Georges Hyvernaud: Haut und Knochen

7. Februar 2011

„Wir haben den Grund der Dinge berührt.
Wir haben uns selbst bis auf den Grund erkannt.
Wir haben die anderen bis auf den Grund erkannt.“

Georges Hyvernaud sind keine Illusionen geblieben. Von 1940 bis 1945 war er in deutscher Kriegsgefangenschaft und lebte in einem Lager, in einer Welt ausserhalb der Welt, in einer Welt, in der die Bewohner nur noch Zahlen waren, die beim Appell addiert wurden und die richtige Summe zu geben hatten. Stumpfsinniges Antreten zerlumpter Gestalten auf dem Appellplatz, Fünferblocks, Addition des Wachmanns und nochmaliges Zählen. Stundenlang. 440 Schritt ist die Welt des Gefangenen groß, dann ist er auf seinem Rundgang wieder da, wo er angefangen hat. Eine Zahl auch der Gefangene, eine Nummer nur noch, keine Name mehr, keine Papiere mehr, auf denen er nachlesen kann, wer er mal war. Gezählt wurde auch im Nachbarlager, bis 300, dann war die Grube voll, die Gefangenen, die – kaum erahnbar woher sie die Kraft dazu nahmen – die Karren bis zur Grube schobenzogenzerrten, wurden in die knapp bemessene Grube befohlen, die Leichen zusammen zu treten, auf daß man die Grube schließen konnte. 300. Keine mehr, keine weniger.

Alles verliert an Bedeutung, nichts bleibt unterscheidbar. Dienstag, Mittwoch oder Donnerstag, es ist nicht mehr zu unterscheiden, Zeit läuft im Kreis, keine Handlung strukturiert sie. Gefangen in einem weißen, schleimigen Kontinuum, zur Untätigkeit verbannt. Der Gefangene ist immer in Gesellschaft, das ist ihm das Schrecklichste mehr noch als der Hunger. Tagsüber wie nachts, nie ist er allein, er wird Teil einer sich langweilenden, dem Wahn zuwendenen, ums Essen streitenden, ausscheidenden, streitenden Masse. Selbst die Latrine ist kein Ort, um sich wenigstens für Minuten zurückzuziehen, 16 Mann hocken dort in gemeinsamem Gestank und Geräusch, umflossen vom Urin der Pissenden, auf verschmutzten Brettern, um sich zu entleeren. Säcke voller Gedärme, die aufnehmen und ausscheiden, aufnehmen und ausscheiden. Das, was bleibt, wenn man alles genommen bekommt, aber noch soviel behält, das man am Leben bleibt und sich um die dünne Suppe, das harte, schimmelige Brot streiten kann. Aufnehmen und ausscheiden.

Der Krieg, das Lager, ist kein Ort des Heroismus, der wirkliche Krieg unterscheidet sich vom Krieg, von den Schlachten, die die Historiker beschreiben und erklären in Diagrammen, Pfeilen und Skizzen. Den Krieg des Soldaten beherrschen andere Sachen, dessen „Wahrheit heißt Hunger, Zwang, Angst, Scheiße.„. Er hat nichts zu tun mit den verklärenden Denkmalen früherer Kriege, dem Postkartenkitsch, den man auf den Plätzen der Städte findet. Der wirkliche Krieg, das sind die zerfetzten Leichen, die Verwesenden im Feld, das vergossene Blut, die Angstschreie…

Der Kriegsgefangene kehrt nach dem Krieg zurück, aber die alten Jacken und Hosen passen nicht mehr. Nicht nur, daß sie um den Leib schlottern, es ist ihm unmöglich, sein altes Leben wieder aufzunehmen. Er spielt das Spiel der Verwandten mit, aber er merkt, es ist nicht mehr seins. Er wird vereinnahmt als „unser Gefangener“, vereinnahmt von Menschen, die wohlgenährt und gutgekleidet vor ihm sitzen und mit ihm und seiner Erfahrung nichts gemein haben. Vor ihm, der gesehen, erfahren, gehört, gerochen hat, wie es aussieht, wenn ihnen die Kleidung, das Verhüllende, Schicht für Schicht abgezogen wird, bis nur noch der mit Gedärm gefüllte, am Leben hängende Leib übrig bleit.

Unerwünscht und wie ein fehlgeleitetes Poststück, auf das niemand wartet, hin und hergeschoben wird er auf den Ämtern. Misstrauen schlägt ihm entgegen, angewidert wird er angeschaut, wie er nackt vor dem Arzt stehen muss, um ihm zu versichern, daß er wirklich husten muss und krank ist. Eine Behandlung, die auf seine Würde fast so wenig Rücksicht nimmt, daß sie an das Lager erinnert.

Hyvernaud liefert mit diesem Roman eine schonungslose Abrechnung ab. Nichts bleibt übrig von irgend einer Art von Heldentum oder von edler Gesinnung, die zusammenschweißt und überleben läßt. All das sind Märchen, Mythen, erfunden, um das eigentlich Unerträgliche zumindest in der Erinnerung ertragbar zu machen. Das Lagerleben reißt jedem die Maske vom Gesicht, niemand bleibt der, der er vor dem Krieg, vor der Gefangenschaft war. Abgeschält wie die Häute von einer Zwiebel bleibt das Innerste übrig und wird freigelegt: Das ist die Wahrheit des Lagers, des Kriegs.

Hyvernaud schreibt seinen Bericht in einer sehr nüchternern Art und Weise, die nichtsdestotrotz eine verhaltene, große Wut spüren läßt. Die eine oder anderer Passage, vor allem gegen Ende des schmalen Büchleins, sind etwas langatmig geworden, aber so ist das, wenn die eigene, geschundene Seele sich entlasten will, manches muss einfach – und wenn es in anderen Worten ist – mehrfach gesagt werden, um es abzuladen.

Facit: ein schonungsloser, desillusionierender Blick zurück auf die (psychologische) Situation von Menschen in einem deutschen Kriegsgefangenenlager

P.s.: Wie bei jeder Selbstbezüglichkeit ist es auch hier: Hyvernaud „widerlegt“ sich selbst durch die Tatsache, daß zumindest er nicht nur ein gedärmgefüllter Sack ist, sondern er ein denkender, beobachtender, reflektierender Mensch bleibt. Sonst hätte dieser Roman so nicht entstehen können.

Georges Hyvernaud
Haut und Knochen
übersetzt von Julia Schoch
suhrkamp, 2010, 112 S
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2 Responses to “Georges Hyvernaud: Haut und Knochen”


  1. Das erinnert mich mit seiner Problematik des „Nicht-ins-Leben-zurückfindens“ an zweierlei: Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ und den Filmklassiker „The best years of our lives“
    http://www.imdb.com/title/tt0036868/

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    • flattersatz Says:

      Den Vergleich mit Borchert habe ich auch schon woanders gelesen, ich muss mal schauen, ich bilde mir ein, das buch irgendwo schon mal gesehen zu haben.. entweder bei mir oder bei einer Freundin… *grübel*

      Den Film kenn ich jetzt nicht…

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