie abschottet und abkapselt. Er, der schon als Kleinkind kaum Gefühle zeigte und ein „schwieriges“ Kind war, taute erst mit Dahlias Geburt auf, liebte das Baby und das Kind Dahlia, es wurde für ihn zum Mittelpunkt. Um so unverständlicher für Dahlia die brutale Art und Weise wie der pubertierende Bruder nun Abstand schafft, es sei hier nur soviel gesagt, daß dabei auch eine stark fäkal orientierte Komponente mit eingebracht wurde. Auf Dahlias Seite auch hier wieder Verdrängung pur: Über Jahre hinweg erniedrigt sie sich, biedert sie sich dem Bruder an, bettelt sie förmlich um einen Gunstbeweis und schluckt alle Demütigungen. Erst sehr spät kann sie sich von dem Bruder lösen und dann schlägt das Gefühl in Hass über, einen Hass, der der zerstörten Liebe zu ihm in der Intensität nicht nachgeht.

Dahlias Leben ist eine Gratwanderung zwischen Absturz und gerade noch so durchkommen. Bruce, der Vater, hilft finanziell, aber sie selbst findet keine Spur, in der sie ihr Leben laufen lassen will. Sie macht keine ernsthafte Ausbildung, als Schülerin schon spielt sie mit Rasierklingen an sich herum, Drogen sind ihr nicht unbekannt, es gibt auch eine Phase in ihrem Leben, in der sie sich Geld dafür geben läßt, daß Männer mit ihr schlafen dürfen. Was sie wirklich sucht, findet sie nicht: die Geborgenheit in einer Familie, die ihr unwiderbringlich verloren gegangen ist, mit der sie nach ein paar häßlichen Szenen gebrochen hat.

Ihr Leben konnte einfach als eine Folge von Ereignissen betrachtet werden,
über die sie nicht hinweggekommen war. Und nun war es vorbei.

Dies ist ein etwa der Zustand ihres Lebens nach knapp 30 Jahren, in das uns Albert am Beginn ihres Romans hinein schreibt. Dahlia sitzt in einem vom Vater finanzierten Häuschen auf ihrer Couch, kifft und verbringt den Tag mit Müßiggang. Die TK-Pizza ist im Ofen, der Tee gekocht und dann wacht sie im Krankenhaus wieder auf und sieht ihre Eltern am Bett stehen. Die Diagnose ist fatal: ein inoperabler Hirntumor im Schläfenlappen. Sie setzt eine Spirale der Verdrängung in Gang, vor allem bei den Eltern. Da die Ärzte viel im Konjunktiv reden und klare Aussagen vermeiden, umgeht besonders der Vater die Konfrontation mit der Wahrheit. Dahlia selbst ist sich über die Bedeutung der Diagnose schon klarer, bei ihr wird die Verdrängung, die „Warum“ und „Warum-ich“-Frage schnell von dem ihr immanenten Zorn und Hass abgelöst. Aber dieser Zorn blockiert sie auch. Zwar erkennt sie deutlich, daß sie trotz Chemo und Strahlen sterben wird, sie kommt jedoch nie in eine Art innerer Ruhe, in der sie ihrem Tod akzeptiert. Das Mantra ihrer Mutter, daß eine positive Einstellung die Krankheit besiegen kann, hängt ihr zum Hals raus. Ist sie etwa selber schuld an ihrem Krebs, weil sie nicht positiv denkt und lebt? Die Lebensbrüche, das eigene Unvermögen ihr Leben zu bewältigen, die Entzweiung von ihrem einst so geliebten Bruder, das alles hindert sie daran, inneren Frieden zu finden. Im Gegenteil lehnt sie sogar jede Aussöhnung oder Aussprache ab, um ihren Bruder über ihren Tod hinaus damit zu strafen.

Zwei Schritte vor, einer zurück. Pause. Jetzt nicht auf die Füße gucken. Aufwallen, verebben, wieder aufwallen, Pause; sie war nicht bereit.
Sie war nicht bereit. Sie war nicht bereit.

Dahli, die zornige, wütende, hassende Dahlia kotzt in der Rückschau auf ihr Leben ihre Gefühle aus, sie kotzt sie uns Lesern vor die Füße. Es sind Hasstiraden, Hass auf alle, die um sie herum sind, Hass auch auf sich selbst, es ist eine sinnlose Wut auf ihren Bruder, der sie verraten hat, auf ihre Mutter, die sie mit ihrer Aufforderung nervt, positiv zu denken, es ist Hass auf all die Menschen, dir ihr sagen, daß sie Hilfe braucht. Es ist eine stete Auseinandersetzung mit Gene und dessen Ratgeber, wie man mit einem Krebsleiden leben und umgehen kann, es ist ein frustrierendes Abwärts hin zu dem Tag, an dem alles enden wird.

Das Buch läßt mich als Leser etwas ratlos zurück. Die unterschwellig öfter angesprochene These, die Lebenseinstellung eines Menschen beeinflusse den Verlauf einer Krankheit wesentlich oder sei gar (so sie negativ ist wie bei Dahlia) ursächlich, teile ich nicht. Natürlich wird die Lebensqualität beeinflusst und indirekt mag damit auch u.U. auch eine Beeinflussung des Heilungs- oder Verlaufprozesses verbunden sein, aber mehr auch nicht. Auch das persönliche Schicksal von Dahlia, es ist nicht so selten, daß Ehen auseinanderbrechen, Eltern sich trennen. Was ist also verantwortlich dafür, daß Dahlia (nach äußeren Massstäben) an ihrem Leben gescheitert ist, wo es die große Mehrzahl der Kinder in ähnlicher Lage (mit Schwierigkeiten natürlich, aber immerhin) doch schafft, in der neuen Lebenssituation zurecht zu kommen? Ist Dahlia einfach so besonders angewiesen gewesen auf ein behütendes, harmonisches Elternhaus, daß ihr das Zerbrechen der eigenen Familie, der (lange Zeit nicht eingestandene) Verlust der Mutter die innere Stärke raubt? Ich weiß es nicht, jedenfalls ist Dahlia ihr ganzes kurzes Leben lang auf der Suche nach der Geborgenheit einer Ersatzfamilie und bewegt sich mental dabei in einer inneren Schleife aus Selbstmitleid und Hass.

Ihr letzter Wunsch wird Dahlia erfüllt. Ihre letzten Tage, in denen sich Gegenwart und Vergangenheit mischen, um dann ins Vergessen zu entschwinden, kann sie zu Hause verbringen.

Facit: ein nicht unbedingt als feinsinnig einzustufender Roman einer an Krebs erkrankten jungen Frau, deren Leben durch viele Verwerfungen geprägt wurde. Wie bringt es Mariki auf den Punkt: Life’s a bitch and then you die.

Nachtrag (24.02.2011): Die ersten zwei Kommentare zur Besprechung haben mich noch einmal in das Buch hineingebracht. Ich habe ja oben geschrieben, daß mich das Buch etwas ratlos zurückläßt… Warum, das ist die Frage. Wahrscheinlich, weil es verstörend ist, mit lieben Ansichten und Wünschen zusammenstößt, sich einen feuchten Kehrricht darum schert….

Fragt man Menschen, die sich schon mal mit dem Thema „Tod: wie will ich mal sterben“ auseinandergesetzt haben, so wird man Sachen hören, wie: in einem hellen Zimmer mit Blick nach draußen, ein Baum vor dem Fenster, vielleicht Musik, Verwandte und Bekannte sind da, die Haustiere eventuell, man hat sich ausgesprochen, ist mit inneren Frieden angefüllt und schläft seinem Ende entgegen, bzw, wenn man religiös ist, dem Übergang in die Ewigkeit. Und Dahlia zerbröselt diese romantische Vorstellung vom Tod, Sterben ist schwer, sterben häßlich, der Körper zerfällt und läuft aus, die Erinnerungen verlassen uns und was bleibt übrig? Ein sabberndes Bündel Hass. Diese Vorstellung macht uns Angst, in Vorstellung, in Unfrieden, angefüllt mit Hass, ungelösten Emotionen sterben zu müssen, verunsichert uns, stößt uns ab, raubt uns den Frieden, beunruhigt.

Elisa Albert
Dahlia
übersetzt von Miriam Mandelkow
dtv, 2009, 300 S.

4 Kommentare zu „Elisa Albert: Das Buch Dahlia

  1. Es ist wirklich ein sehr merkwürdiges Buch … und allein deshalb schon eine Erwähnung wert, denke ich, ob man es nun gut oder schlecht finden mag! Man fühlt sich richtig unwohl beim Lesen …

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  2. Dieses Buch wird für sicherlich viel Diskussionsstoff sorgen und den Leser aufwühlen. Das jedenfalls entnehme ich deiner konstruktiven Rezension. Das persönliche Schicksal von Dahlia finde ich sehr traurig. Mit diesem Problem hadern viele Kinder. Manche verkraften es besser als die Anderen, aber irgendwie wirkt die Person auf mich sehr unsympathisch und das, obwohl ich das Buch noch nicht gelesen habe. Diesen Zustand belasse ich so!

    Liebe Grüße, Tanja ;)

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    1. liebe tanja, danke für deinen kommentar. ja, du hast recht, sonderlich sympathisch ist dahlia nicht. vielleicht auch, weil sie uns angst macht… ich habe noch etwas zur besprechung nachgetragen, vllt gibt das auch eine antwort darauf…

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