Charles Bukowski: Hollywood

Chinaski ist älter geworden, ruhiger auch. Er ist mit Sarah verheiratet, die sich zum Ziel gesetzt hat, sein Leben zu verlängern.. also verzichtet er auf rotes Fleisch, auch die harten Drinks sind weniger geworden, statt dessen Wein und Bier… In seinem überschaubaren Kosmos aus Pferderennen, Trinken und Reden am Abend mit Sarah und danach mit einer Flasche Wein, den Kippen und der Schreibmaschine ins Dichterstübchen bricht eine Anfrage: Chinaski wird gefragt, ob er nicht ein Drehbuch schreiben will! Die dunkle Seite der Macht also, die Welt der Schönen, der Reichen, der schönen Reichen, des Glamours, des Scheins: Hollywood streckt seine verderbte Hand nach ihm aus.

Und der Dirty Old Man läßt sich verführen, ein wenig zumindest. Er sagt zu, die Dollars kann er ganz gut gebrauchen. Und mit den Dollars kommen all die Lasten, die Geld so mit sich bringt… ein Anlageberater berät ihn und – doch, ja… – der 320i gefällt ihm, auch wenn er jetzt nicht mehr durch´s Ghetto fahren kann, weil… na ja, ´n 320i eben… er lernt verrückte Typen kennen, Schauspieler, Produzenten, Regisseure, manche lernt er leiden, manche nicht. Am sympathischsten sind ihm immer noch die, die entweder wortkarg nach einem Wodka verlangen oder die bereit sind, alles zu geben für ihr Ziel, wie sein eigener Regisseur… herrlich die Schilderung der Verhandlungen zwischen Regisseur und Produzent, bei denen eine Black&Decker eine große Rolle spielt oder die Szenerie bei Jon und seinem Bruder und den Hühnern….

Die Entstehungsgeschichte des Films ist ein einziges Auf und Ab. Doch Hank läßt sich dadurch nicht stören, sein eigenes Leben geht weiter, er hängt an nichts, bleibt ausserhalb und hält Distanz, also kümmert es ihn auch nicht, wenn der Film wieder mal gestorben ist noch, daß er Tage später schon wieder reanimiert wurde. Einzig sein Regisseurs Jon tut ihm leid, der wie zwischen Mühlsteinen sitzt und sich doch nicht aufreiben läßt und dessen Hartnäckigkeit und Kompromisslosigkeit es zu verdanken ist, daß das Projekt schließlich doch umgesetzt wird.

Die Filmarbeiten sind für ihn eine kleine Zeitreise, eine gedankliche Rückkehr in die Zeit seiner Jugend, der Sauferei, der Frauen (besonders seiner Freundin Jane), dem Schreiben… die Schlägereien, die er mit Eddy ausficht und die er fast immer verliert und bei denen er aufpassen muss, daß ihn am nächsten Morgen die Müllabfuhr nicht einsammelt…. er erinnert sich an seine Kumpanen von damals, die mittlerweile alle tot sind, und auch er hat sich verändert, wie er sich leicht melancholisch eingestehen muss. Er ist milder geworden, hat mehr Abstand. Zwar kann er die Menschen immer noch nicht leiden und fühlt sich nicht wohl in ihrer Gegenwart, seine Frau Sarah reicht ihm völlig aus. Doch ist die (selbst)zerstörerische Wut aus ihm gewichen, fast wirkt es ein wenig altersweise, wie er sich und seine Umgebung betrachtet…. ein leichter, gutmütiger Humor ist zu spüren, ein wenig Selbstironie versprüht er, der auf einmal Teil der ganzen Scheisse ist, die er bisher verachtet hat. Und wenn schon, denn schon: zur Premiere des Films, der trotz aller Probleme dann doch fertig wird, will er mit einer Stretchlimo fahren, eine „Schlittenfahrt in die Hölle“, wie er zu Sarah sagt, bevor sie eine weitere Flasche Wein köpfen…..

Den Roman zu lesen ist ein Vergnügen, eine Achterbahnfahrt durch ein Biotop, in dem Bukowski zwar nicht heimisch geworden ist und dem er auch nicht verfällt. Aber diesen kurzen Abstecher hinein – ich habe nicht das Gefühl, daß er ihn bereut hat. Es muss ein wenig wie ein Zoobesuch für ihn gewesen sein mit Gratiswein allerorten, allerlei seltsame Charaktere, die er erleben und bestaunen konnte und hinter dem schönen Schein, der nach außen hin zu sehen war, waren die Typen dieser glamourösen Branche genauso kaputt wie alle anderen….

Den Film gibt es bei youtube zu sehen, hier ist der Link zum ersten Teil: Barfly. Von dort aus läßt sich leicht weiterfinden. M.R. gefällt mir übrigens als Bukowski überhaupt nicht, dieses glatte Gesicht verbinde ich einfach nicht mit Buk, das passt einfach nicht….

Facit: nachdem mir das Liebesleben nicht so gefallen hat, hat mich Bukowski mit diesem Roman wieder auf seine Seite gezogen.

p.s.: ich bin richtig glücklich, daß ich noch soviele „alte“ dtv-Bände habe mit den Umschlaggestaltungen von Piatti (wie das obige Cover zu Hollywood). Damals hatten die Büchlein noch Charakter, die jetzigen dtvs fallen dagegen doch stark ab, sind leider zur optischen Massenware geschrumpft…

Charles Bukowski
Hollywood
übersetzt von Carl Weissner

Ein Kommentar zu „Charles Bukowski: Hollywood

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