Antal Szerb: Reise im Mondlicht

„Reise im Mondlicht“, dem bleichen Herrscher der Nacht. Die Nacht, die Dunkelheit, das Reich der Schatten, auch der Tod kommt so oft in der Nacht, so wie Hypnos sein kleiner Bruder. Thanatos und Eros, Tod und Liebe, die Pole des Lebens. Sehnsucht nach Liebe und „le petite morts“, wo sie eine Verbindung eingeht mit dem Tod, eine kleine nur, eine kleine, ach so kurze Lösung von der Erdenschwere, eine Erlösung von aller Last. Wer hätte nicht die Sehnsucht danach, zumindest schon mal gehabt, nicht nach dem Sterben wie einer der den Tod aus Kummer sucht, sondern den Tod als Zustand der Loslösung, der Befreiung, der Leichtigkeit…. Hier, in diesem Roman des Ungarn Szerb ist es Mihály, der auf der Suche ist nach dem Geschwisterpaar Eva (Eros) und Támas (Thanatos), denen er sich in der Kindheit verschrieben hatte, um sie dann später zu verlieren. Aber der Reihe nach….

Mihály und Erzsi unternehmen ihre Hochzeitsreise nach Italien. In Venedig aber schon üben die Gässchen auf Mihály einen unwiderstehlichen Reiz aus, sie saugen ihn förmlich ein und wecken das in ihm, was er zu überwinden trachtet, die Träume der Kindheit werden wieder geweckt, ihre Gestalten nehmen wieder Kontur an. In gleichem Mass erkennt er, daß er mit Erzsi nicht viel gemein hat, nicht viel teilen kann, die Mosaiken in Ravenna schaut er sich alleine an, in Erinnerung an Eva, der Freundin längst vergangener Jugendtage. Und obwohl er es abstreitet, ist es klar, daß er diese Frau liebt und nicht seine, daß diese Frau über ihn herrscht, denn er ist immer schon das Opfer gewesen, der, der stirbt, gemordet wird, gemeuchelt, dahinsinkt von der Hand eines anderen in ihren Spielen in der Kindheit und Jugend. Eva und Támas, ihr Bruder, dominierten die Jugend von Mihály. Zusammen mit zwei anderen Jungens sonderten sie sich ab, spielten in riesigen Elternhaus der Geschwister, schufen sich eine irreale Welt aus eigenen Regeln, die der Todessehnsucht verschrieben war.

Mihály verliert seine Frau auf der Reise. Während eines Halts steigt er aus um sich zu erfrischen, sieht den abfahrenden Zug und springt auf – allein, es ist der falsche Zug, in die falsche Richtung. Ein Wink des Himmels? Wie auch immer, er nimmt das Schicksal an und fährt weiter, ohne seine Frau, durchquert Italien und seine poetischen Landschaften, läßt sich treiben wie ein Blatt im Wind. Die Sinnkrise hat ihn gepackt, er blickt auf 15 vergebliche Jahre zurück, in denen er versucht hat, sich anzupassen an bürgerliche Lebensweisen und die ihm zutiefst zuwider waren. Hier jedoch, in Italien, spricht alles zu ihm, jeder Baum, jedes Haus, jede Gasse… Und doch herrscht Unruhe in ihm, große Unruhe. Durch einen Zufall findet er einen weitbekannten Mönch und erkennt in ihm einen Jugendfreund aus lang vergangenen Tagen. Dieser rät ihm, nach Rom zu fahren, der Stadt der Städte. Dort würden seine Fragen eine Antwort finden.

Und so fährt er nach Rom und durchstreift die Stadt, zu der alle Wege führen und in der er nach Tagen Eva wieder findet. Eva muss ihm von Tamas erzählen, dem sie geholfen hat, denn dieser, genauso verzweifelt an der bürgerlichen Existenz wie Mihály, jedoch im Unterschied zu diesem kein Opfertyp, sondern ein Handelnder, hat sich befreit, hat sich seine von jeder Religiosität ungetrübten Todeswunsch erfüllt mit Hilfe der Schwester. O ja, dies will auch Mihály so halten und auch er bittet Eva, ihm zu helfen. Doch ausgerechnet in der von ihm festgelegten Todesnacht muss er ein Versprechen einlösen, daß ihn hindert, zu seinem eigenen Tod zu kommen….

Die normative Kraft des Faktischen… Mihály, das Opfer, wird von ihr eingefangen, es ist ihm nicht gelungen, sich zu befreien. Eva ist endgültig verloren für ihn, sie ist nach Indien abgereist. Er ergibt sich in das offensichtlich Notwendige, reist nach Ungarn zurück, willigt in die Trennung von Erzsi ein und arbeitet wieder in der der Familie gehörenden Fabrik. So kommt er wieder dort an, wo er seine Reise einst begonnen hat, nichts hat sich verändert für ihn: „Wieder würde er versuchen, was ihm 15 Jahre nicht gelungen war: sich anzupassen.

Szerbs Roman ist vieles, eine Reise durch Italien mit stimmungsvollen Bildern und melancholischen Szenen, eine Reise durch die Seelenlandschaften vor allem von Mihály, aber auch anderer, gespickt mit lesenswerten Passagen über die Todessehnsucht und das Verhältnis von Tod und Religion. Es ist eine Reise im Mondlicht, fahl, düster, bedrückend, vom Untergang, dem Verfall gekennzeichnet… die Geister, die vom hellen Sonnenlicht verscheucht werden, hier finden sie sich ein und quälen den Sinnsuchenden…. Mihály, um an den einleitenden Absatz anzuschließen, kann Eros nicht halten, die Liebe entgleitet ihm in unerreichbare Ferne und Thanatos.. es fehlt ihm der Mut, es ist nicht sein Weg, sein Weg ist der, Opfer zu sein, diesmal seiner eigenen Unentschlossenheit, seinem eigenen Unvermögen, sein Schicksal selbst zu gestalten.

Ich habe mich jetzt in meiner Buchvorstellung auf das Schicksal von Mihály beschränkt, natürlich durchlebt auch Erzsi ihr eigenes Schicksal, ihre eigenen Abenteuer. Andere Personen, die uns Szerb plastisch und meisterlich schildert und die einer Erwähnung wert wären, gibt es zuhauf.. sei es nun die Italienerin Vannina, der geheimnisvolle Perser, das Schlitzohr Janos, der fünfte im Bund der Jugendclique oder Zoltan, der Ex von Erzsi…. oder Waldheim, dem Szerb sehr interessante Ausführungen über den Tod in den Mund legt. Ervin, der zum Katholizismus konvertierte Jude, der als wundertätiger Mönch stirbt, auch er eine weitere Figur im Szerbschen Kosmos.

Facit: dem optimistischen Menschen mag das Buch langatmig und gedankenschwer erscheinen, der sich selber Suchende mag sich hier wiederfinden, zumindest in den Fragen und Themen.

Antal Szerb
Reise im Mondlicht
übersetzt von Christina Viragh
dtv, 260 S.

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10 Kommentare zu „Antal Szerb: Reise im Mondlicht

  1. Schöne Worte für einen – offenbar – wunderbar melancholischen Roman. Vor allem die Begegnungen mit italienischen Landschaften und Menschen wecken meine Neugier – ich lebe in diesem Land seit einigen Jahren, und es ist ja immer schön, Orte in einem Buch wiederzuerkennen und sie mit den Augen des Autors neu zu entdecken.

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    1. ja, in der tat, es ist ein melancholischer, geheimnissvoller roman mit mystischen elementen und gerade die italienische landschaft ist ein spiegel der seele des suchenden…. das wieder und neu entdecken, bzw das augenöffnen einer/für eine an sich bekannten landschaft, an der man sich vllt schon sattgesehen hat mit den augen eines fremden ist ein schöner moment… ich kenn das hier am mittelrhein auch. die burgen, das tal, die weinberge .. sie sind halt da. aber wenn man mit freunden hinfährt und merkt, wie diese daran gefallen finden, weckt dies in mir auch immer einen neuen kitzel, der mir sagt, ja: es ist schön, mach die augen auf und nimm es wahr!

      danke für deinen kommentar, ck!

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      1. Liebe synaesthetisch, der roman gehört sogar zu deinen Lieblingsbüchern?

        Bei eurem grenzenlosen Enthusiasmus für dieses Buch scheint es unmöglich, es NICHT zu lesen. Und schon befindet es sich auf meiner Wunschliste!

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  2. Hier bin ich zuerst an dem Cover hängen geblieben, aber auch deine Beschreibung des Buches beeindruckt mich. Es hört sich sehr vielversprechend an und ich werde es mir auf jeden Fall einmal genauer ansehen!

    lg. Cara

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